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Wiener Morgenzeitung · 1926-01-06 · Heft 2468 (6.1.1926) · p. Seite 2

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Journal
Wiener Morgenzeitung
Volume
8 (1926)
Issue
Heft 2468 (6.1.1926)
Date
1926-01-06
Page
Seite 2 (sequence 2)
Language
German
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WsiMkk MSkKMMküVK y. pitin^ DR. Der Wmdischgratz-Skanlial. Reue Budapester Sensationen. — zwölf Abarord«ete verhört. — Virrrig Verso««« kompromittiert. — Var Verhör mit dem Prime«, (Tlgendlenst der „Wiener Morgenzettung-.) SkM r WM. Mnkwdch Bethlens Rettungsversuche. -v.ffiie u. 6. Jünner In Budapest beginnt man sich nach der gestrigen Panik wieder zu bej nuten. Die rlngarischen Politaer sind sehr schlau. Der Fuchs, der in die Falle geraten ist, beißt sich selbst den Fuß ab und hinkt davon, um ttur das Leven zu retten. Gras Bethlen läßt den Prinzen Windischgrätz nicht nur eiusperren, er gibt auch die Parolen für die weitere Behandlung der Angelegenheit aus. Noch vorgestern hatte das Polizeicommunique mitgeteilt, der Prinz habe — natürlich — aus höheren patriotischen Motiven gehandelt. Seit gestern weht ein anderer Wind. Der Brandherd wird lokalisiert lind was gerade drinnen ist, soll verbrennen. Damit es nicht allzuviel ausplaudert. Und so enthalten die Budapester Blätter und ihre Ableger in Wien erbauliche Schilderungen von dem Treiben der Verhafteten. Prinz Windischgrätz insbesondere bekommt es zu spüren, daß er der abgebissene Fuß ist. Er war früher ein großer Mann: Freund des Kaiser Karl, reaktionärer Grandseigneur, ein Mann von bewegter, aber adeliger Vergangenheit. Er hat sich im russisch-japanischen Krieg in Sibirien herumgeschlagen, jagte Löwen in Afrika, zog mit der Tigerbrigade wider die Rumänen uub war, lvenn er sonst Zeit fand, mit Gesetzgebung beschäftigt. Nach dem Kriege Rassenschützler oder Legitimist oder beides. Aber immer nobel im Handwerk. Er ist verhaftet, der Skandal nimmt riesenhafte Formen an. Der Fuß wird geopfert. Prinz Windischgrätz ist plötzlich ein Lotterknabe, Glücksritter, Kartenspieler, Schürzenjäger, ein durchaus haltloses Individuum; er hat die Geldfälschung organisiert. Von den patriotischen Motiven ist keine Rede mehr. Und mit ihm sinken Nadossy und alle andern in den Strudel. Sie sind erwischt und so mögen sie in dem Meer der Budapester Moralempörung zugrundegehen. Wenn nur das System sich retten kann und wenn es nur möglich ist, der leidigen Affäre.den politischen Beigeschmack zu nehmen. Die Gründe, die dieses Streben erklären, liegen ja klar zutage und es ist nur die Frage, ob dem Grafen Bethlen dies wird gelingen .können. Seiner Oeffentlichkeit scheint er bereits sicher zu sein. Einer oppositionellen Abordnung hat er einen vertraulichen Bericht über — die Wasserkatastrophe an der rumänisch-ungarischen Grenze vorgelegt; ob von der Frankenkatastrophe die Rede war, wirA nicht mit-' 'geteilt. Aber der Beschluß ist bekannt geworden, daß die Nationalversammlung keine außerordentliche Session abhalten wird. Die Kritik von dieser Seite ist für den Augenblick ausgeschaltet. Jedes andere Peinliche Gerede ist auf die Verhafteten abgelenkt. Die Politischen Beziehungen zwischen diesen Und den übrigen Regierenden werden vorläufig nicht geprüft. Daß der Nadossy als Landespolizeichef im Ministerium des Aeußern so einfach die Versiegelung des Koffers Jankovics anordnen konnte, fällt nicht weiter aüf. Wie denn auch, wo doch die Behörde, die sonst jeden des Kommunismus verdächtigen als einen Aufwiegler dingfest macht und dies als Weltrettung ausposaunt, acht Tage lang alle Spuren verwischt hat, die zur Aufhellung des Tatbestandes in der Geldfälschung hätten führen müssen. Diese Behörde hat doch nach der Haager Verhaftung alles Ernstes erklärt, sie könne beweisen, daß diese Drei gestohlene Pässe hätten