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Wiener Morgenzeitung · 1926-01-24 · Heft 2486 (24.1.1926) · p. Seite 3

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Journal
Wiener Morgenzeitung
Volume
8 (1926)
Issue
Heft 2486 (24.1.1926)
Date
1926-01-24
Page
Seite 3 (sequence 3)
Language
German
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Budapest, 23. Männer. Die Oefsentlichkeit wird heute von den Erklärungen veS französischen Tetektivinspekwrs Benoit neuer! ch aufgerüttelt, da diese viel Unbekanntes ans Tageslicht bringen. Benoit erklärte, er begreife nicht, wie manche Leitungen behaupten können, daß die französischen Polizeibeamten aggressiv aufgctre'.en wären. Er habe den C(*er*= staatsanwali Sztrache blrß gebeten, zu gestatten, daß er gewisse Angeklagte in dessen Gegenwart über f o U gende Punkteausfragen dürfe: Erstens seien nach dem vc», den ungarischen Behörden zur Verfügung gestellten Taten 29.170 Stück falsche Noten hergesteÜt worden, von denen ein Teil beschlagnahmt und ein Teil vernichtet worden sei. Ue^er den Verbleib von - 6500 Stück feh'en aber noch die Daren, so daß zu befürchten se:, daß sie i r g e n d w o v e r st e ck t sind. Zweitens sei es noch immer nichlgelungen, die K l i sH e e s zu finden und - drittens interessiere die französischen Pol'ze'beamten die Herkunft der Van knotenpresse und des z r Fabrikation der N o t e n ^verwendeten Papi eres.. Diese Taten benötige»! sie, um ihre Recherche,» außerhalb Ungarns fortsetzen zu können. Schließlich müßten noch zwei Personen fest ge stell» iverden, die außer den bereits verhafteten Personen Falsifikate in Verkehr gebracht haben und /deren Namen und A u f e n t h a l t noch unbekannt seien. Die Bank von Frankreich »nüsse sich versichern, daß n'cht eines Tages »nieder fci.fdfc Ncten in ircrib einem Lande auk- »auchen. Tie Franzosen werden so lange in Budapest bleiben, bis d'.e> Punkte ganz geklärt seien. Tie Blätter melden^ daß die französischen Polizeibearnten mit den Fragen, die sie an Windisckgrätz, Raba und Gero richten wollen, vor aller« den Zweck verfolgen, festznstellen, ob. nicht-auch Fäden der Fälschung-allion nach Deutschland führen. Die Antworten der Behörden. Abends verlautet, daß auf den französischen Fragebogen .folgende Äusk'ärurgen erteilt wurden: 1. Tie, gesuchten 6 500 Stück falsche Frankennoten existieren nicht, da sie Windischgrätz selbst oerbra n n t hat? * . 2. Tie Provenienz der Druckerpresse wurde gleich z»k Beginn der Untersuchung festgestellt. Die Fä scher halten eine von einer Leipziger Firma der Ungarischen Nalionalbank angebotene, von dieser jedoch nicht übernommenen Presse an - sich gebracht. 3. Tie Untersuchung fand eine der . zur Fälschung be- » nüdten Steinplatten vor, während d'e anderen von. den! Fälschern, beim Aufkommen des Skandals vernichtet wor- I den sind, so daß sie nicht ausgesunden werden können.! 4. Ueber.d'e Herkunft des Papiers sagte Raba aus. er habe das Rchrraler'al aus Teut'ch'and gebracht. Ter j Wasserdruck-sei von Gerö appliziert worden. Oberstaatsanwalt Sztrache gibt heute, nun zu, daß die Erhebungen noch nicht beendet sind. Es sind n ch imnrer neue Einrernahmen er'orderlich, teils um die Lücken in den bisherigen Reche rächen zu ergänzen und Widersprüche auszuklären, andererseits »veil immer »bieder neue Momente zutage treten. Der Untersuchungsa-usschirh in Permanenz. Der parlamentarische Untersuchungsausschuß wird am Montag nachmittags seine mcritorischen