Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 8 (1926)
- Issue
- Heft 2489 (27.1.1926)
- Date
- 1926-01-27
- Page
- Seite 3 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Ge. AM Wien, Mittivoch_t Sir Wtzndham Leedes über zionistische Krage«. (Htt SrsPrSch «ft dem eaMchen Staa'rmann. " . Einer unserer Mitarbeiter hatte Gelegenheit, in Mähr.-Ostrau ein Gespräch mit Sir , Wyndham Deedes zu führen, dem .ersten Chessekretär (Innenminister) der palästinensischen Zivilverwaltung unter Sir Herbert Samuel. Deedes führte sein palästinensisches Amt von 1920 bis 1923 mit großer Sachkenntnis, Unparteilichkeit und Gerechtigkeit, worauf er sich nach London zurückzog, um ausschließlich sozialer Arbeit in den Elendsvierteln des. East End zu leben. Er leistete, wie schon berichtet, der Einladung der Zentralkommimon des Keren Hajessod für die tschechoslowakische Republik Folge, an der zweiten Konferenz der tschechoslowakischen Keren-Hasessod-Zeichner teilzuneh- . men, dre am 24. d. in Mahr.«Ostrau stattfand und völlig «nter dem Eindruck seiner sympathische,! Persönlichkeit stand. Sir Wyndbam Deedes ist ein typischer Engländer, ein 48jähriger Mann, . schlank und sehnig, von großer Liebenswürdigkeit; und Bescheidenheit. Er betonte vor Eingang in das Gespräch, daß er Kvar drei Jahre lang an verantwortlicher Stelle in der Mandatsregierung gearbeitet habe, heute aber keine offizielle Mission habe und durchaus als Privatmann spreche, der in keiner Verbindung mit dem Colonial Office stehe. Unser Mitarbeiter fragte ihn vor allem nach seiner Ansicht über das arabische Problem. „Daß die Araber heute noch kernen unmittelbaren Anteil an der Landesregierung haben, ist nicht Schuld der Verwaltung. Diese hat ihnen vielmehr dreimal die Möglichkeit dazu geboten, in der Form des gewählten Staatsrates — wobei unter den gewählten Mitgliedern eine arabische Mehrheit statuiert war —, des ernannten Staatsrates in gleicher Zusammensetzung und der sogenannten Arab Agency. Dreimal wurden die Vorschläge abgelchnt und dieses arabische „Non possumus" hat zu der,heutigen rein offiziellen Form der Verwaltung geführt. Aber die arabische Agitation Hai wese n t l i ch. n a ch g e l a s s e n und die Verwaltung arbeitet reibungslos und zweckmäßig. Daß die Regierung auch in ihrer jetziges Form willens ist, die Araber zufriedenmstellen, beweisen drei wichtige Maßnahmen: Die Bewilligung voller.Autonomie der mohammedanischen religiösen Institutionen, i bie unter türkischer Verwaltung nicht bestand, die Verwendung fast des gesamten Unterrichtsbudyets für arabische Schulen inii> die Bestimmung, daß bei einem Besi'tzwechsel von Grund und Boden die bisherigen Bebauer durch Beschaffung anderen Bodens sichergestellt werden müssen. Dieser Schutz der Fellachen „ , hat sich vor allem in B? i s a n ausgewirkt, wo die Bauer,! kein formelles Rech! auf ihren Boden hatten, von der Regierung aber in die Lage versetzt wurden, ihn zu behalten und das Eigentumsrecht zu erwerben. Demgemäß bessert sich auch die Stimmung; das kürzlich der Mandatskommission überreichte Memorandum der Araber stellt auch keineswegs die Meinung der arabischen Gesamtheit dar, sondern nur die einer Partei. Die jüdisch-arabischen Beziehungen auf dem Lande und in der alltäglichen Wirklichkeit stellen sich sehr anders dar als in der Parteipolltik. Gewiß ist die politische Situation keineswegs schon geregelt und stabilisiert, aber ich bin überzeugt, daß die Araber mit der Zeit cinsehen werden, daß die Verwaltung gerecht ist, die jüdische Arbeit dem Lande nützt und ihnen selbst Vorteile bringt, und so besteht aller Grund, zu glauben, daß die Unzufriedenheit