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Wiener Morgenzeitung · 1926-01-20 · Heft 2482 (20.1.1926) · p. Seite 3

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Journal
Wiener Morgenzeitung
Volume
8 (1926)
Issue
Heft 2482 (20.1.1926)
Date
1926-01-20
Page
Seite 3 (sequence 3)
Language
German
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' Nr. ZM Men, Mittwoch Sine Hilfsaktion für die Sude« in Polen. Entsendung einer Delegation nach Amerika» (Kiflenbtenft der „Wiener Morgenzeitung".) Warschau, S. Jänner. Der jüdische SejmNnb hat beschlossen, eine Delegation nach Amerika zu entsenden, um dort eine großzügige Hilfsaktion für das polnische Judentum zn organisiere». Der Zeitpunkt der Abreise dieser Delegation steht noch nicht fest. Me erite Ara« ln der Vertrrlerversammlung der Breslauer jüdischen Gemeiner. Die Zionistin Dr. Else Fuchs«Hes. (Eigendienst der „Wiener Morgenzeitung") Breslan, 18. Jänner. Für den 7. d. war in der Bres- Lrner Gemeinde die erste VertreLer-(Repräsentanten-)Bcrsammluilg nach dem neuen Wah lrecht, das die Frauen einschließt, vorgesehen. Da aber nur eine Vorschlagsliste zur vvrgcschriebenen Zeit ernliief, entfällt die Wahl und die Vorgeschlagenen gelten als gewählt. Die Liste entstand durch eine auf Basis des Ergebnisses zur preußischen Lcmdesverbandslvcchl unter den damals bei der Wahl beteiligten Parteien abgeschlossenen B e r c i n b a r u n g. Tie enthält 13 Liberale, 4 Z i o n i st e n, 3 Konservative und einen Agudistcn als Gemeindevertreter unv die doppelte Zahl als Stellvertreter für diese. Die gewählten Zionisten sinv: Dr. Hugo Schachtel, Rechtsanwalt Max I a c o b s o h n, Dr. Israel Rubin und Frau Dr. Else F u ch s -- H e s, von denen die beiden ersteren schon bisher der Repräsentanz augehörten. Da angenommen wird, daß von Liesen zwei in den Gerneindevorstanv gewählt werden, werden die beiden ersten Stellvertreter, Negierungsrat Dr. M a s c u 8 und Dr. William' B o ß, wohl bald in die Reihe der Gememdevertreier einrücken. B.ebäuerlich ist, daß das o st j ü d i s ch e Elern ent in der. ganzen Liste nur einen Vertreter a n f w e i st. Doch konnten sich die verschiedenen Gruppen, in die *>Ü8 Breslauer Juden zerfallen, auf keinen geeigneten zionistischen Kandidaten einigen.. Ein jüdischer Spfer der Fememörder. Breslau, 18. Jänner. (I. T. A.) In den Tage» des Kapp-Putsches wurde in Breslan der sozialdemokratische Redakteur Bernhard Schott laendcr ein Opfer der Zeitfreiwilligen. Tchottlaender, ein ruhiger 'und von seinen Idealen durchdrungener, geistig sehr hochstehender junger Men'ch, war am Abend des 14..März 1920 zusammen mit Paul Loebe, dem jetzigen Reichstagspräsidentcn, zu einer Besprechung ins Genera kommando geladen, kehrre aber von dieser Besprechung nicht mehr zurück und war seitdem spurlos verschwunden. Erst nach Monaden wurde außerhalb Breslaus seine furchtbar zngerichtete Leiche, entdeckt. Sein Mörder konnte nicht ermittelt werden. ' Nunmehr teilt das sozialdemokratische Organ Schlesiens „Die Volksmacht" mit, daß es gelungen ist, den Mörder Bernhard Schottlaenders festzustellen. Es ist der ehemalige Ulanenoffizier b. Pan n lu i tz aus Bodzanowitz. Pannwitz lebt unter dem Namen v/Bargen. Pannwitz ist auch in andere Fememorde verwickelt. Bisher gelang es nicht, ihn dingfest zu machen. Jemen ti. Die Oeffentlichkeit hat ein starkes Interesse an den Vorgängen und Geschehnissen, die sich auf der breiten Welt ereignen. Die Presse mit ihren weltumfassenden Berichten kommt diesem Interesse entgegen. Ter Berichterstatter registriert alle Neuigkeiten, die sich auf dem Gebiete der Politik, Wirtschaft oder des gesellschaftlichen Lebens überhaupt