Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 8 (1926)
- Issue
- Heft 2471 (9.1.1926)
- Date
- 1926-01-09
- Page
- Seite 4 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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Wiener Morgenzettttns__9. Jänner ifS6 Nr. SM Sie österreichische Keren-Hajeffod-Altion. Segln« am 10. gilnarr. «rm 4 Ven. SämMg Sla Berlakrsn gegen die Pasternak. ■ Die falsche Beschuldigung gegen den Inspektor Sawitki. (Eigendttnst der „Wiener Morgenzeitung") Warschau, 8. Jänner. Tie Leitung der politischen Polizei hat an die Lemberger Staatsanwaltschaft, das Ersuchen gerichtet, gegen die Bclastungszeugin im Steiger- Prozeß, die Balletteuese P a st e r n a l, die Anklage wegen Verleumdung einer Amtsperson zu erheben. Die Pasternak hatte bekanntlich ausgesagt, Inspektor S a w i c k i, tcr bei ihrer ersten Einvernahme knapp nach der Verhaftung Steigers zugegen war, sei damals betrunken gewesen und habe sie dazu überreden wollen, für Steiger günstig auSzusagen. Tie Leitung der Staatspolizei hatte gegen Sawicki die Disziplinaruntersuchung eingele'tet llnd diese durch den Insektor L u d w i k o w s k t durchführen lassen. Da- Ergebnis der Untersuchung war negativ. Es wurde festgestellt, daß die Aussage der Pasternak eine Lüge war. Die Staatspolizei verlangt nunmehr in einem Schreiben an die Lemberger Staatsanwaltschaft die Erhebung der Anklage gegen die Pasternak. di« Polkzelbeamter. der die Liste se'ner Spitzeln DtfW'fl. Berlin, 8. Jänner. (Tel.-öl:mp.) Wie die Blätter aus Warschau melden, wurde d rt in der vergangenen Nacht der Vertreter des Chefs der politischen Polizei verhaftet. Tie besondere Ausgabe des Verhafteten war die Bekämpfung des Kommunismus. Statt diese Aufgabe zu erfüllen, soll er ein Verze'.chn's aller im Dienste der polnischen politischen Polizei stehenden Geheimagenten an Rußland verkauft haben. Sriechi'ch'lür'i'iheMeiullngsiekschiedenheilen. London, 8. Jänmr. (Tel.-Komp.) Wie aus Athen gemeldet wird, ist es zwischen dem griechischen und dem türkischen Delegierten der internaticnalen Kommission bei Festsetzung der griechisch-türkischen Grenze zu Meinungsver'chiedenbeiten gekommen. Griechenland beansprucht die kleine Insel G i a u r - A d a imMarizadelta und wird sich an den internationalen Gerichtshof im Haag mit einer Note wenden, in der es seine Forderung auf die Bestimmungen des Vertrages Ion Lausanne stützt. Für die drding«ngr!o'e Unabhgilg'gkeii Sy'iens. Paris, 8. Jänner. Nach einem Telegramm des ,Me-w Dark Herald" aus Kairo hat Sultan Atrasch gestern in einer Rede erklärt: Tie Trusen kennendie Stärke Frankreichs, aber sie sind darauf vorbereitet, bis z.:m bitteren Ende zu kämpsen. Tie arabischen Nationalisten sind enischlo-sftn, die bedingungslose.Unabhängig k e i t S y r i e n s zu erkämpfen oder ehrenvoll unterzugehen. Atrasch habe die Verluste der Drusen auf 1500 Tote geschätzt. Siraßenschlüarrei in Tokio. Ein merkwürdiger Zwischenfall. Tokio, 8. Jänner. (Molff.) Heute früh, kurz bevor der Regent nach der jährlichen Parade der Truppen zur Stadt zurückkehrte, versuchte der brasilianische Gesandte die Straße zu überschreiten. Die anwesende Menge wollte ihn daran hindern und es entstand eine Schlägerei, bei der zwei dazwischentreleide Polizisten verwundet wurden. decken, daß außer der russischen Regierung, au^er der liberalen Partei und Mr. G.