Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 8 (1926)
- Issue
- Heft 2475 (13.1.1926)
- Date
- 1926-01-13
- Page
- Seite 3 (sequence 3)
- Language
- German
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91t. 2475 Wlen, Miitivokh Wiener M^rnenre^nnik 13. Jänner 1926 &ifcS Sie SmntagiMe in Po e«. Hk AoMldimolraKn gegen etlcidjlnungcit f«r Sie Mich«» Kauflente. (Einendienst der „Wiener Morgenzeitung".) Warschau, 12. Jänner. Im Aufträge des Ministerpräsidenten 2 krzynski h.it das Handelsministerium Verhandlungen mit dem jüdischen Kl'.:) ausgenommen, um einen Modus ausfindig zu machen., wie das SonntagSruhegesetz für jüdische Kauflente zu erleichtern wäre. Noch während der Verhandlungen zur Regelung der polnisch-jüdischen Beziehungen, die Abg. Dr. T. c: ch mit dem Kabinett Grabsvi führte, war angeregt worden, den jüdischen Kaufleuten zu gestatten. Samstag abends ihre Läden länger offen zu halten. Der gegenwärtige Handelsminister Osiecki ist bereit, dieser Forderung des jüdi'chen Klubs nachzukommen. In den letzten Tagen hat die polnische Sozialdemokratie sich gegen diese Konzession ausgesprochen. Das offizielle Organ der Sozialdemokratie „Robotnik" greift in einem scharfen Artikel das K-'binett Slrzynski an und verwahrt sich gegen jedes Zugeständnis an die jüd-schen Kaufleute. In einer neuerlichen Konferenz des .Handelsministers Osiecki mit den Vertretern der jüdi'chen kaufmännischen Verbände erklärten diese, eine wirkliche Erleichterung könnte nur in der Erlaubnis liegen, die jüdischen Geschäfte Sonntag, vormittags drei Stunden lang offen zu halten. Der Minister - n:hm dies zur Berichterstattung an den Ministerrat zur Kenntnis. M* Sie Juden in Moffnl. Mossul, das gegenwärtig im Mittelpunkt der internationalen Politik steht, ist ans oen Ruinen einer Vorstadt des allen Ninive' entstanden und zchlt unter seiner gemischten Bevölkerung auch eine recht ansehnliche Anzahl von Jueen. Tie Juden von Mossul sollen 9 achkcn wen der unter den assyrischen Königen aus Palästina exilierten Israeliten sein. Unter der türkischen Herrschaft -strömten nach Mcssul auch Inden ans anderen Gebieten eilt. Ihre rechtliche und politische Lage war der übrigen türkischen Juvenl'chast gleich. Cegenlrärtig zählt die jüdische Gemeinde in Mossul -ungefähr 4000 Seelen. Die Juden bewchnen ein besonderes Stadtviertel, nur sehr wenige haben ncch vor Kriegsausbruch ihre Wohnungen nach an- -deren Stadtteilen verlegt. Vor allem waren es die reichen Kauf- -leute, die einen regen Handelsverkehr mit Paris und London hatten. Das Gros der jüdischen Bevölkerung oagegen lebte in den kümmerlichsten Taseinsbedingnngen. Sic beschäftigten sich vorwiegend mit denl Kleinhandel und Handwerk. In den engen Jutengassen zusammengepfercht stehen sie in gar keiner Verbindung mit der übrigen jüdischen unü nichtjüdischen Welt. Vordem Kriege beschäftigte sich auch ein Teil der jüdischen Bevölkerung mir der Landwirtschaft und Gärtnerei Infolge allzu häufiger Uebersalle seiters der Kurden sah sich ein großer Teil der jüdischen Landwirte gezwungen, die Wirtschaften zu verkamen und in die Stadt zu ziehen. Zur Illustration der gegenwärtigen wirtschaftlichen Lage der Juden sei angeführt, daß in der ganzen Judergemeinde von Mossul nur eine einzige jüdische Familie vorhanden ist, die als wch.habcnd bezeichnet werden kann. Die jüdikpisoden bei den Ausgrabungen in krez Israel. Das gotvaltige Interesse, das der Kulturmensch im allgemeinen an der archäolcgischen Erforschung vergangener Kulturepochen nimmt, ist in der Wißbegierde begründet, die jedem Menschen innewohnt. Ten Zusammenhängen zwischen unserer Gegenwart und der uns noch unbekannten Vergangenheit des Menschengeschlechtes nachzuspüren und die Kontinuität der geschichtlichen Entwicklung einzelner Völker wieder herzustellen, hat