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Wiener Morgenzeitung · 1926-01-06 · Heft 2468 (6.1.1926) · p. Seite 3

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Journal
Wiener Morgenzeitung
Volume
8 (1926)
Issue
Heft 2468 (6.1.1926)
Date
1926-01-06
Page
Seite 3 (sequence 3)
Language
German
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Nr. 2468 Wen, Mittwoch Wiener Morgenzettuns 6. Jänner 1W6 ä|; Das Slaubensmartyrium. Der neue Roma« der „Wiener Morgenzeitung". Ais EINREIBUNGSMITTEL der echte LÖWEN FRANZBRANNTWEIN mit Menthol von unübertroffener Wirkung. Er lindert alle Schmerlen rasch und sicher. Machen Sie einen Versuch u. urteilen Sie selbst. Achten Sie auf die Schutzmarkei in Originalflaschen überall erhältlich Alexander Kalmar, Wien,II. Nordbahnhof Schutzmarke Gesetzt, gesch. Erzeugen hiebei von allen politischen -Faktoren unterstützt werde, dann werde der üble Eindruck, der im vlusland selb st v e r st ä n -d l i ch ent st e h c u mußt e, in kurzer Zeit verschwinden. Wie „Magyarorfzag" meldet, erschieuen heute mittags der Oberbeamte der Bank von Frankreich Emery in Begleitung eines französischen Pvlizeibeamten beim Oberistadthauptmann Mari uovich, mit dem er längere Zeit konferierte. Nach den Informationen des Blattes hätten die französischen Herren Oberstadthauptmann n e u e Daten mitgeteilt, die yretgnet seien, gegen weitet-e Personen de ein st e n Verdacht zu erheben^ an der H erstell u u g der F r a n k e n n o t e u-- Fälschungen teilgenommen zu haben. Der Prinz im Gefängnis. Budapest, 5. Jänner. (Tel.-Komp.) In seiner Gefängniszelle hat Prinz Ludwig Windischgrätz den ersten Lag in begreislicher Unruhe verbracht. Ms er die im zweiten Stockwerk gelegene Zelle Nr. 26 'bezog, 'war er leichenblaß und in niedergeschlagener Stimmung. Der Gefängniswärter, der von Zeit zu Zeit durch -das Guckloch in die Zelle zu blicken hat, sah ihn auch noch nach einer Stunde nachdenklich gebeugten Hauptes in der Mitte des engen Raumes stehen und vor sich hinbrüten. Um 5 Uhr nachmittags brachte ein Kammerdiener in einem Eßkorb und in Thermosflaschen das Essen des Prinzen ins Gesängnis. Prinz Windischgrätz verzehrte nur einen kleinen Teil der Speisen. Trotzdem drückte er den Wunsch aus, sich auch weiterhin selbst ver'Wstigen zu können, was Untersuchungssträflingen gestattet ist. Mittlerweile war es Abend geworden und der Prinz wurde immer noch nicht müde, in seiner. Zelle aus und ab zu gehen. Da er aber um 9 Uhr ebenso wie die übrigen Häftlinge das Bett aufsuchen rnuß, machte ihn der Gefängniswärter darauf aufmerksam und der Prinz gehorchte sofort. Heute früh erhielt er die Erlaubnis, eine Stunde im Hose spazieren zu gehen. Die Hände aus dem Rücken, den Kops vornübergebeugt, schleuderte er langsam vor sich hin, ohne sich umzuschauen. Nach einer Stunde ließ er sich in die Zelle zurückführen. Ueber das Verhör, dem Prinz Windischgrätz heute von dem Oberstaatsanwalt unterzogen wurde, wird in amtlichen Kreisen strengstes Stillschweigen bewahrt. Das Verhör dauerte zwei Stunden. Radoffv. der Antisemit. Wie sehr viele andere antisemitische Häuptlinge X>at auch der a.s einer der Hauptschuldigen in der ungarischen Frankeufälscheras-färe entlarvte Landespolizeichef Emmerich Nadossy seine Karriere einem Juden zu danken. Wie bereits kurz gemeldet, wurde Nadossy vom seinerzeitigen jüdischen iJustizminister Wilhelm Bazsonyi zum Präsidialisten des Justizministeriums ernannt. Er war die Bertiauensperson des Juden Vazsonyi, nicht nur im Ministerium, sondern auch in