Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 8 (1926)
- Issue
- Heft 2481 (19.1.1926)
- Date
- 1926-01-19
- Page
- Seite 2 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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* vv*'-7v Wiener Morqenzektunq 19. ^fflitnct 1926 Nk. 2481 -S mm Vortrag Anitta Müller-Cohen HEUTE I 91 fl ■ ff präilie y28 Uhr abenda Haus der Industrie iM Schwarzenbergplatz 4 11211 Restliche Karten an der Abendkasse zadravecz geht in ein österreichisches Kloster. Sbzvar er von der „vattioüschen Aktion" wußte, wird der FeldbWof freigelaffen. - Sie gesamte Sddofftiou fordett die Slasetzung eine» parlamentarischen Untersnchuagsausschnffer. (Sigendienst der „Wiener Morgenzeitung-.) Budapest» 18. Jänner. Die Angelegenheit des Feld» Zadravecz hat heute eine überraschende Kette S Wien, DienStSg Der Sadravecr-Kms. —y. Wien. 19. Jänner. In einer Berliner jüdischen Versammlung hat Luch ein Redakteur des führenden Zentrumsorgans „Germania" das Wort ergriffen. Er tritt gegen den Antisemitismus der „neudeutschen Heiden" auf, der sich gegen den Katholizismus wie gegen jede Religion wendet und deshalb mit vereinten Kräften bekämpft werden müsse. Mit dieser Bemerkung wird der christliche Redakteur die Zustimmung aller Kreise finden, die den Haß und den Nationalismus als die Grundübel der bestehenden Krisen erkannt haben und sich deshalb auf dem Boden der pazifistischen Demokratie zu sammeln bestrebt sind. Ihr Wirkungsgebiet ist beschränkt, die Zahl der Anhänger nicht groß. Frieden ist, wie die Erfahrung lehrt, kein beliebtes Thema; die Versammlungen der dentagogischen Maulaufreißer ziehen stärkere und pikantere Kost vor. Je lauter die Lungenkraft ist, die für alle vorhandenen oder angeblichen Schäden irgend jemand anderen, meist aber den jüdischen Bevölkerungsteil verantwortlich macht, um so begeisterter wird die Stimmung und um so nachhaltiger der Eindruck. Das Volk sieht es gerne, wenn ihm ein Sündenbock vorgeführt wird. Die Aeußerungen des Berliner Zentrumredakteurs wird man in dem Wiener christlichen Zentralorgan vergeblich suchen. Sie stimmen nicht mit der Mentalität überein, die in diesem führenden Blatt bezüglich der Frage Krieg und Frieden und bezüglich des Judenpunktes herrschen. Dieses Blatt ist das Sprachrohr des finstersten und bocksteifsten Judenhasses und es ist stets gerne im Dienste der international organisierten Hebe, die das Judentum nun einmal nicht aus dem jahrhundertelangen Prozeß entlassen will. Was soll die „Reichspost", die noch letzten Samstag in ihrem Abendblatt im versteckten Briefkasten den Sozialdemokraten Ellenbogen ein kleines Jüdlein schimpft, mit der Versöhnlichkeit und dem klaren politischen Verständnis ihres Berliner Freundes beginnen? Sie ist durch die Vorgänge in Budapest in ihrer Seele verwundet. Man denke: hochfürstliche, hochpolizeiliche Persönlichkeiten des christlichnationalen Kurses sind beim Geldfälschen erwischt worden und der Zadravecz, ein Bischof, einer der hervorragendsten Pogromredner, hat diese so autoritäre Gesellschaft mit seinem Segen beehrt, nachdem er in der frisch-frommen Zeit des .Krieges in Transdanubien den Judenmördern mit dem Kreuz in der Hand vorangegangen war.' Er findet jetzt allerdings viel Gnade und Protektion. Die Windischgrätz und Nadossy mußten in die Zelle, Zadravecz kann ins Kloster sich zurückziehen. Die „Reichspost" ist in tiefste Betrübnis geworfen. Sie sieht das Unglück in seiner Größe. Es handelt sich nicht um die paar Lumpen, die schon erwischt worden sind. Das ganze System des christlichen Kurses magyarischer Eouleur wackelt unter dem Zugriff handfester Pariser