ereignen. Er beleuchtet sie mit kritischem Licht. Er weiß sich in dieser Tätigkeit ein Teil der Oeffentlichkeit, die. dasselbe tut, indem sie zu den Ereignissen Stellung nimmt. Die Leser wollen d's Geschehene genau erfahren und forschen nach Ursache und Zweck! Der Berichterstatter ist also in dieser $ät;gfeh dem lesenden Publikum einige Stunden vor im Erfahren und.Forschen. Und unterläßt er cs manchmal, tut es die Oeffentlichkeit allein, unbekümmert um diese Unterlassung. Mitunter sogar sucht die Oeffentlichkeit nicht nur zwischen den Zeilen, sondern liest aus Folie der gedruckten Meldung die nichtgedruckte, die immer wesentlich anders klingt als die mitgeisilte. Tie Oefseutlichk-eit (die kritisch bcitfcnbe'— nur diese kommt in Betracht), wird zum eigenen Reporter. Eingedenk des Erfahrungssatzes, daß Worte nicht immer der Mitteilung der Wahrheit dienen, mitunter geradezu die Wahrheit zu verschleiern suchen — werden die, Nachrichten kritisch bestrahlt, ergänzt, rekonstruiert. Hier wirkt nicht nur menschliche Neugierde, auch die Einsicht, daß sich hinter den Geschehnissen jene Kräfte sammeln, die uns ms einmal überraschen.oder gar überrumpeln können. Und Wissen, wenn es auch nichts immer Mach: ist, kann zur Macht werden! Es werden aber immer Gründe vorgeschützt, um die Begebenheiten entsprechend frisiert -der Oeffentlichkeit zukommen zu lassen. So tun es zum Beispiel die Politiker, die urls glauben mache« wollen, daß die Wahrhaft schanchaft ist, daß sie nnverhüllt der Oeffentlichkeit nicht erscheinen darf . . . Sie legen sich zu diesem Zweck eine besondere Sprache zurecht und in dieser fuuCcu sie den lauschende» Menschen ihre Mitteilungen. Aber das nützt nicht viel. Man ist 'ourch das Sl-chtbaü gewitzigt. Diese Oeffentlichkeit erfühlt den wahren Kern der Begebenheiten! Da Hilst nichts! Auf einmal ist alles bekannt!' Erinnern . Sie-sich an den Flug Eckeners auf dem R. 3 nach Amerika? Es durste kein Journalist (eö hieß, im Interesse des Mlenev LÖWEN FRANZBRANNTWEIN mit Menthol ist durch die Zusammenstellung une?reichbar. Die Wirkung in allen Fällen unschätzbar. Bei Gicht, Rheuma, Giiedencissen, Kreuz-, RuckenKopf- oder Zahnschmerzen und bei vielen anderen Unpässlichkeiten hilft er sofort, ln Originalflaschen überall erhältlich Alexander Kalmär,Wien,ll. Nordbahnhof Schutzmarke Gesetzt, gesch. Erzeuger: Me ziouiftelitonserenr in Montreal. Montreal, 17. Jänner. (I. T. A.) Die Konferenz der Zionisüschen Organisation Kanadas hat nach einem Referat Sokolows 50.000 Dollar für den Keren Hajefsod aufgebracht. A. Fr e im an, Ottawa, wurde zum Präsidenten wiedergewählt. In den Resolutionen wird die Exekutive aufgefordert, die Verwirklichung von Artikel 6 des Mandats betreffend Uebergabe von Staatsland an Juden zu fordern. Die kanadischen Juden tverden ausgefc-rdert, sich mit der Bildung einer kanadischen Abteilung der Jewish Agency zu befassen. Mrs. Freiman wurde zur Präsidentin der Hadassah wiedergewählt. In seinem Schlußwort sagte Sokolow, Jerusalem wird einst die Stadt des Völkerbundes werden. England und ln Angara. London, 19. Jänner. (Tel.-Komp.) Die Reise des englischen Botschafters nach Angora hat sich bis jetzt verzögert. Der diplomatische Berichterstatter des „Daily Telegraph" sieht als Grund dafür an, daß Schwierigkeiten in der Un'.erbringungsmö-glichkeit bestehen, läßt aber durchblicken, daß auch politische Gesichtspunkte eine Rolle spielen. Der russische Botschafter bei der Pforte ist von Moskau in Konstantinopel eingetroffen. Er begibt sich nach Angora, um, wie erklärt wird, den Plänen der Engländer zuvorzukommen. Er wolle die englischtürkischen Verhandlungen zu Fall bringen und insbesondere verhindern, daß