Arbcien in Angrsf nehmen. Alle Mitgl-edrr wünschen, den Untersuchungsausschuß in Permanenz zu halten. Ter Aus'chuß w-rd in den Sälen des Obersten Disziplinargerichtes tagen, das sich im Oberhausflügel des Parlaments befindet. Ter Gang der Verhandlungen wird durch Kommerstenograplen -estgehalten. Ter Opposition dürfte d'e Nolle des Anklägers zufallcn. Sie wird ver äufig hinsichtl'ch der einmbolenden Akren und einzuvernehmevden Personen Vorschläge erstatte»». Kathreiners Kneipp Matzkafffee SM»_ Men, Tonnkag ' ' Msenee _ Sie Forderungen der Franzosen. Ae »ndapeft« Staat,auwaUschalt gl« za. daß die Mer'nchang »ach »ich» abgrschtaffm ist tEigcndienst der „Wiener Morgenzeitung".) Dje Lücken in den bisherigen Recherchen. Abschied. (Aus einem Palästrnatageöuch.) - Von Otto Abeles. Das Gepäck liegt schon in der Kabine. Ich lehne an der Schiffsplanle, den Blick janf den Hügelzug des Karmel geheftet. In vier Stunden erst sticht der „Campidoglio" in See. Vier Stunden der Einsamkeit und Sorge. Anfangs sind noch die letzten starken Eindrücke Mendig. Gestern sah. ich die Silhouette > von Jerusalem im Tagesanbruch, blutrot gerandet, die Sterne am stahlblauen Himmel sprühten heiße Funken und wollten nicht erblassen. Tann fuhr ich mit Freunden z»t»n Toten Meer. Durch das berührnte Wadi Kelt, die Berg'chlucht von barbarischer Pracht, von furchtbarer.Schönheit. Wir wurden heiler, als wir nach der Fahrt durch die dräuende, versteinerte Wildnis zu dem öden Salzmeer kamen. Seine grünen Wellen sind doch bewegt und sie spiegeln die Sonne. Und gestern abends traf ich in Jerusalem einen Chaluz ans dem Emek. Die Genossen schickten ihn »»ach Europa. Er soll sich züm qualifizierten Schlosser ausbilden, damit sie unter seiner Leitung größere Reparaturen an landwirtschaftlichen Maschinen selbständig vornehmen könne»». In Jerusalem besorgte er seine Aurwerspapiere ur»d ließ sich aus Anweisung d.es Arztes feiner Kolonie im Spital der „Hadassah" untevsuchen. Ter Röntgen-Befund ergab, daß rnan — nicht augenblicklich, aber ehestens — den Bli»»ddarm entfernen »nüsse.' „Ta kommt die Europareife gelogen", be- »nerkte ich. „Lassen Sie sich gleich nach der Ueberfahrt i»» Wien oder'Prag operieren!" Er sieht mich betreten an. ,,Dazu raten Sie mir? Haben Sie überlegt, daß man drüben sofort sagen wird, wir sind hier »vcit zurück »»nd unsere Aerzte verstehen, ncch nicht einmal, einen Blinddarm zu ziehen? Ich' reise erst nachher. Hier wiro operiert!" * Du bist.aufgeräumt, lieber Leser, und belächelst der» närrischen. Fanatiker. Mir hingegen ist dieses letzte Gespräch vor der Einschiffung Sinnbild uub Zeugnis ihrer Liebe zur Scholle, ihres Opferwillens, ihrer Bereitschaft. Erez Israel um jeden Preis — und gering erscheint ihnerr der einer Gefährdung des- Leibes, der Gesundheit — vor Unterschätzung, Mißachtu»»g zu bewahre»». Mir bedeutet die Antwort des Chaluz das Aburteil über die Zahllosen, die sich durch ungünstige Gerüchte so rasch und freudig von materiellen Leistungen für den Aufbau „zurückhalten" lassen. Und ich erkannte in tiefer Scham, daß diese Jugend, die beste, die je ein Volk befaß, nebst Höchstleistungen bei karger (kärgster) Küche auch noch darauf bedacht sein muß, die Judenheit der Zerstreuung in „gebefreudiger Stimmung" zu erhalten.' . . Noch ist das Schiff in der Bucht von Mo verankert, »»och lönen mir die S.immen der Arbeit von der» .Hängen des Karmel »rr»d ein rumänischer Tarnpfe» brachte soeben eine große Zahl neuer Einwanderer, die