Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 8 (1926)
- Issue
- Heft 2486 (24.1.1926)
- Date
- 1926-01-24
- Page
- Seite 4 (sequence 4)
- Language
- German
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Gerte 4__Men, Sonntag_Wiener Morgenzettunft Fememorde und Schwarze Reichswehr. klnsehung Änrr parlamentarischen Untetluchunoraurfchuffr«. Berlin, 23. Jänner. Der Reichstag bega.nu heute die Beratung des sozialdemokratischen Antrages auf Einsetzung eines Untersuchungsausschusses» der die Femeorganisationen und die mit ihnen int Zusammenhang stehenden Fememorde und sonstigen strafbaren .Handlungen zu untersuchen hat. Abg. Sauger (Sozialdemokrat) begründet den Antrag, wobei er unter anderem aussührt: Nm die Aufdeckung dieser Morde habe sich besonders der preußische Minister des Innern ein großes Verdienst erworben. Drei Ursachen hätten besonders zur Häufung dieser scheußlichen Morde geführt: Tie Verhältnisse in der Reichswehr, die deutsche I u st i z und die n a t i o n a l i st i s ch e Verhetzung. Tic Femeorganisationeu könnten nur bestehen, wenn sie mit einer politischen Organisation Fühlung haben. Im Statut des aufgelösten Vorstandes der deutsch-völkischen Freiheitspartei in Mecklenburg findet sich folgende Bestimnlung: „Wer unseren Bestrebungen zuwiderhandelt. ist ein Schuft und für uns Vogel fr ei. Wir behalten uns vor, die von uns festgesetzte Strafe selbst zu vollziehen." Fast durchivegs sind die Fernemörd.er ehemalige Offiziere oder F e l d w e b e l. Die Fememorde sind in allen Fällen iw ganz besonders feiger, dabei aber viehisch-roher Weise ansgeführt worden. Die meisten Fememörder ghörien der sogenannten schwarzen Reichswehr an. Ter oberste aller Fememörder, Oberleutnant Schulz, faß als Mitglied der schwarzen Reichswehr im Reichswehrkommando 8. (Hört! Hört!) Das schwarze Reichswehrregiment D ö b e r i tz, dessen Mitglieder besonders viel feige Morde auf dem Gewissen haben, durfte" gemeinsam mit der regulären Reichswehr vor den: Reichswehrministcr Gcßlcr und dem Chef der Heeresleitung v. S e e ck t ei nerr Parademarsch vollführen. (Hört! Hört! links.) Als eine Revision der Zitadelle Spandau^ in der schwarze Reichswehr lag, stattsinden sollte, traf vorher eine LA a r n u n g feitens des Hauptmannes Keiner vom Reichswehrmiuisterium ein. (Hört! Hört!) Schwere Schuld habe die deutsche Justiz auf sich geladen, deren Verhalten die Meinung habe aufkommen lassen, daß in Deutschland das Leben eines Republikaners weit weniger gelte als das eines nationalistischen Verächters von Gesetz und Recht. Der Stellvertreter des bayrischen Generalstaatskommissärs, v. Aufseß, der setzt noch in Bayern in Amt und Würden ist, hat öffentlich erklärt, in Bayern würde man die Erzberger-Mörder nicht ausliefern. (Hört! Hört! links.) Die dritte Quelle der Verbrechen ist die nationalistische Verhetzung. Diese Hetze richtet sich jetzt sogar schon gegen den Reichspräsidenten v. Hindenburg. Wenn von dieser Hetze die Rede ist, kann natürlich Ludendorff nicht fehlen; er bezeichnet im „Preußi-. schen Kurier" Hindenburg als eine Gefahr für den nationalen Willen. Merken denn die Völkischen noch immer nicht, daß Ludendorff verrückt geworden i st? (Unruhe bei den Völkischen.) In Ludendorfss Organ werdest die Fememörder in Schutz genommen und als Vertreter der preußischen Idee von Recht und Ehre gepriesen. Damit haben sich die Völkischen als Schützer der feigen Mordbuben gekennzeichnet. Wir brauchen den Untersuchungsausschuß. um volles Licht in das dunkle Kapitel der Fememorde zu bringen. (Beifall bei den Sozialdemokraten.) Abg. N e u m a n n (Zentrum) nimmt den Richterstand gegenüber den Angriffen des Vorredners in