England in der Türkei in wirtschaftlicher Beziehung Fuß fasse. Re Konferenz der kleinen Entente. Belgrad, 19. Jänner. (Avala.) Die Konferenz der Außenminister der kleinen Entente wird in Veldes am 20. Februar stattfinden. Fluges, lies: des Geheimnisses der Konstruktion) die Reise mit» machen! Die Halle, welche das zur Ausfahrt bereits Schiff beherbergte, war von ungewöhnlich starken Scheinwerfern beleuchtet, um das Hineinschlüpfen eines ungebetenen Gastes zn verhindern. Wächter hüteten strenge alle Zugänge, und trotzdem brachte ein Reporter sein Gepäck in das Lu tschiff! Sehen Sie — der Reporter bringt oft trotz Verwahrung und offizieller Beleuchtung sein Gepäck dort hinein, wo man es ihm fast unmöglich macht. Und w.'s geschieht in so einem Falle? Das Merkwürdige, daß diejenigen, die eigentlich authentisch das winzige Gepäck — das Quentchen Wahrheit — zu bestätigen imstande wären, ein Dementi funken! „Es sm nicht wahr . . .!" usw. in unzähligen Wortspielen ähnlichen Sinnes. ' Wenn zum Beispiel Chamberlain seine politischen Ldrgeln zu werfen beginnt und, wie unlängst, mit Duce Mussolini zusammengetroffen ist — registrierte die öffentliche Meinung, daß die beiden Diplomaten sich angeregt (lieber Setzer, cs karrn auch ,/mfgeregt heißen") beim Türkischen unterhalten haben! Chamberlain funkte: „Es entbehre jeder Grundlage .. .* Das ist ein Dementi, wcs so viel bedeuten soll wie Widerruf. Der berühmt gewordene Sixtus-Brief wurde ehrenwörtlich dementiert! Horthy dementierte entschieden jedwede Meldung über den weißen Terror! . . . Grabski dementierte die Meldungen, daß er sich um eine Anleihe bemühe! . . . usw. Wer glaubt so einem Dementi? Nein, so ein Dementi bestärkt gewöhnlich die Oeffentlichkeit in -hrer Vermutung deL Gegenteils und der Lauf der Dinge gibt der Wahrheit die Ehre! Und die Wahrheit hat das Bestrickende für sich, daß sie nicht dementiert werden kann! Also, das Tenrenti ist ober: nicht immer Widerruf, sondern oft Bestätigung. Und mag es noch so entschieden lauten: „So ist es!" tut» Echo der Oeffentlichkeit lauten „Ist es so!?" Hier einige köstliche Dementis, die fast klassisches Format haben: Wer glaubt nicht, daß des berühmte: „Leinberg noch in unserem Besitz" alle Kriegsberichte des Generalstades und der Alice Schale? überdauern wird!? Kein anderer Bericht wäre inlstanoe , gewesen, uns anno drzumat unsere Lage besser vor Augen zu - m Jänner tm SM» Luthers neuer Kabinett. Auf Intervention Hindenbnrgs zustande gekommen. cEigendienst der „Wiener Morgenzcitüng") Berlin, 19. Jänner. Nachdem Reichspräsident voll Hinden br g heute nachmittags an die Führer sämtlicher Mittelparte'en in einer Konferenz den dringenden Appell gerichtet hatte, noch heute das Zustandekonnnen einer tragfähigen Regierung zu ermöglichen, damit die schon Wochen dauernde Regierungskrise beseitigt werde, hat Tr. Lniber den Koalitions- Parteien folgende Miuistcrliste vorgelcgt: Reich-kanzler — Dr. Lnther; Aeußeres — Dr. Strafe m a n u. idmrsche Volispartei): Inneres — Dr. K ü l z (Demokrat); . Finanzen — Dr. 91 einhold (Demolrai); - Wirtschaft — Dr. Cnrtius (deutsche -BoWpartei): Arbeiisminister — Dr. Brauns (Zentrum): Justiz — Marx (Zentrum); Reichswehr — Dr. Geßler; Verkehr — K r o h n e (deutsche Bottspartei). Das Ernähruugsministerium bleibt noch unbesetzt. Es wird tvahrscheinlich durch eine dem Zentrum nahestehende Persönlichkeit verwaltet werden. Das Ministerium für die besetzten Gebiete bleibt zunächst unbesetzt, wird aber nötigenfalls von M a r x verwaltet werden. Dieser Ministerliste haben das Zentrum, sie deutsche und die bayrische Bolkspartei zw gestimmt. Spät abends beschlossen die Demokraten mit knapper