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Wiener Morgenzeitung · 1926-01-23 · Heft 2485 (23.1.1926) · p. Seite 4

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Journal
Wiener Morgenzeitung
Volume
8 (1926)
Issue
Heft 2485 (23.1.1926)
Date
1926-01-23
Page
Seite 4 (sequence 4)
Language
German
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Es ist Zeit, daß das amerikanische Volk erkenne, daß sich 55 Nationen, die den Völkerbund bilden, koaliert haben, um gegen die Vereinigten Staaten Krieg zu führen, wenn Amerika versuchen sollte, zu den Waffen zu greisen, um seinen Rechten ohne Zustimmung des Völkerbundes Geltung zu verschaffen. Sie ßbert in de« Tod getrieben wurde. HeilLronn, 22. Jänner. Ter im Magdeburger Rothardt- Prozcß bekannt gewordene 31 Jahre alte Bürstenmacher Isidor Kreil aus Kallmünz wurde aus Grund eines Steckbriefes der Staatsanwaltschaft in Augsburg wegen A n- «r b i e t u n g z u m M e i n e i d von der Kriminalpolizei festgenommen und dem Gerichte übergeben. Berhandinngsschlub im Prozeß Marburg gegen Fritsch. Hamburg, 19. Jänner. (I. T. St.) Ter dritte Peryandlungstag war den Plaidoyers Vorbehalten, die der Vertreter von Fritsch, Ta:. Jakobsen, einleitete. J-m wesentlichen war seine Rede eine Wiedergabe antisemitischer Agitationsliteratur. Nach ihm sprach der Vertreter der Privatkläger, Rechtsanwalt Bartning. Fritsch, fasste er, hat sich 46 Jahre lang mit antisemitischer Propaganda beschäftigt und hat dabei ein staunenswertes Maß von Unkenntnis, besonders in Wirtschaftsdingen, an den Tag gelegt. Vielleicht stehen Jugendereignisse dahinter, die ein Gefühl der Minderwertigkeit erzeugt und einen Geltungstrieb dagegen aufgerufen haben. Dieser Geltungstrieb stellt sich dar als Haß gegen andere und Uebertreibung der eigenen Person. Die neue Methode des Antisemitismus seit dem Kriegsende besteht in Angriffen auf prominente Juden von untadeligem Lebenswandel. Die absolut reine Nasse ist ein Wahn. Wir Deutschen sind sicher keine reine Rasse, aber darin liegt unser Reichtum und unsere geistige Beweglichkeit. C h r i st e n u n d I u d e n s o l l e n einander ergänzen. Das ist die Politik des Hauses Marburg, das unter 330 Ange st eilten nur 50 Juden beschäftigt. Zum Schluß beantragte Bartning gegen Fritsch eine Gefängnisstrafe, wie sie in erster Instanz erkannt worden ist (drei Monate Gefängnis). Die Verhängung einer Geldstrafe würde von den Völkischen als Sieg gefeiert werden. Meinen beiden Klienten, sagte er, ist der Gedanke entsetzlich, daß ein alter Mann ins Gefängnis soll. Wir haben^ nichts gegen eine Bewährungsfrist. Meine Klienten würden als erste ein Gnadengesuch unterzeichnen. Tr. M e l i ch i o r erklärte: Schon der Reichskanzler C u n o hat den Sicherungsvertrag mit Frankreich geplant. Es ist das schließlich die Politik Deutschlands, die ine Unterschrift des Präsidenten Hindenburg trägt. bruck nn Leben und in den Reden der Propheten erhalten . „Denn sie können sich nicht über alle Ungerechtigkeiten mit dem Hinblick auf ein besseres Jenseits trösten. Gottes Gerechtigkeit und Herrlichkeit muß sich offenbaren in diesem Erdenleben, sie wissen es nicht anders. Wenn dies nicht geschieht, dann ist alle Religion falsch. Eine Relioion, die ein Ersatz wäre für die alle Menschrnoerhälinisse durchdringende, gestaltende und erneuernde Gerechtigkeit Gottes, anerkennen sie nicht — sie ist Götzendienst, nicht Dienst Gottes." „Das Alte Testament zeigt uns etwas Großes, was uns das Neue in dieser Arr nicht zei'gt: die Anfänge göttlichen Lebens in einem ganzen Volke mit seinem irdischen und geistigen Leben, während das Neue Testament in seinen sittlichen Anweisungen imnter nur die Taktik einer kleinen Herde berücksichtigt." „Nirgends werden so große Anforderungen an Gott von seiten der Menschen gestellt wie im Alten Testanient, und nirgends so große von Gott an die Menschen." .