ädstoue noch zwei andere Gefahrzentren da waren, mit deren er zu rechnen haben würde. Erstlich war eine starke Partei im Kab.nttt vochanden unter der Führerschaft Lord Derbys, des Außenministers, d'e nicht gewillt war, das Risiko eines Krieges auf sich zu ne'men; seine allergrößt Sorge aber war die Ft... Ter unglückliche Premierminister, auf der einen Sri e von Viktoria zu Gewaltsamkeiten gedrängt, hatte andererseits mit einem Außenminister zu rechnen, der von Grund auf gegen jede Politik aktiven Eingreifens war. Zwischen der Königin und Lord Derby hat e er einen schweren Stand . . . Nicht nur ein- oder zweimal, sondern viele Male zückte sie die fürchterliche Drohung ihr r Abdankung über se nein Haupte. .Wenn England," schrieb sie an Beaconsfield, „R u ßland die Füße küsse, Welle sie an der Temüt'gnng Englands nicht teilhaben, und deshalb ihre Krone nied.'rlegm". Als die Russen das Weichbild Konstantinop.ls erreichten, feuerte sie an einem Tage drei Briefe ab, die nach Krieg schrien; und als sie erfuhr, daß das Kabinett nur be'chlossrn hatte, die Flotte nach Gallipoli zu senden, erklärt? sie, „ hr erster Impuls sei gewesen, ihre Dornenkrone niederzulegen, da ihr Weng daran liege, sie zu b'haltm, wenn die Lage d.'s Landes so bliebe wie j tz ". Man kann sich leicht vorstel en, wie aufregend ein solcher Bricfwech'el für Beaconsfield war. Das war nicht mehr die Fee, das tvar ein böser Geist, den er vorschnell aus seiner Flasche befreit ha te. und der nun darauf versessen war, seine übernatürliche Macht zu. zeigen.. Er hielt jedoch durch, um zuletzt siegreich aus allem hervorzugehen. Tie Königin war besänf.igt. Lo d Derby wurde durch Lord Salisbury ersetzt; und auf dem Berliner Kongreß setzte der ,a11e Jude" alles durch, was er wollte. Im Triumph kehrte er nach England zurück und versicherte der entzückten Vik or'a, daß sie bald „Tiktatorin von Europa" sein würde, wenn sie es n.cht schon wäre, Morgen beginnt in Wien die diesjährige Werbeaktion für den Keren Hajessod. N.cht in der ganzen Stadt, sondern zunächst in einem Teil des Judcnbezirkes, im Prater. Wer die Vorarbeiten des Komitees verfo.gt hat, die ernste hingehende Arbeit eines engen Kreises verantwortungsvoller Menschen? de Aktion so atzuwicke n, daß in dem Zeitraum von zehn Tagen die gesamte Iudensckast des Praters durch freiwillige Mitarbeiter besucht, ü.'er den Stand des Palästinawerkes aufgeklärt und zu materiellen Opern veraniaßt werden, welche den leroichen Leistungen der Pioniere in Erez Israel angemessen sind, kann an dem Erfolg nicht zweifeln. * Man weiß, daß die Stärkung des Keren Hajuss.d B>o rauss« § ung für jede gedeihliche Entwicklung der jüdischen Heimstätte ist. Auch für das gesunde Wirken der Privatinit'ative. Zwei typisch? Beispiele aus der jüngsten Zeit: Im letzten Jahre mußten 40.000 Pfund für Bausteine verausgabt werden, und es ergab sich dle Noiwendigleit, eine jüdische Steinindustrie ins Leben zu rufen, dieses wichtige Baumaterial nicht von anderen Faktoren, sondern vom neuen Jischuw liefern zu lasten. Man k nnte dem privaten Kapital nicht zumulen, daß es mit Stein brucharbeiten beginne. bevor nicht die Nützlichkeit und Prosperität eines solchen Unternehmens erwiesen war. Aus den Mitteln des Keren Hajessod wurde ein Steinbruch eröffnet, die Avantgarde der Chaluzim hat sich dem neuen, ungewohnten. harten Arbeitszweig mit bewundernswerter Zähigkeit hingegeben — und jetzt kann sich bereits die Privatindustrie mit ihrem Kapital an der Auswertung der Steinbvüche tetei.igen. Aehnliches gilt von der Fi schere i indu strie. Die jüdische Landwirtschaft wird für absehbare Zeit nur einen ganz geringen Prozentsatz des Fleisches liefern können, welches in Palästina konsumiert wird. Fische sind ein ausgeze'chnetes, bei den Juden beliebtes Nahrungsmittel und der Jndustr'ezwe'.g der Hochseefischerei wird von T i s ch b i, dem Chef des Handelldepart:ments, als überaus wichtig erkannt. Darum mußte man aus den Mitteln des Keren