Schutz. Die Zcntrumsfraktion habe das größte Interesse an der Aufdeckung und Beseitigung der furchtbaren Fememorde. Sie werde darum dom sozialdemokratischen Antrag auf Einsetzung eines Untersuchungsausschusses zustimmen? Abg. Ronneburg (Demokrat) gibt namens seiner Fraktion eine Erklärung ab, worin es unter anderem heißt: Die Beunruhigung der Oeffentlichkeit, die wegen der Fememorde enfftanden ist, wird durch die Tatsache verstärkt, daß bisher die gegen' die Fememörder geführten Gerichtsverhandlungen meistens unter Ausschluß der Oeffentlichkeit vor^sich gegangen und zu einem Abschluß geführt worden sind, für^den die weitesten Kreise Deutschlands keinerlei Verständnis besitzen. Das deutsche Volk hat Anspruch aus volle Klarheit über die Geheimorganisationen, ihre Geldgeber und die Parteien und Persönlichkeiten, die hinter ihnen stehen. Vizepräsident Bell ruft nachträglich den Abg. Sänger wegen seiner Redewendung: „Lützendorfs ist verrückt!" ,ur Ordnung. Abg. Stöhr (völkisch): Wir erklären, daß wir jeden Morv, gleichviel aus welchen Gründen er verübt wird, aus das s ch ä r s st e a b l e h n e n. Wir lehnen den politischen Mord aus sittlichen, moralischen, religiösen, aber auch aus Gründen der Politischen Vernunft ab. Man kann mit der gewaltsamen Beseitigung des Trägers einer Idee diese Idee selbst nicht beseitigen. Gewöhnlich kommt auch nichts Befleres nach. Das erklärt sich schon in der Reihe der Außenminister aus der Folge Stresemann nach Rathenau. Wir sehen dem Untersuchungsausschuß mit vollkommener Ruhe entgegen. Wir lehnen ihn aber ab. weil wir nicht. glauben, daß aus ihm etwas herauskommt. Die , Ahndung solcher Verbrechen soll man den offiziellen Gerichten überlassen. Während voü den Völkischen der politische Mord verworfen worden sei, habe im Jahre 1916 der „Vorwärts" Friedrich Adler. der den Ministerpräsidenten Grafen Stürgkh ermordet hatte, anläßlich dieser Tat geradezu verherrlicht. (Redner wird von seiner Partei beglückwünscht. Die Sozialdemokraten und Kommunisten rufen: Heul! Heul!) Damit schließt die Aussprache. Da mehr als zwei Drittel der Abgeordneten es beantragen, ist nach der Geschäftsordnung der Untersuchungsausschuß ohne weiteres beschlossen. Er soll mit 21 Mitgliedern besetzt werden. Hierauf vertagt sich das Haus auf Dienstag nachmittags. Tagesordnung: Entgegennahme der Regierungserklärung. Der Zuchthäusler als Femeurörver. Die Ermittlungen über die Fememörder haben, wie die „Vvssische Zeitung" meldet, zu dem überraschenden Ergebnis geführt, daß der in Greifswalde verhaftete angebliche Oberleutnant Lauge in Wirklichkeit ein bereits früher zu einer längeren Zuchthausstrafe verurteilter Verbrecher namens Reh ist. Dieser war aus dem, Zuchthaus a u s g e b r o ch e n und hatte sich mit der Behauptung, er werde als Fememörder steckbrieflich verfolgt, an mecklenburgische Gutsbesitzer herangemacht. Die deutscheMarlnemeuterei im Sabre 1917. Sturmszenen im parlamentarischen UntersuchMgsausschuß. (Eigenöicnst der „Wiener Morgenzeitung".) Berlin, 23. Jänner. Ter parlamentarische Untersnchungsausschuß zur Erforschung der, Ursachen des Zusammenbruches besaß: sich derzeit mit der Marinemeutcrei im Jahre 1917, nach deren- Unterdrückung fünf Todesurteile gefällt, zwei davon auch vollstreckt wurden. Das Reichsmarineamt hat nun eine Denkschrift Ä>er diese Vorfälle ausgearbeitet, in welcher die unabhängige sozialdemokratische Partei, insbesondere ihr damaliger Führer, Abgeordneter Dittmanu, beschuldigt wird,.diese Meuterei angezettelt zu haben. Der Abgeordnete Dittmanu hat in dem Ausschuß nun erklärt, daß die Erschießung der Kvei Matrosen ein Justizmord sei, da sowohl die kriegsgerichtliche