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Wiener Morgenzeitung · 1926-01-13 · Heft 2475 (13.1.1926) · p. Seite 2

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Journal
Wiener Morgenzeitung
Volume
8 (1926)
Issue
Heft 2475 (13.1.1926)
Date
1926-01-13
Page
Seite 2 (sequence 2)
Language
German
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Falschmünzerpolitik. -y. Wien, 13. Jänner. Graf Apponyi, Ungarns Vertreter im Völkerbund, schreibt im „Pesti Naplo", daß nicht die Frankenfälschung, sondern die Denunziation an die Pariser Behörden den Frieden gefährde. Das ist ein Standpunkt, der wohl am besten den moralischen Werten der ungarischen Machthaber entspricht. Derselbe Graf Apponyi hat früher mit ähnlichen Argumenten die Exzesse der weißen Revolution zu rechtfertigen versucht. Es kommt immer weniger auf die Tat als vielmehr auf die Formel an, die nachher zurechtgedrechselt wird. Hat man die Juden gehängt und ausgeraubt, so findet sich nachher immer irgend ein Jemand, der entrüstet fragt: „Ja, was haben denn die Juden hier zu tun?" Das ist die Rechtsauffassung des feudalen Mittelalters. Aber das ironische an der neuesten Klitterung des Grafen Apponyi ist der Umstand, daß er den Denunzianten infamiert hat, noch ehe er etwas näheres von ihm wußte. Dieser bisher noch gesuchte Herr Schulz, der sich in Paris befindet, ist ein Hakenkreuzler, steht also denen, die nach Apponyis Ansicht den Frieden nicht gefährden, sehr nahe. Er ist Fleisch von ihrem Fleisch. Die Fälscher und ihr Angeber gehören zusammen. Sie bilden ein System, das man, wenn man will, nicht als ein politisches ansprechen muß. Wir sind es zufÄeden und je mehr die Organe des Rassenschutzes in Budapest, in Wien und in Berlin sich anstrengen, den politischen Charakter zu negieren, um so besier für das Werk der Reinigung, das zu unternehmen ist. Wenn diejenigen, die die falschen Noten erzeugten und in Umlauf setzten, und diejenigen, die ihnen Kurierpaß und Legitimation gaben, die das militärische Institut wochenlang an der Herstellung der Falsifikate arbeiten ließen, wenn diese alle zusammen nicht mehr als politisches System gelten sollen, nun dann entsteht die Frage: Welches System herrscht in Ungarn? Die Untersuchung ging sehr weit und sie mußte Plötzlich stoppen. Bor der Mllitarkanzlei des Reichsverwesers. Ist das nun das ungarische System oder nicht? Aus Budapest wird unaufhörlich das Morsezeichen an alle Freunde hinausgegeben, der angeblichen Verleumdung entgegenzutreten. Ein Interesse daran hat doch nur der Kurs, der christlichnationale nämlich, der die Zadravec, Windischgrätz, Pronay und Hejjas und Konsorten zu Herren des Landes, seiner Institutionen, seiner Gerichte und seiner Steuerkassen gemacht hat. Wenn dieser Kurs den politischen Charakter nicht wahr haben will, dann gibt er sich selbst auf und es ist zumindest unvorsichtig von dem alten Kalksburger Apponyi, den Denunzianten gnzuklagen. Das steht nicht im Einklang mit der Idee des Völkerbundes. Der Hakenkreuzler, der seine Mitlumpen angezeigt hat, bleibt im Rahmen seiner politischen Zugehörigkeit. Die Geheimverbände in Deutschland, me sich zum Zweck des Mordens gebildet haben, sind immer vom Svitzeltum durchsetzt. Das hat der Nationalsozialist Schlagetter erfahren, der von Freunden an die französische Polizei verraten wurde. Der Nowosat, der sich in den Steinhof retten konnte, hat ein Urteil an einem Verräter zu vollziehen vermeint. Den Fememorden in Deutschland fallen wirkliche oder vermutliche Angeber zum Opfer. Der Naderer und die Angst vor ihm gehören zum Verschwörertum. Nun hätten es freilich die Mörder in Ungarn nicht notwendig, sich geheim zu organisieren. Sie können ihre Politik am hellen Tag