verschwinden wird. Darin bestärkt mich die Beobachtung, daß die Unruhen inShrien keinen Widerhall in Palästina gefunden haben, was sicherlich nicht der Fall wäre, wenn Palästina in Gärung wäre. Tie Landfrage ist von großer Bedeutung. Es gibt in Palästina große Bodenstrecken, die unbebaut sind und von den Arabern auch nicht bebaut werden könnten. Es fehlt ihnen sotoohl an der nötigen Geschicklichkeit als auch an dem erforderlichen Kapital. Diese Böden werden der jüdiscken Kolonisation gewidmet werden, zum großen Vorteil des Landes im allgemeinen. Eine Frage, die viel Kritik von arabischer Seite hervorgerufen hat, ist di« der Anstellung arabischer Beamter der Verwaltung. Wie überall, ist man bemüht, die Zahl der britischen Beamten auch in Palästina zu reduzieren und Einheimisch« anzustellen. Natürlich ist das aber in erster Linie eine technisch-administrative Frage. In Palästina naturalisierte Juden haben in dieser Beziehung völlig gleiche Rechte und Ansprüche wie alte Palästinenser. Aber von vornherein ist natürlich die Lag« der Araber eine günstigere als d'e der Juden: Sie kennen das Land und seine Eigentümlichkeiten, sind akklimatisiert, beherrschen die Sprache, sind mit den Menschen und Zuständen vertraut. Das alles fehlt natürlich dem Großteil der Juden. In der Frage des Erziehungsbudgets haben die Juden meiner Meinung nach tatsächlich berechtigten Anlaß zur Beschwerde. Sie haben Anspruch auf provortionellen Anteil an diesen Mitteln. Und ich habe den Eindruck, däß das auch die Mitglieder der Mandatskommission des. Völkerbundes eingesehen haben." Auf die Bemerkung, daß das Angebot auf Schafftrng einer Arab Agency Mißstimmung bei den Juden hervorgerufen habe, weil diese Vertretung der im Lande wohnenden Araber der Jewish Agency, der Vertretung aller Juden der Welt, gleichgestellt werden sollte, erwiderte Sir Wyndham Deedes: „Ich glaube, daß di« Juden die Bedeutung und di« Schwierigkeiten dieser Angelegenheit überschätzt haben. Es sollte keine gewählte, repräsentative Vertretung der Araber sein, ihre Aufgabe wäre die einer beratenden Körperschaft der lokalen Araber gewesen. Tie Jewish Agency wäre unverändert im Sinne des Mandates bestehen geblieben und jedenfalls bestand keine Absicht, die arabisch« Agency im Mandate zu verankern, überhaupt irgendwie an das Mandat zu rühren. Mein Eindruck und meine Folgerungen aus drei Jahren der Arbeit in Palästina führen mich zu der festen Ueberzeugung. daß der A u fb a u eines n a t i o n a l e n H e i m e 's für die Juden — woran man vordem noch zweifeln konnte — durch- 97. Jänner 1926 Seit« Viele KRANKHEITEN können Sie verhüten, wenn Sie £ LÖWEN; FRANZBRANNTWEIN « mit Menthol benützen. V Löwen-Franzbranntwein ist /• das idealste Mund; Zahn- und Haarwasser. X Achten Sio auf die Schutzmarkei 'j| In Originalflaschen übet all erhältlich. Gesetzt, geseh. Schutzmarke I Erzeoger: Alexander Kalmar, Wien,II. Nordbahnhof j| führbar ist, und zwar so, daß es den Juden ein n at i o n a l e s H e i m i m v o l l e n S i n n e d e s W v r t e s ist, ihre Forderungen und Wünsche erfüllt, gleichzeitig aber die Rechte der übrigen Bewohner des Landes nicht beeinträchtigt. Davon bin ich völlig durchdrungen. Di« beste oder eine der wichtigsten Garantien dafür ist der Geist, in dem die Juden den Aufbau begonnen haben. All die Märchen vom jüdischen Bolschewismus sind unbegründet. Die Juden haben vorgeschrittene sozial« Methoden, soziale Lebensformen, aber diese Methoden und Formen sind meiner Ansicht nach die 'richtigen. Ein Bolschewismus, der Bolschewismus, vor dem sie nach Palästina fliehen, wird dort nie gemacht werben. Änd ich glaube, daß