Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 8 (1926)
- Issue
- Heft 2486 (24.1.1926)
- Date
- 1926-01-24
- Page
- Seite 5 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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mit e flb. 2486 Mcn, Zonnkag TagesbeM. Die Woche. Herr Ministerpräsident Bethlen ist sehr um die nationale Ehre Ungarns besorgt. Er hat ja aus seinen Fall zu lachen. Und in äußerster Not, wenn auch Briese, die seinerzeit nichts genützt haben, jetzt sehr schade,t können, reitet man gerne schnell ans zerbrechlichen Steckenpferden davon und täuscht sich und noch öfters andere, indem inan Holz für ein lebendiges Wesen ausgibt. Ja, der Begriss der nationalen Ehre, rni* dem Herr Bethlen so viel und verschiedentlich herumoperiert, ist ein solch, nichtssagendes, totes Steckenpferd, auf den, naive Kinder und aufgeblasene Narren mit größter Lust und Wonne in dümmsten Chauvinismus, tiefstes Unglück und nuproduktive Selbstverherrlichung hineinschaukeln. Denn Ehre ist ein PrLdika'i, dar zu irgend einem Subjekt gehört. Menschenehre kann jeder Mensch in dem Ausmaße beanspruchen, das seinem Menschentum entspricht. Hier hat also fast jeder ans ein Minimum Anspruch. Aus eine besondere Ehre, also z. B. eine äkünstlcr-, Erfinder-, Organisatorehre, kann aber schon nur derjenige Anspruch erheben, der diese Eigenschaften oder Talente besitzt oder gewisse Aufgaben erfüllt hat. Hier wären lvir beim zweiten Merkmal des Begriffes „Ehre" angelangt, der die Ehre als zu erfüllende Ausgabe charakterisiert. 'In diesen, Sinuc hat eigentlich die persönliche Ehre erst ihren wahren Wert und darf auf höchste Geltung aspirieren. Meine, deine, seine Ehre besteht hauptsächlich darin, baß wir sie I immer, täglich, stündlich und in der Zukunft erfüllen, beweisen, 8 bezeugen wollen. Wenn diese sozusagen „aktivistische" — in über- « tragencm Sinne dieses Wortes — Seite des Ehrbegriffes fehlt, I wird der viel gebrauchte Begriff im besten Falle zu einem großj sprecherischen Ausschmücken uns.rer ganz ohne unser Zutun — I unschuldig! — vorharÄenen Natur herabgewürdigt. Sonst gibt I es nur eine nationale Ehre: die der Fortentwicklung auf allen Gebieten der Kultur, die der Steigerung deL a l l g e m e i n e n menschlichen Gehaltes der Nation. Und schon darum '.st also, jeder beengende Chauvinismus der diametrale Gegensatz zur nationalen Ehre. Denn eine Nation an sich existiert nur kraft natürlicher Voraussetzungen, sie ist aus Rassenkreuzungen und'-Verzweigungen, durch geographische, klimatische und sprach« liche Vorbedingungen entstanden. Das ist noch kein Grund zur EinLrldung und kein Subjekt der Ehre. Das ist höchstens das Substrat, das dem Begriff der Ehre einen bestimmten Inhalt verleihen .und so erst eine nationale Ehre schaffen kann. An sich gibt eS z. B. keine deutsche Ehre, aber eine solche, die z. B. durch Luther, Goethe, Kant, Beethoven und die deutsche Technik bedingt und gekennzeichnet ist und die in der Gegenwart und in der Zukunft, erst erfüllt werden muß. Die Ehre einer Nation muß jeder Tag neu gebären. Und stolz sein aus seine nationale Ehre kann nur, wer sie verwirklicht und wem sie Aufgabe ist. Es kann daher nie und nimmer ein Angriff auf die nationale Ehre sein, wenn man einzelne Mitglieder einer Ration öffentlich und der Wahrheit gemäß verurteilt oder-zur Besinnung^ Aeüderung, apfruft. Es soll hier nicht entschieden wenden, ob ein einzelner ein vom menschlich