Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 8 (1926)
- Issue
- Heft 2478 (16.1.1926)
- Date
- 1926-01-16
- Page
- Seite 3 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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, Men, Samstag_ gp jener flWnrftftmftttttft 16. Jänner 1926 EM 8 „Levente" und AanknotenWchrr. gnlnpellatiimen im «ationalrat. Am Donnerstag hatte Abg. Dr. Deutsch rm Nationalst eine umsangreiche, mit amtlich.-» Relationen belegte Anfrage über die irredentistischen Organisationen in Westungarn angebracht, deren Ziel die Losreißung des Burgenla nd e s v on O e ste r r e i ch ist. Dr. E l l c n b o g» n kam gestern im Rationalrat auf diese Zustände zu sprechen und fügte hinzu: Aus das Wesen der Frage, um die es sich hier handelt, haben die B a n k n o t e n f ä l s ch u n g c n, die in den letzten Wochen die Öffentlichkeit der gesamten Welt schr stark berührten, ein bezeichnendes Schlaglicht geworfen. Bisher ist als Ergebnis der wenn auch lau und vorsichtig geführten Untersuchung die Tatsache herausgekommen, daß es in Ungarn einen Klüngel gibt, dem hohe, h ö ch st e u n d a I l e r h ö ch ft e Kreise angohören. die von der merkwürdigen Anschauung ausgehen, daß im Interesse einer sogenannten patriotischen .Handlung jedes Verbrechen erlaubt sei, nicht nur jeder Mord an einem Politischen Gegner, sondern auch jeder Griff in fremde Taschen und in fremde Valuten; einen Klüngel, der auf der anderen Seite eine Reihe von Verbrechen zu dem Zwecke begeht, um eine jetzt ganz offenkundig gewordene Verschwörung gegen den Frieden Europas anzuzetteln und einen neuen Krieg von unabschbarsn Folgen hervorzurufeu. Abg. Dr. Deutsch hat in seiner Interpellation folgende Tatsachen festgestellt: Ungarn hat bereits eine Armee, die unter vielen Titeln verkleidet ist. Mit der Ausstellung dieser Armee allein begnügt sich aber Das Land nicht, es bildet eine neue Armee heran. Zu diesem Zweck ist dos Gesetz betreffend die Leventevereine geschaffen worden. Durch dieses Gesetz wird die ganze männliche Bevölkerung vom 12. bis zunr 21. Lebensjahre gemustert und in Evidenz gehalten. Diese Kinder und Jugendlichen werden zu Uebnngen herangezogen. An den Mittelschulen werden die Reifeprüfungen mit einer militärischen Prüfung verbunden, zu der die höheren Offiziere zugezogen werden. An allen Grenzorten wird militärisches Rüstzeug versteckt. Unsere Grenze wich überflutet von ungarischen Spionen, die auszuforschen haben, was etwa an Wehrhaftigkeit bei uns vorhanden ist. Auf den Gütern der großen Grundbesitzer im Burgenland, die bekanntlich alle Magyaronen sind, beenden sich ungarische Angestellte, die auf unserem Boden Spionagedienste leisten und die burgenländische Be- Völlevung in magyarischem Sinne zu verhetzen berufen sind. Ein Teil der Christlichsozialen nimmt für die Feinde un eres Vaterlandes offen Partei. In erster Linie muß das R"gierungsorgan, die „Reichspost", genannt werden, die offenbar das Parteiorgan der noch nicht eingesperrten Banknotenfalscher ist. Dieses Blatt, das nichts and.res als ein offenbar im Dienste — ich kann nicht beweisen, ob auch im Solde — des Herrn Grafen Bethlen stehendes Blatt ist, bemüht sich krampfhaft, den Politischen Charakter der Banknot enfälschungsaffä re zu vertuschen und abzuleugnen. Im Jahre 1921 wurde der Kustos des ungarischen Nationalmustums, Herr Meszaros, in Wien wegen Fälschung von tschechischen 500-Kronen-Noten verhaftet' und zu sieben Monaten Gefängnis verurteilt. Die Regierung l)at damals durch einen Gnadenakt des Bnndespräsidenten btefett' Mann von der Abbüßung der Strafe enthoben. Eine damals erhobene Vorstellung der tschechoslowakischen Regierung blieb ohne Erfolg. Dieser