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Wiener Morgenzeitung · 1926-01-03 · Heft 2465 (3.1.1926) · p. Seite 6

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Journal
Wiener Morgenzeitung
Volume
8 (1926)
Issue
Heft 2465 (3.1.1926)
Date
1926-01-03
Page
Seite 6 (sequence 6)
Language
German
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gette tz SBfeft, TMMttg Set Numerus clausus in Ungarn. Der Bericht Lireien Wolfs. Sosdou, SS. Dezember. (I. T. A.) Der letzten Sitzung Joint Foreign Committee (Englisch-jüdifches Komitee für auswärtige jüdische Angelegenheiten) lag ein Bericht Lucien Wolfs über die Völkerbundentscheidung in der Zache des ungarischen Numerus-clausus-Geletzes vor. Am 12. Dezember 1925 sprach der Völkerbundrat sein vorläufiges Urteil über die Beschwerde des I. F. C. und der Llliüncs Jsraelite gegen das ungarische Gesetz Nr. 22 vom Jähre INS (Numerus clausus) dahin aus, der Böllerbundrat erwarte, daß Ungarn in kurzer Zeit den Nulnerus clawsuS abändert. Um die Bedeutung dieser Entscheidung zu verstehen — heißt es in dem Berichtmüsse auf die Verhandlungen .zwischen I. F. C. und Alliance zurückgegriffen werden. Liefe Verhandlungen begannen schon INS, aber erst am 1. Jänner 1925 wurde an den Völkerbund das Ersuchen gerichtet, die Frage der Berechtigung des Numerus clausus in Ungar« dam Ständigen Internationalen Gerichtshof zur Drtscheidung vorzulegen. Denn offenbar steht Punkt L dieses Gesetzes, das die Aufnahme der Studenten nach Rasse und Nationalität vorschreibt, in Widerspruch zu den Artikeln des TrianonberirageS, die besagen: „Alle Nationen in Ungarn sind vor dem Gesetz gleich und genießen die gleichen bürgerlichen und politischen Rechte ohne Unterschied der Raffe, Sprache oder Religion." Dazu kommt, daß in der Praxis dieses Gesetz allein gegen die jüdischeu Bürger gerichtet ist; so wurden die Juden tiefer als die anderen Ungarn bewohnenden Nationalitäten gestellt und in ihrer Gleichberechtigung beeinträchtigt. Am iS. Dezember INS berichtete Herr Mello Franco dem VöllerLuadiat über die seitens der zwei Parteien vorgebrachten Argumente, woraufhin der ungarische Kultusminister Graf Klebelsberg versuchte, in längeren Ausführungen Punkt 3 des Gesetzezu verteidigen. Sr sagte aber zum Schluß, die ungarische Regierung betrachtet das Gesetz als ein „vorübergehendes" und werde es, sobald die sozialen und wirtschaftlichen Verhältnisse in Ungar» sich der Stabilität genähert haben werden, abändern. Unleugbar ist diese Zusicherung nicht ohne Zw e id e u t igk e it, allein der Vollerbundrat, der feine Hauptrolle in der Versöhnung und Ausgleichung der Gegensätze sieht, beschloß, dieses Versprechen zur Grundlage seiner bekannten Entscheidung zu nehmen. Es ist aber zweifellos, daß der Rat diese Entscheidung als eine nur zeitweilige ansieht. In der EntscheLung wird ausdrücklich bemerkt, daß die Abänderung „in nächster Zukunft" erwartet wird. Wesentlich fft, daß Ungarn sich verpflichtet hat, das Gesetz in Einklang mit den Bestimmungen des Trianonvertrages zu bringe». Dis Entscheidung des Völlerbundrates ist insoserne günstigals sie ein Diktat vermißen und der ungarischen Regierung Gelegenheit gegeben hat, sich mit Würde aus der Affäre zu ziehen. So Md auch ein Aufflammen der Volksleidenschast in Ungar» vermieden. Aus diesem Grunde ist die Entscheidung als zufriedenstellend zu betrachten, doch wird das I. F. C. den Fall im Auge behalten. — Der Bericht >uche angenommen. Sie Bndaveller FranleuMfchet. BerH<rftrrrrg des Privatsekretürs des, Prinzen Windrschgrätz. Budapest, 2. Jänner. (Tel. der ,-Wiener Morgen- Zeitung".) lieber Anweisung des