Untersuchung, wie auch die Anklage selbst politisch beeinflußt waren. Die wahre Ursache der Unzustiedenheit sei die s ch l e-ch t e B e r p f l egung gewesen. In der heurigen Sitzung dieses.Ausschusses kam es zu stürmische'n Lärmszenen. Als b:r Vertreter des Marineamtes, Korvettenkapitän Canari, sein Referat beendet hatte, fragte der sozialistische Abgeordnete Dr. Moses, ob dieser Korvettenkapitän identisch sei mit demjenigen Kapitänleutnant Canari, der im Prozeß gegen Liebknecht als Beisitzer fungiert hat und der beschuldigt wird, dem Mörder.Liebknechts, Leutnant Vogl, zur Flucht verholfen zu haben. Menu es derselbe sei, dann müßte der Ausschuß eine Brüskierung seitens des Reichswehr Ministeriums annchmen,- daß ein solcher Vertreter geschickt worden sei, mit dem rnan nicht zusammenarbriten könne. Als Korvettenkapitän Canari es a b l e h n t e, auf diese persönliche Frage einzugehen, kam cs zu stürmischen Kundgebungen seitens der Linken. Es wurden Rufe wie „M ö r d e r, Feiger Lump" nsw. laüt, und der Vorsitzende hatte die größte Mühe, die Ruhe wiedecherzustellen. Der kommunistische Abgeordnete Dr. Rosenberg beantragte eine Unterbrechung der Sitzung, da- : mit man vom Reichswehrministerium einen anderen Vertreter verlangen könne. Die Abg. Joe l (Zentrum) und Dr. B e r g st r a e ß e r (Demokrat) schlugen vor, der Ausschuß möge über diese Frage in einer geschlossenen Sitzung beraten. Diesem. Vorschlag wurde zugestimmt. In der heutigen Kabinenssitzung stellte der Neichstvehrminister Dr. G e ß l e r fest, daß die im Untersuchungsausschuß gegen Canari erhobenen Beschuldigungen unbegründet sind. Der Genannte war nach her Revolution Beisitzer im Verfahren gegen Offiziere, die des Mordes an Rosa Luxemburg beschuldigt waren. In diesem Prozeß wurde Oberleutnant Vogl mit Gefängnis bestraft. Als Vogl vor Antritt seiner Strafe die Flucht ergriff, wurde Canari der Beihilfe zur Flucht verdächtigt, jedoch ergab die gerichtliche Untersuchung die Haltlosigkeit dieser Beschuldigung. M «MMch'enMche« Schuldenvrrhmdlangen. (Eigendieust der „Wiener Morgenzeitung".) condon, 23. Jänner. Die Verhandlungen zwischen Churchill und dem italienischen Finanzminister Conte Volpi, die zuerst recht schwierig und aussichtlos erschienen, nehmen seit vorMern einen glatteren Verlauf. Bei der Besprechung zwischen den beiden Ministern und ihren Experten. Sir Otto N i e m a h e r uub Mr. Leith-Roß sowie Signor P i re ll i und Signor B i t j, kam bereits ein« Einigung über die grundlegenden Prinzipien in der Auffassung der Grundschuld zustande. Wie Ihr Korrespondent von Signor Pirell i erfuhr, handrlt es sich nunmehr hauptsächlich noch darum, die Zinsen, Zinsenkourpensationen und Amortisttionsvorschläge, die auf beiden Seilen sehr weit auseinandergehen, unter einen Hut zu Dringen. Signor Pirelli hofft, daß die Schwierigkeiten so tveit werden überwunden werden können, daß die italienische Delegation zumindest mit einem annehmbaren Vorschlag nach Rom zurückgehetz könne. 24. Jänner 1926 Nr. 2488 Eisern, Stark, Mächtig wird Jeder Säugling und jedes Kind, □ dass mit echtem n DIANA- FRANZBRANNTWEIN mit Menthol massiert wird. Bestes häusliches Schutzmittel des Kindes. Ständig als Mundwasser zu benützen. Uoberall «rhAltlicht «r Jedenfalls ist es noch nicht sicher, ob Churchill bei der Eröffnung der Parlamentssession bereits einen Bericht über die Verhandlungen wird unterbreiten können. Sein heutiger Empfang beim König wird mit den italienischen Schuldenverhandlungen in Verbindung gebracht. Die Briten schlagen eine Amortisation in Jahresraten von 9 009.009 Pfund Sterling vor, während die italienische Delegation vorläufig nur so weit gegangen