„Dieser mächtige Glaube des Alten Testaments bleibt selbstverständlich nicht an den Grenzen des eigenen Vaterlandes stehen, sondern erhebt sich zum Schaum eines in Gott geeinigten Völkerbundes. Es ist wieder der Zug .zum Ganzen, dem das Einzelne dienstbar ist. So wie die Männer, die Gott in früheren Zeiten erwählte, Vorläufer eines erwählten Volkes waren, so sollte wiederum dieses erwählte Volk der B o r l ä u f e r einer göttlichen Menschheit werden, eines neuen Reiches der Gerechtigkeit, der Liebe und des Verstehens, wo Gott sein wird alles in allem . . „Das ist der Glaube des Alten Testaments, eine Botschaft, der wir in unserem Innersten recht geben müssen." „Noch etwas drängt sich in diesen Zeiten mit Macht aus: mir scheu, daß es mit der bisherigen, auf privates Heil r i n g e st e! 11 e n Frömmigkeit nicht weitergeht. Wir müssen — die Not der Zeit verlangt es gebieterisch von uns — diejenigen Wahrheiten aus den Leuchter stellen, aus die alle Welt wartet, die allen Schwächen einer aufs Heil des einzelnen abzielenden Kirche ehe Ende machen." „Es ist der Glaube an eine neue Welt Gottes, rer uns hell aus dem Alien Testament entgegenstrahlt, der Glaube, in den wir wieder hineinwachien müssen, von dem wir leben können." Sigma, Der Beklagte Fritsch sagte: Ich bin in der Welt ein verfemter Mann gewesen. Totgeschwiegen hat man mich. Man inag mich verurteilen. Ich werde die Strafe aus mich nehmen. Ich kann es nicht anders erwarten, als daß nlan Leute, die mit ihren Erkenntnissen ihrer Zeit voran sind, verurteilt. Das ist immer so gelvesen. Ich erwarte also meine Verurteilung. Das Urteil wird am 25. Jänner verkündet werden. Inland. SMrnllion im Bndselanrschnt. Für die Wiedecherstellung des Anforderungsgesetzes. Gestern sollte im Finanzausschuß des Nationalrates die Ber längerung des BauaufwanvbegünstigungsgesetzeL beraten werden, demzufolge Erbauer von Wchnhäusern bis 76 Prozent des Bauaufwandes von der Bemessungsgrundlage der Einkommen- oder Erwerbsteuer in Abzug bringen können. Obgleich dieses Gesetz einen gewissen Ansporn für die Bautätigkeit bedeuten und daher zur Linderung der Wohnungsnot beitragen könnte, haben die Sozialdemokraten gestern seine Annahme durch Obstruk tionsrrden verhindert. Sie meldeten sich in großer Zahl zum Wort. Gestern sprachen vorerst drei Redner, Sever, Dr. Eisler und Frau Prost, die übereinstimmend erklärten, daß das Wohnungsanforderungsgesetz wieder hergestellt werden müsse. Dir Sozialdemokraten werden im Mietenausschuß verlangen, daß chr diesbezüglicher Antrag als erster in Verhandlung gezogen werde. Mit diesen Reden wurde die ganze Sitzung ausgeüllt. Tie nächste Sitzung des Finanzausschusses findet erst am Dienstag statt. Man erwartet, daß bis dahin der Bundeskanzler Tr. Ramek schon eine Antwort auf die 14 Fragen der Opposition erteilt haben wird, mit der sich diese zufrieden geben kann. Im Laufe der Aussprache mit den sozialdemokratischen Führern wird sich wchl auch die Möglichkeit bieten, die Einstellung der Obstruktion zum Budgetausschuß durchzusetzen. Gleichstellung der Alt. mit ven Beutzen stonisten. Gestern erschienen das Exekutivkomitee des Fünfundzwanziger-Ausfchusses und ein Vertreter der Pensionisten beim Bundeskanzler Tr. Ramek, um über die Durchführung der noch ausständigen Punkte der am 4. November v. I. getroffenen Vereinbarungen zu beraten. Zur Sprache kamen u. a. die Frage» des Prrsonalvertretungsgcsetzes, der bedingungsweise zugestanvenen Ergänzung der Notstanbsunterstützung auf 50 Prozent eines