Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 8 (1926)
- Issue
- Heft 2471 (9.1.1926)
- Date
- 1926-01-09
- Page
- Seite 6 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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K* ■•■« »>* > t i*’S*fi|F GE % srtm, yrnuvw? zumiitvest in eben demselben Maße wie die anderen ^uw.*- bürger de« Moloch Sanierung Hekatomben opfern. In der veröffentlichten Selbstmordstatistik scheint die Zahl der jüdischen Selbstmörder nicht auf. Wir hoben sie aus den offiziellen Auszeichnungen, die der Magistrat führt und die demnächst zur Veröffentlichung gelangen werden, entnommen und wollen nun an ihrer Hand die Richtigkeit unserer und die Falschheit der gegenteiligen Behauptung erweisen. In den ersten acht Monaten des abgelaufenen Jahres beträgt die Zahl der effektiven Selbstmorde, die von Juden begangen wurden, 62, davon entfallen 39 auf Männer und 23 auf Frauen. Im gleichen Zeitraum haben 467 Katholiken ihrem Leben ein gewaltsames Ende bereitet. Bringt itiitit diese Ziffern in Relation zueinander, so ergibt sich ein Prozentsatz von ungefähr 13 Prozent. Wir wollen aber diese Ziffer von 62 Selbstmorden mit tödlichem Ausgang in den erst acht Monaten zur Grundlage für unsere weiteren Schlüsse nehmen und mit ihrer Hilfe eine endgültige Prozentzahl zu ermitteln suchen. In den ersten acht Monaten wurden 99 Selbstmorde gezählt, bei denen die Konfession der Selbstmörder nicht eruiert werden konnte. Im Verhältnis zu der oben angegebenen Prozentzahl 13 dürfte man nicht fehlgchen, wenn man von diesen 99 Selbstmorden zehn a u f die jüdische Konfession entfallen läßt..So kommt man also für die ersten acht Monate zu einer Zahl von 72 jüdischen Selbstmördern, was im Durchschnitt für den einzelnen Monat 9 ergibt. Auf das ganze Jahr Übertrags, kommen wir auf 108 jüdische Selbstmörder. Haben wir oben errechne:, daß die Zahl der Toten ein Drittel der Zahl der Selbstmordversuche b. trägt, so können wir nach Analogieschluß annehmen, daß die Zahl der jüdischen Lebensmüden für das ganze Jahr 324 beträgt. Das sind 14 Prozent der oben angeführten Zahl von 2259 Selbstmordkandidaten. Niemand, und mag er noch so mit antisemitischen Vorurteilen erMt sein, wird ernsthaft glauben, daß diese 324 unglücklichen Menschen, die ihr Leben hinwarfen und hinwerfen wollten, weil sie jede Hoffnung auf Besserung ihrer Lage verloren hatten, auf Rosen gebettet waren und sich an der Not des Volkes bereichert haben. Diese Selbstmordzifser ist mit ein Beweis dafür, daß der jüdische Mittelstand fast gänzlich vernichtet wurde; es gibt fast nur mehr jüdische Proletarier, wenn sie auch dieses Wort wegen seines politischen Inhaltes ablehnen. Das Schlagwort vom Numerus clausus ist jetzt aktuell und vergiftet die Gehirne. In Wien beträgt die Zahl der jüdischen Einwohner 11 Prozent der Gesamtzahl der Einwohnerschaft. Die Prozentzahl bei den Lebensmüden beträgt aber 14 Prozent, der Numerus clausus ist also um 3 Prozent überschritten. „Die Juden bekommen eben nie genug, sie drängen sich überall ein . . R. Z. Sie Fra« öchiltzmkißer. Von N. Rand. Wien hat eine Neuerung. In einer Pfandleihanstalt der inneren Stadt amtiert eine Dame als Schatzmeister der Effektenabteilung. Allen Berufszweigen mit wenigen Ausnahmen hat sich die Frau schon zugewandt. Sie ist Arzt, Verteidiger, Ingenieur, Kaffenbeamter, Professor, im Kriege Schaffner ufw. Nur die Jünger der heiligen Hermandad, Richter. Notare und Exekutionsbeamte, sirrd noch ausschließlich männliche Funktionäre. Nun auch die Frau als -Schätzmeister im Versatzamt. Wie lange inag es dauern und sie hält in der Riesenpfandlechanstalt, dem „Dorotheum", ihren siegreichen Einzug'? Es soll gesagt sein, sie übt ihr Amt liebenswürdig und soch sachlich aus. Da kommen