ist, Zahlungen, die sich auf etwa fünf bis sechs Millionen Pfund belaufen -würden,, vorzuschlagen. Bergrößernng der englische» Landarmer. (Eigendienst der „Wiener Movgenzeitrmg".) London, 23. Jänmr. Das Kriegsministerium gibt be» kanntt,. daß während der letzten drei Monate 5182 Soldaten aus ben Gemusterten für den Heeresdienst angenommen wurden. In der gleichen Periode des Vorjahres wurden ttuf 4600 Rekruten in die Territorial Arwy eingereiht. Der Reilebovkott argen Italien. Aus Rom wird uns gemeldet: Italien wird in den nächsten Tagen noch einmal in B e r l i n wegen der von München ausgehenden Propaganda gegen die Reisen Deutscher nach Italien sowie wegen des Boykotts italienischer Waren vorstellig werden und darauf verwerfen, daß in Südtirol nur i n e i n z e l n e n F ä l l e n mit Strenge eingeschritten worden sei, wo gehässige pangermanistische Propaganda gegen Italien vorbereitet wurde. Amtliche Stellen erklären, daß die Deutschen Südtirols nicht schlechter behandelt töerden als die deutschen Minoritäten in den anderen Staaten.' Man gewinne den Eindruck, d.ch diese unvorsichtige und unzweckmäßige Agitation politische Ziele verfolge, nämlich in R o m durchzusetzen, daß die italienische Regierung ihren intransigenten Standpmrkt in der Anschlußsrage mildere, indem sie ihre Zustimmung zu einer Zollunion zwischen Deutschland und Oesterreich gebe. Italienischer Sprachzwang fti* Schulen. Rom, 23. Jänner. Das . Amtsblatt veröffentlicht das königliche Dekret vom.17. d., wonach in jenen Elementarschulen der neuen Provinzen, die noch nicht vollständig italienisrert sind, kein Schüler in eine höhere Klasse aufrücken kann, wenn er nicht eine Prüfung in der italienischen Sprache bestanden hat. Zu diesem Zwecke muß wenigstens in fünf Stunden innerhalb des normalen Stundenplans einer Woche der Unterricht 'in italienischer Sprache erteilt werden. Streik der Warschauer Kouflente. Warschau, 23. Jänner. Die gesamte Kaufmannschaft hat beschlossen, zum Zeichen des Protestes gegen die allzu hohe B e st e uer ung am Montag den 25. d. die Geschäfte zu schließen. _ Sdrische «uMndische zurllckgelchlagev. Beirut, 23. Jänner. Tie französischen Truppen hoben gestern die in den Höhlen in der Gegend von Nora ha versteckten Aufständischen angegriffen. Dank einem bemerkenswreten Manöver wurden die Aufständischen vollständig unter Feuer genommen. Sie mußten sich in die Berge zurückziehen, wobei sie ungefähr 100 Tote und eine Feisal-Fahne zurückließen, deren Zurschaustellung in Homs großen Eindruck auf die Bewohner ausübte. Kurze Nachrichten. Chamberlain wird am 28. d. in Pa-vis eintreffen. . . ... Die deutsche Reichsregierung hat m ihrer ersten Sitzung beschlossen, die E i n l a d u n g z u r internationalen Abrüstungsvorkonferenz anzunehmen. . ■ Zwischen der deutschen. und der niederländischen Regierung ist die Aufhebung des Sichtv e r m e r k e s vom 1. Februar 1926 an vereinbart worden. Tschitscherin hat dem Generalsekretär des Völkerbundes mitgeteilt, daß Srwjetrußland keine Einwendung gegen die Einladung der Professoren Günsel und Khinchuk. Vorsitzende der russischen Genossenschaflöunion, zur Teilnahme an den Arbeiten der Kommission zur Vorbereitung der Weltwirtschaftskonferenz des Völkerbundes erhebe. Im Prager Stadtrat wurde der Antrag, von der Regierung die sofortige De-jure-Anerkennung Rußlands zu fordern, mit zehn gegen acht stimmen abgelehnt. Die tschechischen Sozialisten haben gegen den Antrag goskimmt. Der neue französische Botschafter in Washington, Vereng er, hat dem Schatzsekretär Mellon mitgeteilt, er sei bereit, die Verhandlungen über die Fundierung der französischen Kriegsschuld an Amerika wieder auszunehmerr.