Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 8 (1926)
- Issue
- Heft 2468 (6.1.1926)
- Date
- 1926-01-06
- Page
- Seite 4 (sequence 4)
- Language
- German
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Gelle, Wen. MW-H si^sensv Mn^enenk^tn- 6. Männer ^kr. mS Las erftc Memeler Parzament. Ohne jüdische Vertretung. Kowno, 5. Jänner. Tie soeben abgeschlossenen Wahlen für die Memeler Nationalversammlung haben eine schwere Niederlage der litauischen Parteien gebracht. Don den abgegebenen 63.000 Stimmen entfielen auf die litauische Liste bloß 2600 Stimmen, während die deutsche Einheitsliste rund 59.000 Stimmen erhielt. D i e Juden hatten keine eigene Wahlliste ausgestellt, was sich nach Ansicht führender jüdischer Persönlichkeiten alS schwerer politischer Fehler erwiesen hat. Wohl haben die Juden den ihnen sowohl von den Litauern als auch den Deutschen angebotenen offiziellen Wahlpokt mit Zusicherung eines jüdischen Mandats mit der Begründung abgelehnt, daß sie sich in den nationalen Kampf zwischen Deutschen und Litauern offiziell nicht einmengen wollen. Trotzdem wird heute von litauischer Seite bereits gegen die Juden gehetzt, in. dem behauvtet wird, daß die Deutschen ohne Hilfe der jü. dischen Wähler den Sieg nicht hätten erringen können. Eine eigene jüdische Wahlliste hätte aller Wahrscheinlichkeit nach zumindest ein jüdisches Mandat gebracht. Die Sozialdemokraten hatten auf den sechsten Platz ihrer Liste einen Juden gesetzt, in der sicheren Annahme, daß sie zumindest sieben bis acht Mandate erzielen würden. Doch konnten sie erst nach schwerem Kampf fünf Mandate durchbringen, so daß im ersten Memeler Parlament kein einziger jüdischer Abgeordneter sitzt. Hirschker — ResleruvgrfowmWr ta der Pretburger ftaitqsgetneisfe. Prag, 5. Jänner. (Tel.-Komp.) Wie die Blätter auS Preßburg berichten, ist es dort in der heutigen Sitzung der israelitischen Kultusgemeinde neuerlich zu großen Skandalszenen gekommen, die sogar zu Tätlichkeiten führten. Rabbiner Hirschler, gegen den sich wegen angeblicher Mißbräuche bei de» letzten Wahlen in die Kultusgemeinde der Zorn der Opposition richtet, wurde gestern zum Regierungskommifsär in der israelitischen Kultusgemeinde von Preßburg ernannt und mit der Leitung der Genreinde betraut. Diese Tatsache gab den Anlaß zu den heutigen Tumultszenen. (Bei den letzten Wahlen verlor die Agudah die Mehrheit. Die Red.) Attentat ans den vciaischm ttnRMMer. Die Tat eines Geistesgestörten. Berlin, 5. Jänner. (Tel.-Komp.) Nach einem Kopenhagener Telegramm des „Berliner Tageblattes" wurde heute auf den dänischen Justizm'mister Steinck? ein Attentat verübt. Ein Mann drang in das Arbeitszimmer des Ministers ein und attackierte ihn mit einem schweren Knüppel. Det Minister setzte sich zur Wehr und blieb unverletzt. Es liegt kein Politisches Attentat vor. man nimmt vielmehr an, daß es sich um die Tat eines Geistesgestörten handelt.?er rumänische JNn&tfnj. Mailand, 4. Jänner. Die hüEsche junge Dame, mit her Prinz Karol in einem hiesigen Hotel wohnt, soll in der Tat Lupescu heißen und die Tochter eines jüdischen Kaufmannes in Jassy sein, die von ihrem Manne getrennt lebt. Anfänglich vermutete man, sie sei die erste Frau Karols, Cäcilie Lqmbrino, diese ist aber längst mit einem rumänischen Offizier verheiratet. Frau Lupescu. Mailand, 5. Jänner. (Tel.