ethischen Standpunkt aus verwerfliches Mittel zu einem erhabenen, nationalen Zweck benützen kann — was in Ungarn aber auch auf keinen Fall zugetrofsen wäre — hier soll nur die demagogische Ansicht gebrandmarkt werden, daß die nationale Ehre-darinbesteht, daß man allgemein menschliche Interessen, Gesetze, Aufgaben verrät und nationale Fäulnis bejaht und vertuscht. Schweigen mag da vielleicht aus irgend welchen diplomatischen, politischen Gründen angezrigt sein — es hat uns in anderer Art in den ruhmvollen Kireg geführt —, mit nationaler Ehre ist es Keinesfalls vereinbar und verstößt grob gegen diese. Außer — wenn nationale Ehre sich mit Mord Schändung und Geldfälschen deckt ... Auch in Amerika und besonders in den hochzivili-siernm U..S. A.— siehe letztens den weißen Negerkult in Now-York, die Affenprozesse und ähnlichamerikanische Spezialitäten — ist man »och: über so manchen Ehrbegriff im unklaren. Ein bezeichnendes Schnippchen schlug jetzt in dieser Hinsicht die mexikanische - Negierung den Bereinigten Staaten. In Mexiko wollte mau vernünftigerweise die Oelfeldcr nationalisieren, die aus- und inländischen Wucherer hinausbefördern und die Bodenschätze dem ganzen Volke zugute kommen lassen. Irr den U. S. A. Helle Aufregung ... Die Herren Milliardäre. Präsidenten und Mienbcsitzer schlugen die große Tromms! des Protestes, wahrscheinlich im Namen menschlicher Amerika- und Weltehre, und die gehorsame Regierung iutemuicvte in Mexiko. Worauf prompt die Antwort eintraf:-.Und eure.Erywander::'.:,p.pc;'.imu'.ungen?! Was ist grausamer? Eure Jmmigrationseiilschrünknugeu, die Brotlosen, Verzweifelten, Unglücklichen, Hoffenden in eurem großen Lande, Platz und Arbeit verwehren, oder unsere Oelfeldernationalisierung mit fetter Ablöse, die im äußerster: Fall einige ganz wenige Milliardäre trifft? Und dabei kommt bei uttg die Neuerung dem ganzen Volke zustatten, bei euch verdienen dagegen an den fremden- und menschenfeindlichen Gesetzen doch am meiste« wieder die Reichen . . . Ausschaltung der Konkurrenz .ist auf alle Fälle sicherer Gewinn . . . Und Arbeitskräfte läßt.man immer gerade noch genug herein. Also: Was ist hier ehrenhafter, was ist überhaupt ehrenhaft? — Kann denn je die ganze. Nation darüber urteilen? Läßt man sie das? Nein, mem diktiext ihr lieber, eine nationale Ehre ... # Also nicht nur Amerika, auch.Europa Hai schon enien Afsen- -wzeß. In Wranja in Bulgarien sitzen diesmal' die TraWonsverteidiger und schwingen ihr gvtl- und surchtgeseguetes Schwert über den Häuptern der Evolntionstheoretiker, die unter der Führung von Prof. Pctrowitsch und Kazjitsch stehen. Da in Amerika zur gleicher! Zeit der bekauute humoristische Schriftsteller Robert Quillcu Eva, „der ersten Dame ihrer. Zeit", durch ein Denkmal gehuldigt hat — trotz der großen Aufregung des muckerischen Snobs über die Nacktheit der Statur *-> so scheint es, daß die .Menschen in der letzten Zeit über- 94. Lanner 1926 l W %e? Rjjxze ibjäfwge , wSm^^§wgenrtsawn jetzt ttifunktrdem brmugunfjs Tirels apzustoSöen. Ult if. afleu Puielltarben S Lanrkleider MD 'UvSW SöBWeiDeraU3 *u,cra pc de Cnine, letzte 1X Neuheiten ..S JLW Teekleider aü*“ JRadjmmagsfieiüßr Kamm garn und Gabardine.S liochaoarte Neuheiten, für dett verwöhntesten chmack a 180'. ..jet Große Toiletten orig nal 25 ModeMkewer ssrgz Pariser ‘nd'rigene^o 16(1 delie, feinste Materialien 6 400 . . jetzt » JLUU deb gebojnimdagens ewg< mtermäjM'Jtöstww. bomMndeawockrL< Eine