Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 8 (1926)
- Issue
- Heft 2479 (17.1.1926)
- Date
- 1926-01-17
- Page
- Seite 7 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 2479 Wien, Sonntag 17. Jänner 1926 Wiener MorgerizeHnnq Die jüdischen Kriegsgräber. Lvfer an alle« Fronte« Das traurige Schicksal der Juden während des Krieges war es, daß sie in allen Armeen dienen mutzten. Sie blureten für Oesterreich und Deutschland, für Frankreich und Rußland, sie standen unter englischer, türkischer und italienischer Fahne, sie kämpften für und gegen Rumänien und waren in allen Balkanarmeen uniformiert. Das Ungeheuerlichste, das einem Volke zustoßen kann, wurde wahr: der deutsche Jude mußte auf seinen französischen Bruder schießen. So kommt es, daß die Zahl der Inden, die im Weltkrieg gefallen sind oder verwundet wurden, unverhältnismäßig hoch ist. Ein Beweis dafür mag sein, daß fast auf allen Soldatenfricdhöfen in den verschiedensten Kampfgebieten jüdische Gräber in nicht geringer Zahl zu finden sind. Mit der Drückebergerei der Juden muß es doch nicht so schlimm gewesen fein, wie von antisemitischer Seite immer wieder erzählt wird, wenn viele Tausende Juden auf den polnischen Schlachtfeldern und auf den unwirtlichen Bergen 'Südtirols und in der norditalienischen Tiefebene modern. Eine der schönsten Eigenschaften, die das jüdische Volk ziert, ist sein ausgeprägter Sinn für Pietät. Er zeigt sich am besten in der Sorge um diese Gräber, die in den meisten Fällen weit entfernt vom Heintatsort des Gefallenen liegen. Tie jüdische Bruderschaft psiegt»die vereinsamten Grabhügel, die eine liebevolle Mutier- oder Frauenhand nicht betreuen darf, weil ein grausames Schicksal den Hinterbliebenen nicht einmal den Ort bekannt werden ließ, wo ihr Liebster den ewigen Schlaf tuti Die jüdische Bevölkerung wird bei dieser Ehrenpflicht m anerkennenswertester Weise von der christlichen Bevölkerung, die sich in derselben traurigen Lage befindet, unterstützt. Die Toten sind ja alle in gleicher Weise derselben Bestie „Krieg" zum Opfer gefallen und es schmerzt deshalb doppelt, wenn gerade das Andenken der jüdischen Opfer durch den Vorwurf der Feigheit geschändet wird. In Wien hat sich bereits während des Krieges eine Aktion unter dem Namen „Oeslerreichisches Schwarzes Kreuz" gebildet, die es sich zur Aufgabe macht, die Gräberfürsorge durchzuführen und den Rücktransport der Kriegerleichen in die Heimat zu bewerkstelligen. Der Name „Schwarzes Kren z" könnte vielleicht zu irrigen Annahmen Anlaß geben; er ist in Anlehnung an das uns allen geläufige „Rote Kreuz" gewählt worden. Der Verein hält es für seine oberste Pflicht, sich ohne Unterschied von Konfession und Nationalität in den Dienst der Pietät zu stellen Das „Schwarze Kreuz" übernimmt es, die oft sehr schwierigen Nachforschungen nach den Grabstätten der Gefallenen durchzusühren. Es steht in umfangreicher Korespondenz mit allen in Betracht kommenden ausländischen Behörden und findet dabei stets das größte Entgegenkommen. Bisher wurden durch Intervention dieses Vereines 49 Leichen jüdischer Soldaten, allerdings' auf Kosten der Angehörigen, nach Wen gebracht, es sind das 20 Prozent aller anderen nach Wien überführten Kriegerleichcn, was wieder ein Beweis für den stark ausgeprägten Pietätssinn bei den Juden ist. Die Leichen, die einwandfrei als die des gesuchten Toten festgestellt sein müssen, werden exhumiert und in plombierten Särgen mit militärischem Gepränge in di: Heimat gebracht. Hier werden sie von den Angehörigen in Empfang genommen und auf dem Heldenfriedhos auf der jüdischen Abteilung des Zentralsriedhoses zur letzten Ruhe bestattet. Die Exhumierung einer Leiche, die in irgendeiner Schlucht auf einem hohen Berg liegt, ist natürlich nur sehr schwer durchführbar. Es müssen oft ganze Expeditionen m:t Tragtieren zusammengestellt werden, um die Leiche einbringen zu können. Auf dem italienischen Kriegsschauplatz ist die Lage für die Agnoszierung der Leichen relativ günstiger, well dort verhältnismäßig