Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 8 (1926)
- Issue
- Heft 2479 (17.1.1926)
- Date
- 1926-01-17
- Page
- Seite 6 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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W1"u f mb lv 1 jiä ■■ Seite 6 Men, Sonntag Wiener Morgenzeitun« 17. Jänner 1926 Nr. 2479 INVENTURVERKAUF KNll S. WILHEIM, I., Tu< kll Nr. S und ler Arbeit ju erziehen und dafür Mittel bereitzustellen, ist eine produktive Ausgabe der Gemeinde, weil dadurch vielfach die öffentliche WohltätiMtentlastet wird. Mehr als 1000 junge Leute find von Wien im letzten Jahre nach Palästina als Pioniere abgewandert. Nebst der gewaltigen Bedeutung dieses Faktors für die Erneuerung und Errettung des Gesamdjudentmns, ist die Chaluz. fü'rforge für die Wiener Judenschaft selbst überaus wichtig. Bedenken Sie Wirtschaftsnot und Arbeitslosigkeit! M e h r a l s 1000 jüdischen Menschen dazu verholfen zu haben, daß sie Wien verlassen, um auf palästinensischer Scholle produktive Arbeit zu verrichten, bedeutet ein« Entlastung Wiens nutz die Kultusgemeinde hat alle Ursache, auf die großen Möglichkeiten, die in dieser Richtung bestehen, ihr Augenmerk zu lenken. Im Zusammenhang mit 8er Chaluzfürsorge will ich gleich die Frage des Keren Hajessod behandeln. Der Klub der zionistischen Mandatare in der Kultnsgcmeittbe wird mit allem Nachdruck darauf bestehen «Äffen, daß der Keren Hajesfad nicht wie irgendeine andere Fürsorgeaktion behänd e l t w ir d. Wir müffen für das wichtigste Finanziastrument des Paläftinaaufbaues «ine ernstliche Leistung fordern. Wir verweist« auf das reife Verständnis, welches anderswo der Bedeutung des Keren Hajessod entgegengebracht wird. So habe« zum Beispiel die Kultusgemeinden in der Tschechoslowakei einen Zuschlag znr Steuer für den Keren Hajessod genehmigt und in Italien haben die jüdischen Gemeiräe« einen Prozentstitz ihres Budgets dem Keren Hajessod reserviert. Seit tem Beschluß des Völkerbundes, die Errichtung der jüdische« Heimstätte in Erez Israel betreffend, sollten fich all« Debatten über diesen Gegenstand erübrigen. Hier gibt es kein Kompromiß, hier handelt es fich um ein Hauptprinzip und wir werden nicht nachgeve«. Die Zentralstelle für soziale Fürsorge, welche, wie Sie wiflen, unter der Aeghde des Kultusvorstandes gegründet wurde, muß die Zentralleitung aller W ö h l f a h r t s v e r e i n e werden. Es sind alle bloß auf dem Papier bestehenden Wohltätigkeitsvereine auszufchalten. . Nur w ist eine Kontrolle der Fürsorge möglich und das wilde Sammeln anonymer Komitees Hinte nzuhalten. Leider ist die Not so groß, daß wir die offene Fürsorge neben der prodlcktkven Fürsorge vorläufig weilerführen müssen. In kultureller Beziehung fordern wir wettestgehend« Unterstützung der hebräischen Sprachkurse und Bibelschulen. Die Schulplane der Wiener Schulen geben keine Möglichkeit. unsere Jugend in hebräischer Sprache, Religion und Geschichte entsprechend zu unterweisen. Es müffen daher jene Sprachschulen und auch jene Tempelvereine subventioniert werden, welche diesen Unterricht in ihr Programm ausgenommen haben. Wir stehen jetzt vor der B u d g e t d e b a t t e. Des Ausgirbenbudget beträgt nicht weniger als zirka 44 Milliarden Kronen und es ist bei den gegenwärtigen schwierigen Verhältnissen nicht möglich, die Steuerschraube anzuziehen. Nun hckben wir im Sinne des Friedensvertrages einen Anspruch darauf, Beiträge für unsere Zwecke von der österreichischen Regierung und von der Gemeinde Wien zu erhalten. Der Artikel 68 des FriedenSvertrages von Samt-Germain führt aus: „In Städten und Bezirken, wo eine verhältnismäßig beträchtliche Anzahl österreichvscher Staatsangehöriger wohnt, die einer Minderheit nach Rasse, Religion oder S p r a-ch e a n g e h ö r e n, wird dieser Minderheit von allen