Meszaros 'hat in denr burgenländischom Aufstande '-egen uns eine hervorragende Rolle gespielt. Es ist das eine weitere Erschwernis der Verantwortung der österrcich'.schen Regierung. Ter Bundeskanzler nmß uns Auskunft geben, w:rum und aus wessen Intervention damals über diese Banknotenfälschcr die Gnade der Regierung herabg.flössen ist. Ae Silttathm in Budaveft. Zadravecz und Baroß neuerlich verhört. (Eigendienst der „Wiener Morgenzeitung".) Budapest, 15. Jänner. Sowohl der Generaldirektor der Postsparkasse Gabriel v. B a r o ß als auch Feldbischof Zadravecz wurden heute neuerlich verhört. Ferner wurden zwei Bankiers, die Baroß namhaft gemacht hatte, und zwar Johann Eli scher und Roland Horvath, einvernommen. Dem „8-Uhr-Blatt" zufolge sotten diese beiden Bankiers bei der F i n a n z i e r u n g d e r Frankenfälscher eine wichtige Rolle gespielt haben. Der heute einvernommene Bankier Eli scher ist einer der Eigentümer der vor ungefähr drei Jahren gegründeten, des besten Rufes sich erfreuenden Privatbankfirma E l i s ch e r u. Havas. Er ist ein Sohn des ehemaligen Gouverneurstellvertreters der Oesterreichisch-ungarischen Bank und gegenwärtig Präsident der Finanzinstitutszentrale. Ministerpräsident Bethlen konferierte heute mit den Ministern Pest Hy, Kleb elsü erg und Balko sowie mit Oberstaatsanwalt Dr. Sztrache und dem Stellvertreter des Honvedministers General Agya-Papp. Auf Grund dieser Besprechungen hat Handelsminister Balko die sofortige Beurlaubung des Generaldirektors der Postsparkasse, Baroß, verfügt, da es feststeht, daß die Postsparkasse satzungswidrige Kredite an private Körperschaften vergeben hat. (Gemeint ist die „T. E. Sz." das he.ßt der Verband der gesellschaftlichen Vereinigungen, der unterdem Protektorat des Erzherzogs A l b r c ch t stand. — Die Red.) In den Mittagsstunden erschien in der Staatsantvaltschaft der Grauer Domherr und Staatssekretär im Kultusministerium, Prälat Dr. Stephan Breyer, und sprach bei dem Präsidenten der Staatsanwaltschaft vor. Prälat Dr. Brey e r ist der direkte Vorgesetzte des Feldbischofs Zadravecz. Nachmittags wurden auf der Oberstadthauptmannschaft ganz unerwartet zwei Detektivgruppen cinbcrufcn. Man erwartet auch einen neuen Besuch der französischen Detektivs und Emissäre in der Oberstadthauptmannschaft. Heute abends wurden vor der Staatsanwaltschaft der Sekretär des Prinzen Windischgrätz, Raba, mit dem Feldbischof Zadravecz und dem Generalsekretär der Postsparkaffe, Baroß, konfrontiert. Nach der Konfrontiemng erklärte der Verteidiger des Feldbischofs, Dr. Bela Daner, daß es Zadravecz gelungen sei, seine Rolle aufzuklären und sich nach allen Richtungen hin zu rechtfertigen. Wie verlautet, soll sich die neuerliche Einvernahme des Abgeordneten Julius Gömbös als notwendig erwiesen haben. Wie verlatltet, sott die Hauptverhandlung gegen die Frankennotenfälscher schon im Februar durchgeführt werden. Was machen Sie Jeden Abend) „Ich lasse mich mit D'ana-Fianzbrannhvein massieren!“ „Warum gerade mit Diana-Franzbranntwein?" „Weil Ich mich überzeugt habe, dass nur Massage mit DIANA- FRANZ BRANN TWEIN ml» Manihot solche Schmerzen linde11. wet he von Ueberanstrengung un i schwöret Arbeit herrühren. Ebendarum haute ich nur Diana- Franzbranntwein und nichts anderes.