für manchen Forscher einen so berückenden Reiz, daß er bereit ist. Heim und Familie zu verlassen und sich förmlich selbst in die Vergangenheit zu „vergraben", um sie, oft unter persönlichen Gefahren, ans Tageslicht zu bringen. - Das sind Feststellungen, die für archäologische Forschungen im allgemeinen zutreffen. In der archäologischen Erforschung von Erez Israel tritt jedoch in der inneren, psychischen Beziehung der Juden zu den Ausgrabungen der Denkmäler der Vergangenheit außer dem allgemein kulturellen nech das 'besondere nationale Moment hinzu. Unsere ganze religiöse und nationale Erziehung in der Galuth bewegte sich in der Erinnerung an die glanzvolle; Vergangenheit unseres Landes Erez Israel, und so ist es kein Wunder, daß der Jude, der jetzt, da er die allmähliche Verwirklichung seines nationalen Traunzes mit» -erlebt, seinen Fuß auf palästinensischen Boden setzt, dem Fortschreiten der Ausgrabungen alter Kult- und Kulturstätten mit. ganz anderen Gefühlen folgt als der nichtjüdische Forscher und Gelehrte. Für den Juden bedeutet jepe neue Entdeckung aus dem Innern des heiligen Bodens das Lebendigwerdeu eines in ihm seit seiner Kindheit schlummernden, im Geiste erlebten Kapitels aus seiner Bolksgeschichte. Zur Illustration dieser inneren, seelischen Beziehung des Juden zu den gegentvärtig im Zuge 'befindlichen archäologischen Forschungsarbeiten in Erez Israel erzählt Elieser L. S u k e n i k im New-Norker „Jüdischen Volk" einige selbsterlebte Episoden, die als völkerpsychologische Dokumente hier festgehalten zu.werden verdienen. „Ich kann den Eindruck nicht vergessen," erzählt Sukenik, „den eine kleine Episode auf mich machte, die sich im vorigen Sommer während der Ausgrabung der Mauer des Schlosses des Königs Agrippa in Jerusalem, die ich mit meinem Kollegen Dr. Meir im Ms» Ais EINREIBUNGSMITTiL ut der echte LÖWEN FRANZBRANNTWEIN mit Menthol von unübertroffener Wirkung, Er lindert alle Schmerzen rasch und s'cher. Machen Sie einen Versuch u. urteilen Sie selbst. Achten Sie auf die Schutzmarkei ln Originalflaschen überall erhältlich Alexander Kalmar, Wien, II. Nordbahnhof Schutzmarke Gesetzt geseh. Erzeuger: scheu Kauflente verfügen über gar kein Vermögen und müssen demzufolge mit ganz wenigen Mitteln ihre Geschäfte betreiben. Unter den jüdischen Handwerkern sind vor allem Goldarbeiter und Schuster dominierend. Das jüdische Familienleben trägt noch heute patriarchalische Merkmale Das Fcm.il'iN oberkaupt erfreut sich der größten Autcr-ilc't und ihm sind alle Familienmitglieder unterstellt. In der Jutei gasse bestehen auch jüdische Kaffeehäuser nach türkischer Art, in denen die Juden nach ihrer Tagesarbeit zusammen kommen. Das religiöse Leben der Mosjuler Juden weist keine best »deren Merkmale aus. Tie alte Synagoge zählt bereits 720 Jahre und besitzt schr alte Thcrercl'ei. In der Mcssuler Gemeinde haben sich noch alte Sillen und C<lrcrche erhalten, die darauf Hinweisen, daß die Mcssuler Arider sckaft ncch lange vcr der türki'chen Herrschasl hier ancrs'edelt war. Tie Judorschaft Mrssuls besitzt eine eigene Gemeinde und einen G'erich.shef, der über religiöse, aber auch über zivilrechtliche Fälle entscheidet. Jeden Freitag werden im Judenv'ertel milde Galen gesammelt, die dann von der Gemeinde zur Unterstützung der Armen vermeidet werden. An der Spitze der Inder gen eirde steht der Chacham Boschi, der auch die Vertretung der Gcmeindeinteresstn den Behörden gegenüber iitne hat. kl« Pahnvo'iwagr« bei Berlin beraubt. Aus Berlin wird gemeldet: Auf der Borortcstrecke B e r l i n—P otsdam wurde nacheiner M'^-ung des „Tag" ein Bahnpostwagen beraubt. Die Täter hatten sich durch ein kleines F e n st e r in den W a g -e n Eingang verschafft. Wie viele Pakete entwendet worden sind, sieht noch nicht fest. trage der