die armen Teufel mit ihren Pinkerln, Schachteln, um Geld^ für den Tag zu borgen. Studenten, kleine Beamte mit dem schon unzeitgemäßen Ueberzieher, Frauen mir Kostümen, Seidenkleidern, Wäsche, Bettdecken, Vorhängen, mit allem, möglichen Hausrat. Agenten, kleine Kaufleute mit denk berühmten ,/Stück Gradl". Manches Frauen- und Männerherz; stochte, wenn sie die „Ware" auf den großen Tisch legte.. Der strenge, durchdringende Blick des Herrn Schatzmeisters ■ war gefürchtet. Die Stammkunden, lasen in seinen Mienen,/ ob er gut oder schlecht aufgelegt, ob er schon müde, ob schon viel oder wenig versetzt wurde, erkundigten sich beim Nachbar, wie heute der .Kurs" in Wäsche, Kleidern, Schuhen, steht. Die Frauen inachten zu ihm liebe Augen, die Männer , waren mehr zurückhaltend. „Heute ist er grantig", heute gibt: er aber gar nichts", „er schauts net rinmal anständig an",. waren die Refrains nach der erfolgten Schätzung. Heut? war. es anders. Am Schätzungstisch steht eine große, hübsche Blondine mit einenr fröhlichen Lächeln in beu Augen. Ein alter Versatzamtsdippler schiebt zwei Stück Leinwand hin. --Küß' die Hand, gnä Frau, zrvei feine Stückerl — morgen hol' ichs wieder. Ter Herr Schatzmeister hat mir 60 Schili Itng, das letzte Jffial gegeben." Sie sieht die Leinwand prüfend an, ihre Finger befühlen das Gewebe, sie lächelt und, ,Alber, lieber Herr, das glauben Sie ja selber nicht; Ihnen brauche ich doch nicht erzählen, was Sie dafür kriegen? 48 Schillinge — wollen Sie?" Er macht ein unglückliches (Ae sicht, nickt — und bei der Kassa sagt er: „Ein fescher Kerl, um 80 Fleckerl mehr als bei dem alten Krauterer." — Eine Dame mit einem gestickten Kleid: „Bitte schön, Fräulein, es ist kaum getragen." Wieder ein prüfender Blick ein Befühlen. „Zehrt Schilling - ja?" Ein frohes Nicker/ der Danre. Der alte Krauterer hat nur 6 Schilling geborgt. Es war ein geradezu fröhliches Versetzen heute. In liebenswürdiger, zuvorkommender Art geht die aufregende Prozedur der Einschätzung vorüber, die Männer lächeln, die Frauen sind zufrieden, ruhig. Vielleicht mag gerade die Frau zur Einschätzung der Kleider, Wäsche, Stoffe usw. sehr gut verwendbar fein. Als Mädchen schon kommt sie mit den Sachen der Wirtschaft, mit der Schneiderei, mit dem Einkauf in den Warenhäusern in nähere Berührung, lernt die Unterschiede kennen, besser als der Mann. Und dann, wenn man schon in das Versatz- HOTEL CENTRAL Wien« il. t<ui»fsira«tn la Stadtzentrum » 150 neu etaterichtete Zimmer » Zentralheizung, kaltufld warmfliessendes Wasser, Telephone, Lift, Caiö-Kestamant » Preise von S 5.- aufw., aufleute 10% Rabatt. _665 Gegr. IM4 Ältestes Q«Sr* WM Wiener Restaurant KRZIWANEK Kfe«tveiler - Hfilscher 4flW 8 ERLIN NW 7 FriedrSdutrawe — fcke Mittelstralle S7/S8, I. Nur eine Treppe Vorzügliche echt österreichische Küche, Pilsner Urquell, österreichische und deutsche Weine. Bürgerliche Preise Buchhandlung c/\' Fleischraarkt 1 Der Weg zum Talmud war bis jetzt nicht jedem offen Nur gründliche Kenntnis der hebräischen Sprache und zeitraubende Studien der verschiedenartigen Kommentare und Erklärungen ermöglichten es, das nach der Bibel bedeutendste Werk des Judentums kennen zu lernen Fromers Talmud bietet die Möglichkeit jedem Laien, auch dem des Hebräischen Unkundigen. Die glänzende Uebersetzung, ausgezeichnete, leichtfassliche und aus ührliche Erklärungen zu jedem Stück erheben diese handliche, auch äusserlich prachtvoll ausgestattete Dünndruckausgabe zu einer hervorragenden Einführung in den Ta mud. Jakob rromer ViVfarb’ger Titel und Initialen von Jns f Btrd o in Leinen S 18.