Mehrheit, der Liste zuzustimmen. Endgültig soll aber erst der Parteiausschuß, der Sonntag Zusammentritt, darüber entscheiden. Frankreich vermitM zwischen der Schwel; and Sowietmtzland. Basel, 19. Jänner. Die Macht, die sich in der Frage des schweizerffch-ruff.schen Verhältnisses vermittelnd betätigt, ist, wie die „Baseler Nachrichten" aus Bern melden, anscheinend die französische Regierung, das Heißt Briand durch Vermittlung des französischen Botschafters.. Der Bundes rat hat sich seit vierzehn Tagen wiederholt mit der Frage des Verhältnisses zu Rußland beschäftigt, wobei aus Gründen diplomatischer Diskretion einstwe'/en keine Mitteilungen über den Verlauf der Diskussionen gemacht werden können. Las Frak-Mandat. London, 19. Jänner. (Tel.-Komp.) König Faifüt. hielt gestern vor Parlamentariern in Bagdad eine Rede, die nach einer Meldung des „Daily Telegraph" ein neues Licht auf die Abmachungen mit England wirft. Danach sott das Mandat mit E i n t r i t t de s I ra k i n de n B ö l k erbunnicht cmshören, sondern die Verpflichtung Englands laufe weiter, wenn auch mit einigen -Abänderungen, für die Dauer von 25 Jahren, vom Jahre 1928 an gerechnet. Die Kammer hat den Vertrag zwischen England und de-m Irak genehmigt. 58 Abgeordnete stimmten dafür; 20 Mitglieder der N a t i o n a l p a r t e r verließen znm Zeichen des Protestes den Saal. .. ■■■igBgBggBM führen. Ta ist doch dem Generalmajor Höfer. unzweifelhaft osr große Wurf gelungen ... Nicht unamüsant ist das Dementi, tvelches. .dem verratenen Ehegatten von seiner schönen Frau beschert wurde. Der Gatte überrascht sie bei einer Zärtlichkeit mit einem, fremden (dem Gatten fremden) Manne. Bestürzt zieht sich der Gatte zurück, auf Rache sinnend. Nun der Plan entworfen ist, beginnt er seiner Frau Borhalte zn machen. Die Frau bricht-in Tränen aus, verneint alles und dem ncch immer grollenden Gatten schleudert sie das kaum zu bezweifelnde Dementi zu: „Ja, wenndu deinen Augen mehr traust als meinen Worten!!" Der totgemeldete M»k Twain, sandte das: seither berühuu gewordene Dementi in die Welt hinaus: „Nachricht von meinem Tode stark übertrieben." Und, wie erzählt wird, fand auch dieses Dementi nicht überall Glauben. Als Mark Twain einen ihm gerade nicht freundlichen Verleger telephonisch angesragt hat, was er zu seinem Tode sage, bekam er nur zögernd die Antwort, Twain möge ihm nur zuerst mitteilen, von wo er eigentlich anrufe . . . Ein prägnantes Dementi möchte ich vor Vergeffenhet retten. Während des Krieges wurde die Post von der Front und die an die Front gelangende Post zensuriert. Die Absender wußten von. dem Bestehen einer Zensur und nahmen ihre Zuflucht zur Umschreibung der Dinge. Und wenn die Zensur dahinter kam, antworteten die Schreibenden unermüdlich mit anderen Erfindungen. Menschliches Leid und Not rangen nach Ausdruck! Die Soldaten schlossen ihre optimistisch gehaltenen, von guter Stimmung und glänzender Verpflegung berichtenden, Feldpostkarten schlicht und herzlich (jeder in seiner Muttersprache): „Mit Küssen Euer Euch liebender k. U. umgekehrt". In jüdischer Sprache klang cs imponierend: U. pinktkapojr". TaS »wirklich klassische Temeuti stammt von Romain Rolland. Wehrend des Weltkrieges antwortete der Meister auf die bekannte Erklärung der deutschen Gelchrten,- Politiker usw. mir seinem ircnischen Dementi: „Es ist nicht wahr, daß der Himmel blau ist und das Wasser naß ist . . ." Am Genfer See schrieb der Dichter dieses Dement,i, welches in keinem Lehrbuch der Geschichte fehlen sollte, und es gleicht einem Schweizer See. Trotz der Tieft kann man den Grund unterscheiden ... Tulo Nrrßeriblatt. 04

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