Jüdischen archäologischen Gesellschaft geleitet hatte, zugetragen hat. D'.e gesamte Bevölkerung von Jerusalem, die jüdische wie die nichMdische, folgte unseren Arbeiten -mit ungeheurem Interesse. Die alten Juden von Meah Schearim standen oft stundenlang und sahen. den Arbeitern zu, wi-e sie einen St-einblock nach dem andern aus der Erde hoben. Bes aller Freude an diesem Interesse an unserer Arbeit emvfanden wir es dennoch oft störend und hemmend, so daß wir die Polizei um Beistellung eines Postens ersuchen mußten, der die Zuschauer vom engen Kreise unseres Arbeitsfeldes fernhielte. An einem heißen Nachmittag — auf deni Posten stand ein arabischer Pv.izeimann — waren wir gerade mit der Freilegung des Fundaments eines Turnles beschäftigt. Mit Ungeduld sah ich dem Ergebnis dieser Arbeit entgegen, die uns manche langgesuchte Aufklärung bringen sollte. Alle Ar- 'tzeiter wurden auf diesen einen Punkt zusammengezogen und wir ersuchten den Polizeimann, niemanden in die Nähe dieser Stelle Vordringen zu lassen. Da kam ein Jude — offenbar erst kürzlich aus Polen angekommen — in Begleitung eines jungen Jerusalemers, der ihm als Führer diente, an unsere Arbeitsstelle. Ohne viel zu fragen, wollten beide in die Grabungsstelle hinobsteigen, um die Freilegung des Turmes ctit'S nächster Nähe mit anzusehen. Der arabische Polizist weist sie auftragsgemäß zurück. Der Fremdenführer verdolmetscht dem Juden die Aufforderung des Arabers. Geradezu entrüstet meint 'der Jude ans Polen: ,-Was sagt er? Ich darf nicht dableiben? Diese Sachen haben meinen Vorfahren geh ö r t u n d n i ch t s e i n e n . . ." * Die Tatsache, daß d'ese alte Mauer mitten in Jerusalem von Juden ausggraben wird, übt ganz besonders auf die Christen einen mächtigen Eindruck aus. Unter den die en Archäologen, die unsere Ausgrabung'?arbeiten besichtigten, befand sich auch ein bekannter französischer Archäologe, der Jesuitenpater Malon, der Direktor des päpstlichen Instituts in Jerusalem. Lange beobachtete er nachdenklich den Gang der Arbeit, ließ sich über die Ergebnisse informieren ambnahm dann mit den vielsagenden Worten Abschied von uns: „Man fühlt es ordentlich, daß eure Arbeiter die M a u e r n a u s g r a b e n, die einsivon ihren V o r v ä t -e r n e r b a u t w u r b c n." * Die Kulturkommission der jüdischen Arbeiterorganisation in Erez Israel hat diese psychologische und «moralische Sie «römische Frage". Die Reform der kirchenpolitischen Gesetzgebung i» Italien. . Die „Reichspost" meldete an der Spitze ihres Sonntags blattes aus Rom: Es spinnen sich hier Dinge an, die von größter geschichtlicher Tragweite wetten können. Die bevorstehende Reform der kirchenpolitischen Gesetzgebung, über deren Grundzüge der Unterstaatssekretär im Justizministerium in der „Tribuna" Mitteilung - machte — er ist als Vorsitzender der Regierungskomrnission für dieie Reform die berufene Persönlichkeit — soll nur die erste Stufe von Veränderungen darstellen, welche die Lösung der „Römischen Frag c* seitens der Regierung M u s s o l i n t cinleiten -sollen. Mehrere Persönlichkeiten der va, tikanische » Kreise stehen -diesem Unternehmen, ' wie verlautet, in wohlwollender privater Beratung zur Seite. Es handelt sich um den ersten p r a k t i s ch e n Versuch einer italienischen Regierung, 51t einer vollen Vcrständig u n g mit dem päpstlichen S t u h le zu gelangen und eine 56jährige Vergangenheit, die mit der Wegnahme des Patrinwnium Petri und der Erstürmung der Porta Pia begann, feierlich und durch eine U n r e ch t s g n t m a ch u n g abzuschließen. In welcher Form die weiteren'Bemühungen Mussolinis verlaufen werden, wie er sich die Herstellung der vollen Freiheit und unbeschränkten Souveränität des Papsttums auch in territorialer Beziehung denkt, darüber bestehen nur Mutmaßungen, die noch