“ liebet all erhältlich! Versuchte Ernfchmuggelung falscher Frankennoten nach Niedev! ä n di sch-Jndiew« Batavia, 15. Jänner. Die Gerichtsbehörden ließen sämtlichen Banken die Mitteilung zukommen, daß nach einer aus .Haag eingelrofstnen Depesche sich an Bord des heute in Batavia eintreffenden Dampfers „P a t r i a" ein Mann befinde, der,e i n e Menge falschcr 10 0 0 - Franlennoten nach Niederländisch - Indien einschmuggeln wolle. Die Behörden haben die notwendigen t Maßnahmen ergriffen. ' Nach einer späteren Depesche hätten'die Behörden einen ungarischen Passagier an Bord der „Patria" einvernomme» aber keine falsche Banknote in seinem Besitz gefunden. HMein« BSksensvekNlatwne«. Me sich die Hakenkreuzpresse hilft. Berlin, 15. Jänner. (I. T. A.) Die Enthüllungen über die skandalösen Börsenspekulationen des verstorbener! einstigen Diktators des Auswärtigen Amtes Baron v. H o l st e i n, die mit der Preisgabe von wichtigen Interessen der deutscher! auswärtigen Politik verbunden waren, sind der Rechtspresse stark auf die Nerven gegangen und haben bei ihr mancherlei Blüten gezeitigt. Unter Hinweis aus eine Mitteilung des „Berliner Tageblattes", daß der Bankier des Barons v. Holstein die Firma Meyer-Cohn gewesen ist, schrieb die antisemitische „Deutsche Zeitung": „... Für heute gestatten wir uns Herrn Theodor Wolff und die vom Hause Ullstein -zu fragen, ob sie ihr „erstaunliches" Wissen um die Firma Meyer-Cohn ettva dem Schriftsteller Dr. Paul Nathan, dem Neffen und Erben des Ehepaares Meyer-Cohn, verdanken. Kann uns vielleicht zugleich mit der sicherlich offenherzig gewährten Antwort gesagt werden, ob Dr. Paul Nathan über das Gesagte hinaus, nicht nur als Sozialdemokrat und Intimus des Genoffen Breitscheid, sondern auch als Agent der Ostjuden besonders bei jener Presse akkreditiert ist?!" Dr. Paul Nathan schreibt hiezu an den „Vorwärts": „Weder bin ich der Neffe noch der Erbe des Ehepaares Meyer-Cohn, noch überhaupt verwandt mit dieser Familie. Daß mir der Genoffe Breitscheid den Ehrentitel seines Intimus zubilligen würde, muß ich leider bezweifeln, und daß ich Agent der Osts »den bin, muß ich bestreiten. Hingegen nehme ich mich nach Möglichkeit verfolgter Ostjuden an." Ahlwavdts Freund gestorben. Berlin, 15. Jänner. (I. T. A.) Dieser Tage verstarb im 82. Lebensjahre der Vorkämpfer der antisemitischen Bewegung in Deutschland Prof. Dr. Paul Förster, der seinerzeit m i t Ahlwarbt zusammen die völkische antisemitische Bewegung förderte. Dem deutschen Reichstag gehörte er als antisemitischer Abgeordneter von 1892 bis 1898 an. Er vertrat den Wahlkreis Neustettin. Arnold Böcklin. Zu seinem 25. Todestage. Bon Dr. Leopold Thaler. Daß Popularität nicht immer Hand in Hand mit wirklicher Bedeutung, mit dem Bestehen vor der eingehenden scharfen Kritik nach den Wertnraßstäben eines bestimmten Schaffensgebietes einhergeht, hat sowohl in der Kunst als auch in der Literatur die Gegenwart vielfach gelehrt. Arnold Böcklin (geboren am 16. Oktober 1827 in Basel, gestorben am 16. Jänner 1901 in Fiesole bei Florenz), der seinerzeit viel Umstrittene, Angefeindete, gehört teilweise auch zu jener Art von Schaffenden, die ihre Popularität weniger ihren wahrhaft wertvollen Werken zu verdanken haben, als vielmehr einem Nebensächlichen in ihrer Kunst und sogar in ihrem Wesen, schließlich einem Zufall und den verhängnisvollen Folgen ihres Erfolges. Sie sind am Ruhm, an der verziehenden, oberflächlichen Masse gestrauchelt. Teilweise. Denn wenn ich auch nicht ganz der vernichtenden kritischen Ansicht Meier-Gräfes, dieses sachlichen, geistvollen und unerbittlichen Analytikers bin, der schon darum nur selten Fehlurteile fällt, weil seine Lehre von den Einheiten in der Malerei an sich eine „Roinigungsle'hre" und dieses Kunstgebiet anl ehesten von den Schlacken und Vertuschungen fremder Einflüsse zu befreien imstande ist, so muß doch zugegeben tverden, daß zumindest im Prinzip und in den Auswirkungen für Gegenwart und Zukunft Meier-Gräfe im deckst ist. Böcklins Lebens-- und Schaffenslauf zerfällt, trotz seiner dielen Mänderungen von Basel nach Düsseldorf, wo ex unter Schirmer