Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 8 (1926)
- Issue
- Heft 2470 (8.1.1926)
- Date
- 1926-01-08
- Page
- Seite 2 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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-.??. s* Geite 8 Wren, Freitag Wiener Morgenzeitung 8. Jänner 1926 SK. s. Me Budapester Frankenpresse. Me FAschunarsadrtt im lartoaraphische« stuft ilut der angarischea Srueralstaber. — Ne« BeehaNnnge«. (Sigendtenst -er „Diener Morgenzeitung-.) Locarno oder Budapest. - V. 2'.i : e tt. 8. Jänner Die ungarische Rcgiemng setzt ihre Bemühungen fort, den politischen Charakter des Fälschungsskandals zu übermalen. Sie publiziert ein Communique, in welchem sie eine parteimäßige Gegensätzlichkeit zwischen Windischgrätz und Nadossy konstruiert und auch die übrigen Gesellen auf ihr Bekenntnis prüft. Sie hat sogar mit Jubel entdeckt, daß Raba, der Sekretär des Windischgrätz, jüdischer Abstammung sei. Mas darunter zu verstehen ist, sagt sie nicht. Uebrigcns hat doch dieser Raba nur einen Auftrag seines durchlauchtigsten Herrn ausgeführt. Das Communique verweist auch darauf, daß die Untersuchung im kartographischen Institut bisher keine Resultate ergeben habe. Als diese Erklärung geschrieben wurde, waren bereits ein technischer Beamter dieser Anstalt des ungarischen Generalstabes in Haft. Bier andere wurden am Nachmittag festgenommen. Diese Tatsache genügt zur Beurteilung des offiziellen Wisches. Die Regierung finde, so schließt sie in abgeklärter Ruhe, keinen Grund zu der Annahme, daß die Angelegenheit auch ausländische Beziehungen habe. Inzwischen ist der französische Gesandte nach Paris zurückberufen worden und dies, wie Briand in einer Pressekonferenz ausdrücklich erklärte, zur Berichterstattung über den Skandal. Was an Meldungen über den Fortgang der Untersuchung vorliegt, verstärkt den Eindruck, daß die Affäre uferlos geworden ist. In der staatlichen Banknotendrilckerei haben französische Detektivs eine Revision vorgenommen. Die Zahl der verhörten Personen reicht schon an die hundert heran und die Polizeibehörden in den Sukzessionsstaaten, in Holland, in Frankreich und in Italien nehmen teil an der Aufhellung. Dies bürgt dafür, daß Ungarn diesmal nichts Tatsächliches wird verschweigen können und daß diesmal die Welt ein ganz deutliches Bild davon erhält, was das ungarische Regime von heute eigentlich ist. Die Geschäftigkeitsenergie der Organe der Regierung entspricht ja nicht dem eigenen Triebe. Die Nötigung kam von Frankreich, dessen Regierung freilich inzwischen sich auf die Solidarität aller Regierungen zu besinnen beginnt. Der „Matin" untersucht die Schuld Ungarns, das das Komplott für den Putsch des Erzherzogs Albrecht kannte und diese Verschwörung gegen den Frieden Europas duldete. Aber diese Schuld ist ja nicht erst von heute. Sie ist ein Glied in der Kette von Verbrechen, die sich an den Titel der Gegenrevolution knüpfen und die jetzt nur ein vorläufiges Ende gefunden haben. Sie haben kein Vorbild in der Geschichte und die stolze Berufung des Windischgrätz auf den jüngeren Pitt, der als Premierminister die französische Revolution mit falschem Geld bekämpfte, ist wohl nur in Budapest eine Rechtfertigung. Es kann kein Zweifel darüber bestehen, daß jetzt die Zeit für die Abrechnung reif ist und daß der Geist von Locarno, wenn er nicht eine inhaltslose Phrase sein will, den Geist von Budapest restlos beseitigen muß. Die internationale Position Ungarns ist aufgerollt. Dieses Problem ist tatsächlich ein kriminelles, aber in einem anderen. Sinne als in Budapest hineingefälscht wird, und wenn über das nachgemachte Geld eine Untersuchung geführt wird, so wie sie Minister Benesch vom Völkerbund verlangt, so muß auch die Grundlage, das politische