und daß sie mit den Namensträgern gar nicht identisch seien. Graf Bethlen, der doch von allem Anfang an unterrichtet wurde, hat dies alles geduldet. Er will auch jetzt alle Spuren verwischen, die zu der vollen Wahrheit führen, zu der schon bekannten Wahrheit, daß mit dem gefälschten Geld die Politik , des Kurses, die offizielle weniger als die inoffizielle, hätte finanziert werden sollen. Es ist natürlich nicht so, daß Graf Bethlen mit allen diesen Plänen einverstanden war. Er hat jd die Sache der Revanche an Trianon der Evolution anvertraut, aber wenn dieser Evolution auf mehr minder gewaltsame Weise nachgeholfen wird, dann akzeptiert er eben das Resultat. Dieses bewußte Gewährenlassen der „Unverantwortlichen" hat die Lage von heute geschaffen. Wenn der Mord und die Ausplünderung der Juden straflos bleiben konnte und sogar durch Amnestie gedeckt wurde, so konnten sich die Windischgrätz und Genossen auch über die Blutgrenze hinaus wagen' und den Kampf gegen das Gesetz auf das Gebiet der internationalen Wirtschaft tragen, um von hier aus das ihre zur Evolution zu tun. Diese Moralkrankheit saß im Kabinett selbst. Der Graf Klebelsberg, der den Völkerbund anlügt, dann in die Enge getrieben mit eingezogenem Daumen Besserung verspricht und im Parlament alles ableugnet und die Juden drohend warnt, der dann in einem Artikel die Diktatur preist und den Parlamentarismus mit seinem billigen Hohn überschüttet, dieser gräfliche Minister ist in seinem Tun und Wirken doch eine lebendige Ermunterung für die Geldfälscher. Die christlichnationalen Kursisten mögen alle Kniffe ihres erprobten Raffinements spielen lassen. , um die unter dem Zwang Frankreichs ergriffenen Lumpen von sich abzuschütteln und die Sache aus das kriminelle Gebiet zu schieben. Es nützt ihnen nichts. Denr antisemitischen Staatsprinzip ist von der Polizeifaust die Maske heruntergerissen worden. Die Gemeinheit der Kanaille ist enthüllt und es zeigt sich, welche Schande der Versuch der Budapester Assimilanten war, mit dem System der Lüge ein Kompromiß einzugehen. Budapest, 5. Jänner. Nach den aufregenden Ereignissen des gchric.eu Tages ist heute auf der Oberstadthcnrptnrannschaft Beruhigung eingetrrten. Es werden weiter zihlreiche Personen verhört, die in irgend einer Weise mit den intellektuellen Nrhebern der Frankenfälschnngsaffäre in Berührung gekommen waren oder mit der einen oder anderen der kompromittierten Persönlichkeiten in Verbindung standen. So wurde gestern nachts der Student der Technik Eugen v. Olchvary in Gewahrsam genommen, dessen Bruder, der gewesene Fliegeroberleutnant Edmund v. Olchvary, in Hamburg bei der Ausgabe gefälschter französischer Banknoten verhaftet worden ist. Bei dem Verhafteten hatte die .Hamburger Polizei Korvespon- Drnzen vorgesun'de», aus denen hervorgeht, daß er mit Budapest in Verbindung stand. Die Polizei nahm in der Wohnung des Bruders des Verhafteten, Eugen Olchvary, eine Hausdurchsuchung vor und fand 'das Konzept eines Telegrammes, welches Engen Olchvary an seinen Bruder Edmund nach Hamburg gesandt hatte und welches eine Warnung vor weiteren Geschäften enthielt. Auf Grund dieses Beweismatcrials wurde Eugen Olchvary verhaftet und der Staatsanwaltschaft eingeliefevt. Heute vormittags wurde auch der Rechtsrigorosant Stephan Winkler verhaftet» auf den sich der Verdacht der Mithilfe in der Franke nfälschungeaMre gerichtet hatte, weil er in einem Budapester Geschäft einen Koffer mit Doppelboden gekauft hatte. Die Polizei hat auf dieser Spur die Untersuch uiig gegen ihn weitergeführt und anläßlich einer bei ihm vorgenommenen Hausdurchsuchung den Koffer sowie einen Brief des Sekretärs des Prinzen W i n d i s ch g r ä tz, Raba,.. vorgefnnden, worin, er ihn davor warnt, weitere Schritte zu unternehmen. Wie verlautet, hat die Staatsanwaltschaft den Antrag gestellt, über Kaspar Kovacs und Destder