den Privatangelegenheilen des Ministers. Diese Stellung -hat den magyarischen Gentleman nicht gehindert, auch in amtlicher Stellung seine antisemitische Ueberzeuguug zu betonen und in seinen offiziellen Handlungen fühlen zu lassen. Bekannt ist, daß er zur Zeit der autisemitischen Ausschreitungen .und des nächtlichen Legitimierungsunfugs die ihm unterstellte Polizemrarruschast mit den Worten: Mir werden diesen H a n -voll I n d -e u ü a n k e r t s mit gelocktem 'Haar schon unsere Macht -zeigen" geradezu zu Gewalttätigkeiten und Scharfmacherei aufmunterte. Dieser Ausspruch wurde seinerzeit im Parlament zur Sprache gebracht und Nadossy redete sich damals darauf aus, daß er damit die Komm»niste» gemeint habe. Alle Bemühungen der Opposition, den Landespolizeichef voll seiner diktatorischen Machtstelle zu entfernen, blieben erfolglos, denn seine festeste Stutze war der Reichsv e r w e s e r H o r th y selbst, dtadossy war auch derjenige, der die Massen i uternierung mißliebiger Menschen und hauptsächlich voll Judeil gefordert und auch durchgesetzt hat. Die unmenschliche Ausweisung s, aktion erfolgte nach seinen Direktiven und er ist auch der Verfasser jenes Geheimerlasses, in welchen! die strenge Handhabung der Allsweisungsverordnung gegenüber In unserer heutigen Nummer beginnen wir mit dem Abdruck eines der wertvollsten Werke des großen jüdischen Schriftstellers und Dichters Schalom Asch. Wir haben seinen neuestell Roman „Ein Glaubensmartyrium" erworben, m welchem der Dichter die Zeiten der Ehmelnieki-Kämpfe llns vor Augen führt. Der D r e i ß i g j ä h r i g -c Krieg Ijotte in Mitteleuropa >da's jüdische Leben saist vernichtet. Im Osten schlossen sich -unmittelbar an ihn die Aufstände der ukrainischen Kosaken gegen das polnische Wahlkönigrelch. Diese Kampfe trafen mit vollster Wucht 'das Judentum, das den Namen Chmelnickis, des blutigen Kosa-kenhetmans, nie rnehr aus seinem Gedächtnis bannen konnte. In diese Stürme versetzt Schalom Asch den Leser. An dem Schicksal einer chasfidischen Familie zeigt er Jude n unter Androhung von Disziplinarstrafen gefordert wurde. Nebenbei bemerkt, war er es auch, der seinerzeit Siegnrund B r e i t b a r t, für den sich liicht nur die Ärtlsteuvereinigung, sondern auch Politisch hochstehende Persönlichkeiten verwendet hatten, die Einreisebewilligung verweigerte, weil er „polnischer Jude" war. Zur Zeit des Karl-Puts ch e s befand sich sein alter Protektor und Gönner Wilhelm Vazsony'v in Budapest. Ohlre daß hiezu Grund Vorgelegen wäre, ließ Nadossy Dr. Bazsonyi Tag und Nacht in seiner Wohnung durch Detektivs bewachen und' verbot — wie er damals sagte — dem jüdischen L eg iti miste n das Verlassen seiner Wohnung. Dieser Roheilsakt wurde damals selbst von reaktionären Politikern verurteilt. Legitimisten und Frredentiften I« Lefterreich. Wie die Korrespondenz Herwei aus informierten' österreichischen Kreisen erfährt, hat die Angelegenheit der Banknotenfälschung in Budapest einen rein politischen Hinterg r u n d. Es ist sicher, daß Prinz W i n d i s ch g r ä tz der Exponent jener legitimistischen Gruppe Ungarns ist, die sich um den Grafen Andrassy gruppiert und die das Ziel verfolgt, die österreichischungarische Monarchie in einer neuen Form erstehen zu lassen. Da dieser Gruppe dieses Endziel nur dann erreichbar erscheint, wenn die Slowaken von den Tschechen und die Kroaten von den Serben getrennt werden, war diese Gruppe stets darauf bedacht, für die Durchsetzung irred entistischer Bestrebungen große Geldsummen aufzubringen. Aus