Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 8 (1926)
- Issue
- Heft 2477 (15.1.1926)
- Date
- 1926-01-15
- Page
- Seite 3 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 2477 Wien, Freitag Wiener Mor-enzeslnng 15. Jänner 1926 Gert« 8 Heniot «der das franzöfi che Parlament. 6V Jahre Parlament der dritten RepnM. Paris, 14. Jänner. (Tel.-Komp.) Die heutige Kammersitzung, in der die Wahl des neuen Bureaus erfolgie, wurde in Anwesenheit Briands und fast aller Minister durch eine Rede des Kammerpräsidenten H e r r i o t eröffnet. H e r r i o t erinnerte daran, daß sich in einigen Tagen zum 50. Male der Tag fahre, an denr das Parlament der dritten Republik gebildet wurde. Nach einen: kurzen Rückblick auf die Entwicklung des französischen Parlamentarismus erklärte Herriot, die Republik sei ihrem Geiste treu geblieben und cs werde die E h r e d e r g e g e n w ä r t i g e n Legislaturperiode fein, feierlich die Abkommen von Locarno zu registrieren, durch welche die von den Abgeordneten des Jahres 1876 erhoffte Schiedsgerichtsbarkeit zur Tatsache werde. De Selves ist zum PräsidentendeZSenats m i e d e r g e.r> a h l t worden. Der Kampf um die Steuern. Paris, 14. Jänner. Die Finanzkommission der Kammer hat mit 21 gegen 5 Stimmen bei 12 Stimmenthaltungen den Artikel 13 des Regierungsentwurfes betreffend die Einführung einer Steuer auf von Kaufleuten und Industriellen empfangene Zahlungen abgelehnt. Die. Finanzkommisston der Kammer beschloß sodann mit 18 Stimmen bei zwei Stimmenthaltungen, nachdem die Mitglieder der Minderheitsgruppe den Saal verlassen hatten, den Finanzgesetzeniwurf des Kartells in Erwägung zu ziehen. drei Fahre Mmeichifche Eaniermig. Ein Bortrag Dr. Zinrmermans in Prag. (Eigenvienst 2er „Wiener Morgenzeitung".) Prag, 14. Jänner. Generalkomm'ssär Dr. Zimmerman hielt heute abends in der Prager Urania einen Vortrag über das Thema „Drei Jahre österreichische Sanierung". Er bezeichnete die Sanierung Oesterreichs als eines der denkwürdigsten Experimente der Nachkriegszeit. Den positiven Ergebnissen: Stabilisierung der Währung, Wiederaufbau der öffentlichen Einnahmen und Wiedergeburt der Privatwirtschaft schloß er eine Kritik verschiedener Auswüchse an. Insbesondere hob er die Hypertrophie an öffentlichen Beamten hervor. Durch die Entlassung, von 80.000 Angestellten wurde keine Ersparung erzielt, denn einerseits wurden die Bezüge wiederholt erhöht, andererseits stand eine so freigebige Regelung der Ruhebezüge in Geltung wie in keinem anderen Staat. Wenn hinzugesügt werde, daß öie Beamtenzahl immer noch zu groß sei, dann werde es niemand wundern, daß der Personaletat für 1926 eine weitaus höhere, und zwar um 75ProzenthöhereZiffer austveise als der Prrsonaletat zu Beginn der Sanierung. Tie Beamtenzahl bilde nach wie vor das große Problem O e st e r r e i ch s und der zukünftigen staatsfinanziellen Lage. Zluf der anderen Seite biete jedoch das Budget ein erfreuliches Bild. Nachkommen spanischer Maranne« in Polen. B. Seidow erzählt in einem polnisch-jüdischen B.att die folgende interessante historische Reminiszenz: Als Napoleon der Erste mit seiner Armee auf seinem Marsch gegen Rußland durch Polen zog, k.im eines Tages eine französische Abteilung in das kleine Städtchen Z e l i ch o w. Zu jener Zeit lebte dort der berühmte chassidische Rabbi Simon Deutsch, ein weltfremder Jude, der ganz außerhalb der Weltgoschchnisse seinen frommen Lebenswandel führte. Tie Juden des Städtchens waren nicht wenig erschrocken, als sie eines Morgens den Einmarsch der französischen Truppen schen und bemerkten, wie ein hochgewachsener, breitschultriger juirger Mann, der Kommandant der Trupperabteilung, iii das Haus des Rabbi ging und^ lange Zeit darinnen verweilte. Kaum hatte der Kommandant die Wohnung des Rabbi verlassen, strömten die Inden aufgeregt in das Haus, um von ihm nähere Mitteilungen