Raba die Präventiv hast zu verhängen und gegen beide die strafgerichtliche Untersuchung wegen des Verbrechens der Verbreitung falschen Geldes emzulellen. Bezüglich des Prinzen Windischgrätz werde die Anklagebehörde ihren Antrag erst später formulieren. Wie die Blätter melden, hat die Polizei auch zwölf Abgeordnete einem Verhör unterzogen. Diese Einvernahmen seien jedoch, um Aufsehen zu 'vermeiden, in den W o h n n n g e n der Betreffenden erfolgt. Unter den im Laufe der Untersuchung bei >der kar t>o« graphischen A n st a l t Verhafteten befindet sich, wie die Blätter erfahren, der Leiter der zinkographischen An st alt Gero. Wie weiter verlautet, hat die Polizei bei der Wiener Polizeibehörde angesucht, daß auch in der Wiener Wohnung des Prinzen Windischgrätz eine Hausdurchsuchung borgenomlnerr werde; ii>ci£ der Verdacht bestehe, daß sich auch dort FrankenMifikate befinden. Das Verhör mit Windischgrätz. Heute mittags begann in einem Zimmer des Oberstaatsanwaltes Sztra che das Verhör mit dem Prinzen Windischgrätz. Ter Verteidiger des Prinzen, Daner, versuchte wiederholt, in das Zimmer des Staatsanwaltes Einlaß 31t gewinnen, wurde aber jedesmal abgewiesen. . Im Laufe des Verhörs richtete der Oberstaatsantvalt an Windischgrätz die Fragen, wer feine Komplicen gewesen seien, zu welchem Zwecke er die Fälschungen begangen, wo und in welcher Druckerei die falschen Banknoten hergestettt worden seien, von wo das Papier für die Noten beschafft, wo mit der Verwertung der bereits fertiggestellien Fälschungen begonnen worden sei uno ob die gegenwärtige Strafangelegenheit mit anderen zurückliegenden Fälschungen im Zusammenhänge stehe. Prinz Windischgrätz wurde nach seinem Verhör in seine Zelle zurückgobracht. „Magyarorszag" zufolge hatte Windischgrätz ein volles Geständnis abgelegt. Nach dem Verhör, welches über eine Stunde dauerte, begab sich der Oberstaatsanwalt ins Justizministerium, um sich Weisungen bezüglich einer allfälligen Veröffentlichung über das Verhör zu erbitten. Die weitere Untersuchung ln der Frankenfälschungsangelegenheit wird gänzlich in die Hände der Oberstaatsanwaltschaft gelegt und der Oberstadthauptmannschaft entzogen. Damit soll vermieden werden, daß Polizeifunktionäre in die Zwangslage kommen, gegen ihren ehemaligen obersten Chef, den Oberlandeshauptmann Nadossy, auszusagen. Das Disziplinarverfahren gegen Nadossy wird von zwei Staatssekretären des Ministeriums des Innern durchgeführt. ' Zur Untersuchung der Angelegenheit der in Haft befindlichen Kaspar Kovacs und Desider Raba wurde Untersuchungsrichter Lengyel bestellt, der heute vormittags mit der ausführlichen Einvernahme der beiden Beschuldigten begonnen hat. Obwohl der im staatlichen kartographischen Institut vorgenommene Loialaugen schein ergebnislos endete, hat die Polizei heute eine neuerliche Untersuchung in der Druckerei verfügt sowie mehrere * Beamten der Druckerei einvernommen. Ohne stttttches Gleichgewicht. Budapest, 5. Jänner. Vom Prinzen Windischgrätz, detz nach den bisherigen Erhebungen als Haupt der Frankel falscher gilt, wurde festgestellt, daß er in der jüngsten Zeit sein Riesenvermögen fast vollkommen durchgebracht hat. Seine Fi de ikommiß besitzt! nge» hat er s 0 st a r k b e l a st e t, daß er neuerliche Anleihen aufzunehmen nicht imstande war. Jener Teil seines Ver^ -mögenaber, über den er frei verfügen durste, ist gänzlich aufgegangen. Der Prinz, der anscheinend niemals über einen festen moralischen Halt verfügte — es sei. bloß an das große Kartoffelpanama erinnert, das im letzten Kriegsjahre diel Staub answirbelte und nur infolge des Umsturzes der Vergessenheit anheimfiel —, durfte infolge feines materiellen Niederganges sein sittliches Gleichgewicht vollkommen verloren haben. Prinz Windischgrätz, der im allgemeinen als ein steinreicher Mann gegolten hatte, mußte sich infolge seiner Lebensweise