Milieu geprüft werden, in dem solche Pläne reifen konnten. Es mag. sein, daß einige subalterne Diebe ein wenig für sich mitstehlen wollten, daß sich Windischgrätz auf diese Wiese rangiern wollte, die Hauptsache bleibt, daß die hohen Personen, deren Namen genannt werden, die Macht in Händen hielten und daß sie von ihr immer nur so Gebrauch machten, wie sie sie errafft hatten. Sie alle waren mit Horthy in Transdanubien, sie alle betrieben die Nassenpolitik, die sie als christlichnational vor Europa affichierten und bei der sie in den fremden Vertretern höchst ignorante Zuseher hatten. Es hat sich eine internationale Rettungsgesellschaft gebildet, die den Budapester Bravos beispringen will. Die von Ungarn bezahlte Auslandspresse arbeitet mit vollstem Eifer an der Vertuschung und die christlichnationalen Blätter sind mobil gemacht. Hier ists Geschäft. dort Gesinnungsgemeinschaft. Aber es soll darnit auch darüber hinweggeredet werden, daß der Budapester Geist sich auch in Wien und in Deutschland breit gemacht hat und daß er auch dort tiefe Spuren hinterlassen hat. Die Mörder aller Riten fanden von Budapest aus finanzielle Unterstützung und Schuh vor allzu zudringlichen Staatsanwälten. Ungarische Geldfälscher verpflanzten ihre höheren Patriotischen Motive auch in den Sumpfboden der zentraleuropäischen Reaktion, hetzten zu Pogrom und zu Massenmord. Die Erregung der Welt der Reinlichkeit beweist, daß schon ein Gefühl dafür besteht, daß man nebeneiner Düngergrube nicht wohnen kann. Maaarhar» verhaftet? Der Adjutant Horthys. In diplomatischen Kreisen zirkuliert das Gerücht, daß öer Mchutant Horthys, der Major MagaShazy, gestern zur Polizeivirektion vorgeladen wurde. Er sott sich noch in diesem Gebäude befinden. Ter Honvedminister Tsakh ist ,/ruf Urlaub". Er hat Ungarn sofort nach den ersten Nachrichten über di« Verhaftungen im Haag verlastcn. (Der erste Verhaftete -war Oberst Jan ko dich, ein Schwager des Honved- Ministers Budapest, 7. Jänner. Die gesamte Oesfentlichkeit verfolgt den Gang der Untersuchung mit größter Spannung. Ueberall kommt die Auffassung zum Ausdruck, -daß es sich hier um eine Prestigefrage des Landes handelt, so daß ganze Arbeit notwendig sein wird, um eine v o l l st ä n d i g e Klärung herbc-izuführen. Wie eine polizeiliche Mitteilung heute meldet, läßt sich aus der Liste der in der Frankenfälschnngsangelegenheit bisher verhafteten Personen feststellcn, daß man von der Kompromittierung weder einer Partei, noch einer bestimmten Richtung, noch aber eines homogenen Kreises sprechen kann. Prinz Windischgrätz steht in politischer Richtung in einem anderen Lager als Nadossy. Die Verschiedenheit in der politischen Auffassung gilt auch für die kleineren Figuren der Skand'alaffäre. Marsovszki war Raffenschützler und Anhänger der freien Königswahl, Iankovich war Legitimist, Mankobits farblos, Winkler politisierte überhaupt »licht. Der eine der Olchvarys gehörte zu den Erwachenden, der andere nicht. Raba ist jüdischer Abstammung. Obwohl man sich ein klares Bild augenblicklich noch nicht bilden kann, geht aus dieser Feststellung offensichtlich hervor, daß in dieser ganzen skandalösen Angelegenheit persönlicher Nutzen ebenso eine Rolle spielte wie vermeintliche politische Momente. Im gegenwärtigen Zeitpunkt der Erhebungen trachtet man, den Ort der Frankenfälschungssadrik aufzudeckcn. Aus diesem Grund ist auch die groß angelegte Untersuchung in Sarospatak und Umgebung im Zuge, die von einem ganzen Detektivkorps geführt wird. Der Zweck dieser Erhebungen tvar, die zur Herstellung der falschen Frankenbanknoten notwendige Drnckereiausrüstung und die Maschinen auszufinden, was bisher jedoch nicht gelungen ist. Im Schlöffe des Prinzen wurden die Beamtenschaft der