wenig '*. v; i;. ' / v', y/ *■ " <^ '■* y ' •. V,' / * s Massengräber Vorkommen, bei denen es fast ausgeschlossen ist, irgend eine Leiche mit Bestimmtheit zu erkennen. Aber auch bei der provisorischen Bestattung in Einzelgräbern, während und knapp nach der Schlacht, wurde keine Rücksicht darauf genommen, ob der Gefallene Jude war. Aus jedem Grab wurde ein Holzkreuz errichtet. In den italienischen Gebieten wurde, soweit dies feststellbar ist, von jedem jüdischen Grab das Holzkreuz entfernt und an dessen Stelle eine Tafel mit einem „Magen Dawid" angebracht. Die Zahl der jüdischen Toten ist also weit größer, als durch die jüdischen Grabsteine erweisbar ist. Schlimmer ist eö um die Gräber in Polen und Rußland bestellt. Auf dem ungeheuer ausgedehnten Terrain modern über zwei Mllionen Krieger. Massengräber sind viel häufiger als auf dem italienischen Kriegsschauplatz zu finden urrd auch die Einzelgräber werden von der dortigen Bevölkerung nicht mit der Sorgfalt gepflegt, wie dies in Italien der Fall ist. Auch die Behörden setzten sich nicht allzu eifrig für die Gräbererhaltung ein. Eine rühmliche Ausnahme bilde« wieder die jüdischen Gräber, die den der jüdischen Bevölkerung mit Liebe betreut werden. Man findet bei allen Soldatenfxiedhöfen e i g e n e A b t e i l u n g e n für jüdische Gräber und an einzelnen Orten eigene jüdische Friedhöfe. Mir brmgen hier eine Abbildung eines jüdischen Soldatenfriedhofes und zitieren dazu aus dem Buche von Oberst Rudolf Broch „Die wesigalizischen Heldengräber": „Der» gefallenen Kriegern israelitischeü Glaubens ist auf dem Zakliezyner Friedhof eine Ehrenstätte geschaffen worden. Rituelle Stelen schmücken ihre Gräber. Eine Heckeneinfriedung von steinernen Pfeilern unterbrochen, unlschließt den Platz. Eine tiefausspringende Denkmalswand überragt die Anlage auf der Rückseite mit leichten Bogen. Zwei hohe Trauerweiden flankieren sie. Ter kleine Friedhof zeichnet sich durch den g e t r a g eu«n Rhytmus ferner Architektur aus.* Solche Friedhöfe findet man sehr häufig auf dev Polnischen Schlachtfeldern. Für die Hinterbliebenen ist er gewiß ein großer Trost, wenn sie wissen, daß ihre teuerer Toten auf einem jüdischen Friedhof in würt voller Weist bestattet sind. Auch d*e Wiener Kultusgememde geht daran, die jüdischen Soldaten, die auf der Kriegerabteilung zur letzten Ruhe gebettet sind, ebenso wie dies vor kurzem die Gemeinde Wien getan hat, durch eiv würdiges Grabdenkmal zu ehren. Auf dem jüdischer Soldatenfriedhof sind 131 Offiziere und 322 Mannschaftspersonen begraben. .Es' sind das durchwegs Leichen vor Kru'gern, die i nt Felde gefallen sind und dann nack Wiert befördert wurden, oder von Soldaten, die im Hinterlande an den Folgen ihrer Kriegsverletzungen gestorben sind. Die Kultusgemeinde hat alle Begräbnisse kostenlos durchgesührt und ihre Erhaltung in ihre Obsorge genommen. Die einzelnen Familien haben bereits'120 Grab steine ausgestellt. Jetzt wurde ein Komitee gebildet, bas einen Konkurs für das würdevollste Grabdenkmal und du schönste Grabausschmückung ausgeschrieben hat. Der jüdischen Küttstlerschaft ist Gelegenheit geboten, bei einen würdigen Anlaß, ihre Fähigkeit zu beweisen. Zweitausend Jahre lang mußten die besten Söhn« des jüdischen Volkes auf fremder Erde für fremde Völkei bluten. Im Weltkrieg durchbohrten de Bajonette bei Soldaten fast aller Völker ihre Leiber. Die Juden Haber das Sterben gründlich erlernt. Endlich, und das chag di« schotte Frucht aus der teuer erkauften Saat sein, wurdi es ihnen gcgönttt, statt in frentdenr Lande zu sterben, in Heimatland«.' zu leben. Das jüdische Volk hat den Boder der gqnnm Welt mit seinem Blut rtnd seinen Knochen ge düngt. Jetzt dürfen die jüd'schen Soldaten nicht mit den Gewehrkolben, sondern mit dem Spate« in der Hand der Boden Erez Israels erobert,. Statt Blut fließt Schtveiß Robert Schreier. Seit« V . Wir brauch-n Plat/ irtr Sommrrware und varaehfeu fern unsere ungeheuren Vor täte an Modellen während des zu nnchwels aren Verlust preisen, s. Damenjacken, re ne cchafwot e. in unend eher Auswahl S-i.