betreiben, aber es scheint, daß sie auf gewisse psychische Stimulantien nicht verzichten wollen als da sind: nächtliche Versammlungen, seltsame Zeremonien und Bluteide. Dieses Klimbrm hat sich seit dem Kriege in Mitteleuropa eine Heimstätte geschaffen und sonderbarerweise gehören zu seinen Verfechtern und Agenten gerade die Elemente, die nach der starken Hand der Autorität schreien und das Judentum als eine Berschwörergesellschaft denunzieren, die den Frieden und die Wirtschaft bedrohe. Der organisierte Anttsemitismus hat sich das Carbonarikleid angezogen und er tut seine Arbeit nach bewährten Rezepten. Er gibt alle freiheitlichen Bestrebungen und alle Tendenzen, die nicht die seinen sind und die ein Umsichgreifen der Reaktion verhindern wollen, als jüdisch aus. Er veranstaltet Kongresse, auf denen der blusige Haß in ein Programm gebracht wird. Der Völkerbund, der territoriale oder nasionale oder polisische Gegner sind jüdisch oder stehen unter jüdischem Einfluß. Also werden auch sie in den Aktionsbereich einbezogen. Das ist eine simple Argumentation, die automatisch zum konspirativen Mord, zum Geldfälschen und zur Denunziantenzüchtung führt. Ein Zadravec, der den Eid abnimmt und den Segen erteut, findet sich immer (wenn nicht anders, so legt er die Bischofswürde ab und geht in das Kloster) und hinter ihm steht für alle Fälle ein Staatsanwalt mit dem Gnadengesuch oder ein tüchtiger Gerichtspshchiater. Wir Habens in Wien und in Deutschland gesehen und sehen es jetzt in Ungarn. Die Kloake gibt sich als Politik aus, solange es ihr paßt. Wird ärgerliches Aussehen erzeugt, dann ist sie keine Politik mehr und Apponyi kann den Denunziantm verdammett. Die Wiener „Reichspost" aber schreit, daß die Juden an allem schuld sind. Nein, diese Politik deS Horthy, die auf einmal keine Polksik fein will, ist schuld. Sie gehört vor den Staatsanwalt. Wiener Morsen,ellung . . 13. Jänner 1926 Nr. 2475 zadravecz rettet sich ins Kloster. Rleterlegung der Mfchofowürde. (Sigendienst der „Wiener Morgenzeitung".) Budapest, 12. Jänntt. Die Angelegenheit des in die JAschungsaffäre verwickelten Feldbischofs Stephan Za brave ez ist heute gellärt worden. Nachdem die Untersuchung der Staatsanwaltschaft einwandfrei festgestellt hatte, daß Zadravecz von den Vorbereitungen und der Durchführung der Frankenfälschungen gewußt hat, sollte gegen ihn die Strafverfolgung wegen Verheimlichung eines Strafdelikts eingeleitet werden. Nun ergab sich für die Behörden die Frage, ob der Bischof vor die Milit5r- oder Zivilbehörden zu stellen ist. Feldbischof Zadravecz ist nämlich im militärischen Dienst, er hat sein Amt im Honvedministerium, sein Gehalt aber ist im Budget auf Rechnung des KultuSPortefeuilles verrechnet. Die diesbezüglichen Verhandlungen zwischen den Militär- und den Zivilbehörden haben heute zu dem Ergebnis geführt, daß sich der MMiirgerichtShof für nicht kompetent erklärte und die Akten wegen weiterer Verfolgung der Angelegenheit an die Zivilbehörden zurückleitete. Wie in informierten Kreisen verlautet, wird Feldbischof Zadravecz im Laufe der nächsten Tage seine Bischofswürde z u r ü ck l e g e n und sich in ein K l o st e r z u r ü ckziehen. Feldbischof Zadravecz gehörte dem Franzisk a n e r p r d e n an. Das Gefängnis tt>h& $u klein. Heute vormittags wurden einige Verhaftete in ein anderes Gefängnis gebracht, weil daS Gefängnis der Staatsanwaltschaft bereits großen Platzmangel aufweist. Die Falftfikate wurden vom Polizeichef nvgehott. Der Chauffeur des Prinzen Windischgrätz, Stephan Czegledi, hat bei einem neuerlichen Verhör heute gestanden, daß er vor etwa zwei Monaten eine mit Nägeln verschlossene und sorgfältig eingewickelte Truhe von etwa einem Kubikmeter Inhalt von dem