Domäne und das ganze Gesinde einvernommen, um festzustellen, wie weit sie von den mit der Frankenfälschungsaffäre ick Zusammenhang stehenden Dingen Kenntnis hatten. Ueber die Verhöre sind Einzelheiten nicht in die Oesfentlichkeit gedrungen. In Sarospatgk ,wurde??.außer im Schlofft des Prinzen Windischgrätz auch in der Druckerei der dortigen Rechtsakademie sowie in zwei anderen Druckereien Hausdurchsuchungen vorgenommen, die jedoch erfolglos geblieben seien. Der Güterdirektor des Prinzen Windischgrätz, Mex. H a l a s z, ist verhaftet -worden. -Sämtliche in Betracht kommenden Budapester Institute wurden einer gründlichen Untersuchung unterworfen. So kam auch die Reihe an das kartographische Institut, wo mehrere Angestellte bereits vernommen wurden. Der erste Lckalaugenschein m? kartographischen Institut war ergebnislos verlausen. Da jedoch die Polizei in den Besitz von Daten gelangte, wonach einzelne im Institut in Verwendung stehende Beamte in irgend einem Zusammenhang mit der Frankenfälschung stehen, hat sie neuerlich den technischen Beamten Ladislaus G r r ö vorgeladen, der bei der ersten Einvernahme jede Verbindung mit der Fälsch» ngsaffäre ableugnete. Da jedoch inzwischen neue Verdachtsmomente gegen Gero auftauchten, wurde er in Gewahrsam genommen. Gerd hat heute gestände n, daß di« falschen Banknoten mit den im Souterrain des kartographischen -Instituts befindlichen Maschinen hergestellt worden sind. Sodann machte er seine Kompliren namhaft, derer» Vorführung in? Zuge ist. Im weiteren Verlaufe des Verhöres brachte er zu seiner Verteidigung vor, er sei vom Prinzen Windischgrätz in dessen Wohnung gerufen und dort unter Beteuerung patriotischer Zwecke zur Teilnahme an der Frankenfälschung bewogen worden-. Ge rö g i b t zu, daß er die Klischees für die falschen Frankennoten selbst verfertigt habe, behauptet jedoch, daß die Leitung der Anstalt keine Kenntnis von feinen Machenschaften hatte. Auf di« erste Nachricht von der Aufdeckung der Fälschungen vernichtete Gero die Klischees und schaffte sie ans dem Institut weg. Gero nannte die Adressen mehrerer Budapester Alteisenhändler, au die er die zerbrochenen Klischeeverkauft haben will. Im Laufe seines Verhörbzeichnete Gero auch die Person, der er die zur Fabrikation der falschen .Frankennoten dienenden Maschinen in demontiertem und -erbrochenem Zustand verkaufte» so daß zu hoffen ist, daß es der Polizei binnen kurzem gelingen werde, die Maschinen und die Klischees aufzufinden. Die Untersuchung wird nunmehr auch in der Richtung fortgesetzt, um fesizustelleu, ob noch weite« Beamte dekartographischen Instituts in diese Angelegenheit ver, wickelt sind. Meszaeos wivd gesucht. Die Polizei fahndet gegenwärtig wieder «ach dem Professor Julius v. M e s z a r o s, der im Jahre Ml in Wien wegen der Fälschungen von tschechischen Noten verhaftet war. Sr wurdtz dagM auf Intervention chr W-aü« schen Regierung freigegeben, ging nach Konstantinopel nnv Angora und tauchte im Dezember plötzlich wieder in Budapest auf. Er ist momentan, wie behauptet wird, verschollen. Wie Windischgrätz sich verantwortet. Nach dem ,/Az Est" hat Prinz Windischgrätz hei feinem Verhör zugegeben, 'daß seine Tat gegen die Strafgesetze verstoße, jedoch erklärt, daß er v o r der Geschichte nicht schuldig sei, da er im nationalen Interesse und im Interesse der Wiederherstellung Groß-Ungaruü gehandelt habe. Auch Pitt sei in den Augen der öffentlichen Meinung Englands nichtschuldig gewesen, als er Europa mit falschen Frankennoten überschwemmte, weil er den Feind seines Vaterlandes auf die Knie zwingen wollte. Auch Nadossy habe von allem gewußt, denn er habe mit ihm darüber gesprochen und darauf solche Antworten erhalten, aus denen er schließen -mußte, daß Nadossy alles