Demarche der kutenlemachte. Am Frestag erschienen die Gesandten Englands, Frankreichs, I t a l i e n s und I a p a n s beim Bundeskanzler Dr. Ramek als dem verantwortlichen Leiter der österreichischen Außenpolitik und verlangten abermals die Zerstörung oder Umwandlung der noch in Oesterreich vorhandenen, f ü r M u n itronserze n g n n g v e rwendbaren Mas ch i n e n nnd A n l a g e n. Nach Meinung der Enientevertreter befinden sich in einer Reihe von Betrieben, so im Arsenal, in Hirtcnberg, in Möllersdorf usw., noch etwa 3 000 Maschinen, die für die Erzeugung von Kriegsmaterial verwendbar sind. Bundeskanzler Tr. Ramek stellte cino baldige Antwort der Regierung in Aussicht. Bereits vor einigen Monaten haben die EntenieverlreLer in derselben Angeiegenheit interveniert. Die diesmalige Demarche sott daraus zurückzuführen sein, daß das Wiener Ncgienmgsorgan in einer Polemik mit der „Arbeiterzeitung" Einzelheiten über die Ausrüstung und die militärischen Uebungen. de8 Republikanischen Schutzbundes veröffentlicht hatte. Auch in Tirol wird »ach Waffen gesucht. Wie die „Innsbrucker Nachrichten" von gut unterrichteter Seite erfahren, war für letzten Mütwoch in Innsbruck die Ankunft zweier Offiziere der interalliierten M i l i t ä r k o n t r o l l k o m m i s s i o n angekündigt. Die beiden Offiziere dürften bereits in I e n bä ch, ausgcfticgen und nach Mairhofen gefahren sein, um in dieser Gegend nach verborgenen Geschütze n zu suchen, da bei der Kontrollkommission in Wien von Innsbruck aus eine Anzeige erstattet wurde, wonach in verschiedenen Orten Tirols, hauptsächlich aber in der Umgebung von Mairhofen, Geschütze und Munition versteckt sein sollen. Sine verdirchtise WaffensenSung für Ungarn. Munition für Flaubert- und Jagdgewehre. Am Donnerstag entdeckten sozialdemokratische Perlranensmäuner im Grazer Bahnhof eine aus Italien kommende und nach Ungarn bestimmte W a f f e n- und Äc u n i t^i o n ssendung. Sie hatte vorschriftsmäßig ausaefertigte Lefördernngsdoknniente und die D u r ch k u r s b e w i l l i g u u g des österreichischen M i n i st e r i u m s für H wese n. Dennoch erregte die Sendung ' den Verdacht der soziaidelnckratischen Vertrauensieute, welche von ihrer Entdeckung des Landcsrat Ob e rz a uch e r Miitei.nng machten, der seinerseits die Anzeige lei der Polizeidirektivn erstattete. -' 'Diese ließ sofort die verdächtige Sendung mit Beschlag belegen und mittels Lastwagen in das Gebäudeder Poliz-nd'rektion schassen. Es handelte sich insgesamt um 40 Kisten mit einem' Gewicht von 2 0 0 9 K i I v g r a m m. Sämtliche Kisten wurden amtlich geöffnet, enthielten jedoch keinerlei Kriegsmaterial, wie man vermutet hatte, sondern nur Munition für F.änberigewehre, Kaliber 6 und 9 Millimeter, und leere Papphülsen für Jagdpatronen, Kaliber 14 und 16 Millimeter, ohne Kapsein und Schrot,, genau so wie das Verzeichnis auf den Frachtbriefen lautete. Auch alle übrigeil Angaben aus den Begleüdokumenten sind durchaus zutreffend. Aufgeber ist eine italienische Firma, Empfängerin eine Bnda- Pester Maffenhandlung. , .Die Sendung wurde daher gestern vormittags von der Grazer Polizeidirettion der Bahnverwalmng zur Weiterb e f ö r d e r n n g übergehen. Haupt llrehr über ihre Herkunft, ttrabstauunung llachöeltken und herunlftreiterl, mahrsch.