-Komp.) Exkronprinz Karol hält sich immer noch in Mailand auf. Er steht ganz unter dem Einfluß der Frau Lupeseu, die allein bei ihm frei ein- und ausgehen kann. Die beiden haben seit deni Bekanntwerden -des Thronverzichtes das Hotel n'cht mehr verlassen. Sie speisen in der Regel in den Gemächern des Prinzen. Wie sich immer deutlicher zeigt, 'beherrscht diese Frau das Löben des Kronprinzen schon seit einemJahre vollständig. In die Liebesaffäre Eingeweihte versichern, der Einfluß auf den Prinzen sei so unwidevstöhlich und ausschließlich, daß er ihm jeden anderen Gedanken raube. Dies falle um so mehr auf. als die Dame durchaus nicht etwa die berückende Schönheit sei, als die sie von Leuten beschrieben wird, die sie nicht genau kennen. Sie ist von kleiner Statur und angenehmem Aeußeren, fällt aber nur durch ihre raffinierte Eleganz aus. Ganz Bukarest wußte Übrigens von diesem Verhältnis, auch die Prinzessin, die durch ihre Milde ihrem (Hatten jedoch die dielen Fehltritte immer wieder verzieh. Keine politischen Gründe für den Thron- Verzicht. Mailand, 5. Jänner. (Tel.-Komp.) Der rumänische Exminister Pope Scu, der als Korrespondent einer Bukarester Zeitung in Mailand angekommen ist und mit dem früheren Kronprinzen Karol sprechen konnte, schließt politische Gründe für den Throdverzicht aus. Der Rücktritt Karols werde indessen nach der Meinung des Bericht« evstatters die Geschicke des Landes unvorteilhaft beeinflussen. Belgien Nlndlgt die latcinlfAt Mnran'nn. Basel, 5. Jänner. (Tel.«Komp.) Wie die ,ßSkHtx Nachrichten" melden, hat Belgien die lateinische Münzunion gekündigt. Abgeordneter Leon Aetch in W hi. Ein Gespräch mit dem Präsidenten des jüdischen Sejmkluüs. Ju Wien weilt seit gestern der Präsident des jüdischen ScjmklnbS in Polen, Dr. Leon Reich Er kehrte erst vor einigen Wochen ans Än.crifa. wo er au der Tagung der interparlar> entarischen Union teilgenonmreu hat, zurück. In den letzten Monaten stand Dr. Reich im Mittelpunkt der Verhandlungen deS jüdischen Klubs rrit der polnischen Regierung über die Regelung der polnisch-indischen Bczi-eHungen. Dr. Reich, der diese Verhandlungen eingeleitet hat, setzt heute diese n.it dem gegenwärtigen Kabinett so t nud hofft, dcß es ihm in der allernächsten Zeit gelingen wird, sichtbare Erfolge zu erzielen. Linern unserer Mitarbeiter gegenüber äußerte sich Tr. Reich über aktuelle Fragen des amerikani schen und polnischen Judentums. Auf die Frage, welchen Eindruck er vom jüdischen Leben in Amerika davongetragen Hab«, erklärte Abg. Reich, daß er über alles Erwarten feftstellen muß, daß in Ameri ka ein wirkliches aktives jüdisches Leben pulsiere. Nicht nur ans dem Gebiete der sozialen Fürsorgetätigkeit, sondern auch auf dem des Erziehungswesens, habe das amerikanische Judentum bedeutende Werte ge schaffen. Die starke jüdische Presse erfüllt die jü dische Oefsentlichkeit mit einem stets neuen Leben und weckt in ihr dasJnteresse für alleFragen des Judentums. Eine besonders große Rolle spiele im jüdischen Leben die Zionistische Organisation. In Europa vertrete man gewöhnlich den Standpunkt, daß die amerikanischen Zionisten einzig und allein über einen Geldsammelapparat verfügen. Nichts ist irriger als diese Ansicht; im Gegenteil: die amerikanischen Zionisten haben in den letzten Jahren viel zugelernt und sie zeigen ein starkes Verständnis für die geistigen Probleme des Judentums. Man könne ihnen kein größeres Unrecht antun, als wenn,man sie als ideenlose oder ideenarme Zionisten hinstellt. Die Vorträge, Diskussionen, denen Abg. Dr. Reich beizuwohnen Gelegenheit hatte, sind nicht nur von einem starken Verantwortungsgefühl getragen, sondern stehen immer auf einem hohen Niveau. Mit besonderem Eifer arbeitet die Zionistische Organisation auf dem Gebiete der Nationalisierung und Zionisierung der jüdischen Jugend. Wenn auch die hebräische Kulturbewegung heute viel zu schtvach ist, so kann man doch hoffen, daß in der allernächsten Zeit diejüdischeJugendAmerikas im zionistischen Lager stehen wird. Die jüdische Oefsentlichkeit Amerikas sieht die Gefahr einer anglisierten Assimilation kommen und bemüht sich daher, mit Volldampf das jüdische Erziehungswesen auszugestalten, hebräische Kulturinstitutionen zu schaffen, um die jüdische Jugend national zu erhalten. Auf die Frage, ob die