billige. Auch bei seinen Spaziergängen mit Nadossy in den letzten Tagen hätten beide von der Sache gesprochen. Windischgrätz behauptet, daß er von seinem Diener Ä o» vacs zuerst von der Frankensabrikation erfuhr. Er habe dies sofort Nadossy mitgeteilt und ihn gefragt, ob er eine Anzeige erstatten solle, worauf Nadossy erwidert hatte: ,/Aber weshalb denn? Vielleicht sind diese französischen Franken bloß Reklamezettel." Wenn also der Polizeichef eine Anzeige nicht für notwendig hielt, habe auch er das nicht für notwendig gehalten. Als er erfahren habe, daß die Franken nach dem Ausland geschafft werden, sei er wieder zu Nadoffy gegangen. Bei dieser Gelegenheit habe er den Eindruck gehabt, daß Nadossy auch von an de rer Seite bereits über die Affäre informiert sei und alles wisse, gleichwohl aber keine Recherchen einleite. Auch über das Verhör mit Nwdofsy weiß das Blatt interessante Einzelheiten zu berichten. So soll Nadoffh sich keineswegs aufs Leugnen ver. legt, sondern zugegeben haben, daß er leichtsinnig, nicht aber aus Gewinnsucht gehandelt habe. Er habe eben im Jnteveffe beS Vaterlandes den Kops verlor«?. Es sei richtig, daß er Jankovich die Kurierlegitimation verschafft und erwirkt habe, daß dessen Gepäck amtlich versiegelt werde. Er habe nicht gewußt, daß Jankovich und Genossen nach dem Ausland reisen, um falsche Franken in Verkehr zu setzen. Er habe von den he? ligen Zielen, von denen sie sich leiten laffen, gewußt und es für seine Pflicht gehalten, wenn er sie schon nicht unterstützen könne, sein patrivtischesMltfühlen dadurch zum Ausdruck zu bringen, daß er Jankovich eine Kurierlegitimation verschaffte. Es sei auch richtig, daß er Vörden Beamten im Ministerium deS Aeußern scherzweise bemerkt habe, daß das versiegelte Paket falsch« Banknoten enthalte. Er habe eben dadurch jeden Verdacht abzulenken geglaubt. Es sei nicht richtig, daß er Windischgrätz telephonisch gewarnt habe, tvohl aber sei richtig» daß der Prinz ihm gegenüber erwähnt habe» daß gewisse Leut« ein« patriotische Aktion zur Kvnterminkrimg defranM« sähen Franken unternommen haben. Er Hab« an der Mion selbst nicht teilgenommen, sondern bloß davon gewußt. Das Notenpapier stammt aus Deutschland. Der Sekretär des Prinzen Windischgrätz, Deftder Raba, hat in seinem letzten Verhör gestanden^, daß er vor einigen Monaten sich, in Deutschland aufgehalten und bei einer reichsdeutsch«n Papierfabrik das Papier für die Frankenfälschungen bestellt habe. Er brachte baS Papier nach Budapest und Sarospatak. Di« Kosten deckt« Prinz Windischgrätz. Mit den evsten Fälschungen wurde ein junger Manu, der Private An vor, probeweise nach Belgien geschickt. Nachdem es Andor verstanden hatte, in Belgien -eine beträchtliche Menge falscher Noten in Umlauf zu fetzen, schritt man in Budapest und Sarospatak an die Mafsenerzeugung von Tausendfrankennoten. Unterbliebene Verhaftungen. Die MlltagblStter berichten, daß die Polizei gestern die Verhaftung des Tibor Eckhardt, Julius G ö m b ö S, der Jesuitenpaters Archangel B o n i S und des Feldbiichoft Z ad r a v r e vornehmen wollte. Die Haftbefehle wurden wieder zurückgezogen. Die Leitung der Untersuchung besorgt der Minister des Innern, RakovSzky, der sich schon zur Zeit der Beniczly- Affäre betvährt hat. Seine Tätigkeit hat zu wiederholten energischen Remonstrierungen der französischen Delegierten Anlaß gegeben. Sie haben erklärt, daß Rakovszky u. a. bestrebt »var, den N a d o s s y vor der Verhaftung über die Grenze zu schmuggeln. Nach einer anderen Version soll dem Ravosiy nach dem Muster des österreichischen Spion- Redl ein Revolver übergeben worden sein. Nadossy, der wußte, daß er sich! auf die Brüder vom »MutAchdff jMast« Wn, zog O tM LMmrifc nur -'iiiMUMTtifWirTini'' -«ma'i