— in Halbleder S 21.60 in Ganzleder S 32.40 TALMUD Der babylonische Roienturnis.rasse 22 amt muß, so helfen ein paar freundlich blickende Augen, ein zur Schau getragenes Mitverstehen, Mitsühlen über diesen traurigen Augenblick leichter hinweg. Den Herren Schatzmeistern sei nichts vorgeworftn, aber die Frau hat jedenfalls ausgezeichnet debütiert. Tut gemeinte röufchnrig? . In unserem Artikel „Der jüdische Hilfstag Niederöfterrnch- Burgeuland" wurden schwere Angriffe gegen die Veranstalter dieses Hilfstages erhoben und nun übermittelt uns unser Gewährsmann nachstehende Zeilen mit dem Bemerken, daß er für die Wahrheit des Inhaltes vor jedem Forum entsteht. Wir haben strengste Rechnungslegung über die Ergebnisse des Sammeltages gefordert und schon haben wir B-weise in Händen, daß dieser Sammlung gegenüber die größte Vorsicht geboten ist. Es wird nicht nur, wie man nach den Aufrufen hätte schließen müssen, in der Provinz gesammelt, sondern' einige Herren aus dem Kreise der Agudas Jisroel zieh.'n von Kaffeehaus zu Kaffeehaus, in den Kursalon und zu allen jüdischen Veranstaltungen. Ihr Führer hält eine flammende Ansprache, daß man die armen Waisenkinder nicht verhungern lassen dürfe, und hernach wird bei allen Gästen gesammelt. Dieser Führer hält eine gedruckte Liste all der Fürsorgeinstitutionen in der Hand, denen die Sammlung gelten, soll. Aber zur Nachprüfung wird diese Liste niemandem in die Hand gegeben. Trotzdem ist eine in unseren Besitz gelangt und vergebens suchten wir ein Wiener Waisenhaus. Dieses Propagandablatt lautet: Hilfskomitee für notleidende jüdische. Wohlfahrtsinstitutionen. Gesammelt werden Mitgliedsbeiträge unterstützender Mitglieder für vorliegend folgende Institutionen. Nun folgt eine lange Liste. Da gibt es vor allem zwei gute Auslageschilder: „Jsr. Taubstummeninstitut", „Jsr. Blindeninstitut" auh:rdem sind noch fünf andere ernst zu nehmende Wohlfahrts-, bezw. Erziehungsinsmute angeführt. Diese aber mögen streng daraus achten, daß sic gerrcht beteilt werden, haben doch im Jahre 1924, als das Hilfswerk der Agudas Jisroel nicht weniger als fünfhundert Millionen Kronen aus einer Sammlung mit der Bedingung erhielt, bestimmte Waisenhäuser und Wohlfahrtslnstitute zu beisilen, diese wohl kaum 25 Prozent dieser Summe erhalten. Alle anderen auf der Liste angeführten Institute sind sehr fragwürdiger Art. Wir wollen sie einzeln anführen: 1. Tiferes Bachurim, Ausspeisung von Talmudschülern, 2. Bez., Nestroygasse 11, existiert als solche nicht, jedoch werden Talmudschüler in den Jeschiwas unterstützt. 2. Tvmech Ewjoninl, Ausspeisung Armer, 2. Bez., Schwär" ziugergasse 8, gibt für Sabbat Mahl/eitenanweisungen an die „Einheit". Im angegebenen Hause besteht die Ausspeijung '4 srt. zrtrr „Cljel Rachel", die aber mit der Sammlung durch« aus nichts zu tun hat. 3. Die angegebenen fünf Talmud-Thora-Schulen bestehen, doch von den fünf angeführten Kindergärten existiert nur der ift Nestroygasse. 2. Bez., Molmutstraße 21, 6. Bez., Stümpergasse 48, 9. Bez., Pfluggasse 5, 15. Bez., Storchengaffe, gibt ekeine Kindergärten. 4. Jüdischer Bund, Säuglingsfürsorge, 2. Bez., Floßgaffe 8. Wir haben bisher nicht gewußt, daßeinChederzurSäug« lingsfürjorge gehört. Vielleicht wird aber dieser Rau« deshalb als Säuglingsfürsorgcstelle angegeben, weil dort Herr Molsche (früher Theodor) Porges seinen Sitz aufzeschlagen hat, der in gutgemeinter Weise schon so manch's Unverantwortliche an Säuglingen begangen hat, so daß das städtische Jugendamt schon öfter mit gerichtlicher Anzeige Vorgehen wollte, davon jedoch nur deshalb Abstand nahm, weil Herr Porges allgentein als für seine Handlungen nicht voll verantwortlich bezeichnt wurde. Es ist sonderbar, daß die Agudas Jisroel offiziell jede Verantwortung für die fanatischen Taten des HerrnPorges a b! e h n t, der schon Hunderte jüdische Kinder durch Abnahme von christlichen Pflegeeltern UnterstandsloS gemacht hat. diesen Maun aber bei jeder Sammlung in den Vordergrund schiebt. Auch bei der gegenwärtigen Sammlung ist Herr Porges wieder die leitende Persönlichkeit. 