zu erhalten. Rabbi Simon Deutsch beruhigte die Erregten, aber der Inhalt des Gespräches zlvischen dem französischen Kommandanten und dem heiligen Rabbi blieb lange ein Geheimnis. Das französische Militär blieb längere Zeit im Städtchen und die Besuche des Kommandanten beim Rabbi wiederholten sich öfters. Einige Wochen später ließ der Kommandant seine Frau, eine bildhübsche junge Christin, in seiner Kleidung und reichem Juwelenschmuck nach Zelichow kommen. Sie brachte auch ihr Kind, einen achtjährigen Knaben mit sich. Es fiel nun auf, daß der Kommandant bei seinen Besuchen im Hause des Rabbi stets von seiner Frau begleitet war. Die Leute wußten nicht recht, was hinter diesen Besuchen, während deren niemand das Haus des Rabbi betreten durste, eigentlich stecken möge. Als daun die Armee Napoleons, in Rußland geschlagen, Hals über Kopf aus den: Zarenreich flüchtete, siel es allgemein auf, daß der französische Äonimanöant nach der Evakuierung seine Frau und sein Kind in der Obhut des Rabbi im Städtchen znrückgelassen hatte. Rabbi Simon Deutsch war der Lehrer des jungen fremden Kindes und ,;um allgemeinen Erstaunen begann die Frau des Kommandanten, die junge, schöne Elisabeth, allsabbatlich den Gottesdienst in der Synagoge zu besuchen^ Kennen Sie schon die grandiose Wirkung des DIANA- FRANZBRANNTWEIN 7 Jeder GESUNDE und J der KRANKE wird es Ihnen bestätigen, dass die dekbar beste W rkung durch Diana- Franzbranntwein mit Mentho. erzielt wird. _ifeb ia I erh ItHchl_m Die Stadt Wien sei für den Handel und das Bankwesen von Zentral-, Ost- und Südcuropa einer der Hauptfaktoren geblieben, ein Zentrum, wo ncch immer ein bedeutender Teil der Erträgnisse und Neichtümer der früheren Gesamtheit zusammenfließe. Sie sei ein bedeutendes A k t i v u m der Z a h l u n g sbilanz Oesterreichs Das- Budcetglelchxewicht könne auch in Zukunft aufrechterhalien werden unter der Voraussetzung, daß die politische Konstellation eine Reg'erung ermögliche, die ims ande fei, sich dem Drängen nach Ausdehnung der Ausgalen zu widersetzen, und unter der weiteren Voraussetzung, daß sich die wirtschaftliche Situation nicht weiter verschlimmere. Die Frage der Produktionskosten müsse restlos und furchtlos ins Auge gefaßt werden, wenn man eine dauernde Besserung herbeiführen will. Denn es ist kiar, daß dieser Faktor im Konkurrenzkampf das letzte Mort hat und daß je.es System handelspolitischer Begünstigungen auf die Tauer von der natürlichen und automatischen Begünstigung der billigeren Erzeugung zurücktritt. Bodenständig «nd se'ho't. Da der christlichscziale Bezirksrorsteher der Inneren Stadt, W: e n i n g e r, seine Stelle niodergelegt hat und sich als Nachfolger des verstorbenen Abgeordneten R einer in den Nationalrat einberusen ließ, wurde am Mittwoch ein neuer Bez'.rlsvorsteher, der Magistratsrat Tr. Eduard Siegrneth, gleichfalls ein Christlichsezialer, gewählt. Er erhielt 17 Stimmen. 12 Stimmzettel waren leer. In seiner Antrittsrede leistete er sich folgende für einen auf die Staatsgrundgesetze und damit auf die Rechtsgleichheit aller Staatsbürger vereideten Beam en doppelt erstaunliche Sätze: „Was die besonderen Geschäfte der Bezirksvertretung — Begutachtung der GLweVbekonzessionsangelegenheit und Heimatsrechtsfachen — betrifft, werde ich trachten, das Bedürfnis der Bevölkerung mit den berechtigten Wünschen der seßhaften Gewerbetreibenden zu Vereinen. In Heimatrechtssachen ist wohl-ein erhöhtet Schutz der bodenständigen Bevölkerung gegenüber der Ueberflutung durch fremde Elemente am Platz. Setzt man statt der Worte „fremde Elemente" den den Christlichsozialen viel geläufigeren Ausdruck „dar Jud", so wird man leicht begreifen, was Herr Siegm e t h will und wessen sich die jüdische Bevölkerung von ihm zu versehen hat. .Ein Jahr war seitdem vergangen. Eines Morgens fuhr vor dem Hause des Rabbi eine vornehme Kutsche