Hajessod zunächst zwei Gruppen jüdischer Fischer ansiedeln, muß für ihre Ausbildung sorgen und für d.e nötigen gewerblichen Anlagen, um die Privatinitiative auf diesen Erwerbszweig hinzulenken. Er ist auch für die Gewinnung des Menschenmaterials unumgänglich nötig, welches hoffentlich in absehbarer Zeit in die Handelsmarine wirde.n-gestellt werden können und erfahrungsgemäß aus dem Fischerstande hervorgeht. * Wenn die Männer und Frauen sich in den nächsten Tagen darum bemühen, nc.ie Zeichner für den Keren Hajest.d zu werben, mö'.e sie in ihrem schönen, aber schweren Amte der Gedanke an die palästinensischen Pioniere stärken. Sie haben in den letzten Jahren Leistungen vollbracht, die von all:n Touristen, von den sachkundigen Beobachtern doppelt bewundert werden. Aber die Opfer, die sie fortdauerndbringen, sindzugroß, als daß sie die Juden heit der Verstreu.ung vor der Geschichte verantworten könnte. Es müsten ihnen Erleichterungen ihrer Lebenshaltung geschaffen werden, die gegenwärtig leider noch tiefer steht als d'e irgend eines anderen Bauern. Und es müssen — da doch die E i n w a n, derung in Erez Israel in den lebten Monaten auf das Dreifache g e st i e g e n ist — sich die Eingänge dos Keren Hajessod entsprechend erhöhen, soll d'e erforderliche beschleunigte Entwick.ung der Heimstätte gewährleistet sein. Auch aus Wien wandern jüdische Pioniere in erfteulich steigender Zahl zur jüdischen Arbeit auf die jüdische Scholle ab. Tas Problem, die neue Siedlung bis zum Zeitpunkt der Selbsterhaltung durch Mittel der jüdischen Gesamtheit zu budgetieren — es ist das Zentralproblem und es ist die große Aufgabe des Keren Hajessod — kommt den Wiener Juden durch die vielfachen Beziehung:» zu d'e'en Wiener jüdi¬ Inland. Lar Kabinett Ramel». Die nächste Nationalratssitzung findet Donnerst a g den 14. d. um 3 Uhr nachmittags statt. Der christ ichsoziale Nationalratsklub ist bereits für Dienstag und Mittwoch zu Beratungen «inberufen, in denen die näheren Einzelheiten der Rekonstruktion des Kabinetts Ramek festzestellt werden sotten. Auch das Programm des Kabinetts Ramek 2 wird bei dieser Gelegenheit zur Erörterung gelangen. Der neue Patt der Christlichsozialen mit den Großdeutschen scheint bereits abgeschlossen zu sein, stand es doch von vornherein fest, daß die Großdeutschen unter allen Umständen in der Regierungsmehrheit bleiben wollen. In der Donnerstagsitzung des Nationalrates wird das Kabinett Ramek wiedergewählt tiierden. Ausscheiden werden nur Dr. M a t a j a und der Ackerbauminister B u ch i n g e r. Wie bereits berichtet, wird Las Außenaint nicht mehr durch einen eigenen Minister geleitet werden. Ins Ackerbauministerium wird der oberösterreichische Chrisilichfoziale Födermayr einziehen. schen Söhnen und Töchtern zweifellos näher, und eS ist anzunehmen, -daß sich Lei der diesjährigen Keren-Hajeffod- Aktion das Verständnis unserer Juden für den Keren Hajeffod das Pflichtgefühl für die Leistung der Maaffer erhöht hat. Möge das Propagandawerk gelingen. Zum Segen d-r neuen jüdischen Siedlung, zur Ehre des Wiener Judentums. * Tie Instruktion an die Mitarbeiter. Die österreichische Keren-HLjessod-Ko-mmission hat anläßlich der morgen beginnenden Aktion für den Keren Hajessod die freiwilligen Mitarbeiter, we'che sich wieder, holt zu geselligen Aussprachen zusammen fanden, mit dem wichtigsten Broschürenmaterial und mit einer Instruktion beieilt. Sie ist mit einem eindirucksvcllen Bilde aüs den Mischen Kolonien geschmückt. Nachstehend einiges aus dem Inhalt: Der Keren Hajessod ist das Finanzinstrument des Aufbaues von Erez Israel und hat den Charakter eines Staatsfonds. Er muß der machtvolle nationale Kolonisationsfonds