Polizisten. Hinter ihnen steht die französische Regierung, die, wie das der Gesandte Clinchant so hübsch gesagt hat. in ihren: heikelsten Punkt getroffen worden ist, nämlich im Geld. Solange der Kurs sich auf Budapest beschränkte, war er hochangesehen. Seine Repräsentanten traten sporenklirrend, im Glanz der Uniformen und Orden in die Salons der Welt, in der man sich bekanntlich niemals langweilt. Sie waren fromm und gottesfürchtig und erzählten schöne Anekdoten. Sie waren auch nicht behutsam, wenn es um Menschenopfer ging, und der Krieg gegen Ketzer und Schismatiker und Juden war bei ihnen sehr beliebt. Was Wunder, daß sie die „Reichspost" mit zärtlicher Liebe umgibt! Die Regierungen, die den Horthy so lange als Gentleman feierten und seine Mörder als seine besten Offiziere in Schutz nahmen, sehen jetzt zornig auf die Räuberhöhle, aus der ein konzentrierter Angriff auf andere als jüdische Taschen versucht wurde. Ueber Blut läßt sich reden, aber über Frankennoten nicht. Das ist ein heikler Punkt und man darf diesmal auf eine längere Dauer der Energie gefaßt sein. Viel wird ja nicht geschehen und wahrscheinlich hat Horthy die Amnestie schon unterschrieben. Trotzdem ist genug geschehen, um Aufklärung über das Wesen dieses militanten Judenhasses zu schaffen, so viel, daß Paris und London sich in Zukunft die Vertreter dieses Kurses sich genau besehen werden. Die Verbindungen zwischen diesem karthographischen Budapest und den Mördervereinen in aller Welt sind im Entschleiern und die „Reichs- Post" sieht dunkle Taoe voll Enthüllungen. Sie kann mit dem Berliner Redner beim besten Willen nicht übereinstimmen. Ihr Programm muß der Zadravecz- Kurs bleiben. _ Schwierige InnervolltMe Situation in der Achechoilowakei. Prag, 18. Jänner. (Tel.-Komp.) Die innere politische Situation hat sich derart kompliziert, daß heute überhaupt nicht abzusehen ist, wann das tschechoslowakische Parlament wird zusammentreten können. Als Grund für die Verschiebung der Session gaben die Blätter der Regierungskoalition an, daß das Arbeitsprogramm des Parlaments noch nicht fertiggestettt sei. Dieses Programm so zu formulieren, daß es für die sechs koalierten Parteien annehmbar wird, verursacht steigende Schwierigkeiten. Der morgige M i n i st e r r a t wird sich unter anderem auch mitderungarischenFrankenfälscher" a|j&xi befoQni» Lösung gefunden. Die Staatsanwaltschaft hatte heute vormittags bei dem Untersuchungsrichter die Verhängung der Präventivhaft über den Feldbischos Zadravecz beantragt. Der Untersuchungsrichter wies diesen Antrag zurück, worauf die Staatsanwaltschaft an den Anklagesenat rekurrierte. Mittags fand beim Ministerpräsidenten unter Zuziehung des Armeeoberkommaudanten I a n s k y eine Beratung statt. Nachmittags hat dann der Anklagesenat den Beschluß des Untersuchungsrichters, wonach Zadravecz auf freien Fuß zu belassen sei, b e st ä t i g t und die Berufung des Oberstaatsanwaltes verworfen. In der Begründung des Beschlusses heißt es, es sei erwiesen, daß der Feldbischof an den verbrecherischen Machenschaften der Banknotenfälscher niemals teilgenomen hat, und zlvar weder an der Fabrikation, noch an der Verbreitung der Falsifikate. Die Rolle des Feldbischofs bei der Frankenfälschungsaktion bestand lediglich darin, daß er den Teilnehmern des Komplotts den Eid abnahm, das G e h e i m n i s d e r p a t r i o t i s ch e n A k t i o n bis zum äußersten z u w a h r e n. In gut unterrichteten Kreisen ivird erklärt, daß diese Wendung der Dinge durch ein Kompromiß erzielt wurde, wonach sich Zadravecz in ein österreichisches Klo st er zurückziehen werde. Dieses Kompromiß sei aus