nicht zur Erörterung reis s i n d. In katholischen Krei en sind dafür namentlich im Laufe' der letzten zwölf Jahre verschiedene Möglichkeiten erwogen worden, von denen jedoch keine bisher eine ausdrückliche Gutheißung von höchster kirchlicher Stelle erhalten hat. Es ist nicht ausgeschlossen, d:ß ein großer Wendepunkt in der Geschichte Italiens, aber auch in der Kirchengeschichte nahegerückt ist. Die entscheidenden vatikanischen Stellen bewahren Zurückhaltung, die nicht eher verlassen werden dürfte, als konkrete, das Wesen der Frige betreffende Vorschläge der, Regierung Musiolini vorliegen. Wir haben vor einigen Tagen über die Pläne Mussolinis zur Proklamierung eines Kaiserreiches Italien berichtet. Diese Ausrufung soll, wie verlautet, die Zustimmung des Vatikans gefunden haben, der selbstverständlich eine politische Kompensation verlangt. Sie. würde nach der obigen Meldung der „Reichspost" in der W i kyd er h c .rst e l l.u n g d e s Kirchenstaates bestehen, was wieder bedeutet, daß Mussolini vollständig die Grundlagen aufgibt, auf denen das moderne Italien entstanden ist. Daß ein von der Kurie unterstütztes Kaisertum eine sehr starke Anziehungskraft auf die katholischen Länder Mitteleuropas, vor allem also auf Oesterreich und Süddeutschland, ausüben würden, steht außer Zweifel. Damit würde die Anschlußfrage ein völlig verändertes Gesicht, bekommen und in Bedeutung unserer archäologischen Arbeiten richtig ersaßt und läßt durch eigene Wanderlehrer in den verschiedenen Kwuzoth und Gruppen des ganzen Landes Vorlesungen über die Geschichte Erez Israels auch unter Berücksichtigung der bisherigen archäologischen Forschungsergebnisse halten. Ich selbst besuchte die Lager und Kwuzoth zu diesem Zweck und erzählte den jungen jüdischen Arbeitern über alles, was wir über das Land und seine historischen Stätten wissen. Mit gespannter Aufmerksamkeit horchen diese Jungen und Mädchen allem, was man ihnen über die Archäologie zu erzählen weiß. Vor einigen Jahren kam ich gegen Ende des Sommers nach Migdal, wo sich ein Lager von Straßenarbeitern befand, um ihnen ein Referat -über die Umgebung von Migdal zu halten. Auf der Straße von Liberias nach Migdal sah ich diese Jugend -in sengender Sonnenglut Gasaltsteine für den Straßenbau hauen und die Straße ausban-en. Sonnverbrannt, mit verschwitzten Gesichtern und nacktem Oberkörper hauten sie die S-tein-e aus den Bergen und schoben ihre eisernen Schotterkarren. Ich dachte, es wäre eine Sünde, diesen abgeavbeiteten, übermüdeten jungen Menschen die Abendstunden, -die ihrer Ruhe gewidmet sein , sollten, zu rauben und ihnen alte Gechichten aus tausendjähriger Vergairgenheit zu -erzählen. Ich ha«tze nach meiner Ankunft im Lager diese Bedenken ausgedrückt, aber der Lagerlehrer -bestand darauf, daß ich meinen Bortrag halte. Während wir miteinander sprachen, wurde ohne «unser Wissen im gemeinsamen Speisesaal ein improvffiertee Piakat ausgehängt, in welchem die Mitglieder des Lagere verständigt wurden, daß nach dem Nachtmahl ein Bortrag über Migdal und seine Altertümer gehalten werden 'würde. Dann wurde durch mehrmaliges bauten" mit einer rnetallenen- Schüssel belanntgegeben, daß die Zeit des Borträges gekommen sei, und im Nu füllte sich der große «Saal. Niemals hatte ich ein so aufmerksames A-uditorimu als au jenem Atzend in Migdal. Selbst als ich nach einst-ündigeru Bortrag aus Rücksicht auf die Müdigkeit meiner Hörer unterbrechen wollte, baten diese wissensdürstigen, vor. nationaler Begeisterung nicht nur für die Gegentvartz sondern auch für die Vergangenheit dieses Landes tv füllten jungen Bauarbeiter, ihnen noch mehr über Migda! und Umgebung zu erzählen. Anr andern Morgen, als zeitlich früh das Lager verließ, waren rneine Zuhörer vor gestern schon längst wieder an der schiveren Avbeit- . . /