Monalsbezuges, der Besetzung frei gewordener Stellen, der Jnterkalare, der Altpensionisten sowie der Pragmatisierung der Vertragsangestellten. Alle diese Fragen wurden einer eingehenden Erörterung unterzogen. Der Bundeskanzler erklärte, darüber im Ministetral zu berichten, die erforderlichen Weisungen an die in Betracht kommenden Zentralstellen zu erteilen und sodann weitere Besprechungen mit der Beamtenschaft in die Wege zu leiten. Was die Frage der Pensionisten anlangt, kündigte der Bundeskanzler die eheste Aufnahme der bereits zugesagten grundsätzlichen Verhandlungen wegen der Ungleichung der Bezüge der Altpension: sten an die der N eu Pens ionisten an. Staatliche Bauten uns Bestellungen zur Bewmpiuug der Ardeitrlostgieit. Gemäß dem Ministerratsbeschluß über die Durchführung der öffentlichen Arbeiten zur Bekämpfung der Arbeitslosigkeit fand am Freitag eine interministerielle Besprechung im Ministerium für soziale Verwaltung § unter den: Vorsitze des Ministers Dr. Resch statt. Es wurde sestgestellt, daß im Laufe des Jahres 1926 Arbeiten und Lieferungen int Gesamtbeträge von 120 Millionkn Schilling zur Ausführung gelangen. Als Grundsatz gilt, daß diese Arbeiten in der Zeit der größten Arbeitslosigkeit durchgesührt werden sollen, insoferne nicht zwingende technische Gründe entgegenstchen. Die detaillierten Projekte werden in den nächsten Tagen dem Ministerium für soziale Verwaltung übermittelt werden, welches insbesondere dafür Sorge tragen wird, daß die Arbeiten in den Zentren der Arbeitslosigkeit besonders berücksichtigt werden. Kurze Nachrichten. Die! k a l i e n i s ch e Kammer hat den Gesetzerrtw'urs, der die Billigung des Locarno-Vertrages aussprlcht, angenommen. Die römische ,Iribuna" meldet aus London, daß das italienisch-englische Sch uldenabkommen unmittelbar vor dem Abschluß stche.^ Die Einigung scheine in der heutigen "uff mih Unterredung zwischen Churchill und Volpi erreicht worben zu sein. Die Bank von England hat um 10.000 Pfund Gold in Barren angekauft. Ter R e i ch s p rä s i d e n i hat den Regierungspräsidenten in Münster, Dr. H a s l t n b e, zum Reichsminister für Ernährung und Landwirtschaft ernannt. Das Genfer Institut Jean Jacques Rousseau ergriff die Initiative zur Gründung eines internationalen @tziehuugsbureaus und ernannte «ine Kommission zum Studium der Aussührungsmöglichkeiten dieses Projektes. Der D t u d e n t e u ft r e i k au der Agvamer Universität bauert an. Einige Professoren nahmen eine Resolution an, in der sie ebenfalls gegen die vom Unterrichtsminister Radic verfügten Pensionierungen protestieren. In Crajova (Rumänien) ist ein Warenhaus ein« iestürzt. Fünf Personen wurden als Leichen georgen, mehrere andere wurden verletzt. ßWerbet Abonnenten für die ß!„Wiener Morgenzeitung" 1 .iS. «186 ns Tagesbericht. zionistischer Landerkomttee für Lesterrrich. In der Zeit von morgen N* 24, v. biß 7. Februar findet in allen Bezirken Wiens — mit Ausnahme der Bezirke Leopold» stadt und Prater, wo gegenwärtig der Kereri-Hajessod-Drivt abgehalten wird der Orga nisationSdrive statt. Das erste Meeting findet morgen Sonntag den 24. d. um halb 11 Uhr vormittags im Helmatkiuo, S. Bez., Porzellan« gafft 17, statt. Referent: Oberrabbrner Dr. H. P. ChajeS. Thema: „Was ist PoUttk?" Ser »ionistifche Vortragrzyklnr. DaS Zionistische Landeskomitee für Oesterreich teilt mlk, daß die Abonnementskarten, die bereits vorgemerkt wurden, bis Mittwoch den 27. d. im Sekretariat des Landeskomitees, 1. Bez., Kärntnerftraße 28, abzuholen find. Es ist noch eine Anzahl von Abonnementskarten frei, die von Interessenten im Landeskomitee abgeholt werden können. Telephonische Anmeldungen werden nicht entgegengerwmmen. Nur