Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 8 (1926)
- Issue
- Heft 2485 (23.1.1926)
- Date
- 1926-01-23
- Page
- Seite 2 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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' w»~»_' wnw,'$mm " '_ MüMWNE' ZIONISTISCHES LAN0SSKOMITEE l«ÜR ÖSTERREICH Morgen, Sonntag, halb 11 Uhr vormittag» Heimat*Kino, Wien, IX. Porzcllangaue 19 Vortrag Oberrabbiner Prof. Dr. Chajes ff Was ist Politik? Szene erregte unter den Neugierigen in der Markogasse großes Aussehen. Dr. Benefch über dke Fälschungerr. Prag, 22. Jänner. (Tel.-Komp.) In einer heute nruer dem Vorsitz des Ministerpräsidenten Svehla abgehaltenen Sitzung des 24er-Ausschusses der koalierten Parteien gab der Ministerpräsident und Minister des Aeußern Dr. Benes ch eine ausführliche Darstellung über die Frankenfälschungsaffäre. Minister Tr. Be ne sch legte in zweistündiger Rede die Entwicklung der Angelegenheit dar. Er schilderte, wie die Fälschungen ins Werk gesetzt wurden und wer an ihnell beteiligt war'. Eine Debatte hat nicht stattgesunden. Hat Bethlen die FAscheraffSre schon früher gekannt? Ein mysteriöser Brief. Der „Abend" hatte am Donnerstag mitgeteilk, daß die Ungarische Opposition und speziell Vazsonyi in Kenntnis eines Brieses des Grafen Bethlen an den Baron Siegmund Perenyi sei, in welchem der Ministerpräsident anfangs Dezember 1925, also vor seiner Reise zur Bölkerbundtagung nach Genf, das folgende geschrieben habe:, „Ich erhielt von einer bevorstehenden französischen F r a n k e n a k t i o n Kenntnis. Im Interesse meiner Verhandlungen in Genf sowie aus allgemeinem außenpolitischem Interesse ersuche ich dich, um vorläufige Aufschiebung dieser Aktion." Dieser Brief soll bei einer Hausdurchsuchung in dem erwachenden „Nationalverband" gefunden und dem Strasakt beigeschlossen worden sein. Tie ungarische Regierung versandte eine Erklärung, in welcher ein Dementi versucht wird. Doch wird die Existenz des Briefes nicht direkt bestritten. Tie Erklärung enthält die 'olgende merkwürdige Stelle: „Graf Bethlen hat, als er von dritter Seite eine Andeutung über die ganz unwahrscheinlich klingende Angelegenheit erhielt, in demselben Augenblick die Verfügung getroffen, daß die Affäre unverzüglich aufgeklärt werde." Dies würde eine Bestätigung der Meldung bedeuten, daß Graf Bethlen in dem sehr bedeutungsvollen Zeitpunkt vor seiner Abreise von der Sache Kenntnis hatte. Dies wäre weiter eine Bestätigung dafür, daß das gesamte offizielle Ungarn in die Affäre verstrickt ist. Es wird immer verständlicher, weshalb die Polizei des Grafen Bethlen die französischen Beamten nicht arbeiten lassen will. Flamin-Kiß! Budapest, 22. Jänner. Tie Kecskemeter Ortsgruppe des 'landwirtschaftlichen Vereins D o r f b u n d hat in ihrer gestrigen Generalrersammlung den bekannten Rassenschützler Michael Francia-Kiß zum Vizepräsidenten gewählt. Tie liberalen Blätter erheben deshalb gegen den Präsidenten des Dorfbundes, Staatssekretär Sandor, lebhafte Angriffe und erklären, daß Francia-Kiß zahlreiche, während der Gegenrevolution begangene Morde auf dem Gewissen habe, die bloß wegen der Amnestie ungeahndet geblieben seien. Nicht rveniger als 60 Mordtaten sind ihm nachgewiesen worden. Außer Francia-Kiß wurde noch Paul Hejjas, der Vater des berüchtigten Iwan Hejjas, in den Vorstand gewählt. An der Veranstaltung nahmen der Vizepräsident der Nationalversammlung und jetzige Vorsitzende 3 * * parlamentarischen Untersuchung skommission, Tibor Zsitvah, sowie der Staatssekretär im Ackerbauministerium, Dr. Karl S ch a n d l, teil. KoBiadiiraiM 14 Der litauische Regierungsantisemitismus. Sohmo, 22. Jänner. Q. T. A.) U-b-rall in Litauen kvehren sich die bisher autonom gewesenen jüdischen Gemeinden gegen den ihnen durch das neue Gem e i n d e g e s e tz bereiteten Untergang. Ter Vorstand der K o w n o e r jüdischen Gemeinde hielt heute seine letzte Sitzung ab und faßte nach einer bewegten Debatte die folgende Resolution: Ter Rat der Gemeinde beschließt: 1. Bis es möglich sein wird, eine neue Gemeinde auf Grund demokratischer Wahlen zu schaffen, verbleibt bii jetzige Gemeindevertretung als die einzige von der ganzen Kownoer jüdischen Bevölkerung gewählte Repräsentanz in ihren Rechten. 