das Land mit Liedern grüßen. Ich aber bin nicht mehr hier. Die Erinnerung an den Chaluz in Jerusalem hat »»»ich aus Erez Israel scrtgeschickt, bevor ncch der „Campidoglio" die Anker lichtet. Ich bin schon bei den Juden Europas, in Bangigkeit, »veil ich jetzt weiß, von wo die Gefahr, die einzige ernste Gefahr, das Land bedroht. Jüdische Feswersammlung i»t Wie»», einige Tage nach Promnlgierung de»- Balfonr-Teklara.ion. Zwei Stunden vor Beginn staut sich die Menge be» de»» Toren. Das Straßenbild kann den überzeugtesten Zyniker »vankend machen. Ein lautlos harrender Riosenknäuel, von hochgezogenen Köpfen überragt. Es strörnen immer »reue Menschen zu und wissen sich in Lücken zu schiebe»», die nicht da »varen. Sowie sich die Tore öffnen, wird d»efe bewegte Stille vor» Schmerzensrufer» der Eingepveßten zerrisse»». Die Polize» ist machtlos. Als »vären sie pneumatisch aufgosogen, fliegen die Menschenzeilen über die Treppen in den Saal, werden vo»» Nachstürmern vorwärts gestoßen, verstopfen die Berbindungsgänge, stürmen die Estrade, schwingen sich auf das Podium, besetzen die Rednertribüne. Und sobald cs den» ersten Redner gelingt, irgendwie am Rande des Podiurns Fuß zu fassen, lydert die Begeisterung auf. Ein Taumel der Freude, Jubelruse, die Melodien von einen» Dutzend Liedern > durchkreuzen einander, Ekstase. Biele junge Menschen waren damals zugeqen, Un- . gewitzigte, sch» Empfängliche, auf welche das Ereignis noch um einige hundert Prozent stärker wirkte als auf kühlere . Grauköpfe, deren' doch bei dieser Kundgebung »ui Konzerti hauLsaa! auch die Lippen bebten. O §?. stcsnner 1928 Teste tz Die Anklage gegen Ulai Bekanntlich wurde gegen den Abgeordneten U l a i n, dtt die. Frankenfälscker als ehrliche Männer und große Patrioten priese das Sirascerfahren »vcgerr Verherrlichung e i n.e s V e r b r e ch e »»'s e'ngrleiiet. I»»» Auftrag der Staatsanwaltschast lat Polizeirat Borzaj die Erhebungen nach der 'Richtung hin eingeleitet, ob Tr. Ulain die inkr'minierten Aeußerungen tatsäch'ch im Kerridcr des Gerichtsgebäudes getan und zur Verösfentichu»»g bestimmt hat. Zu diesem Zwecke wurde eine Reihe' von Journalisten verhört, die die inkriminierten Aeußcrurlgen gehört und veröffentlicht haben. Die Haager Verhandlung gegen die Fälscher. Wie aus de»»» Haag gemelder »vird, »vurde die dortige Hauptvcrhandiung gegen die Frankensälschcr auf den 3. Mär z anbemumts Bethlen und die Sozialdemokraten. Die Nationa!versamn»lu»»g wird den Bericht des Jinrnunitätsausschusies en gegenmhmen, der die Ausschlieszirng des sozialdernokratischen Abgeordneten P e i d l wegen Be eidiguug de§ Ministerpräsidenten auf die Dauer von z»vei Tage»» beantragen wird. Die Sozialdemokraten iverden in einem Minderheitsantrag statt der Ausschließung Peidls eine protokollarische Rüge für d:n Abgeordneten ht Bor'chlag bringm. Wie das offiz'öse „8-Uhr-Bla t" aus Kreisen der Einheitspartei erfährt, wird das Haus im Interesse des Burgfriedens voraussichtlich dem s.zialdemokratischen Antrag zustimmen. Ein Pistolenduett De. DanerS. Zwischen dem Abgeordneten Dr.'Dauer u»»d ö-au Obersten $ inten falb», e'nem leitende»» Funktionär .des „Heldcnkapitels", fa»»d heute in» Zusam>nmhang mit den» Ausscheiden Dr. Da»'ers aus den» ,Heldenkapitel" ,ein Pistolenduell statt, das »nlblutig verlies. Erzherzog Albrecht belastet? Pars, 23. Jänner. Ter Souderberichterstütter des „Petit Parisien" in Budapest meldet seinern Blatte, daß der französische Polizeikcrnm'.ssär