vor, der ein eleganter Mann in deutscher Tracht entstiegen war. Die Juden erkannten in ihm den seinerzeitigen französischen Kommandanten. Nach einer langen Unterredung zwischen dem Fremden und dem Rabbi ließ dieser die Führer der Gemeinde zu sich kommen und eröfsnete ihnen folgendes: „Ihr kennt ja alle den Herrn, den ihr jetzt vor euch seht, von früher her. Es ist der französische Kommandant, der seinerzeit bei uns im Städtchen disloziert war. Nun sollt chr aber wissen, daß dieser Mann von Juden stammt. Seine Urcltern lebten in Spanien zur Zeit, als dort die großen, blutigen Verfolgungen gegen die Juden angeordnet waren. Sein Vorfahre konnte leider Gottes dem Versuch, sich taufen zu lassen, nicht widerstehen. Nach seinem Uebertritt zum Christentum wurde er ein mächtiger Mann in Barcelona. Seine Kinder und Enkelkinder verschwägerten sich mit den höchstgestellten spanischen Fürstlichkeiten und waren an; königlichen Hof zugelassen. Einer aus dieser Familie, ein Enkel dessen, der in der Zeit der seelischen Rot zum Christentum übergetreten war, war Don Xilerrna de Berdojado. Dieser verlebte seine ganze Jugend am spanischen Hof nnd es fiel ihm auch int Traum niemals ein, daß er von Juden abstamme. Dieser junge Mensch heiratete die Tochter eines hohen spanischen Aristokraten und zeichnete sich in den verschiedenen Kriegen, die Spanien gegen seine Feinde geführt hatte, aus. Eines Tages aber, als er sich auf einem seiner Güter befand, kam zu ihm ei» alter Mann und bat ihn um eine vertrauliche Unterredung, da er ihm äußerst wichtige Mitteilungen zu machen habe. In dieser Unterredung vernahm Don Xilerma zu seiner großen Ueberraschung, daß er jüdischen Bluter sei. Der Alte war einer der Geheimjuden in Spanien, die Generationen hindurch ihr Judentum unter den größten Opfern im Geheimen bewahrten und der unter den äußersten Gefahren all die abgesagten Zweige des einst blühenden spanischen Judentums 'aufsuchte und sie über ihren Ursprung ansklärte. Auf den jungen Don Xi.'erma übte diese Mitteilung einen gewaltigen Eindruck und er begann gleichfalls, sich mit den Marannen zu treffen und das Wesen des Judentums kennen zu lernen. Lange jedoch vermochte er sein Geheimnis nicht für sich zu behalten. Er weihte seine Fv.n, mit der ihn unendliche Liebe verband, in die Geschichte seiner Familie ein. Die Frau hing gleich« Tagesbericht. Glückwunsch an galob Straus». Unser Redaktionskollege Jakob Kransz sitzt am Nebentisch und weiß nicht, daß wir es soeben erfahren haben, was er in seiner Schlichtheit verschwieg, urn die Veröffentlichung zu vermeiden, nämlich, daß er morgen — für den Leser unseres Blattes bedeutet das heute, den 15. d. — im Kreise seiner Familie das Fest der silbernen Hochzeit feiert. Lieber, verehrter Jakob Kraus;! Tu kämpfst so lange schon und so tapfer mit deiner Feder für dein geliebtes jüdisches Volk, du hast seit Erscheinen der „Wiener Morgenzeitung" ss hingebend für dieses Organ gearbeitet, deine gründliche Kenntnis des Judentums, dein ungewöhnlich reiches und gediegenes Wissen, dein großes Verantwortungsgefühl sind uns so außerordentlich wertvoll, daß wir dir, auch wenn cs dir peinlich ist, aus diesem für dich, deine hochgeschätzte Gattin und deine Kinder so freudigen Anlaß aus ganzem Herzen danken müssen. Bleib gesund mit den Deinen vereint (vorläufig bis zur „Goldenen") und — wir wissen uns eins mit den Lesern — schreibe fleißig deine Erinnerungen an die jüdische Gasse in diese Blätter, deine politischen Betrachtungen, und kritischen Aufsätze! Deine Kollegen von der „Wiener Morgenzeitung". Einstein in Pari». Wie uns aus Paris gemeldet wird, hat Professor Ein-' st e i n in der Sorbonne zwei Vorträge über die Anwendung seiner Theorien auf die Aeschetik gehalten. Er zeigte, wie die Jntuiticn des Künstlers etwas aus den geläufigen Vorstellungsreihen heraus::eiendes Neues schafft, das