2. Sollte die jetzige Gemeindevertretung zur Liquidation gezwungen werden, so wird die gesamte Kownoer jüdische Bevölkerung sich als sozialer Hilfsverein „Esra" konstituieren. 3. Tie sogenannte „religiöse Gemeinde" wird nur a l s private Gesellschaft anerkannt; sie darf nicht den Platz der demokratischeil und nationalen Gemeittde einnehmen. Zer Pogrom-Sumpf. y. Wien, 23. Jänner. Die Affäre der Geldfälscher geht weiter. Sie wird bereits tatsächlich zu einer ungarischen Affäre und kann nicht mehr in den Schranken gel-alten werden, die ihr der sonst so gewandte Graf Bethlen ziehen wollte. Er hat im ersten Stadium jedes Einschreiten unterlassen. Ein Besuch des französischen Gesandten zwang ihn, die Polizei und Staatsanwaltschaft in Bewegung zu setzen. Wo divsr zu versagen trachteten, halfen die ans Paris erschienenen Beamten nach, die dem Bndapester Diktat nicht unterstehen und die alle Berufsrührigkeit errtwickelten, weil ja der Fall keinen Mord, sondern das weit wichtigere Geld betraf. Es folgten die sensationellen Enthüllungen über die Häupter der Bande und parallel damit lief nur das Streben der Regierung, den Brand zu lokalisieren. In der Nationalversammlung drohte Bethlen mit der Ehre der Nation, deutlicher ausgedrückt, mit denen, die diese Ehre oder das, was sie darunter verstehen, in ihrer Art verteidigen würden. Die Nationalversammlung ist die Versammlung, die auf Grund des Bethlenschen Oktrois urrd unter der sachkundigen Wählleitung des Gömbös zustande gekommen ist. Die legitimistische Opposition dachte an das Schicksal Beniczkys, die sozialistische Opposition an ihren Pakt mit Bethlen (vielleicht auch an Somogyi) und sie nahm die Maulkorb-Kommission an. In diese Kommission entsendet die Regierung den Gömbös und den aus bem Stadthaus hinausgejagten Wolff von Wolfenau. Die Polizei erklärt die Untersuchung für abgeschlossen. Die französischen Beamten aber bleiben in Budapest. Sie sollen sich packen, hat ihnen Bethlen in seiner großen Rede gesagt. Aber sie gehen nicht. Sie verlangen, an den Verhören der Verhafteten teilnehmen zu können und ihnen bestimmte Fragen vorzulegen. Sie behaupten, daß sich in ihrem Dossier Namen von noch höheren Personen befinden, die vorzuladen wären. Zwischen ihnen und den Polizeigewaltigen ist ein scharfer Konflikt ausgebrochen. Weshalb wird das Verlangen der Pariser abgelehnt? Ihre Gegenwart bei den Verhören verstößt doch nicht gegen die Unabhängigkeit Ungarns. Ungarn hat doch im Juli 1914 das gleiche von Serbien verlangt. Aber es sind höhere Personen, und jetzt muß, so will es die rassenschützlerische Argumentation, ein Riegel vorgeschoben werden. Zugleich rückt Gömbös in der Turiner „Stampa" mit einem Interview aus, in dem er das Lied vom Judenpogroni laut und deutlich singt. Was geht da in Ungarn vor und was wird geplant? Aber die Affäre geht noch weiter. Der „Bilag", der für eine Woche gemaßregelt war, ist wieder erschienen und er schreibt einen Artikel über das geheimnisvolle Thema von den Briefen, die nicht vom Himmel fallen. Es wird Plötzlich erzählt, daß der Ministerpräsident einen Brief geschrieben habe, der sich bei dem Strafakt des verhafteten Pogromistcn Szitovsky befinden soll. Dieser Brief soll nick/t nnhr und nichl weniger beweisen, als daß Graf Bethlen die Affäre schon im Dezember gekannt hat, noch ehe die drei Reisenden im Haag verhaftet waren. Graf Bethlen läßt nun antworten. Nicht etwa, daß der Brief nicht existiert. Nein, sondern, daß er damals tatsächlich von der Sache gewußt habe, aber ihre sofortige Aufklärung verlangte. Was weiter veranlaßt wurde, ist unbekannt. Ist der Brief