Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 8 (1926)
- Issue
- Heft 2476 (14.1.1926)
- Date
- 1926-01-14
- Page
- Seite 3 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 2476 Wien, Donnerstag RMch-polnische Berhaadluar-eu. Warschau, 13. Jänner. Hier wird die Ankunft des Sowjetgesandten Rakowski erwartet, der auf seiner Rückreise aus Moskau Marschau passiert. Rakowski begab sich bekanntlich nach Moskau, um weitere Weisungen über die zukünftige französisch-sowjetistische Politik einzuholen. In hiesigen politischen Kreisen verlautet, daß er auch ein gleichartiges Einvernehmen mit Polen Herstellen will. Ferner glaubt man, daß Rakowski die Absicht Hab, einen D r e i b u n d zwi chen Rußland, Polen und Frankreich herzustellen. Erwähnenswert Ist, daß Rakowski seine Reise von Moskau nach Warschau über Riga v.ndKowno antreten wird. sie gudenvol Uk drr Soviel». Die Verhaftungen. Berlin, IS. Jänner. (I. T. A.) Vom Verbandsbureau der vereingten Parteien Poale Zion und Zion'.sten-Sozialisten werden Einzelheiten über die am 12. Dezember vorigen Jahres in den alten und neuen jüdischen Siedlungen in Südrußland vorgenommenen Verhaftungen mitgeteilt: Außer in den Kolonien Sedc-Menucha und Nahartow wurden Verhaftungen auch in den Kolonien D o b r o j e und K l e i n - S e d e - M e n u ch a sowie in acht neuen landwirtschaftlichen Kollektiven vorgenommen. Da die Verhaftungen meist die aktivsten Mitglieder, Führer der Verwaltung usw. betra'en, hat sich die Lage der acht Kollektiven sehr verzweigt gestaltet, so daß sie v o r d e m R u i n stehen. i Es werden neue Deportierungen von Anhängern der zionistisch-sozialistischen Partei gemeldet. Nach einer administrativen Verordnung wurden D. Kraslawski (Kremcntschug), Herschl K o p e l o w l'Krcmentschug) und Bella Puliastr (Kolonie Nahar-tow) für drei Jahre nach einem Konzentrationslager verschickt. Sine Regierung der Mitte in SeuMand. Berlin, 13. Jänner. Der Reichskanzler hat dem Präsidenten erklärt, er hoffe die Liste der neuen Regierung bis morgen vorlegen zu können. Die große Koalition ist an der Weigerung der Sozialdemokraten gescheitert, in die Regierung einzutreten. Der Kanzler wird demnach eine Regierung der Mitte bilden müssen, die sich auf die deutsche Volkspartei, das Zentrum, die Demokraten und die bayrische Volkspartei stützt. Diese Parteien verfügen nicht über die Mehrheit. Die Regierung wird deshalb entweder von den Sozialdemokraten oder von den Nationalen abhängen und sie wird deshalb den Kurs der Unklarheit fortsetzen müssen. Sras Reventlow das Lberhauvt der dealscheu Aatifemtten. Berlin, 12. Jänner. (I. T. A.) Die in Würzburg gegründete völkisch-soziale Arbeitsgemeinschaft (Zusammen- Muß der Völkischen, eines Teiles der Nationalsozialisten und der Kunze-Parte!) wählte den Grafen Ernst zu Redentl o w zum ersten Vorsitzenden. Me Fememorde. Hamburg, 13. Jänner. Durch Beamte de§ Fahndungskommandos wurde vergangene Nacht der als Täter, beziehungsweise Mittäter oder Mitwisser der Fememorde gesuchte ehemalige Oberfeldwebel Hermann Vogt festgenomm e n. Bogt - führte auf den Namen Gehrke und K n o p p sowie andere Namen lautende Papiere bei sich. Ferner wurde von Kriminalbeamten ein Mann festgenommen, dessen Personalien noch nicht fcststehen, der aber gleichfalls in dem dringenden Verdacht steht, Mitwisser zu fein. Ser Sichter Amold zweig über sich selb«. In der „L i t erarischen Weit^ veröffentlicht Arnow Zweig unter dem Titel „Warum ich schwieg" die nachstehende „notwendige Antwort auf . überflüssige Fragen": Ich bin heutigentags achtunddreißig Jahre alt, und tvenn ich mich mit den Maßen messe, die ich bei der Wahl meiner Lektüre anwende, so habe ich hie und etwas Zureichendes gemacht — nicht mehr. In zwei starken Novellen Wesentliches angcdcutet von Juden. In einem formal