erst allmählich Gemeingut unseres Gedächtn'.sdenkens wird. Der Künstler reproduziert nicht, Indern erfindet. Sein Wirken allein befreit uns aus bcj aufgezwungenen Ordnung unserer Denkgesetze. Einstein gelangt auf diesem Wege zu einer gewissen Rechtfertigung des Kubismus, den er an.Neuerungsvermögen der Schöpfungert der Renaissance verglich. Pwfessor Einstein wird als Vertreter Deutschlands an der unter Vorsitz des Völkerbundssekretariates stattfindenden Sitzung der internationalen KomMission des Institutes für geistige Zusammenarbeit teilnehmen. Sie Rachvliifuiig Des kinfteinMettes. Die Sonnenfinsternis auf Java. Aus Batavia wird vom 14. d. gemeldet: Professor Dr. Freundlich von der deutsch-holländischen Expedition in Benkoella erklärte heute morgens, die Beobachtung der Sonnenfinsternis sei trotz nebligen Melters möglich, die Ergebnisse jedoch seien zweifelhaft. Die englische Expedition erklärt, daß ihr Programm durchgeführt Wörden sei. Auch der Leiter der Sternwarte in Palembang telegraphiert, die Beobachtungen seien bei herrlichem Wetter Programm» gemäß verlaufen. _ Ei« ermordeter Mörder. Nach dem „Vogtländischen Anzeiger" ist der Wirtschaft^« gehilse Friedrich aus Tanna, der am Freitag den Bankvorsteher Haller in Gesell ermordet und -eraubt hat, gestern morgens in der Nähe von Tanna erschossen aufgefunden worden. Die geraubten. 2174 Mark wurden in einem Schlitten v e r st e ck t aufgefunden. : falls mit unendlicher Liebe an ihren Mann und in ihrer Angst, daß seine geheimen religiösen Zusammenkünfte, mit den Marannen aufkommen könnten, riet sie ihm, Spanien zu verlassen und in ein Land zu übersiedeln, wo er ungehindert wieder Jude werden und seinem Kind eine jüdische Erziehung angedeihen lassen könnte. Sie selbst wolle das Schicksal ihres Mannes teilen. Bald hatte sich eine günstige Gelegenheit hiezu gefunden. Napoleon begann seinen Feldzug in Rußland und Don Xilerma trat als Offizier in die frairzösische Armee ein. Als er nach Polen kam, sah er dort große Judengemeinden, in denen die Juden frei und ungestört im Glauben ihrer Eltern leben können. Da reifte sein alter Entschluß zur Tat. Er ließ seine Frau und sein Kind nach Polen kommen, um mit feiner ganzen Familie sich öffentlich zum Judentum zu bekennen. Don Xilerma — schloß Rabbi Simon Deutsch feine Mitteilungen — ist der Jude, der jetzt unter euch sitzt. Es ist der französische Kommandant unseres Städtchens." Erschüttert von der Erzählung des Rabbi riefen die versammelten Vertreter der Judengemeinde von Zelichow dem Fremden zu: „Achenu atta!" „Du bist unser Bruder." Don Xilerma trat dann öffentlich zum Judentum über. Er wählte den Namen M e i r S e g a l l und seine Frau Elisabeth erhielt den Namen Jehudith, während der neunjährige Junge Abraham genannt wurde. Don Xilerma Meir Segall war es jedoch nicht gegönnt, lauge ein ruhiges Leben zu führen. Ein Jahr nach ihrem Uebertritt zu« Judentum starb Jehudith in Kalis;. Die kirchlichen Behörden, die damals sehr mächtig waren und anläßlich des Todes der Frau Jehudith ihre Lebensgeschichte erfuhren, verfolgten Meir Xilerma- Segall, der gezwungen war, Zelichow zu verlassen. Er wanderte durch gmz Rußland, ohne Ruhe zu finden. Seinen Sohn überlies; er der Obhut des Rabbi Simon Deutsch. Er selbst ließ sich schließlich in einem Städtchen in Wolhynien nieder, wo er starb und auf den; jüdischen Friedhof begraben wurde. Sein Sohn Abraham wurde i tu Chassidismus erzogen mtb wurde später ein Anhänger des chassidischen Rabbi von Kozk. Unter den Chassadim war er unter dem Nzmeu Abraham Z e l i ch o w e r bekannt. Abraham Zelichower starb in Brzezin und wurde auf dem dortigen alten jüdischen Frieichof begraben. Sein Grab wird noch heute als das Grab eines Märtyrers geehrt. Seins Familie ist heute in Hlen Teilen Polens zerstreut. Ein Zweig dieser Marannenfamilie lebt heute noch in Lodz.