die Besitzer der Abonnementskarten können am Vortragszyklus teilnehmen, Einzelkarten werden nicht ausgegeben. Der nächste Vortrag des Herrn Oberbaurat Stricker über „Zionismus in der Weltpolitik" findet am Donnerstag den 28. d. um halb 8 Uhr abends statt. Nach Beginn de§ Vortrages ist lein Einlaß. Sloftrin in der «efellschait Frankreich- Palststina. Paris, 20. Jänner. (I. T. A.) Professor Albert Einstein wurde heute von der französischen Gesellschaft Frankreich-Palästina, der bekanntlich der Premierminister Painleve und andere führende Staatsmänner und Politiker angchören und dessen Vorsitzender der frühere Minister Godart ist, empfangen. Anwesend waren unter anderem der Rektor der Sorbonne Prof. Lapie, Prof. Brunshwig, Prof. Charles Gide und der Sozialistenführer Leon Blum. Einstein hielt einen Vortrag über den gegenwärtigen Stand, die Bedürfnisse und das Funktionieren der Jerusalemer Universität. Die genauen Angaben,' die Einstein machte, waren dem Verein wertvoll, da dieser ein Komitee bestimmen will, welches Hilfsmittel für die Universität, die Bibliothek und andere Institutionen in Jerusalem bei den französischen Intellektuellen sammeln will. Die jüdische Nationalbibliothek. Eine italienische Stiftung. Aus Jerusalem wird un8 geschrieben: Soeben ist auf Initiative von Herrn Professor Silvio Magrini in Ferera eine Stiftung ins Leben gerufen worden, deren Zweck die systematische Sammlung aller Arbeiten auf dem Gebiete der Geschichte des italienischen Judentums für die judaistische Abteilung der Jerusalemer Universitätsbibliothek ist. Die Stiftung wird sammeln: 1. Bücher aus dem Gebiete der Geschichte der Juden Italiens. 2. Bücher italienischer Autoren auf dem Gebiete allgemein judaist sicher Untersuchungen. 3. Bücher, die keine Beziehung zum Judentum haben, jedoch von jüdischen Autoren geschrieben wurden. Die Stiftung beabsichtigt, in systematischer Weise vorzugehen, indem fiir jeden Teil Italiens ein besonderer Vertrauensmann bestimmt wird. Dieser Vertrauensmann soll auch Berichte sammeln über Urkunden zur Geschichte des Judentums, die sich in seinem Bezirk befinden. Die Aktion soll nicht nur der Jerusalemer Bibliothek, sondern auch der Erforschung der Geschichte des italienischen Judentums im allgemeinen zugute kommen. Der Leitung der Stiftung gehören an: Professor Dante Lattes als Vertreter der Jerusalemer Bibliothek, Professor Umberto Cassuto, Florenz, und Professor Silvio Magrini, Ferera. Ein deutscher Historiker an der Jerusalesner Universität. Jerusalem, 20. Jänner. (I. T. A.) Der hervorragende deutsche Historiker, Professor an der Berliner Universität Dr. Eduard Mayer, hielt gestern an der hebräischen Universität zu Jerusalem eine Vorlesung über die Legenden und die Anfänge der Geschichte des Volker Israel. Zahlreiche christliche'Gelehrte sowie Professoren und Studenten der Universität, ferner der deutsche Konsul, wohnten der Vorlesung bei. Dr. Josef Klausner gab eW hebräische Uebersetzung des VortrageS. Prof. Mayer war vor einigen Jahren Rektor der Berliner Universität. Sin Meeting der jüdischen Studentenschaft. Am SS. Jänner. Der Gesamtverband jüdischer Hochfchüler Oesterreich- „Judaea", der Seniorenkonvent wehrhafter zionistischakademischer Verbindungen zu Wien und der Akademische Landesverband veranstalten' am Montag den 25, Jänner, 7 Uhr abends, in den Olympiasälen, 1. Bezirk, Rotgasse, ein Massenmeeting, z« dem alle jüdischen Bürger sowie alle jüdischen Hochschüler Wiens elngeladen werden. Gemeinderat Dr. Plaschkes wird über die „Jüdische Presse", Rechtsanwalt Dr. Israel Waldmann über die „Minoritätenrechte i« Friede n s v e r 1 r a g" reserieren.

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