Benoit schwer belastende Papiere für dm Erzherzog Albrecht den ungarischen Behörden übergeben habe u»»d daß man sich bei der Untersuchung in den ungarischen Nationalverbänden ncch auf »nehr als eine sensationelle Ueberraschung gefaßt rnachen »nüsse. Ter Berichterstatter besaßt sich dann mir der angeblichen Zusammenkunft in Mondsee. Ztvar habe ihm gegenüber Bethlen ausdrücklich deme»rtierr, daß Erzherzog A l b r e ch t bei dieser Zusamrnenkunst irgendrvie beieiligt gewesen sei, trotzdern behauptet der Berichterstatter, Rupprecht von Wittelsbach u»»d Wilhelm vo»» Hohenzollern hätten sich n»cht allein über Teutschlgnd geeinigt, wobei der erstere auf jede Kandidatur auf den kaiserlichen Thron verzichtete und die Wiederherstellung des Königriches Bayern nach dem Stande von 1914 versprach, sondern es sei auch eine Einigung über die Annexion Oesterreichs erfolg». Rupprecht sollte die zu Bayern gehörigen Provinzen erhalten, der Rest Oesterreichs Reichsland nach dem Borbild von E.saß-Lothringen werden. Zur Erreichung dieses Z'eles habe »r an beschlössen, die Kandidatur des Erzherzogs Albrecht gegen den legitimen König Otto zu unterstützen. Anderswo war die Erschütterung noch sichtlicher. J»»r Osten gingen sie, die Thora in Händen, anf die Friedhöfe und teilten den Lerchenisteinen mit, das; die Geulüih gekommen ist. Als Herzl erstand, erhoben sich die Söhrre gegen die Väter. Es war ein offene» Kanlps bei klarer Gefechtslage: „Wir wollen Juden sein!" — „Wir »vollen keine Inden sein!" Bei solchem Gegensatz konnte es für t>:c Jugend von damals keine Täuischung geben. Die jungen Juden aber, welche »»ach dem Weltkriege hinzogen, die Heimstätte zu bauen, mußten sich als Vollstrecker des BoMvillens betrachten. Es gab unendlichen, lärmende»» Jubel der Zustimmung überall, es gab vielleicht in diese»»» und jenem winzigen Winkel des Judentums Apathie, aber es gab keine Gegenstimmen. Was sie dort im Lande leisteten, »n»t welchen Opfer»», mit welcher Hingabe sie am Werke sir»d — einen Schimmxr davon haben hoffentlich diese Tagebuchblätter »berbracht. Aber die Saalstürrner von damals, die Friedhossbesucher (mit der heiligen Schrift in Händen!) sind ihnen nicht nur rärrmlich ferne. Mit Bangigkeit trete ich d'e Heimfahrt an. 'Da ich in Palästina war, weiß ich erst z»» ermesse»», wie lau, wie am» an Liebe, wie so gar nicht von Sorge beschwert das Jnieresse der Zurückgebliebenen arn Werk und Schicksal der Vorausgeschickten ist, tvie rätselhaft die Teili»ahmslosigkeit der a»» deren, die »licht einmal laues Interesse zeigen. Dem Heroismus der Uvbarmacher im Sumpfgebietc. der Steinbrucharbeiter und Städtebauer, der schlecht genäht terr Lehrer, Krankerrpfleger, A-erzte in den Kolonien, de» Hausfrauen in Jerusalem »virken die Sorglosigkeit derer mi» dem lauten Lippenbekenntnis in der übrigen jüdischen Welt, die Ahnungslosigkeit der im Alltag gesichert ur»d vergnüglick Tahinlebenden entgegen. Dioser ungeheuerliche Gege»»fatz — nur die Flammenseele, das Flammemvort eines antiken hebräischen Propheten könnte ihn in feiner ganzen Schrecklichkeit enthülle» — ist die Gefahr, dre e-nzige Gefahr für Er"; Israel. . Juden in aller Welt, ihr »nüßi die Gefahr ersticken! Nn eurer Kirrder willen. An jener Küste, die jetzt meinen Blicken enffchwindet, wird das Schicksal der kommerrden Generationer entschieden, »vo immer sie wohnen werden. Der Weg in die jüdische Zukunft geht über MaftinA

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