zerfallenen Roman die Annäherung von Menschen aneinander gemalt, übergrün, sehr naiv, aber doch mit Wissen und Willen, das Seelische auf Erden zu stärken. In einem Mysterienspiel, eben sah ich es in Hanibnrg wieder, ein Stück Schicksal mit transzendenten Kämpfen kommentiert, aber doch ein großes, ernstes, formgerechtes Drqura hingestettt — damals, 1913, in aller Kraßheit und Buntheit doch recht zum Nachdenken anregend auf dieser großen biblia. pauperum der Bühne. In einem unbekannt gebliebenen Trauerspiel oou drei Akten einen, den dritten, der sich noch heute vor mir hält. Und hie und da zu rechter Zeit den Mund aufgemacht vor dem Unerträglichen. Und seit 1914 nichts Dichterisches mehr fertiggemacht, bis jetzt wieder der „Regenbogen" für mich zeuge. Ich lün nicht geübt, meine Privatperson anders als sehr verlarvt und gut verlarvt irr Druck zu bringen. Aber ich will es diesmal tun, weil es zu meiner Kur gehört. . Ich gehörte zu jenen klugen Leuten, deren Dummheit unüberbietbar, weil unangreifbar, ist. Ich hielt um das Jahr 1914 den Zustand der. Erde ztvar für reformbedürftig, aber in Grundzüge» für festgelegt in endgültigen Gegebenheiten. Wie en jüdischer Student mit siebenundzwanzig Jahren, der aus kleinbürgerlichem -Hause, mein Vater tvar Sattlermeister, Uni« ver>ltäten, gute Bücher, Ausland und viele junge Menschen gesehen, dem Leid der Jugend, der Juden, der Proletarier S*Neirer Morqenreltniiq Reich zu werden igt hcufz. tage lichter a « Irüber «'SS letzte O li'Imn s de* Erfo ee der M i tardä e, der siche sie Wegweiser 211 Reichtum, Macht und Ansehen Energie Var« bedsrf es etShlemci Nerven, e ner w-derstardsfä ii en u «rdcstandslr äf« tlten Kon-tit tlou un einer kampitreudigen Au (datier. Wer von Ku.dne t auf DIANAbrann'twatn mit MENTHOL gebraucht släh't seine Nerven mach die Konstitut on w’der«tandsfähig, kraftvoll und schafft eine katnpftreudtge Ausdauer. Uebera I erhältlich. ssr fie Morde im M ilchner Ho'brduhaus. Der Prozeß wegen Erschießung von zwölf Arbeitern durch das Freikorps Liitzow. München, 13. Jänner. (Wolfs.) Vor dem Schwurgericht in München begann heute die Verhandlung gegen den Leutnant a. D. P ö l z i n g aus B e r l i n - T e m p e l h o f und den ehemaligen Vizewachtmeister Prüfert aus Berlin wegen zwölffachen Mordes, kez'ehungsweise Anstiftung hiezu. Ter Prozeß reicht auf die Zeit der Räteunruhen in Bayern im Jahre 1919 zurück. Nach dem Einzug der Regierungstruppen in München nahm eine v.n Polzing kommandierte Abteilung in Perlach fünfzehn Arbeiter fest, die aber ihre Gewehre beim Anrücken der Rcgierungstruppen bereits freiwillig abgegeben hatten. Nur keim Vorsitzenden des Arbeiterrates wurde ein geladener Revolver gefunden. Drei der Arbeiter wurden freigegcben, die übrigen wurden nach München gebracht, wo sie einige Stunden später im Hof des Hofbräukellers von Schützen des Freikorps Lützow unter dem Kommando Prüserts, nach der Anklage auf Anordnung Pölzings, erschossen wurden. Die Erschießung hätte nach der Anklageschrift nur auf Grund eines standrechtlichen Urteils ersolaen können. Tie beiden Angeklagten hätten gewußt, daß eine Rechtfertigung für ihr Vorgehen nicht vorhanden sei. Die Verhandlung soll ettva vier Tage dauern. Es sind 65 Zeugen geladen, darunter die Frauen der Erschossenen, sowie jene Arbeiter, die aus dem Brauhaus entlassen und*so am Leben blieben. Die Anklage lautet auf Mord. Parlamentrschw Irrigkeiten in der Tscheche« ilowalel. Prag, 13. Jänner. (Tel.-Komp.) Die innerpolrtischen Schwierigkeiten haben sich im neugewählten Parlament noch verschärft. Die Sitzung des ZwölferausschufseS der Koalition, in dem je zwei Vertreter der sechs koalierten Parteien sitzen, mußte abgesagt werden, da weder in den rein politischen Fragen, noch über das Programm der Tagung ein Einvernehmen erzielt werden konnte. Wie verlautet, wird das Parlament, das anfangs Jänner zusammentreten sollte, wegen dieser Schwierigkeiten erst im Februoreinberufen werden. Sink Rrschwerde der tschechoslowakischen -eUdSder an den BSttrrdnnd. Prag, 13. Jänner. (Tel.