Polizeichef Emmerich Nadossy abholte und in das Palais des Prinzen Windischgrätz brachte. Diese Truhe enthielt, wie man vermutet, die 15.000 gefälschten Banknoten, die Prinz Windischgrätz kurz vor seiner Verhaftung verbrannt hat. Der Chauffeur hat ferner mehrere Personen namhaft gemach^ die in Gesellschaft des Prinzen das kartographische JnstitE äufgesucht haben. Ihre Ausforschung wurde eingeleitet. Eckhardt unid GömböS verhört. Wie „Magyarorszag" meldet, habe die Polizei im Verlaufe ihrer Erhebungen die leitenden Persönlichkeiten sämtlicher zumBerbandedergesellschafllichen Vereinigungen gehörenden Vereine nach der Richtung einvernommen, ob sie davon Kenntnis besitzen, daß irgend ein Mitglied ihres Vereines an der Frankenfälschung teilgenommen habe. In diesem Sinne sind unter anderen auch Abg. Eckhardt als Präsident des Vereines der Erwachenden Ungarn, ferner Baron Siegmund P e r e n y i, Gabriel Baroß und Abg. G ö m b ö s sowie die Leitungen des Bundes der öffentlichen Angestellten und des Ratio na lbun des ungarischer Frauen einvernommen worden. Alle diese Einvernahmen haben jedoch ein negatives Resultat gehabt. Dir Notenverbreitung in Mailand. Nach Blättermeldungen hat der in der Frankenfälschungsassare verhaftete Dr. Schwetz nach Vorweisung des aus Mailand bei der Budapesler Polizei eingelangten und auf den Namen Seleane ausgestellten Meldezettels gestanden, daß die Schrift des Zettels seine eigene Handschrift sei. Er sei bereits im Sommer im Auftrag des Prinzen Windischgrätz in Gesellschaft des Andreas A n d o r nach Italien gereist, wo es ihnen gelungen sei, mehrere Tausendfrankennote'n loszuschlag e n. Von wem er die falschen Noten erhalten hat, hat Schwetz bisher noch nicht gestanden. Das Kartoffelpanama. In den nächsten Tagen werden gegen den Prinzen Windischgrätz zwei Versteigerungen durchgefühtt werden. Es handelt sich um eine Forderung des Grafen Mirbach im Zusammenhang mit der bekannten Kartoffelpanamaaffäre des Prinzen, der, zur Zahlung von 130 Millionen Kronen monatlich, 1,5 Prozent Zinsen und 50 Millionen Kronen Kosten verpflichtet, seiner Zahlungöpslicht nicht Nachkommen wollte. Den zweiten Prozeß strengte eine kleinere Bank auf Grund eines WechselzahlungSauftrages gegen den Prinzen in der Höhe von 230 Millionen Kronen an. In beiden Fällen wurde bereits die Pfändung vorgenommen. In Angelegenheit der gegen den Prinzen Luduüg Wtndischgrätz angeordneten Zwangsversteigerungen haben spät abends die beiden klägerischen Parteien A nsuchen um Suspendierung der Versteigerung eingereicht, Tschechische Untersuchungen. Prag, 12. Jänner. (Tel.-Äomp.) Die tschechoslowakischen BOrdr» tza.hen im smtliHe UrrLexsgKu»-ggvftfcs eingeleitet, ob die ungarischen Frankcnfälschungen mit den allerdings zurückliegenden Fälschungen tschechosloivakischer Noten im Zusammenhang stehen. Die Untersuchung wird insbesondere in der Slowakei geführt. Auch Baeran? Prag, 12. Jänner. (Tcl.-Komp.) Im Zusammenhang mit der ungarischen Fälscheraffäre wird in der tschechischen Presse immer häufiger auch der Name des bekannten deutschböhmischen Abgeordneten B a e r a n genannt. „Narodni Oswobozeni" erinnert daran, daß im Baeran-Prozeß zwei Zeugen übereinstimmend ausgesagt hätten, daß Baeran in intimen Beziehungen zu Prof. Meszaros stand und mit ihm wiederholt Zusammenkünfte in Wien und Budapest gehabt habe. Auch mit dem Abgeordneten Szentivanyi, der der Teilnahme an den Frankenfälschungen beschuldigt wird, sei Baeran in engem Perkebr gestanden. Ae Motal der SeldMchervartei. In einem Artikel des ,/Szozat" lesen wir die folgende Betrachtung, die sich wohl nicht in den Worten, wohl a!ber im Gedankengang mit den Bemerkungen der „Reichspost" deckt, die aber auch ihren besonderen