die Juden in Palästina ein großes soziales Experiment durchführen, das, ganz abgesehen von seiner Verknüpfung mit dem Zionismus, großen Wert für die ganze Welt hat. Man fragt oft, warunr die jüdische Arbeit in Palästina, wenn sie eine gesunde ökonomische Grundlage hat, so viel Geld erfordert, eine« Keren Hajessod braucht, und diese Tendenz hatte wohl auch die kürzlich in der Mandatskommission gestellte Frage, was geschehen würde, wenn der Zustrom fremden Kapitals aufhörte. Wer so fragt, weiß nicht oder vergißt, daß Palästina ein fei! Jahrhunderten ausgesogenes, verarmtes Land ist, das eine große Investition nötig macht, und daß di« jüdischen Böden aögerungen werden müssen: dem Felsgebirge, den: Sumpf oder der Wüste. Uebrigens zeigen Rischon le Zion . Sichron Jakob und Petach Tikwah, daß die Grün.' läge gesund ist, und auch einzelne der neuen Siedlungen nähern sich schon denselben Punkt wirtschaftlich Selbständigkeit. Die Re'gierung selbst und das ganze Land haben gewaltige Vorteile von der jüdischen Arbeit in kolonisatorischer, sanitärer unv kultureller Beziehung. Die Regierung hätte diese Arbeiten nie selbst durchführen können, die den Standard des Landes, auch die Lebenshaltung der Araber, bedeutend heben. Der Zionismus bringt aber flicht nur in Palästina Vorteil und Fortschritt, sondern auch in der ganzen übrigen Welt. Gerade aus dieser meiner Reise hatte ich Ge¬ Dreißig Jahre „üudenstaat". Zum Jubiläum der ersten Auslage. Bon Dr. Michael Ringel, Mitglich des polnischen Senates. In den im Jahre 19b2 in Berlin erschienenen Tagebüchern Herzls sinoet sich unter den Notizen aus den ersten Jännertagen des Jahres, 1896 eine Eintragung, in welcher Herzl bekanntgibt, daß er mn l dem Verleger Brertenstein abgeschlossen habe. Breirenstoin sei begeistert gewesen, als Herzl ihrn einige Stellen aus der Schrift, die nad) langen Mühen fertiggestellt worden sei, vorgelesen habe. Ter Titel der Schrift sei ans „Judenstaat" geändert worden.. Herzl fügt noch hinzu, daß er auf keinen Erfolg res „Judenstaates" rechne. Mit djesen bescheidenen Worten der Resignation geleitete Herzl sein kleines Büch auf den W«g, jenes Büchlein, das im Leben des zerstreuten, nach allen Richtungen verbreiteten jüdischen Volkes, das zu jener Zeit nach der Ansicht von vielen — und nicht gerade Ässimilanten — als dern Untergang geweiht gegolten hatte, eine vollständig« Umwälzung hervorgerufen har. Herzl haste:sich mit seinem Pessimismus geirrt. Denn sein Buch hatte Erfolg, den größten Erfolg, den ein Autor sich nur ausmalen kann. Denn das Erscheinen dieses Büchleins bezeichnet nicht nur den' Begjnn einer neue,! politischen Bewegung, sondern auch die Einleitung in ein neues Kapitel in der Geschichte de» uralten Volkes Israel, ein Kapitel voll Aktivität, Schwung, Glauben an die eigemn Kräfte, an die Znkunft deL Volks und an die jüdische Renaissance! und die Rückkehr in das eigene Land. Aber auch, hinsichtlich der zweiten Voraussage war Herzl im Irrtum. Vr meint an jener Stelle seines Tagebuches, daß er mit der Herausgabe des „Judenstaat" seine Mission beendet habe und wieder zurückkehre«! werde zu seiner literarisch-schöp «rischen Arbeit, an der er mit: so viel Liebe gehangen hat. Ta traf ihn eine Enttäuschung. '! Gerade so wie sein großer Vorfahre, der sich gesträubt hatte, den Purpurmqntel eines Führers deb Voltes, das er aus der Zyprischen Galurh befreit hatte, umzr.yängci!, wurde auch Herzl gegen seinen Willen, gegen.