-Komp.) Die Bäder Karlsbads Marienbad, Franzensbad, Johannisdad und Joachimstal haben eine Denkschrift an den Völkerbund gerichtet, die sich gegen das Vorgehen der tschechoslowakischen Staatsverwaltung, insbesondere im Falle Marienbad, ungegen die Berstaatlichungsaktion überhaupt wendet. durchaus offen stand und schließlich doch als Gestalter sich schon bewiesen hatte, wie, frage ich mich, meine Jugend in solch konservierender und aristokratischer Gebundenheit münden konttle, das ist mir heute glasklar, aber ein Fall und Gestaltungsproblem für sich. Ich hätte mich niemals an eine ästhetizistische Haltung verlieren können, wenn ich nicht der Ueberzeugung gelebt hatte, daß die Menschheit reif geworden sei zur ästhetischen Erziehung, und daß die Erneuerung, deren der Mensch so tief bedurfte, religiös, nämlich durch die Erschütterung der einzelnen oder massenhaften Seelen, und anders nicht, ins Werk gesetzt werden könne. Man sieht, ich sah die Hälfte, aber im ganzen wußte ich uichts. Der Krieg riß mir beide Augen auf. Militarist aus Ueberzeugung, nämlich als naturhafter Betrachter der Tatsache „Mensch". Kriege für so blöd oder großartig und unvermeidlich haltend wie Erdbeben, unterzog ich mich meiner Dienstpflicht mit dem Stolz, durchzukommen oder einzugehen wie der Geringste. Meinen Nerven behagte der Aufenthalt im Fosseswald mit Berliner Arbeitern besser als die Atnwsphäre einer Kompagnieschreibstube, in der es nach Korruption aus allen Knopflöchern stank. Ich hielt aus bis zum Mai 1917. Einige Menschen, Freunde, Unbekannte, besonders Hans Frentz, retteten mich, bevor ich ganz abbröckelte, nach Oberost. Ich war als gemeiner arbeitender Armierer in Lille, Süduugarn, Serbien gewesen und dreizehn Monate vor Berdun, auf einem Erdfleck zwischen Gremilly und Etray. Dort hatte ich begonnen, Wirklichkeit zu schmecken. Dann kaur Oberost. In meinen freien Stunden schlief ich mich gesünder, fast drei Sommermonate hindurch. Der Krieg durfte nicht umsonst gewesen sein. Es mußte für diejenigen auf Erden, die am schwersten i» ihm gelitten hatten, die „niederen Schichten", auf denen alles lastete, was nur Last war, ettvas Schöpferisches dabei herauskommen. Am 10. November 1918, meinem Geburtstage, den ich mit einigen großen Kollegen gemein zu habe» rnich nicht scheute, schien mir der Sinn der Welt um einiges klarer geworden zu fein, _ 14. Jänner 1926_Seit« % Tagesbericht. Hoirat Rudolf rauffig. Wir erhalten folgende Zuschrift: „In unserer an Not so reicher und an wahrhaft gütigen hilfsbereiten Menschen so armen Zeit ist das Hinscheiden von Hofrat Rudolf T a u s f i g für die soziale Arbeit in Wien ein schwerer Verlust. Ich empfinde das Bedürfnis, dem Andenken dieses edlen Freundes Dank zu zollen, indem ich für jene jüdischen Wohlfahrtsanstalten, deren Förderung er sich ganz besonders widmete, einen Betrag von 600 Schillinge zur Verfügung stelle und alle jene, in denen der jüdische Geist des Wohltuns lebendig ist, an ihre Pflichten diese» Anstalten gegenüber erinnere. Ter über alle Parteien und Tagesfragen stehende Charakter des Verstorbenen, sein Blick für die großen Notwendigkeiten der jüdischen Fürsorge ließ ihn Kraft und Liebe in den Dienst der Jüdischen Kinderfreunde, des Israelitischen Blindeninstitutes und der Fürsorge für kranke Chaluzim stellen. Es ist sicher im Sinne Rudolf TaussigZ gehandelt, wenn seine Freunde sein Andenken durch Förderung jener Institute ehren, für die er mit Treue und Aufopferung gewirkt hat." A n i t t a M ü l l e r - C o h e n. Sie Handschriften des Wiener RaMnerieminars. Ankäufe des