Wert angesichts der „unpolitischen" Behauptungen der Beihlen-Regierun« besitzt: ,Indem in der einen Wagschake sich als Gewicht die jüdischen Journalisten finden, sehen wir in der anderen Schale das öffentliche Wirken, die Persönlichkeit, die Ehrbarkei V die Abstammung, die Denkungsart, das ganze schneeblanke ungarische Leben einiger korrekter Herren von unbemakeltem Vorleben. So weit haben die öffentlichen Zustände entarten müssen, daß lumpige Juden, elendes revolut i o n ä r e s G e w ü r m nicht bloß eine Meinung über Prinzen, Bischöfe und Landespolizeichefs zu äußern, sondern auch als sittliche Ankläger aus der Projektionsleinwand der re- VÄutionären Presse, zu erscheinen wagen. Indem Ankläger und Angeklagte in solcher Parallele an uns Vorbeizüchen, werfen wir die Frage auf, wer sind die Schuldigen und wer sind diejenigen, die die ungarische Gesellschaft aus ihrer Mitte ausstoßen sollte? Die vaterlaudsverräterischen Jude:: oder aber diejenigen, die aus Schwärmerei, aus nationaler Erbitterung zu Mitteln gegrifftn haben, die im Arsenal der hier als Ankläger sich Auffpielenden nicht unbekannt sind? Mag diese traurige Sache wve immer ausgehen, die jetzt in Haft. befindlichen ungarischen Herren wird die ganze nationale GesMchasr als Blut von ihrem Blute anerkennen, und.wenn sie dereinst erhobenen Hauptes den Kerker verlassen, wird jedermann sich beeilen, ihnen die Hand zu drücken ..." Fälschungen in Mer Welt. Der portugiesische Gesandte km Haag verhaftet. Wege« BanknotenfAschung. (Eigendienst der „Wiener Morgenzeitung".) Haag, 12. Jänner. . Ueber Ansuchen der portugiesischen Behörden hat.die Polizei den Gesandten Portugals im .Haag verhaftet. Wie verlautet, steht er im Zusammenhang mit den großen Fälschungen portugiesischer Banknoten/ Die gefälschten Noten wurden von den Fälschern, wie nunmehr festgestellt wurde, bei 8er Londoner Druckerei Waterloo and Son angeblich im Auftrag der portugiesischen Regierung bestellt. Ae rknarfiilschungen. Belgrad, 12. Jänner. Das jugoslawische Polizeipräjb diunt teilt honte mit, daß insgesamt bloß 8000 Stück gefälschter Tausenddinarscheine hergestellt wurden. 37 Stück sind in den Verkehr gelangt und konnten auch bereits böschlagnahmt werden. Die Hauptbeschuldigten sind noch nicht' in Haft genommen. Wie verlautet, ist der Polizeichef L a s z l o, der die Nachforschungen in Berlin führt, auf der Spur einiger Persönlichkeiten, die die Falschmünzer L a n d e finanziell unterstützt haben. SesAschte Schweizer Roten. Düsseldorf, 12. Jänner. In der Letzten Zeit tauchten hier viele falsche schweizerische Hundertfrankennoten auf. Diese sind leicht an der Schärfe der Aufschrift zu kennen sowie an dem dicken Papier. Die ganze Emission dieser Banknoten wurde Ende 1926 eingezogen. Die Natioualbank teilt hiezu mit, daß ihr neue Fälschungen von Schweizer Noten nicht zur Kenntnis gekommen sind und daß es sich wahrscheinlich um die seit demJochre 1923 bekannten NachMnungen handelt. Die Zahl der bisher, f e stg e st e l l t e n F a l s i s i k a t e beträgt etwas über 100 Stück. Suza verhaftet. Im Zusammmhang mit der Frankensälschrmg? (Eigendienst der „Wiener Morgenzeitung".) Bukarest, 12. Jänner. Der Führer der rumänischen FaSzisten, Universitätsprofessor Cu za, wurde gestern in dem Schnellzug Bukarest—Czernowitz verhaftet. Seine Ber-. Haftung erregte großes Aufsehen und soll im Zusammen« Hang mit der Frankenfälscherangelegenheit in Ungarn stehen. Es verlautet, daß Cuza anläßlich seines Budapesler Aufenthaltes mit dem Führer der Erwachendes Ungarn über Pläne einer Ausrufung einer Königreiches Uu» garn und einer Selbständigmachung SiebenhürgenH verhandelt m, /' ' " ~ '

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