vorhanden oder nicht? Ist er gefälscht oder nicht? Worin bestand die Aufklärung und wie ist der Auftrag des Ministerpräsidenten erfüllt worden? Graf Bethlen reiste damals nach Genf zur Völkcrbundtagung. Mit ihm fuhr Klebelsberg. Beide führten in der Schweiz das Singspiel von dem finanziell konsolidierten Ungarn auf, das so sehr verleumdet werde. Klebelsberg verteidigte den Numerus clausus, der beileibe keine autijüdische, sondern nur eine soziale Maßregel sei. (Die Budapester neologe Demokratie tvirkte am Zymbal mit.) Als sie heimkamen, mit dem strengen Auftrag des Völkerbundes in der Tasche, war Bethlen zunächst krank und Klebelsberg leugnete vor der Nationalversammlung alles schlank ab. Dann schrieb er sein Lob der Diktatur. Und dann kam Haag. Ist nun, nach dieser Vriefgeschichte (die sich ähnlich im Jahre 1917 in, Oesterreich zugetragen hat), eine Lokalisierung der Affäre noch möglich? Die konservativen Londoner „Times" fanden gestern noch den Widerstand gegen die Pariser Organe erklärlich. Wird sie das morgen noch tun können? Vielleicht. Auch in England hat man Erfahrung in Briefen und Mae Donald stürzte über ein solches Konvert. Konservative neigen zur Solidarität. Sci's drum. Für diejenigen aber, die es nicht sind und die in den Budapefter Vorgängen ein neues Stadium des Kampfes um die Wahrheit erblicken, bleibt es Tatsache, daß der Kurs des niederträchtigsten Schwindels, das System des organisierten Judenpogroms, das Regime der Diktatur demaskiert wurde und daß sich eine Jauchensumpf von ungeahnten Dimensionen abzuzeichnen beginnt. ." «f. tm Von Anitta Müller-Loh««. Die Bedeutung eines Volkes liegt nicht nur in seiner Masis, sie liegt in seiner Tiefe, in seiner geistigen und seelischen Regsamkeit. Die große Aufgabe des Führers ist cs, in diese Tiefe z« greifen, die starken Impulse auszufinden, sie zn ordnen und zu leiten und den großen Anfgabcn der Gesamtheit dienstbar zu machen. Darum mutz ein Führer nicht nur ein Mann von großer Begabung sein, sondern auch ein edler und gütiger Mensch, den die Masse des Volkes und in ihm jeden einzelnen liebt und aut dieser Liebe heraus versteht. Führer sein heißt, dem Volke dienen. Ich möchte heute von einem Manne sprechen, der dieses hohe Führcrideal voll und ganz verkörpert — von Stephen Wife. Ich lernte Stephen Wife am letzten zionistischen Kongreß in Wien kennen. Ta ereignete sich etwas Merkwürdiges: Irr offener Sitzung wurde der Vorsitz plötzlich einem Manne zugewiesen, der ganz gegen alle Regeln und Gepflogenheiten mit einer warmen Lobrede begrüßt wurde. Es herrschte eine schwüle Gewitterstimmung beim Kongreß selbst. Schwere und bedeutende Fragen waren noch zu losen, und doch fand man, sehr zur Verwunderung der wenigen eingeweihten Zuhörer, Zeit und Lust, dem neuen Vorsitzenden mit herzlichen Worten zu huldigen. Als aber dieser Mann — es war Dr. Stephen Wife — zu sprechen begann, da fanden alle einmütig, daß Motzkin recht getan hatte. Er führte in seiner Red oaus, daß er als Amerikaner auf die antisemitischen Umtriebe, welche gerade in dieser Zeit Wien unsicher machten, nur eine Antwort habe: „Wenn tvir Inden die Pforten unserer Universität in Palästina öffnen werden, dann werden sie offen stehen für die Völker der ganzen Welt. Wir werden der ganzen Welt beweisen, daß wir Gastfreundschaft und Toleranz zu üben wissen." Er hatte so sehr das ausgesprochen, was wir in diesen Tagen alle empfanden, mit wenigen klaren, plastischen Worten ausgesprochen, daß wir alle das Gefühl hatten, dieser Mann verstehe es, im Herzen der Menschen zu lesen und die Gefühle der stummen Menge in Worte zu kleiden. Wenige Tage später lernte ich Stephen Wise persönlich kennen. Führer im öffentlichen Leben sind selten Menschen, die auch im Privatverkehr bezaubernd sind. Man hat ihnen gegenüber immer das Empfinden, als brauchten sie die Folie der großen Massen, damit sich ihre Person wirkungsvoll abheben könne. Ganz anders