Nachricht der amerikanischen' Presse, daß er mit Brandeis Verhandlungen angeknüpft habe, um ihn zum Wiedereintritt in die zionistische Weltorganisation zu veranlassen, auf Nichtigkeit beruhe, erklärte Dr. Reich, daß er aus eigener Initiative diesbezügliche Besprechungen mit Brandeis gepflogen hat. Er habe aber leider feststellen müssen, daß Brandeis gegenwärtig einer Betätigung in jüdischein Sinne fernstehe und keineswegs geneigt sei, in die Zionistische Organisation wieder einzutreten. Ueber den gegenwärtigen Stand der polnisch-jüdische» Beziehung«« sagte Dr. Reich: Die jüdische Presse habe in letzter Zeit mit großem Interesse die Verhandlungen, die er im Aufträge des jüdischen Klubs mit der polnischen Regierung geführt habe, verfolgt. Leider wurden diese Verhandlungen in vielfacher Hinsicht in unrichtigem Lichte dargestellt. Man habe ihm sogar den Vorwurf gemacht, daß er die Interessen des jüdischen Volkes verraten habe. Er stelle jedoch fest, daß die von einem Großteil der jüdischen Presse gemeldeten Nachrichten, als ob ein Ausgleich (ugoda) zwischen den Juden und Polen zustande gekommen sei, unrichtig sind. Er als Initiator dieser Verhandlungen habe nie an einen Ausgleich in diesem Sinne gedacht. Er vertrete nach wie vor den Standpunkt, daß di« jüdische Bevölkerung in Polen sich keineswegs den Luxus erlauben darf, eine permanente Opposition zu führen. Als Politiker ist er in den Sejm mit der Tendenz gekommen, eine aktive jüdische Politik zu führen, leider beruhte die Politik der Juden in den Parlamenten stets auf Passivität. Eine ähnliche Politik hat auch der jüdische Klub im gesetzgebenden Sejm geführt, allerdings in einem anderen Sinne, als sie früher beispielsweise von den HauSjuden im altösterreichischen Polenklub geführt wurde. Als Präsident deS jüdischen Klubs habe er in der jüdischen Politik eine positive Aktivität eingeleitet. Die von ihm mit der polnischen Regierung aufgenommenen Verhandlungen haben einzig und allein diesen Zweck verfolgt. Der jüdische Klub darf keine Opposition der Opposition zuliebe führen, sondern muß Wege und Mittel finden, wie man durch ein gegenseitiges Verstehen die Existenzmöglichkeiten der Juden verbessern kann. Das Resultat seiner Verhandlungen kann er keineswegs vorläufig att einen Ausgleich bezeichnen. Das, was er erzielt hat, ist nichts anderes alS die Spur eines Anfangs zu einem AuSgleich. Aufgabe des jüdischer Klubs ist es, diese Verhandlungen intim* weiter auszudehnen und erst auf Grund von zahlreichen Konzessionen seitens der Regierung wird sich die Möglichkeit ergeben können, mit der Zeit zu einem faktischen Ausgleich zu gelange»^ Aber schon heute muffe er feststellen, daß die Verhandlungen mit der Regierung, wenn auch wenige, so doch sichtbare und fühlbare Folgen gezeitigt haben. Man kann schon heute den Anfang einer geistigen Revolution innerhalb der polnischen Gesellschaft hinsichtlich der Betrachtung der Judenfrage feststellen, wobei nicht zu vergossen ist, unter welchen Schwierigkeiten die Regierung diese Verhandlungen ausgenommen hat, wo ja doch die ganze polnische Oefsentlichkeit von der antisemitischen Presse verhetzt war. Er persönlich, auch die Majorität des jüdischen Klubs, kann mit Befriedigung feststellen, daß die Verhandlungen auch praktische Erfolge gezeitigt haben. Abgesehen von der Aenderung der Betrachtungsweise der Judenfrage innerhalb der Negierung und Sejmkreise ist eine gewiffe Beruhigung innerhalb der Gesellschaft einge« treten. Er ist auch überzeugt, daß der Freispruch Steigers unter dem Eindrücke dieser Sttmmung erfolgt sei. Bor den Verhandlungen des jüdischen Klubs mit der Regierung hätten sich kaum acht Geschworene finden können, die den Mut gehabt hätten, trotz der Gerechtigkeit, dem Terror der Presse standzuhalten. Diese Tatsache ist nur dank dem Einflüsse