Intervention von verschiedenen Seiten zurückzuführen. Dr. Ferdinand*) enthaftet. Ter gestern . verhaftete Rechtsanwalt Dr. Ladislaus Ferdinandy wurde heute mittags dein Untersuchungsrichter in der Frankenfälschungsaffäre, Polizeirat Dr. Lengyel, vorgeführt. Der Untersuchungsrichter ordnete nach kaum halbstündigem Verhör die Enthaftung Ferdinandys an. Wenn die Staatsanwaltschaft gegen diesen Entscheid des Untersuchungsrichters nicht Rekurs einlegt, wird Ferdinandy, der laut Aussage des Landespolizeichefs Nadossy ebenfalls mit der Verbreitung der falschen Noten im Ausland betraut war, noch im Laufe des heutigen Tages auf freien Fuß gesetzt werden. Nadossy als Schneeschaufler. Der verhaftete frühere Landespolizeichef hat, wie. die Abendblätter berichten, um eine Verlängerung seines täglichen Spazierganges im Hofe des Gefängnisses in der Markogasse angesücht. Diese Begünstigung wurde dem früheren Landespolizeichef, als mit der Gefängnisordnung nicht vereinbart, abgelehnt. Als dagegen heute früh die Gefängnisdirektion alle Häftlinge des grauen Hauses aufsorderte, sich zum Schneeschaufeln im Hof des Gefangenenhauses zu melden, trat Nadossy als erster hervor und meldete sich als — Schneeschaufler. Wie die Blätter melden, wurde Nadossy heute in das Ministerium des Innern gebracht, da wegen der Uebergabe seines Amtes, beziehungsweise der Untersuchung seine persönliche Anwesenheit notwendig war. Die Konferenz der Parteiobmänner. Vormittags wurde im Salon des Präsidenten der Nationalversammlung, Szitovsky, die Konferenz der Parteiobmänner abgehalten. Die sozialdemokratische und die bürgerliche Opposition hatten die Konferenz nicht beschickt. Ueber den Verlauf der Sitzung wurde ein Kommunique veröffentlicht, in dem ftstgestellt wird, daß infolge der Abwesenheit eines Teiles der parlamentarischen Fraktionen kein e i n h e i t l i ch e r B eschluß hinsichtlich der morgigen Plenarsitzung der Nationalversammlung gefaßt werden konnte. In der Sitzung wurde von verschiedenen Parteiführern die Frage der Einsetzung eines parlamentarischen Ausschusses zur Untersuchung der p o l i t i s ch e n Seite der Franke«fälschuugsaffäre aufgeworfen. Ministerpräsident Bethlen hat sich geneigt gezeigt, einem Antrag auf Einsetzung einer parlamentarischen Untersuchungskommission b e i z u st i m m e n. Zu einem Beschluß konnte es jedoch nicht kommen, da der oppositionelle Block nicht vertreten und die Konferenz fontit nicht vollzählig war. Die gesamte Polizei mann schüft von Budapest hat morgen ab 6 Uhr früh Permanenzdrenst, um etwaigen Ruhestörungen anläßlich her Eröffnung der neuen Session des Parlaments vorzubeugen. Aach Schluß der Konferenz traten in Vertretung der im demokratischen Block vereinigten liberalen Oppositionsparteien die Abgeordneten Dr. Bazsonyi, Hegymegi-Kiß, jßfllfit*, Sstslr M SzqkaeS in der Wohnung des parteilosen Demokraten Johann Baroß zü einer internen Beratung zusannncn, um die durch den Verlauf der zwischenparteilichen Konferenz geschaffene Lage zu prüfen. Der Abgeordnete Friedrich unterbreitete den demokratischen Abgordneten einen Antrag, wonach ein jxnla - mentarischer Untersuchungsausschuß in der Frankenfälfchungsafsäre eingesetzt werden sott. Der demokratische Block stimmte diesem Antrag zu. Abends erschien auch der Präsident der Rational- Versammlung, Szitovsky, in der Wohnung Baroß' und begann neue Verhandlungen mit der Opposition. Namens der Sozialdemokraten kam auch Abg. P e y e r zu der Beratung und teilte mit, daß die sozialdemokratische Fraktion heute abends höchstwahrscheinlich dem Antrag auf Einsetzung eines parlamentarischen Untersuchungsausschusses zustimmen