ünlich aus Berwunvernng über sich selbst, über: das eigene trostlose und leere Dasein. Früher Häven :hU diesen Dingen sich niehr die Philosophen rnw Wissenschaftler befaßt,-jetzt greift doö Volk, die Atasse, der Mob ein. Man könnte meinen, dies sei ein Fortschritt. Weit g.fehlt! In Zeiten, in denen die Menschett. Aufgaben, Ziele, Ideen verfolgen und die innere Kraft und Energie besitzen, sie zu erfülleil, ist der blind.' Fanatismus in Dingen der freien Wissenschaft und der Forschung viel kleiner als in Zeiten des Ueberganges, der Krise, der unproduktiven Verzweiflung. Das Mittelalter als Ganzes war eine solche spintisierende, wenig schöpferische Epoche,' und heute sind wir auch Zeitgenossen solch e'ner Reaktion. Ihre Tauer liegt in unserer Hand, denn letzten Endes ist der Mensch der Schöpfer seiner Zeit. Wird Felix Kunde grober anögeüeserr oder wird er es nicht'? Das ist hier die Frage, die in vieler Munde steht. Weiß die französische Gesandtschaft etwas von einem Gesetz, welches bestimmt, daß klaglos ausgedient.' Mitglieüer der Fremdenlegion automatisch zu, Franzosen weroen und daher nicht atisgeliefert, aber auch in Frankreich «ich! bestraf: werden, oder weiß siees nicht? Die aktnelle Frage, ob der Mörder einer intelligenten, bibliochLlsbesitzeuden, menschlich-seinen Proslilttierwn der gerechten Strafe entgehen wird oder nicht, ist ztoae an sich wichtig und interessant,' das in ihrem Gefolgo aber aufgeworfene Problem der Strafbefreiung durch ^nße als Soldat der sogenannten Fmudenlogion, einer strengen militärischen Institnrion, die in frernden Kolonien uns nnzivilisierten Gegenden mit mörderischem Klima derweridet wird, hat die Gemüter doch aufgeregt uns nicht mit Uüvscht nachdcrcklich geenocht. Denn wärs die Fremdenlegion wirklich ein Kttlrnririsirrm.reni des zivilisatorischen Piomenumr und nicht eine koloniale Vortruppe des Aüsoeuterwilleus, könnte man den Gedanken der Buße und Erziehung pon tvahververbrechern durch diese Ari von Kuluirarbeitsehr gut ausnchmrn. Die Gesellschaft rnnß iuto wirs sich immer gegen gewisse priuritive Verbrecherinsiinkre in: Menschen schütze:', nnd sie bestrafen müssen. Diese Art von „aufbauender" Strafe — im doppelten Sinne.' Aufbau des Accnfcheu und Aufbau der Kultur — wäre also sicherlich nicht von der Hand zu weisen, vora-usgesetzi, daß diese Kultnrävbeii wirklich der ganzen Menschheit' und Kultur dienen und'daß man wirklich nur genueine Schwerverbrecher hinversenden und nicht Wie z. B. in Rußland fast jede politische Uedertretung mit Verschiebung nach Sibirien ahnden würde. Außerdem müßte selbstverständlich ein geschulter Stad voll Verständnis-, vollen Erziehern, Lehrern, Technikern freiwillig mirgehen, um so aus unglücklichen Stiefkindern des Schicksals und am Triebe Gesträuche'.!en wertvolle Aiirglieder der menschlichen Gesellschaft -u machen. UebrrlMip: die Erziehung . . . Der Junge — B u r i a n — der dieser Tage wegen einer ungenügenden Antwort in der Schule eine Fußwanderung nach Sn Pvl'.en und zurück, hungrig und schlecht, bekleidet, gemacht Hai, soll ein Waruuugszeicheu für die ganz verfehlten Erftehunasmelhoden unserer Zeit und deren Hüter sein. Da hat mout wieder gesehen, was e.ne empfindliche Knabenfeelo ist und wie jeder sogenannte „bravste Vorzug-.- schüler" zuitt Ausreißer werden kann. Gerade die Methode, Vor zugsfchüler zu züchten und ihnen das verdummende Betvnßtsein einzuträufeln, daß nur das Sckulwisteu. und die gute R»e den Menschen macht, ist der Grundfehier dieses Systenis und trägt an allent großen und kleinen JugeMnnglück die Schuld. E->