-“, 9.» H.~u. Puil*i.vers i^cha wo le, für Kinder, Da » cn, Herren S >.3:> |4 — 2t.— u. D*> men* und Kerranwestan aus rein Schafwolle 5 7.50 lz.50 16 - u. Eialaefawoa r u. •Oarniturcn, die bekannte »LADY -Modele S 14 —.18.— 38 — u Prachtvolle Jumperklelder in s len Farben u raBsons 39— <19. , Gestrickte Mäntel, hochmodern und o>ak loch S 50. 6».—. — u. 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Srbanof, der Schafskopf, ist im Jahre 1846 General geworden... Im selben Jahre hist du geheiratet." Die Skizze ist tiefer als sie im Augenblick erscheint. Es sind nicht die. bedeutenden historischen Ereignisse des Lebens, an die man sich erinnert, wenn man nicht gerade ein Historiker ist. sondern die vielleicht unbedeutenden, persönlichen. Und wenn man ein vorzügliches Gedächtnis hat,.erinnert mm sich im hohen Alter an die Bagatellen. Aber, es ist, weiß Gott, eine satanische Bosheit, daß man sich gerade an die peinlichsten, kränkendsten besonders erinnert. So verfolgen einen die Schrecken der Matura, der Staatsprüfungen bis an das Totenbett. Es gibt Leute,. die mit einer besonderen Gabe, sich zu erinnern, ausgestattet, die geradezu unvergeßlich sind. Es besteht jedoch durchaus kein Anlaß, diese Memnv- 1 technik besonders zu trainieren, und es scheint beinahe, daß eist schlechtes Gedächtnis zu den lobenswertesten Eigenschaften gehört. Eben jetzt ist es geradezu beneidenswert, sich nicht zu erinnern. Ich brauche meine guten Bekannten.' die sich nach dir Methode des Generals bei Tschechoff erinnern, nicht vorzustellen. Jeder kennt sie. Und wenn sie weniger militant sind, werden sie sich nicht au die Schlacht bei Gorlice erinnern, sondern in ihrem Gedächtnis wird das Unglücksjahi: verzeichnet sein, in dem sic Kriegsanleihe gekauft haben. Und wenn sie feststellen wollen, welchen Winter sie an der Riviera verbrachten, werden sie das Jahr suchen, in idem etwa ,Karpathen" oder ein anderes Papier, das diese Reise finanzierte, den Kurs von 900 erreichte. Und an diests Jahr werden sie sich erinnern. Es ist erstaunlich, es ist höchst erstaunlich, ivelch geradezu phänomenales Gedächtnis die Leute für solche Ereigniffe ausbringen. Sie erinnern sich, daß sie Alpine mit einem durch' viele Jahrzehnte, auch durch lauge Lebensdauer nicht getrübten Kurs um einen Spottpreis verkauften, erinnern sich mH bedauerliche Schärfe an allen Nobenepisoden dieses „Ereignisses", wie an den genauen Wortlaut des Ratschlagcs eines'guten Bekannten. Ja. sie erinnern sich nicht nur an die faktisch eingetrctenen Ereigniffe, sondern nicht minder an die Fiktionen, an die Hypothesen, an die versäumten Chancen und Gclegenheiten. Sie berechnen den'Erfolg dieser Bersäumnisie, sie addieren, subtrahieren, multiplizieren,^ dividieren und das Resultat ergibt. - daß ein einziges Versäumnis die Arbeit eines ganzen Lebens aufwiegt. Das gute Gedächtnis wühlt weiter. Das Gewürm quälender Erinnernngen kriecht aus dem Versteck. Wie kain es nur, daß man diese Gelegenheit versäumte? Am Abend hätte man nach Marienbad fahren sollen, alles war bereit, da erkrankte das Kind, man blieb in Wien, ging in die Apotheke und just auf dem Weg dahin begegnet man X. V- und £. Z. schlug einem vor. das oberung irische Gut zu verkaufen. Und mutt verkaufte es. Ja, warum nur? Und beiläufig fällt einem nun ein: Richtig, wir hatten einen Weltkrieg. Und man fürchtete, die. Russen würden einsallen. So verkaufte man. kaufte für den Erlös Kriegsanleihe und kam um das Vermögen. Wäre jedoch das Kind' nicht erkrankt, wäre man abends verreist und das Vermögen wäre erhalten geblieben. , Das gute Gedächtnis ist ein schlechtes Ruhekiflen. Und die Anhänger der Tleor'e, daß eS nützlich, sich an Schaden zu erinnern, aus Schaden zu lernen, Erfahrungen zu verwerten, sind im Unrecht. Denn nian erinnert sich, daß man ein zweites Mal einen zweiten Besitz nicht verkaufte, nun... nun, weil der erste flöten ging. Aber man erinnert sich ebenso, i daß es damals höchst zweckmäßig gewesen wäre, ihn zu