wird. Es scheint, daß sämtliche oppositionelle P a r t e i e n in der morgigen Sitzung des Hauses den Friedrichschen Antrag, daß die Frankenfälschungsaffäre einem parlamentarischen Ausschuß zur Untersuchung zugewiesen werden möge, unterstützen werden. In diesem Fall ist der ruhige Verlauf der morgigen Sitzung gesichert. Bethlen über den „guten Ruf der Nation". Die Einheitspartei hielt abends eine Sitzung ab, in der Mmisterpräsident Graf Bethlen seinen festen Entschluß bekanntgab, die bedauerliche N o t e nf ä l s ch u n g s a f f ä r e mit r ü ck s i ch t s l 0 s e r O f f c uh e i t und Entschiedenheit bis ans Ende zu klären. Tie Regierung habe vom ersten Moment an diesen Standpunkt eingenommen und werde bis zum letzten Moment an ihm festhallen. Die Negierung wird mit aller Kraft aus di? Aufdeckung des Falles bedacht sein, usgue ad finem. Der gute Ruf der Nation (!) ist wieder da. Der einzige Wert, der der Nation geblieben ist, ist nicht die phhsis ch e K r a f t, s o n d cm d i c in o r o 11 f ch r Integrit als Eine Interpellation in München. München, 18. Jänner. Die k o m m u n i ft i s ch c F r a t t i o n hat im bayrischen Landtag eine Anfrage eingebracht, worin sie die von einem Teile der Presse verbreitete Nachricht ausgreift, daß angeblich bayrische Monarchisten, darunter Ludendorff und Oberst Bauer, und ungarische Monarch:sten, darunter Graf Andrassy, einen Vertrag abgeschlossen hätten, der sich unter anderem auf die Herstellung falschen Geldes 'bezogen haben soll. Die Verhaftung des Schloszherrn von Homonna. Prag, 18. Jänner. Wie „Ceske Slovo" zu der Verhaftung des Grafen Andrassy ans Schloß Homonna erfährt, richtet sich die Untersuchung zunächst nach den Ursachen des Brandes auf dem Andrassy gehörigen Schloß in V e l e t e, das, über Anzeige eines Dieners, Andrassy augezündet haben soll, um die tschechische M i l i t ä r b e s a tz u n g hinauszujagen. Andrassy soll befohlen haben, daß der linke Flügel des Schlosses in Brand gesteckt werde, damit von da der Brand auf den rechten Flügel übergreife, wo die Waffen und Explosivstoffe der Besatzung aufbewahrt wurden. Der Graf, der v e r s i ch e r t war, hat außerdem auf Schadenersatz durch den tschechoslowakischen Staat gehofft. Diesem Brand sei knapp vor der Aufdeckung der ungarischen Geldfälschungsaffäre ein zweiter Brand gefolgt, der das Arbeitszimmer Andrassys, in berrt sich kompromittierendes Brie ft material befand, vernichtete. Der Verdacht, daß Andrassy an der Geldfälschungsaffäre beteiligt sei, soll durch die Untersuchung erhärtet worden sein. Andrassy, der auf tschechoslowakischem Boden einen Besitz im Werte von zwölf Millionen tschechoslowakischen Kronen hat, bot eine Kaution in jeder erwünschten Höhe an, um ans der Haft entlassen;u werden. Dieses Angebot wurde jedoch vom Kaschauer Staatsanwalt a b g e l e h n t. krklSrungen «r. Nlncir'. Belgrad, 18. Jänner. (Avala.) Nach der „Breme* gab Außenminister Nincic im Laufe der Debatte über das Budget des Außenministeriums dem Finanzausschuß über die N o t e n f ä l s ch e r a f s ä r e folgende Erklärungen ab: „Wir verfolgen diese Angelegenheit, die zweifellos einen politischen Hintergrund hat, mit tvachsamem Auge. Zivile und militärische Persönlichkeiten, die höhere staatliche Stellungen bekleiden, sind in diese Angelegenheit verwickelt. Der Minister fügte hinzu, daß im Jahre 192 0 von denselben Persönlichkeiten Dinarnoten gefälscht worden seien. Das ist, fuhr Niucie fort, übrigens auch die Ansicht unserer Polizei gewesen und erst jetzt wird es klar, nxmiin diese Leute den Nachforschungen unserer Polizei Schwierigkeiten in den Weg gelegt haben.