Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 8 (1926)
- Issue
- Heft 2479 (17.1.1926)
- Date
- 1926-01-17
- Page
- Seite 8 (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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€t\k 8 Wien, Sonntag Mlenrr MorftLnzeltutts 17. Jänner 1926 Nr. -47V LQttUttd-lOVLL.EML^^'N-L LLLLL m L mWW BURGGASSE - . TEL asm » nm CtgtHObw «Abo OuuSm VeOutlmttr. Brokatschuhe, mit Brillanten besetzt, wahre Sehenswürdigkeiten. Frack- und Smokingschuhe kaufen. Es gibt Berater, die einen ehrlich vor Schaden bewahren wollen, indem sie auf Grund ihrer „Erfahrungen" raten.- Aber durch diese Erfahmngen erfährt der Ratsuchende nichts, was ihm helfen könnte. Und wenn selbst die Lebensdauer durch Steinach auf das Doppelte erhöht wurde, die damit notwendigerweise verknüpften Erfahmngen Werder», man hätte die doppelten Erinnerungen, die doppelten Kränkungen, daß aber der erste Teil des Lebens die Zeit der Fehler, der zweite Teil jener der Weisheit, erscheint mehr als fraglich. Diese Erkenntnis ist durch Sprichwörter zu belegen. Tlber da meist ein Sprichwort das andere widerlegt, muß man auch die Leute zitieren, die mehrmals geboren zu werden wünschen, um etwa das obemngarische Gut zweckmäßig zu verkaufen. Dennoch erscheint es sehr problematisch, ob die zweite Geburt den gewünschten Erfolg hätte und ihnen das Gut oder den Verlust anderer Spekulationen wieder einbrächte. * Ter Vorteil des guten Gedächtnisses scheint daher für jene, die den Studienjahren entwachsen sind, stark überschätzt zu werden. Tenn, da man aus Erfahrungen und Erinnerungen nichts lernen kann, schleppt man sie, wenn sie. pietätvollst aufbewahrt und konserviert werden, als wertlosen Ballast mit. Eben jetzt, in der Krisenzeit, kann man mit Erinnerungen nicht genug vorsichtig sein. Und wer durchaus zu Hause sitzen und sich beim Kamin an das Mißgeschick der letzten Jahre, an die Kurse seiner Papiere, an die Verluste, an. versäumte C^lncen. an ehemaligen Wohlstand erinnern will, wird vollauf beschäftigt und ausreichend deprimiert und gekränkt sein. Aber gleichzeitig wird er, unvergeßlich gegen die Vergangenheit, vergessen, daß es doch eine Gegenwart gibt. Das gute Gedächtnis sollte sich nämlich nicht nur an die Vergangercheit, sondern auch mindestens an die Gegenwart erinnern, was jedoch meistens nur dem schlechten Gedächtnis und dem mangelhaften Erinnerungsvermögen Vorbehaltenbleibt. Es ist bedauerlich, dies als erheblichen Vorteil der Vergeßlichkeit hervorheben zu müssen. Die Vergeßlichkeit übersieht Erfahrungen und Erinnerungen, das Versäumte ist begraben worden, die Mumie» verunglückter Spekulationen, die Nieten der Erfolglosigkeit —‘ das alles existiert nicht mehr. Das sind die Leute, die sich nicht, ohne Schwierigkeiten an die Kurse ihrer nicht mehr bestehenden Papiere, an den Wert aufgegangener Vermögensteile erinnern werden. Aber es muß zugegeben werden, daß diese letzteren, die, um den Zigeunerbaron zu zitierenso glücklich sind, zu vergessen, was nicht mehr zu ändern ist, in der Minderheit sind. Daß es viel mehr Leute mit gutem als mit schlechtem Gedächtnis gibt. Und auch dies zeigt den problematischen Wert der Erinnerungen. Dieser Erinnerung, zu der besonders der Wiener neigt, tvell hiezu ein möglich bescheidenes Ausmaß an Arbeit oder Betätigung die Voraussetzung ist. Der Wiener erinnert sich also ganz besonders daran, wie gut, wie vorzüglich es ihm einst gegangen ist. Und vom Weltkrieg weiß er hauptsächlich, daß der Preis für das Beinfleisch stieg und von den Siekyigerjahren, daß die Semmeln damals dreimal größer waren. Es ist einmal ein Kuriosum, daß das Gedächtnis des Wieners mit seiner Lebensdauer zunimmt. Er erinnert sich heute scharfer, detaillierter, häufiger an den Umfang des Gulasch und an die Speisekarte von anno dazumal, die Erinnerungen sind so lebendig, rückwirkend, daß ihm das Wasser im Munde