der neuen Unrstimmung eingetreten. Es ist wahr, daß die polnische Regierung nicht alle Versprechen eingehakten hat, Sache des jüdischen Klubs wird es eben sein, die Einhaltung dieser Versprechungen durchzusetzen. So wird der jüdische Klub nach wie vor mit der stärksten Entschlossenheit für die Abschaffung des Numerus clausus eintreten, den er al § die größte Schande Polens betrachten muß. Sollte der Numerus clausus sortbestehen, so müßte er an der Zukunft Polens verzweifeln. Ein praktischer Erfolg der Verhandlungen ist die günstige Erledigung der Gemeindeorganisationen. Wie bekannt, hat die Regierung in den Ostgebieten, in denen schon seit einem Jahrhundert die Juden unorganisiert lebten, Gemeinden auf demokrattscher Grundlage eingeführt. Im ehemaligen Galizien werden die jetzt bestehenden Judengemeinden von demokratischen Gemeinden abgelöst. Mit der Zeit wird es sicherlich zu einer Zentralisierung der jüdischen Gemeinden in einen Gemeindebund kommen. Es erübrigt sich zu erwähnen, daß auf Grund» der Verhandlungen der Vollzug der bereits vom Sejm beschlossenen Verordnung über die Aufhebung der jüdischen Konzessionen zurückgehalten wurde, wodurch Tausende von jüdischen Existenzen gerettet wurden. Aber wenn auch all diese Konzessionen gemacht wurden, so müsse er feststellen, daß sich die jüdische Bevölkerung damit noch keineswegs begnügen könne. Er ist aber aus Grund der in den letzten Tagen geführten Verhandlungen mit dem Ministerpräsidenten Skrzhnski überzeugt, daß schon in der allernächsten Zeit eine Reihe von Versprechungen auf dein Gebiete des wirtschaftlichen und nationalkulturellen Lebens der Juden erfüllt werden. Skrzhnski habe das vollste Verständnis für die jüdischen Forderungen. Sollte er und sein Kabinett aber die Versprechungen nicht einhalten, so wird der jüdische Klub seine wohlwollende Neutralität der Regierung gegenüber aufgeben und in die schärfste Opposition treten. Er glaube nicht, daß es im Interesse des polnischen Staates liegen könne, den jüdischen Klub in die Opposition zu bringen. Er hoffe, daß di« polnischen Staatsmänner so viel Räson aufbringen werden, um den jüdischen Klub nicht dazu zu zwingen. Auf die Frage unseres Mitarbeiters, wozu denn eigentlich Ausgleichsverhandlungen eingeleitet wurden, wenn ja die Gleichberechtigung und der nationale Schutz in der ivlnischen Verfassung sowie im Minderheitsvertrage geichert ist, antwortete Dr. Reich, daß diese Verhandlungen nichts anderes bezwecken, als die breiteste Interpretation und Realisierung der polnischen Verfassung und des Minderheitsvertrages. Wird eS dem jüdischen Klub gelingen, die Verhandlungen weiter auszubauen und günstige Erfolge zu erzielen, so wird die jüdische nationale Autonomie icherlich mit der Zeit voll und ganz erwirkt werden. Me irdische Oefsentlichkeit darf aber nicht vergessen, daß solche rolitische Konzessionen nicht allein auf dem Wege der Opposition, sondern aus dem Wege der positiven Politik erreicht werden können. Durch die Tatsache, daß die Regierung während der Verhandlungen die Forderungen des jüdischen Klubs als berechtigt anerkannte, Hab« sie die Gültigkeit des Minderheilsvertrages, den ja die ganze lolnische Oefsentlichkeit seit Jahren als ein oktroierteS nternationaleS Dokument bezeichnet, voll und ganz anerkannt. Sodann erklärte Dr. Reich, daß die gegenwärtige wirtschaftliche Lage »er Judenheit in Polen äußerst traurig sei. Der jüdische Klub wird dafür sorgen, daß die polnische Regierung im Falle der Erlangung derauSländischenAnleihe >ie Juden gleich den übrigen Bewohnern behandeln solle. Die Juden sind überzeugt, daß die amerikanischen Brüder nach dem Joint-Drive größere Kapitalien der polnischen Judenheit znr Verfügung stellen werden. Während seiner Anwesenheit in Amerika gab ihm auch Marshall eine diesbezügliche Versicherung.