diesem Gedanken heraus wurde seinerzeit die Fälschung von Tschechenkrönen ebenso versucht wie jetzt dieFälschungvonfranzö fischen Frankennoten. Die Aktivität der um den Prinzen Windischgrätz tätigen legitimistischen Elemente wurde gerade in der letzten Zeit deshalb besonders rege, weil sie annahmen, es könnte Erzherzog Albrecht zmn nationalen ungarischen König ausgerusen werden, was die Durchsetzung ihrer donauföderalistischen Pläne unter dem Habsburger Otto u n m ö g l i ch machen würde. Sicher ist aber auch, daß sich an dem Unternehmen des Prinzen Windischgrätz auch nichtlegitimistische Kreise beteiligten, da sie die Unterstützung der irredentistischen Bewegung aus den Gebieten des ehemaligen Ungarns auch für ihre politischen Ziele als notwendig erachteten. Daß das politische Motiv nicht bei allen Beteiligten das allein ausschlaggebende war, ist ebenso sicher. Ob die extrem legitimistische Gruppe um Windischgrätz auch den Plan hatte, mit den befreundeten donausöderalistischen Legitimisten Oesterreichs gemeinsame A k ti o n e n durchzuführen, ist eine offene Frage. Jedenfalls bestehen zwischen dem Prinzen Windischgrätz und hocharistokratischen Kreisen Oesterreichs enge politische Beziehungen und es ist eingeweihten Persönlichkeiten gut bekannt, daß Prinz Windischgrätz des öfteren nach Wien gekommen ist und hier an Beratungen teilnahm. Wenn Graf A p p o n y i als Legitimist gegen diese Fälscheraffäre in schärfster Weise Stellung nimmt, so hat dies seinen Grund auch darin, daß er und seine Anhänger die donauföderalistische Politik der Gruppe Andrassy, Gratz, Csekonitz, Sigray und Windischgrätz eben bekämpfen. Ae Nnarsiilscher — Komplicen der Frankenfülscher. Belgrad, 5. Jänner. (Tel.-Komp.) Die polizeiliche Untersuchung in der Angelegenheit der Dinarfälschungen hat zu dem überraschenden Ergebnis geführt, baß die Dinarfäl- .scher in engem Zusammenhang mit den ungarische n Frankenfälschern gearbeitet haben. Nähere Einzelheiten hat die Polizei bisher nicht bekanntgegeben. Wie die magyarische Justiz gegen eine« 8«de« vorgeht. Wir berichteten seinerzeit ausführlich über die GeBfälscheraffäre der Brüder Friedrich und Chaim Friedlände r, Söhne des in großen: Ansehen stehenden Rabbiners von Olaszliszka Samuel Friedländer. Unter großem Aussehen und der Empörung der gesamten jüdischen und christlichen Bevölkerung der ganzelt Gegend wurde damals der greise Rabbiner von den antisemitischen Behörden verhaftet und gefesselt nach Debreezin gebracht. Obgleich Rabbiner Friedas Geschick der Gesamtheit. Bor den Horden ander Steppe ist alles Jüdische gleich; Mann und Frau und Kind, der Reiche und der Arme. Ueber alle stampft der Pogrom, im Feuerbrand der geplünderten Indenfiedlungen verlodert das Me Glück der Familie und aller, die aus dem gleichen Stamm kommen. Das Bild der Idylle wird mit einem Male zn einem grandiosen Gemälde von historischer Größe. Dieser Roman spielt in Zeiten, -die wir vergangen glaubten. Aber was noch vor wenigen Jahren in 'der Ukraine sich zugetragen 'hat, zeigt uns, daß Vas, was der Dichter rückschauend schreibt, urplötzlich zu wildester Aktualität sich wandeln konnte. In diesem Sinne ist der Roman wehr als eine Erzählung, er ist ein Stück wahrster Mischer Geschichte. Wir glauben, mit der Veröffentlichung des Romans „Ein Glaubensmavtyrium" unseren Lesern eine Gabe von hohem Wert zu bieten. länder sofort einwandfrei Nachweisen konnte, -daß er von den Geschäften seiner Söhne keine Kenntnis hatte, wurde er längere Zeit in Untersuchungshaft gehalten. Die