zusammenläust, wenn er von einem Backhendl beim Eisvogel spricht. Und mit diesem so Hellen, freudigen, üppigen Hintergrund verdüstert sich, nach optischen Gesetzen, die Gegenwart. Sie verfärbt sich ins Pechschwarze. Er würde sie mit einem minder guten Gedächtnis lichter sehen. Weiterhin merkwürdig, daß dieses gute Gedächtnis nicht generell wirft. Derselbe Arbeiter, der sich so genau an das billige Beinfleisch erinnert, hat die Löhne, die er mit diesem billigen Beinfleisch erhielt, vollends vergessen... Von solchen Ausnahmen abgesehen, funktioniert das Gedächtnis nur für peinliche, betrübliche Erinnerungen. Deshalb kann man es nicht loben. Wäre das Gedächtnis des Wieners schlechter, sein subjektives Befinden wäre besser. SS würde über die schlimmen Zeiten der Krise leichter hinwegkommrn. Luisende Arbeit,lose unter der Wische» Handwerkerschaft Barsch»«». Warschau, 14. Jänner. (I. T. A.) Das Zentralkomitee des jüdischen HandwerkervereineS veröffentlicht soeben einen Bericht über die verzweifelte Lage der jüdischen Handwerkerschaft in Polen, Allein in Warschau ruhen 2060 Schusterwerkstätten vollkommen, dir östlichen arbeiten höchstens zwSi Tage in der Woche. Die Triksiagewerkstatten ruhen alle, Bon 3000 Werkstätten für Herrenkleider. ruhen 2350. Sämtliche Arbeiter in der Kleiderkonsektion nagen am Hungertuch. 62 Prozent der Webereien sind geschlossen. Fast alle 300 Werkstätten für ZimmermmnSarbeit und Kunsttischlerei sind ohne Arbeit. Dies allein in Warschau. In der Provinz ist di« Lage noch kotastwpholer. Jas Doppelleben des Gelehrten. der Fall Rosen. Aus BreSlau wird uns gemeldet: Als im August vorigen Jahres die Skachricht von der Erneordung des Breslauer Professors der Physik Rosen und seine- Hausmeisters Stock (über die wir ausführlich oerichteien. Die Red.) bekannt wurde, glaubte man in der am nächsten Tag« verhafteten Wirtschafterin Reumann zweifellos die Täterin sehen zu müssen. Seitdem sind über fünf Monate verstrichen und man muß sich langsam an den Gedanken gewöhnen, daß es sehr zweifelhaft ist, ob das bisher von der Untersuchungsbehörde zusammengetragene Material zu einer Anklageerhebung ausreichen wird. DaS, was den Fall Rosen, auch wenn er eine gerichtliche Sühne vorläufig nicht finden sollte, für jeden Kriminalisten zu einem der interessantesten Fälle der letzten Jahrzehnte macht, sind aber die Ergebnisse, die die Untersuchung der an der Affäre Rosen beteiligten Persönlichkeiten zutage gefördert hat. Es liegt hier ein in solcher Kraßheit außerordentlich seltener Fall eines völligen Doppellebens des Ermordeten vor. Die anfänglich auch bei der Untersuchungsbehörde herrschenden Zweifel, ob ein derartiges Doppelleben in einer Stadt wie Breslau überhaupt möglich gewesen sei, haben immer wieder zu Fehlgriffen und Unklarheiten geführt. Dahin gehört zum Beispiel der Verdacht gegen einige übelbeleumundete Menschen, die kurze Zeit nach dem Mord wegen anderer Delikte in Haft genommen worden waren. Sie unterhielten sich im Gefängnis über den Fall Rosen und die Person des Ermordeten in einer Weise, als ob sie mit ihm auf „du und du" gestanden hätten. Wesentlich darauf gründete sich der Verdacht der Untersuchungsbehörde, daß diese Leute Mittäter oder Mitwisser des Verbrechens seien. Obwohl man gleich bei den ersten Haussuchungen handschriftliche Aufzeichnungen des Ermordeten gesunden hatte, die in kaum zu überbietender Klarheit über dasZwielebemRosens Aufschluß gaben, glaubte man eben doch glicht ohne weiteres, daß der bekannte Gelehrte wirklich in derartigen Kreisen verkehrt haben könne. Erst der weitere Verlauf der Untersuchung schiß Klarheit darüber, daß sich in der Villa des Ermordeten Orgien abgespielt haben, deren Beschreibung außerhalb jeder Möglichkeit liegt. Cs gibt Wohl auf dem weiten Gebiete der Sexual-Pathologie kaum irgendein« Variante, die nicht im Falle Rosen eine Rolle spielt. Bei allen diesen über lange