Lanbschastsmalerei studiert hat und den Meister manchmal übertraf, dann nach Paris, Rom, München, Weimar und wieder nach Italien und sofort, immer schwankend zwischen Nord und Süd wie die meisten Deutschen, eigentlich in zwei große Perioden, in eine kürzere, dem großen Publikum meist unbekannte Frühzeit, die so ungefähr bis 1860 reicht, und in eine Spätzeit, in der der Künstler den größten Teil seiner bekannten, der Reproduktion auf der Ansichtskarte so sehr fähigen und würdigen Bilder schuf. (Ja, sehr oft mildert die schwarz-weiße photographische Reproduktion die schreiende Farbenzusammenstellung des Originals, wie zum Beispiel im Fall „Pieta", und trägt so dazu bei, daß der das Bild,meist aus der Ansichtskarte kennende Laie einen besseren Eindruck behält.) Im Anfang, als Böcklin noch unbekannter Landschaftsmaler lvar — seine malerische Stärke lag überhaupt viel mehr im Landschaftlichen als im Figurenhaften —, hat er eigentlich das Beste und Bedeutendste geschaffen. Seine Entwicklung nahm den unigekehrten Weg Rembrandts. Während der letztere von zukunftsverheißenden Anfängen zu einer gigantischen Zukunft gelangte, ein Ritt ins Große, ist Böcklin von starken, das Wesen erschöpfenden Anfängen zu Niederungen der Künstevermischung, zu symbolisierenden Malereierzählungen herabgestiegen. „Kentaur und Nymphe" (1855) zum Beispiel ist vom rein malerischen Standpunkt, also vom allein gültigen, ein herrliches Bild. Die leise Nuancierung der Farben, das herrlich schattierie Braun, das Eingefügtsein der Figuren in die Landschaft, löst im Zuschauer einen einheitlichen/unmittelbaren Eindruck aus. Wie anders in den späteren Bildern Böcklins. Dieses heftige, aufdringliche Kontrastieren der Farben und Flecke (so hat damals der Pruch mit der Vergangenheit auSgesehen, so begannen die deutschen Koloristen), diese mangelhafte Einheitlichkeit der Komposition trotz ihrer symmetrischen Anordnung manchmal, mit einem Wort das Fehlen der rein malerischen Inspiration, an deren Stelle die halb dichterische, halb pathetisch-mythisch erfinderische getreten ist. Ms ganz markante Beispiele möchte ich hier die ,/Znsel der Seligen", diesen populären, nichtssagenden, sentimental-geschmacklosen Kitsch und den „Geigenden Eremiten", dieses aus drei verschiedenen Teilen bestehende Genrebild anführen. Und eigentlich die ganze Reihe der Tritonen-, Nereiden- und Mythenbilder mit tvenigen Ausnahme» (so die in der Bewegung imposanten Bilder: „Der gefesselte Prometheus" und der „Cimbernkanipf"). In den letzten Lebensjahren waren für Böcklin fast nur die zahlreichen Bestellungen und der Publikumserfolg entscheidend: Bild auf Bild entstand, weniger gemalt, mehr ausdruckstendenziös, allegorisch aufgetragen. Soviel zum Prinzipiellen des Böcklin-Problems. * Trotzdem war aber Böcklin — und das ist nie außer acht zu lassen — ein bedeutender Maler, wovon eben der glänzende Anfang Zeugnis ablegt und, trotz der Abwege, die hinreißende Wirkung mancher späteren Werke. Dies wird am ehesten so zu erklären sein, daß Böcklin, bei dem Hellenen- und Germanentum, Romantik und Naturalismus, schließlich 'Malerei und, sagen wir, Dichtkunst vereinigt waren, ähnlich dem ihm in mancher Beziehung nahestehenden Richard Wagner, in dieser Künstevermischung manches Endgültige geschaffen hat. - So wurde die „Insel der Toten" zur herrlichen, nirvanaartigen, zypressen-melancholischen Grabessymphonie oder „Das Schweigen im Walde" zunr angehaltenen Atem der vor Spannung berstenden Natur. Nicht das bekannt Böcklinsche soll für das ztveite Bierteljahrhundert nach seinem Tode bestehen bleiben, viel eher die Bemühung um die Erkenntnis des ivahrhaft Schönen in den weniger bekannten Bildern des Künstlers.