bei Stephen Wise. Man tritt ihm gegenüber und fühlt, daß er ein Großer ist, aber einer, der nicht nur Geist, sondern auch Herz verkörpert. Nicht ein großer Führer allem, auch ein großer Mensch. Im Verlaufe meiner amerikanischen Wochen hatte ich oft und oft Gelegenheit, ihn zu sehen, zu hören und im zwanglosen Verkehr mit ihm beisammen zu sein. Bei Banketten und Versammlungen oder auch zn Hause in seinem schönen Heim, an der -Seite einer wirklich klugen, vornehmen, gütigen Frau. Ich cklS Frau weiß wohl, wie sehr die Arbeitskraft eines Mannes davon abhängig ist, wie sein Haus geführt wird, wie ftir sein körperliches und seelisches Wohlbehagen gesorgt ist. Stephen Wise hat in seiner Gattin eine tvunderbar verständnisvolle, treusorgende Gefährtin, deren Walten sicherlich dazu beiträgt, seine Arbeitskraft nicht nur zu verdoppeln, sondern zu verzehnfachen. Sein Heim ist ihm eine Stätte des tiefen Wohlbehagens, des Ausruhens und des Glückes. Gleich ihm ist seine Frau, eine bedeutende Malerin, unermüdlich im Dienste der Allgemeinheit tätig. Es fällt mir schwer, zu entscheiden, welcher von beiden der liebenswertere sei: Stephen Wise, der große Führer der Juden, dem die Menge in aufrichtiger Liebe zujubelt, den sie wirklich auf Händen trägt, oder Stephen Wise, wie er sich innerhalb der Wände seines Heims zeigt, der stille, gütige, einfache, überlegene Denker. „Unser Stephen," so nennt man ihn in Amerika. Auch dort gilt cs als höchstes Zeichen der Popularität, wenn man einen Namen nennt, ohne Titel und Bezeichnung hinzuzufügen. Es M wohl viele Tausende Stephen in Amerika. Aber nur einen, den die Liebe des Volkes den ihren nennt, dessen Name Ehrentitel an sich ist, der schönste Ehrentitel, den man einem Führer geben kann. Wir besuchten eine befreundete Familie auf ihrem Landsitze bei New-Aork und fragten den jüngsten der Buben nach seinem Namen. „Ich heiße Stephen Wise," antwortete er und fügte stolz hinzu: „Ich hoffe auch so groß zu werden wie der, nach dem ich genannt bin." Damit meinte er nicht die Körperlänge, er meinte die geistige und sittliche Größe dieses Mannes, dessen Namen ihm die Eltern gegeben hatten, wie eine Segnung für das Loben. Ich hörte ihn in der Sonntagsschule zu Kindern sprechen und dann wieder in einer Versammlung in der Carnegie Hall, die mehr als 4000 Menschen faßt. Wo immer er hinkam, zn den Kleinen oder zu den Großen, immer erwartete und empfing nian ihn mit Liebe und mit Freude. Stephen Wise ist Jude. Ist es voll und ganz. Er wurzelt im Judentum und im jüdischen Volke, und er weiß, daß seine Kraft, sein Geist, sein Wissen und sein Können jüdisch und nur jüdisch ist. Das ließ auch ihn, den Vielgefeierten, Vielgelobten, Bielumworbenen, das schwere Amt eines Führers seines Volkes auf sich nehmen und den dornigen Pfad gehxn, den solche Führerschaft fast immer geht. Stephen Wise ist Demokrat und versteht es, daß die Zukunft des jüdischen Volkes in der Erziehung der Massen zu den großen Problenren und Aufgaben der Judenheit liegt. Er führt einen großen, unerbittlichen Kampf gegen alles, was undomokvatisch und unjüdisch ist. Er ist der Typus des Amerikaners, der so froh, so stolz und selbstbewußt gegen seine Gegner zieht. Und Stephen Wise sieht seine Gegner in allen jenen, welche ihre Pflicht gegen Erez Israel nicht erfüllen. Er ist ein Führer, dessen Führerschaft man nicht als hartes, unwillig getragenes Joch empfindet. Er ist ein Führer, dem das Volk in Liebe anhängt und den die Liebe des Volkes trägt. Wundervoll ist es, Stephen Wise au der Arbeit zu sel)en. Ich kann mir ihn eigentlich gar nicht anders als arbeitend denken. Auch sein Feiern, auch sein Ausrnhen sind noch Arbeit. Seine kunstsinnige, feinfühlende Gattin hat mitgoholfen, die Stätte seiner Tätigkeit, die Synagoge und das jüdische Seminar, in der verständnisvollsten Weise auszuschmücken, so daß sich die harmonische Umgebung jetzt wundervoll dem harmonischen Menschen ay-