Jahre sich-erstreckenden Exzessen eines in einer ganzen Hälfte seines Seinzweifellos schwer pathologischen Mannetaucht immer wieder die Person der Wirtschafterin Neumann auf. Als junge Frau in sein Haus gekommen, hat sie jede der verschiedenen Phasen der pathologischen Ausschweifungen des Ermov deten miterleben müssen. ES erscheint natürlich rricht ausgeschlossen, daß eine» Tages die alternde Frau nicht mehr die Spannkraft aufbrachte, das Leben an der Seite eines Mannes zu führen, dessen feine und wertvolle Hälfte ihr wahrscheinlich' verschlossen blieb, und der sü immer mehr in den Hintergrund schob, weil sie seiner krankhaften Söebiirfuiffcn nicht mehr genügen konnte. Am diesen Schluß aber die Anklage zu ,basieren erscheint» unmöglich, solange nicht andere, überzeugend Tatbeweise vorliegen. Diese aber beizubringen, ist bishet nicht möglich gewesen. Ob es der Untersuchungsbehörd^ gelingen wird, bleibt-vorläufig fraglich. Unabhängig davon bleibt aber das Bild eineil Mannes, dessen Wesen sich teilte. Der auf -er einen Seit, das Geistige seines Seins abzweigte und wissenschaftliche Leistungen von höchstem Wert vollbracht« und auf der anderen Seite hemmungslos war, als ob die Beanspruchung aller positiven Kräfte für seine Wissenschaft einen moralischen Unterdrück erzeugt habe, der schwere pathologische Erscheinungen Hervorrufen mußte. Für die ^Psychologie unter den Kriminalisten liegt jedenfalls in dieser Erscheinung das Wesentliche, dessen Er. kenntnis für die Beurteilung ähnlich gelagerter Fälle von nicht zu unterschätzendem Wert sein dürfte. -ie jüdische Presse. Bemerkungen zu einer Statistik. Von Dr. Leopold Thaler. Von veü' Instituten der hebräischen Universität in Jerusalem ist bisher die National- und Universitätsbibliothek die produktivste gewesen. Sie besteht allerdings schon jahrelang, hat aber erst in letzter Zeit unter der ausgezeichneten und sachlichen Leitung Dr. Hugo Bergmanns und dank den zahlreichen Bücherspenden aus allen Ländern ihr Niveau. bedeutend erhöht. So ist zum Beispiel das hebräische Organ der Bibliothek: i r j a t h S e p h e r", eine in allen Belangen vortreffliche und nach modernen Gesichtspunkten geleitete bibliographische Vierteljahrszeitschrist. Sie enthält allgemeine Aufsätze, Kritiken und Untersuchungen aus den verschiedensten Gebieten jüdischen geistigen Schaffens, ferner eine Bibliographie neuer Literatur (mit Besprechungen) und schließlich Bibliotheksnachrichten.' In der letzten Nummer dieser Zeitschrift finden wir nun einige statistische Tabellen über die Entwicklung 'der jüdischen Presse dom Jahre 1667, in dem das erste jüdische Blatt in Amsterdam erschienen ist, bis zum Jahre 1920, zusammengestellt von M. Prob st. Diese Tabellen sind schon darum sehr interessant, well hier zum ersten Male die Entwicklung des jüdischen Zeitschriftenwesens nach verschiedenen Gesichtspunkten festgehalten ist (nach Ländern und Sprachen, chronologisch und nach der Erscheinungsart, nach Parteirichtung ufw.); außer dem rein Zahlenmäßigen aber erfahren wir noch so manches Bemerkenswerte. So stellt der Autor gleich in den einleitenden Worten fest, daß von den 3477 jüdischen Blättern, die im Saufe der genannten Periode erschienen sind, der weitaus überwiegende Teil, im Gegensatz zu den anderen Völkern, bei denen sich die meisten Blätter mit Handel, Wirtschaft und Politik befassen, rein .theoretische, religiös' literarische Zeitungen tvaren. Also so sieht es in der wirklich jüdischen Presse um den jüdischen Handels- und Schachergeist aus . . . Herben wir jetzt von den vielen Zahlen einige hervor, um 'sie sprechen zu lassen; sie können uns ein interessantes Stück Geographie und Geschichte lehren und bestätigen. Die größte Zahl der jüdischen Zeitungen weist Nordamerika auf: Er erschienen dort in diesem Zeitraum 871 jüdische Zeitungen, davon 427 englische, 823 jiddische. 56 hebräische. 