gesamte antisemitische Presse behandelte den Fall in der gehäßigsten Weise, indem sie behauptete, daß -die Wohnung des Wun-derrabbis von Olaszliszka eine geheime Banknotensälscherwerkstatt sei, aus welcher die Jüden unter religiösen Handlungen die gefälschten Banknoten in alle Welt 'hinaustragen. Wie uns nun aus Debreezin berichtet wird, hat die Staatsanwaltschaft die Anklageschrift in dieser Angelegenheit bereits fertiggestellt und den Parteien zustelleu lassen. Die Staatsanwaltschaft 'hat jedoch keinen Anlaß gesunden, gegen den Rabbiner Samuel F r i e d l ä n d c t die Anklage zu erheben, und hat die Untersuchung gegen diesen en-dgültig eingestellt. Die Verteidiger der beiden Beschuldigten haben gegen die Anklage berufen; die Hauptverihandlung wird anfangs Februar in Debreezin stattfinden. tu töMsche Großrabbmat. Konstantinopel, 4. Jänner. (I. T. A.) Die Frage der Wiedererrichtung des Gvoßralbbinats in der Türkei ist fetzt wieder aktuell geworden. Der Großrabbiner erließ ein offizielles Communique, in welchem gemäß dem Beschluß des Generalrate's der jüdischen Gemei-n-den die Wahl einer Kommission empfohlen wird, die die Beziehungen mit der Regierung zu regeln und die Reorganisierung der jüdischen Gemeinschast in der Türkei auf Grund des Gesetzes über Trennung von Kirche und Staat zu -betreiben haben wird. Demgemäß fand in diesen Tagen wieder eine Sitzung des Generalrates statt, an der 98 Gemeindevertroter teilnahmen. Es wurde eine dr-eizehngliedrige Kommission gewählt, der die folgenden Herren angehören: Samuel Amar, Jacques Bei Nahmias, Josep Niego, Schekib Adouth, Morse Behar Paraly, Marko Nahum» Dr. Ehaim Elnecave, Henry Soriano, Gad Franco, Simeon Levy, Jules de M-edina, Ernest Hofs-er und Bitali Ojalvo. Diese Kommission wird zusammen mit dem neuen Rat des -GroßvaMnats einen Plan für eine Reform des Großrabbinats ausarbeiten. Inzwischen wird eine füN'Wsdrige Su-bkommifston die Aitgekegenheiten des Großrabbinats führen. Auch wird ein« n-eue Konstitution für die jüdische Gemeinschaft in der Türkei ausgearbeitet werden. Mit der Regierung werden unverzüglich die BerhaMungen wegen der Ratifizierung des.neuen Groß- -rabbinats begonnen werden; man hofft auf eine befriedigende Erledigung. »I« tüMch-schwelzerlscher FreuMchaft,. vertrag. Bem, 5. Jänner. (Schweiz. Dep.-Ag.) Zwischen der S ch w e i z und der T ü r k e i wurde ein Freundschaftsvertragj unterzeichnet, der unter anderem vorsieht, daß die vertragschließenden Parteien die Handels- und Konsularbeziehungen sowie die Niederlassungs- und AufenthaltSbestimmungen der beiderseitigen Staatsangehörigen unter sich auf der Grundlage vollkommener Gegenseitigkeit regeln -werden.^ Die Dauer des Vertrages ist unbeftistet. »algarlr« und die AM. Sofia, 6. Jänner. (Bulg. Del.^Ag.) Entgegen!der in gewissen Presseorganen. vorbereiteten Meldung, wonach die türkische Regierung Bulgarien ein Bündnis angoboten und die bulgarische Regierung diesen Vorschlag abgelehnt -habe, wird erklärt, daß der bulgarischen Regierung kein derartiges Angebot zugegangen fei und sie daher keine Gelegenheit gehabt habe, es abzulehnen. Konfmnr der iadanlschrn »alkanvtttreter. Tokio, 5. iJäuuer. (Tel.-Komp.) Da der japanische Handel mit den Balkanländern in letzter Zeit bedeutend zugenommen hat, sind sämtliche japanische Botschafter und Konsuln in den Balkawslaaten Kusammengerufen worden, um eine bestimmte Politik zur Befestigung der Beziehungen zwischen Japan und den BaAanstaaten sestzulegen.

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