Betragen, die etwa für Erziehung, Religions- oder WohltätigkeitSzwecken aus öffentlichen Mitteln in Staats-, Gemeinde- oder anderen Budgets ausgewogen werden, e'm angemeffener Teil zum Nutzen und Verwendung gesichert." In diesem Sinne erhielten die preußischen Judengemeinden vom Staate über 800.000 Mark und man wich sich auch in Oesterreich dazu verstehen müssen, zumal wie Sie aus den vorhergehenden Ausführungen entnehmen konnten, die Wiener jüdische Kultusgemeinde nicht — wieeSdieHerrenvonderUnionhabenwollen — bloß das religiös« Leben fördert, sondern 6aS gesamte soziale ErziehungS- und WohltätigkeitSwesen in seine Tätigkeit ein bezieht und in weit größerem Maße als bi Sh er w rrp et »beziehen müssen. Wir haben ein großes Jnvestitionsprogramm durchgeführt, zahlreiche Gebäude wieder hergestellt und stehen jetzt u. a. vor der Aufgabe des Baues der großen FriedhofShalle. Der zionistische Klub vertritt den Standpunkt, daß die großen Kosten eines Baues, der für Generationen bestimmt fft. nicht den Zeitgenossen vollendaufgebürdet werden darf, sondern auf Generationen aufzuteilen ist. Wir befürworten daher die Aufnahme einer Anleihe. '. Dadurch könnten Skuergelder für religiöse, soziale und kulturell» Zweck« fr«! werden. Zum Schluß noch ein Wort Über die Steuerpolitik. Di« Wirtschaftslage :st derart trostlos, daß eine Erleichterung in der Be-meffung und Emhebwng der Steuer geiboten erscheint. Für Umfang und Ausmaß der Aeuererleichtemngen wird ein gerechter Mdus gefunden werden müssen, NUR 14 TAGE I "V TAGE VOM 10. BIS 31. JÄNNER Alle Arten Seidenstofe, Wasohwaren u. Futterstoffe bis 50°/0 reduziert Große Auswahl von Cripe Satin, CrSpede China Cripe Georgette, Marokkairt, Gold- und Silber• brokaten, Lami, Gold; Silbera. Seidenspitzen CrÄpc Lam«, S 9.50 ........ Inventurpreis S 7.50 Crtpe de Chine, 8 9.50 ..Inventurpreis 8 7.80 Japan Pongis, weiss, S 5—.Inventurpreis 8 3.80 Japan Pongis, prima, farbig, 8 7.80 . Inventurpreis 8 0.50 CrÄpe Satin 826.— ....... . Inventurpreis S17.— Goldbestickte Georgette 8 24 — . . . Inventurpreis S 9.— Goldu. Silberbrokate, 100 cm br., S 29.- Inventurpreis S14.— Prima CrSpe de Chine, in Resten ... per Meter S 6.— Jedermann Überzeuge sich von der enormen INVENTURVERKAUF „ZUM ZUR.CHIR SIIDINHAUS», I., Bauernmarkt 2a BlUraKHTI Inland. Ramel reift «ach Reelia. Im Zuge der Verhandlungen über die Bildung der neuen Regierungskoalition erllärte sich Bundeskanzler Dr. Ramek bereit, in Berlin bei der dortigen Reichsregierung eine Antrittsvisite zu machen. Als Zeitpunkt der Reise wird die erste Hälfte des Monats März genannt, da man in Wien voraussetzt, daß bis dahin schon das Deutsche Reich eine Verantwortliche Regierung haben werde. ' An eine Wiederaufnahme der Anschlußaktion denkt man aber weder in Wien, noch in Berlin. Die Anschlußfrage ist gegenwärtig nicht aktuell, und ' die Reise Dr. Rameks nach Berlin stellt sich als reiner Höflichk e i t S a! t dar. __ krhebung Matteriburgr rar Stadt. Aus Eisen stabt wird berichtet: In der gestrigen Sitzung des burgenländischen Landtages wurde der Gesetzentwurf über die Erhebung der Grotzgemeinde MatterSburg zur Stadt in Behandlung gezogen. Im Verlaufe der Wechselredr gedachten alle Sprecher der bedeutenden Vergangenheit des Ortes und wiesen auf dessen günstige Aussichten für eine Entwicklung in der Zukunft hin. Sodann verlautbarte der Präsident unter lebhaftem Beifall des Hauses die Annahme des Gesetzes. Tagesbericht. Nie Woche. Schalom Asch hat aus feinem 26jährigen Dichterjubiläum eine Groteske gemacht und statt der üblichen Tankeseine seltene Anklagerede gehalten. Er hat eine offene Wunde am kranken Körper unserer ganzen Literatur berührt. Bei Asch klingt zwar die ganze Anklage und besonders der Hinweis auf den zur Maschine gewordenen Scholem Alejchem mehr wie