5. Die neu zu errichtende Lehrwerkstätte und das neu zu errichlende Heim für verlassene jüdische Kinder werden ebensowenig bestehen wie die vier Kindergärten, gehören doch die Baracken, wo solche Institute bestanden haben, wie schon im vorigen Artikel b.merkt wurde, nichtderAgudasJisroel. Auch kann d'ese unmöglich die von ihr bei Auflösung der beiden Institute an die LuftgesetztenKinder und Jugendlichen wieder sammeln, da diese armen Opfer von verschiedenen anderen Institutionen untcrocbracht oder heimbefördert wurden i und niemcnl heute weiß, wo in aller Welt sich die Kinder befinden. Katastrophaler ßrdbeben in Perft n. Lenden, 8. Jänner. Ein katastrophales. Erdbeben hat Persien heimgcsucht. Tie Provinz Korassan wurde fast gänzlich zerstört. Tie Zahl der Toten ist ncch unbekannt. Hunderte von Mensch e n sind obdachlos geworden. . Erdstöße in Italien. In Fr'aul, Mittel- und Süditalien wurden neuerlich Erdbeben verspürt, uns zwar in A d e l s b e r g um 5 Uhr 15 Min. früh, in Siena um 10 Uhr 15 Min. vormittags und in Mantua um 1 Uhr 30 Min. mittags. In Kalabrien wurde vorgestern um 21 Uhr 3o Min. ein starkes Beben wahrgsnommen. Im allgemeinen verliefen die Beben ohne Menschenopfer und Malrialschcdcn. Ter Vesuv ist wieder tätig; der Krater füllt sich allmählich. Das Beben irt Wien. Die Zentralanstalt für Meteorologie in Wien keilt mit: DaS Erdbeben am 1. Jänner um 7 Uhr abends wurde bis an die Donau gefühlt. Auf dem WienerBoden wurde das Beben hauptsächlich auf einem schmalen Streifen von ungefähr eineinhalb Kilometer Breite und fünf Kilometer Länge verspürt, der sich durch die Bezirke Wieden, Margareten, Neubau, Josefstadt, Alsergrund und Währing erstreckt. — Wie aus Atzelsberg berichtet wird, sind dort in der Zeit vom 1. bis 7. d. nicht weniger als 50 E r dstöße verspürt worden, durch die mehrere Häuser schwer beschädigt wurden und auch die Adelsberger Grotte großen Schaden .erlitten hat. Einige Tropssteingruppen sind zerstört. Ile Hochwafferkataftrovhen. In Frankreich ist die Gefahr wieder im Wachsen begrisjen. Tie Lage in den Pariser Vororten an der Seine ist beunruhigend. Zahlreiche Wohnungen mußten geräumt werden. — In Holland ist durch einen Dammbruch in der Provinz Ober-Jesel die Lage abermals kritisch geworden. Auch die Themse ist infolge neuerlicher starker Regenfälle wieder gestiegen und hat eine N e b e r f l u t u n g der Londoner Umgebung verursacht. — Am Rhein erscheint die Hochwassergefahr beseitigt. Dar Urteil in der LlrrMnarunlersnchllng Professor Braßloff. Schriftliche Zustellung. 'Gestern Ln den späten Mendsiunden ist das Urteil in denc Disziplinarverfahren gegen den Univcvsiiätsprofess.r Braßloff erflcffen, dev beschuldigt wurde, in seinen Vorlesungen anstößige Redewendungen gebraucht zu heben. Das Erkenntnis wurde nicht veröffentlicht, sondern wird dem Prof. BvaMf schriftl i ch -zu ge stellt werden. Nur drei unvermietete Wohnungen. Gestern wurden 124 Wohnungen angemeldet; fratom* wurden aber nur drei als nicht vermietet bezeichnet. Es sind dies in Favoriten, Laxenburgerstraße 70, Tür 3, eine aus Zimmer, Kabinett und Küche bestehende Wohnung; in Hietzing, 'Anschützgasse 18, Tür 1, eine Zimmer uub Küche umfassende HauHbesorgerwohnung, und in Währing, Blumengasse 16, Tür 4, ein Kabinett. Bei den vorgestern in Floridsdorf (Semmelweiß-, Ledenburger- und Schmantmäckergasse) an^emelveten 28 freien Wohnungen, die bis gestern noch nicht als vermietet abgemeldet worden sind, handelt es sich mn Wohnhäuser der Gemeinnützigen Ein- und Mehrfamilie n hä nser-Ba-ugenossenschaft der Eisenbahner, die ihren Sitz «in der Gosefstädtepstrahe 81-83 hat.