28 deutsch«, 3 fpaniolische, 1 polnische und 1 rumänische. Es folgen in weitem Abstande: Deutschland mit 316 Blättern (hiervon 249 deutsche, 43 hebräische, 23 jiddische und 1 russische), Galizien mit 252 (US jiddische, 85 hebräische, 35 Polnische, 1V deutsche, 1 französische), Polen (Kongreßpolen) mit 233 (172 jiddische, 43 hebräische, 17 polnische, 1 deutsche), Ukraine mit 179 (98 jiddische, 60 russische. 21 hebräische). Rußland mit 175 (98 russische, 60 jiddische, 21 hebräische. 1 deutsche), Oe sie r re i ch mit 18S (82 deutsche, 80 hebräische, IS jiddische. 8 fpaniolische), Litauen mit 139 (110 jiddische, 11 hebräische, Ü deutsche, 1 russische), Englan) mit 125 (62 Mische, 51 englische. 11-hebräische, 1 russische), Ungarn mit 125 (48 deutsche, 44 ungarische, 16 jiddische, 14 hebräische, - 2 spaniolische, 2 rumänische) und schließlich an elfter Stelle Pal äst i n a mit : 103 Zeitungen, wovon 78 hebräische, 14 jiddische, . 5 spaniolische, 4 englische» 1 deutsche und 1 arabische waren. In allen anderen, vom fleißigen Autor' verzeichneten Ländern sind weniger als 100 jüdische 'Zeitschriften erschienen und die Zahlen bewegen sich hier von 76 (Rumänien) bis 1. Dazwischen seien noch erwähnt: Holland' mit 63, Frankreich mit 63, Weißrußland mit 60 und die Türkei mit 52 Zeitungen. Diese Zahlen zeigen uns, daß in dm Ländern mit starker. Konzentration der Mischen Bevölkerung auch die jüdische Presse quantitativ die stärkste ist, wobei die Hauptfprache meistens die Landessprache ist und Jiddisch erst an zweiter Stelle steht, mit Ausnahme Galiziens und KongreßpolenS, wo es vorherrscht, da dort die Ghettomauern in der Praxis noch lange nicht gefallen sind und merkwürdigerwesse Englands, wofür aber der Grund darin zu suchen ist, daß» in England viele Zeitungen, darunter auch die eine russische, die dort erschienen ist, gedruckt wurden, die im zaristischen Rußland nicht erscheinen durften, aber für Rußland bestimmt waren. Was die Aufklärung, die überhaupt di« Mutter der modernen jüdischen Journalistik und besonderder hebräischen war, zum Beispiel für Rußland bedeutete, erhellt aus der relativ großen Zahl der in russischer Sprache erschienenen jüdischen Zeitungen. Die Aufklärung hat dort die jüdische Jugend in erster Linie in die Arme der russischen Kultur und besonders der russischen Freiheitsbestrebungen geworfen, um dann einen Teil dem produktiven Judentum desto intensiver näherzubringen. In Rußland war ein Assimilationsprozeß im Gange, der den amerikanisch-englischjüdischen und deutsch-jüdifchen weit übertroffen hätte, wenn nicht die Chowewe-Zion und 'dann der Zionismus mU der Wiederbelebung der hebräischen Kultur gekommen wärm. Denn gerade die russische Kultur ist für uns Juden ein Magnet und eine Gefahr . . , Erfreuliches ersieht man auS den Tabellen über Palästina, wo die hebräische Presse mit 76 in der genannten Periode erschienenen Zeitungen an erster Stelle steht und die anderssprachige weit übersteigt. Im allgemeinen weist di« gesamte hebräische Presse in allen Ländern die stattliche Zahl von 474 Zeitungen auf und steht somit nach Jiddisch (1199), Englisch (549). Deutsch (513) schon an vierter Stelle. Bernerkenstvert ist, daß außer Galizien, wo 85 hebräische Blätter erschienen sind, Palästina, Nordamerika (58), wo alles, also auch die Presse, amerikanische" Zahlen erreicht, Deutschland' (43), auch Oesterreich 30 hebräische Zeitungserscheinungen irr dieser Periode aufweist. Die hebräische Presse iveist bis 1920 12 Tageszeitungen, 185 Monats- und 111 Wochenschriften auf. Der Rest teilt sich aus Jahres-, Halbjahrs-, Halbmonats- und periodische Schriften auf. Einige Mütter sind in verschiedenen anderen Zeita-b« schnitten erschienen. Als Beispiel möchte ich die palästin-ensischeu Zahlen hersetzen. In Palästina sind erschienen: 4 Tageszeitungen, 3 dreimal wöchentlich, 3 zweimal tvöchentlich, 15' wöchentlich, 5 halbmonatliG 11 WsnatSzeitjKrijM «MBP