eine Entschuldigung, denn dis Produktion des in Polen lebenden Dichters war literarisch ungleich wertvoller als die des Amerikaners. Die unverantwortliche, desinteressierte Gleichgültigkeit der jüdischen Öffentlichkeit gegenüber der jüdischen Literatur — ich glaube, Asch irrt, in,Molen hat dieses Interesse in der letzten Zeit auch stark nachgelassen —, diesen Mangel an jeder lebendigen, fördernden Beziehung des Kolkes zu seinem Schrifttum, hat der Dichter aber mit vollem Recht und noch viel zu wenig gegeißelt. Die gegenwärtige Krise der hebräischen Literatur zmn Beispiel ist nicht nur ein inneres geistiges Problem, sondern in erster Linie ein ntateriell-milieuartiges. Juden scheinen vergessen zu haben, daß Bücher irgendwo verlegt und dann gekauft werden müffen, daß der Autor bezahlt werden und leben können muß, um zu schassen, daß eine Literatur ohne diese selbstverständlichen Voraussetzungen zugrunde gehen muß. Mit Jubiläen und platonischer Verehrung ist es noch lange nicht getan. Jüdische Bücher und Zeitungen leson die Inden gerne umsonst. Sie kaufen in ihre Hausbibliotheken, auch wenn sie reich oder Amerikaner sind, lieber „Schiller und Goethe", eventuell eine Bibel- oder Talmndübersetzung, aber nie Mendel« oder Tschernichowski, selten Bialik oder Asch. Auch in Palästina hungern viele Schriftsteller und hebräische Verlage gehen ein; denn die kleine jüdische Gesellschaft dort kann die allzuvielen, eigentlich für das ganze Vierzehnmittionenvolk Produzierenden, nicht allein tragen; und dem Volk in der Galuth geht es teilweise schlecht und, wenn es ihm gut geht, hat eS andere Sorgen . . . Das „Volt des Buches" möge sich der Bücher erinnern. .. * Die Weiße Raffe kann aus ihre „indianischen" Methoden stolz sein. Ans Amerika, dem paradoxen Land größter technischer Fortschritte und äußerlicher Freiheit einerseits, und schwärzester Reaktion, Ausbeutung, Bigotterie und Muckertum andererseits, kommt eine erfreuliche" Nachricht von der systematischen Ausrottung eines ganzen Jndianerstamms, der Osage-Jndmner, deren Reichtum ans den Erträgnissen der Anteilscheine auf die Oelfelder ihres Plateaus tveißen Farmern ein begehrenswerter Dorn im Auge war... Da ist einmal unverhüllt, hemmungslos ein Nassenkampf, entfesselt durch primitive, wahrste Ursachen, geführt mit den listigsten mrd grausamsten Mitteln, ausgebrochen, in dem sich der Sinnder ganzen Raffengeschichte geofsenbart hat . . . Die weißen Räuber haben die Frauen des kleinen, reichen Nothäutcstammes geheiratet, um die Männer durch List auszurotten und zu beerben . . . Ja, so, um Oel, durch Heirat und Gift, durch Mord und Mischzucht bekämpfen sie und morden sie einander aus . . . Die Verbrecher fängt jetzt der Staat und wird sie bestrafen; wenn auch deren System ihn selbst geschaffen hat und noch immer sich meist mit seinem Wesen deckt . . . Aehnliches soll sich jetzt in unserer nächsten Nachbarschaft ereignet haben... In anderer Faffon... » Das Mittelalter hat in dieser kalten, traurigen Woche einige grelle Rufe aus seinem sonst unsichtbaren, wenn auch öfters üblen Geruch verbreitenden Grab, ausgestoßen. Die „He;en"-Quälereien in Polen, die „Mariencrscheinungen" in einem ungarischen Dorf und nicht zuletzt manche politische Staatsaktion sind nicht zu verachtende Zeichen eines gefährlichen Verfalls nach der Epoche des „Aufstiegs", deren Krone der denkwürdige Weltkrieg war, eine der Hauptursachen dieses geistigen und wirtschaftlichen Unterganges. Für grotesk-boshaften Humor hat aber der spiritistische „Klub der Kommenden" in Breslau gesorgt, der überirdische Geister zur betrügerischen Geldherauslockung bemühte. Der geprellte Kaufmann, der die Betrüger anzeigte, hat nicht nur den mystisch-fleischlichen Klub, sondern auch sich selbst ein wenig bloßgestellt. Denn wie sehen die