und seiner kostspieligen Passionen in Unternehmungen Anlassen, die nicht nur viel Geld verschlagen, sondern auch den Kredit des Prinzen in ernsten Geschäftskreisen stark untergruben. Eines seiner Geschäfte mar erne grcßangelegte Kohlenlieserung für die Budapester G a s w e r ke, die ihm eine Zeitlang gr0ße Einnah m e n sicherte, doch mußte das Geschäft, da es sich für die Stadt Budapest sehr nachteilig erwies, st 0 r n i e r t werden. Der Prinz war überdies der S p i e lleidenschaft ergeben und soll in den letzten Jahren in Budapester und Wiener Klubs Unsummen verloren haben. Interessante Zeugenaussagen. Heute erfolgten vor der Polizei zwei interessante Aussagen, die im Zusammenhang mit der Person des Prinzen Ludwig Windischgrätz stehen. Der Chauffeur des Prinzen, Stephan Trojak, wurde darüber befragt, ob er den Prinzen nicht zu ungewohnter Zeit auffallende Wege zu führen gehabt habe. Trojak gab an, daß er Windischgrätz und dessen Sekretär öfters nach Ofen führen und dort in einer unbelebten Straße halt machen mußte, wo der Prinz und sein Begleiter rasch in einer Nebengasse verschwunden und erst nach Ablauf einer halben bis eineinhalb Stunden zurückgekehrt seien. i Ein anderer wichtiger Zeuge ist der Journalist Ferdinand Radvanyi, der Stenograph des Grafen A l b e r t A p p 0 n y i. Er gab an, Prinz Windischgrätz habet ihn ersucht, .ihm in Wien eine größere Anleihe zu erwirken; Er habe diesbezügliche Informationen eingeholh und fei nach Wien gereist, um das Geschäft abzuschließen. Der Prinz habe ihm spater sagen lassen, daß er auf eine Anleihe nicht mehr reflektiere, da er sich auf andere Weise Geld verschafft habe. Die Polizei schließt aus dieser Aussage, daß der Prinz zu dieser Zeit einen Bericht darüber erhalten haben dürfte, daß die Placierung der gefälschten Banknoten anstandslos begonnen habe. Disziplirmrrrntrrsuchurrg gegen Nadossy. Gegen den Landespolizeichef Nadossy wurde ein Disziplinarverfahren eingeleitet, das so rasch als möglich durchgeführt werden soll. Bon dem Ergebnis dieser Unter« suchung wird eS abhängen, ob Nadossy verhaftet werden wird. Ueber die Rolle, die der LandeSPolizeichef in dev Fälschungsaffäre ^spielt hat, erklärte der Ministerpräsident Graf Bethlenin der gestrigen Parteikonferenz folgendes: Der Landespolizeichef hat vom Gesichtspunkte des Dienstes eine Inkorrektheit begangen, als er die Erhebungen in entgegengesetzte Richtung leitete, als er dies auf Grund meiner Weisungen hätte tun sollen. Ich habe sofort feine Suspendierung verfügt und die Disziplinaruntersuchung gegen ihn einleiten lassen. (Inzwischen ist Nadossy, wse wir an anderer Stelle berichten, verhaftet worden) Vierzig Personen kompvomKtttevt. ,Mti Kurier" erfahre, die Zahl der kompromittierten Personen, die sich zum Teil in hohen sozialen Stellungen befinden, betrag« vierzig. Einem Be, richtevstatter des genannten Blattes erklärte E me r y, er habe der Budapester Polizei das Versprechen gegben, sich der Oeffentlichkeit gegenüber über den Verlauf der Recherchen nicht zu äußern. Er könne bloß sagen, daß die Nachforschungen nochlangeZeit dauern tverden und 'daß noch große Ueherraschungen zu erwarten seien. Mne Aeuftermng WpponytS. Graf Albert Apponyi äußert sich im ,Oester Lloyd" über die Beziehungen des Prinzen Wndischgttrtz -um LegitimismuS. Der Prinz, erklärt Graf Apponyi, halbe seit längerer Zeit überhaupt nicht an legitimiftischenBeratungen undAktionen teilgenommeu. In neuester Zeit habe er ganz andere Verbindungen angeknüpft. Die ganze Angelegenheit könne in keiner Weise mit dem LegitimlSnm'S in Zusammenhang gebracht loer« den. Im übrigen müsse die Parole jetzt lauten: Ruhig Blut. Wenn die Regierung ihre Pflicht, die ganze Eiterbeule zu entfernen, rücksichtslos erfülle — was -u bezweifeln «? keinen Anlaß Hahr —, und wem; |J|

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