}e'ne ursprünglichen Absichten mitgerissen von der Welle des Enthusiasmus, den :: durch seinen „Judcnstaat" hervorgerusen hat. Tiefer Enthusiasmus rief ihn an die Spitz«, wchl nicht'! des Volks, weil es im Jahre 1896 noch schwer gewesen rväre, chn« Uebertrciöung von einenl „jüdischen Volk" zu sprechen, aber an die Spitze der jüdischen akademischen Jugend und der über den ganzen Erdball zerstreuten größeren und kleineren Gruppen, di« trotz der furchtbaren Lago der Juden nicht den Glauben an die Zukunft uno dir Wiedergeburt des jüdischen Volkes verloren hatten. Hätte sich Herzl bloß auf dir Herausgabe des „Judenstaat" beschränkt, so würde sich das jüdische Volk heute nicht dort befinden, tvo es heute steht, sei es hinsichtlich des Erfolges der Arlfbauarbeit in Erez Israel, sei es bezüglich der Wiederbelobnuga^brn in der Galurh. Ter „Jrwenstaat" war die „Erstlingssrucht", die Herzl auf dem Altar seines Volks, dem er sich damals wieder zugewandt hatte, darbrachte. Wenn das jüdische Volk im Verlauf eine: Generation, innerhalb von dreißig Jahren, den Weg von: gedruckten „Judenstaat" bis zu einer „natienateu Heimstätte", die eben jetzt im wirklichen Leben entstcht, die eben jetzt vor unseren eigenen Augen artfgebaut wird, gegangen ist, so verdankt das jüdische Volk diese große Wandlung in seinem Schicksal nicht so sehr dem „Erstlingsopfer" als dielmchr dem „Kcrbau-Oleh" dem Ganzopser, das Herzl in seiner ganzen Persönlichkeit der jüdischen Sache gebracht hat. Vom Jahre 1896 bis;u seinem im Juli 1904 eifolgten Tod hatte Herzl keine Ruhe rnchr. Seine schöpferische Tätigkeit auf literarischem Gebiet in größerem Maßstab hatte aufgehört. Auch seine gewohnte tägliche Lebensweise wurde von Grund ans geändert. Sein ganzes Leben widmete er der Idee, die ihn wle eine Königln beherrsch::. Es War das typische Schicksal eines Propheten' und Sehers, dessen Herz den Schlag des göttlichen Hammers verspürt, dessen Seele vom Funken der göttlichen Mission, die Wieder-- ocburt eines Volks herbeizuführen, berührt wurde. In feine: Autobiographie beschreibt Herzl die Wochen buchstäblich übermenschlichen Schaffens, da der „Judenstaat" entstand er. ist. Die Gedanken und Gefühle quollen mit überwältigender Krall hervor. Er war kaum imstande, sie systematisch aufs Papier zu setzen. Sie stürmten und drängten hervor wie die Ströme der glühenden Lava aus dem Vulkan. Er halte in jenen Minuten, als er in Paris in seiner Wohnung in der Ru« Cornbon 37 an seinen! Buche schrieb, bas Gefühl, als hörte er das Rauschen von Adlrrflügeln u,O er schrie»' wie unter den! Zwang eines prophetischen, heiligen Geistes. Bon diese»! Augenblick an beginnt oie Zweiseitigkeit seines tragischen Schicksals. Das ist eine Tragik, oie wohl mir der Leidensgeschichte einiger altheöräischer Propheten verglichen tvrrdrn kann. Als Führer der von ihm geschaffener! Organisation, als Re-- prätemant des jüdischer! Volkes wächst er immer höher und höher. Ader als Mensch zeichnet er diesen Weg seines neunjährigen übermenschlichen Ringens mit dem Blut seiner Füße, die durch die von seiner! eigenen Brüdern geichleuderrrn Dornen und Steine verwunde: waren. Bon dern „Juoenstaat" bis zu dein Augenblick. da in Mach ein Herz zu schlagen aushör.e. führt ein Weg voll von Meilensteinen, die den Fortschritl der Zionistischen Organisation bczc'chnen: Kongreß, Koloni »bank, Nationalfonds, zionistische Presse und der steigende Einfluß bei den Regierungen. Und in derselben Zeit seine inneren Erlebnisse: Augenbiiar der Hoffnung sind selten. Dafür desto mehr Minuten der Niedergeschlagenheil oder Verzweiflung. Er notiert sie alle fleißig in seine Tagebücher, deren drei Bände nicht nur für dir Erforschung Seele dieses großen Inden, sondern auch für den jüdischen Poluikr in der G-aluch und in Erez Israel einen unerschöpflichen darstelle-