amerikanischen Bibliophilen Oto. Wie wir erfahren, hat der seit einiger Zeit hier weilende Bibliophile Öko aus Cincinnati einige der Handschriften des Rabbinerseminars, die die Kultusgsmeinde nicht erwerben will, um 16.000 Dollar angekauft. Er hat hkefür schon eine entsprechende Angabe geleistet. Sin ArchSalogenkongreß in Femsalem. Aus Paris wird gemeldet: Der Kongreß der Archäologen für den mittleren Osten wird im April dieses Jahres in Jerusalem eröffnet und dmn in Beirut und Damaskus fortgesetzt werden. Die Protektion über die Veranstaltung haben der britische Oberkommissär für Palästina, Lord P l u m e r, und der französische Oberkommissär für Syrien, de Jouvenel, übernommen. Die Teilnehmer werden die archäologisch interessanten Orte Jerusalem, Liberias, Petra, Sidon, Pakbek, Tripolis, Megiddah und Jeddah besuchen. , ‘ .; ,. „ Sie Wische Ralionalbiblio'hef. Spendung einer orientalischen Bücherfammlung.' AuS Jerusalem wird uns geschrieben: Herr Dr. B. C h &; mizer in Leipzig hat der jüdischen Nationalmid Universität^ bibliothek in Jerusalem eine Sammlung von über 700 Bänden gespendet, welche von seinem verstorbenen Pater, Herrn M. Chnnizer, hinterlassen worden sind. Die Bibliothek besteht insbesondere aus hebräischen, judaistischen und orientalistischen Büchern und ist besonders wertvoll durch eine große Anzahl von Büchern an» km Gebiet der syrischen Sprache. .. Die Bibliothek erhielt ferner durch Vermittlung des Herrn Bärbel eine Sammlung von sehr wichtigen Dokumenten, welche das politische Bureau der jüdischen Mitglieder der russischen D u m j zu Beginn des Krieges gesammelt hat. Diese Dokumente betreffen die Geschichte der Juden in jenen Jahren, insbesondere das Verhalten drr russischen Militärbehörden zu den Juden. Als ich heimkam, hätte ich klugerweise in ein Sanatorium mich hinlegen sollen. Die Hoffnung aufs Bessere ersetzte mir Gesundheit und Lebenskraft. Im übrigen rechnete ich auf Regeneration durch Natur und Landschaft, ohne die ich ja nie auch nur ein halbes Jahr hatte bestehen können. Und ich versuchte, einige politische Arbeit an denjenigen Menschen zu leisten, die erprobtermaßen aller Welt Angelegenheiten ordnen helfen können, nur nicht ihre eigenen, an den Juden, und sah im übrigen vor mir Jahre einer Produktion, zu der erste Niederschriften Vorlagen (Die Luzilla). Man spielte den „Ritualmord in Ungarn" bei Zeiß (Hartungs straffer Wurf), bei Reinhardt mit prachtvollen Einzelleistungen (Deutsch, Grätz, Jannings) — und ich verabscheute mein Stück. Denn ich hatte zugelernt und vermochte doch, an dieser in sechs Tagen hingefegten Urschrift, die gedruckt und mir entfremdet tvar» ohne daß ich Abstand geruhig von ihr hatte gewinnen können» nichts mehr zu tun. Jetzt sehe ich, wie gut es ist, mit all seinen Schwächen noch ganz heil und lebendig wie vor dreizehn Jahren. Willi Handl hatte es mir prophezeit, Ernst Kamnitzer das Werk wütend gegen mich verteidigt. Und dann kam, was wir alle erlebt haben: der furchtbar sachliche, zäh geführte Rücktransport der Welt auf einen Status, der, wären nicht außerhalb Deutschlands Gegenkräfte unermüdlich am Werk gewesen und hätten die innere Reaktion durch Rückwirkung gestört, heute bei weitem hoffnungsloser als 1913 dastünde. Ich sah es von einer engen Mietswohnung in Starnberg aus, Monat für Monat. Ich hatte kein Arbeitszimmer, und niemand vermietete mir eins, in Billen von siebzehn Zimmern wohnten alte Ehepaare einsam. Bon außen kamen die Heminungen des täglichen Lebens, von innen aber die ohnmächtige, fressende, unstillbare Wut über so viel vertane Jahre» in äußerster Anspannung sich selbst abgetrotzt, und die Sinnlosigkeit all der Leiden. Ich tvar ein zoon politikon, das ruhelos in seinem Käsig umherging, und mir fehlte das zur Produktion Unerläßliche: die Achtung vor der Epoche.