Menschen und die Zeit aus, die auf solche Schwindeleien hereinfallen'. . . Nicht, daß man sich betrügen läßt, ist hier das Tragikomische — das kommt vor —, sondern daß es am leichtesten, einfachsten durch mystische Offenbarungen geschehen kann, ist betrüblich und bezeichnend. Der Fall an sich ist unwichtig, er hat aber den Geist einer Zeit lächerlich gemacht, der genug steril, altjüngferlich und ruiniert ist — durch beglückende wirtschaftliche und nationale Kämpfe und Siege —, um err masft Mystik, Okkultismus, Spiritismus und ähnliche Verdummung leichtgläubig zu konsumieren. Wenn jemand überhaupt hinausdvingen kann über die Grenzen unserer Vernunft, so ist es nur der Dichter, Künstler, das einzelne, persönliche, seltene Genie. Mr, die Bielen, sollten lieber dem Geist dienen als den Geistern, lieber lauschen den erkennbaren, verständlichen Stimmen der Erde und des bluwollen Lebens, als den mystischen, unverständlichen des fernen Himmels und des bleichen Todes. Wir und die Welt können an solchen „Offenbarungen^ viel eher genesen . . <'; - l. th. Me Abwanderung nur Mm «ach ftrer gfrael. Der Bericht des Wiener Palästinaamtes über das Kalenderjahr 1925. — 1022 Personen mit dem PMstinavisum betritt. — Außerdem 4170 Personen über Wien auögewcmderi. Das Wrener Pzlästinaamt übermittelt uns einen statistischen Ausweis über die Anzahl, die Beschäftigung,,dds Alter und die Berufe der Personen, welche in der Zeit vom 1. Jänner 1925 bis zum 81. Dezember'1925 durch Vermittlung des Wiener Palästiüaämtes nach Srez Israel ansgewandert sind. Die Gesanstzchl der Auswanderer'— sie. beträgt 1023 Köpfe -7ist beträchtlich. Wenn auch bloß'172 Personen der mit englischen Paiastinavisa Beieilten österreichische Staatsbürger sind, hingegen 656 Personen polnische Staatsbürger, so muß man doch bedenken, daß es sich auch bei diesen polnische« Staatsbürgern um Emigranten handelt, die sich lange Jahre ht Wien aushielten und bloß ivegen der herrschenden Praxis ebenso wie die aus anderen Nachsolgestaaten stammenden Emigranten von der Erlangung der österreichischen Staatsbürgerschaft ausgeschlossen waren. Mehr als die Hälfte der, beförderten Personen, nämlich 664 an der Zahk. — warenZertifi« tatisien. d. h. Pioniere, welche mit Mse des Keren Hajessod zur Aufbauarbeit nach Erez Israel'abgingen. 46 Arbeiter wurden von privaten Unternehmern angefordert. Zur Grupps „Kapitalisten" zählten 92 Auswanderer. Ferner befanden sich unter diesen Emigranten 25 Persollen, lvclche ihren lin einem früheren Zeitpunkt nach Palästina ausgewaildertell Angehörigen nachreisten, um ständig ill Erez Israel zu verbleibe)!. In diese Aufstellung sind jene Person dar nicht ein-' bezogen, welche nicht d i r e k t a u s W i e n, sowdern mr an» deren Ländern, insbesondere ans Polen »rnd der Tschechoslowakei, ü b e r W i e u nach Erez Israel auSwanderten. Die stattliche Zatz! - dieser Durchwanderer betrug 417 0 P e r s o n e n. Aus diesen Mitteilungen ist zu entnehmen, welche' Bedeutung der Keren Hajessod. der daS gesamte Palästinabiudget bestreitet, für die W i e n e r I n d e n s ch a f t s e l b st hat. Ä)ie wirtschaftliche Lage in Oesterreich und insbesondere in Wien ist Mvlerig. Wer derl Keren Hajessod stärkt, errnöglicht es, eine inimcv »größere Zahl von in Wen ansässigen Juden als Pioniere beS^Anf-- b an werke 8 nach erfolgter Ausbildung nrch Erez Israel z» entsenden. <»;( Die freiwilligen Mitarbeiter der jetzt im Zuge besinnlichen Aktion für den Keren Hajessod im Wiener Iuk4n* bezirke werden sich bei ihm AufklSrungsarheit dieses Argulrttnts hoffrntlich erfolgreich bedienen köllnen. SM* PalkftlnaMMviMderurig int Dezember 1VSÜ. Jerusalem, 14. Jänner. (I. T. A.) Jur Monat Dezember ftöLS sind 2780 Einwanderer nach Palästina gekommen. Die Zahl de? Einivmdem im Dezember 1984 betrug 1890,