werden, welchen die Schaffung einer jüdischen nationalen Heimstätte in Palästina erheischt. Der Keren Hajessod beruht auf dem Prinzip der freiwilligen Selbstbesteuerung im Sinne des biblischen Maasser. Immer größere Kreise müssen für den Keren Hajessod gewonnen werden, denn die gegenwärtigen Jahreseingänge des Keren Hajessod (durchschnittlich 600.000 Pfund Sterling) ermöglichten bloß, daß 15.000 Juden alljährlich in das Land gebracht und mit dem Boden wirtschaftlich verknüpft werden können. Wenn es. gelingt, den Jahreseingang des Keren Hajessod auf eine Million Pfund Sterling zu steigern, kann dieser Staatsfonds jährlich 80.000 Pioniere ansiedeln. Diese 30.000 Pioniere jüdischer Arbeit werden einer jährlich stets wachsenden Zahl von Inden Existenzmöglichkeiten in Erez Israel schaffen, so daß die Basis für Großkolonisation geschaffen wäre. * Dieses Ziel muß ohne Zeitverlust erreicht werden. Die österreichischen Juden stehen in ihren Leistungen für den Keren Hajessod weit zurück. Sie haben im letzten Jahre kaum den vierten Teil der Quote aufgebracht, welche bei Berücksichtigung der valutarischen Verhältnisse und der österreichischen Wirtschaftslage auf sie entfällt. Tie Leistung Oesterreichs für das Budget des Aufbaues von Erez Israel muß daher im Kalenderjahre 1826 verdoppelt, also von 7000 Pfund Sterling auf 15.000 Pfund Sterlttrg erhöht werden.- * Du hast gewiß nebst den Dir Zugewiesenen eine Reihe jüdischer Mitbürger im Auge, die Du durch persönliche Einflußnahme zu einer Keren-Haiessod-Leistung veranlassen willst. Uebergib sofort das Verzeichnis dieser Personen Deinem Bezirksleiter. So wird bewirkt, daß unnütze Doppelarbeit vermieden ist und so erweiterst Du selbst Deine verantwortungsvolle Aufgabe. O Wenn diese Aktion den so dringend nötigen Erfolg haben soll, mußt Du zumindest zwanzig erfolgreiche Besuche absolvieren. Bei zionistischen Parteigenossen ist im Sinne der Dir eingehändigten „Keren-Hajessod-Ordnung" vorzugehen und in allen Fällen die Verdoppelung der Jahresleistung anzustreben. Zeichnungen ohne sofortige Zahlung (Anzahlung) sind wertlos. Du mußt daher bei jeder Zeichnung eine Anzahlung verlangen. * Um einen raschen Ueberblick über den jeweiligen Staub der Aktion zu gewinnen und um richtig disponieren zu können, ist täglich Berichterstattung und tägliche Ablieferung der eingegangenen Beträge an die Bezirksleitung uw« bedingt erforderlich. Nach Beendigung der Aktion sind der Quittungsblock und das ganze schriftliche Material dem Bezirksletter einzuhändigen. Wir drücken Dir die Hand und wünschen gutes Gelingen. VerWelnmg der Wirtlchallrenguete des Herr« Schürft. Minister Dr. Schürff beabsichtigt, wie bekannt, für Mt nächste Zeit über Ermächtigung der Regierung eine Wirtschaftsenquete unter B'eteiliyung der Wirtfchaftlichen Körperschaften einzuberufen. Das Programm dieser Enquete, deren Abhaltung noch im Jänner dieses Jahres in Aussicht genommen war, sollte vom Handelsministerium im Einvernehmen mit den wirtschaftlichen Körperschaften in einer Vorbesprechung in der nächsten Woche festgelegt werden. Handelttammerprälsidmt Tilgner hat nun im Namen sämtlicher Kammern für Handel, Gewerbe und Industrie und namens der zentralen freien Organisationen von Industrie, Gewerbe und Handel am 8. d. an Dr. Schürff das Ersuchen um eine Verschiebung der Enquete gerichtet, da die genannten Körperschaften noch interne Besprechungen über ihre meritvrische Stellungnahme bei der Wirtschaftsenquete abhalten müssen und diese Beratungen erst anfangs Februar zum Abschluß bringen können. Im Hinbl'ck auf diese Stellungnahme der Handelskammern und der zentralen Oraanisationen von Industrie. Gewerbe