OherstadtlhruPlmanneS v e r w e i g e r t jetzt der die Untersuchung in drr Frankenfälscheraffäre führende Polizeirat Bauer den Fitungen jedwede Mitteilung, doch werden trotzdem immer mehr sensationelle Details bekannt. Der Kammerdiener des Prinzen Ludwig . WindijschgraVKaspar Kava cs, hat zugegeben, daß er sich im Besitz von acht bis zehn Stück Tausendfrankennoten befunden habe, die er bei in verschiedenen Budapester Geschäften oorgenc-mmenen Einkäufen ausgegeLen habe. Er Leugner nach wie vor, davon Kenntnis gehabt zu haben, haß es sich um Fälschungen handelt und behauptet, die 'Noten von mehreren Personen gekauft zu haben, deren Aussehen er auch beschrieb. Auf die Spur Ko-Vaes' wurde die Budapester Polizei von den hier eingetroffene« f r a n, zösischen Polizeibeamten gelenkt. Kovars hatte nämlich seiner in Sarospatek wohnenden Frau vor einiger -Zeit sechs Stück Tausendfranken Noten geischickt und ihr geschrieben, sie möge das Geld einem Amsterdamer Bankier namens Severing, bei dem zwei Kinder des Kcvaes anläßlich einer Kirrderhilfsaktion mehrere Monate geweilt hatten, zur Einwechslung übermitteln. Der Bankier er. kannte sogleich die Fälschungen und übergckb die Noten der Polizei, die auch die französische Polizei davon verständigte. Kovaes ist vom Prinzen Windischgrätz, der ein bekannter legktimistischer Führer ist, auch zu verschiedene» vertraulichen Missionen verwendet worden sein. Bekanntlich hat der verstorbene König Karol bei seiner ersten Rückkehr nach Ungarn sich eines auf den Namen Kaspar Kovacs ausgestellten Paffes bedient. Prinz Windischgrätz, der gleich, falls einoernc.mmen wurde und in dessen hiesigem Palais -Hausdurchsuchungen vorgenommen wurden, soll angegeben haben, daß sowohl er als auch sein Kammerdiener in der unter dem Kommando -es Oberste« Jankovich gestandenen Division gedient haben. Er wisse, daß fein Kamnierd'^ner seit Jahren Balutaspekuta-!! a » o h inache. _rssrtwtt _ Im Laust des gestrigen Tages wurden weitere Personen von der Polizei einvernommen, darunter der Privatsekretär de- Prinzen, D<stder Raba, der sofort in Gewahrsam genommen *mu$e. Äxrtwcl soll angeblich von Raba die Falsifikate erhalten haben. Es ist ferner ststgestellit worden, daß das zur Herstellung der Fälschungen benützte Papier in größeren Mengen aus Deutschland nach Budapest gebracht worden sei und daß die Falschmünzerei sich in Budapest be. funden habe. Auch der Name des jungen Mannes, der «n Bortage der Enthüllung der FrankenMchungsaffare an MarsovSziky und Gencffen da- Telegramm sandle, in dem er vor aufgetauchten Schwierigkeiten warnte und um deren sofortige Rückkehr ersuchte, wurde sestgestellt. Dieser Betreffende heißt Ferdinand Gar. Die Polizei glaubt, Gars bald habhaft zu werden. Um den Verdacht vön sich abzulenken, daß sie den Banknotenfälschern Vorschub geleistet habe, lenkt die ungarische Regierung di« Untersuchung auf falsche Spuren. So will man jetzt glauben machen, daß die Klischees zu den Falsifikaten nicht in Ungarn hergestellt worden seien. Der in Holland verhastere I a n k o v i ch war mit einerJüdin namens Ehrenfeld verheiratet, lebte jedoch von seiner Frau getrennt. Der mit ihm gleichgeittz festgeno-mmene Marsovszky soll längere Zeit hindurch Sekretär des Erzherzogs Alb recht gewesen sein. Nachforschungen in Me». . Gestern sind in Wien ein Beamter der Pariser Pcilizripräfektur und ein Beamter der Bane de France eingetroffen. Sie haben bei der Polizeidirektion Vorgesprächen und um Mitwirkung bei den Recherchen, insbesondere in der Richtung, ob Jankovich und Konsorten auch in Wien geweilt und eventuell auch hier falsche Noten ab gesetzt haben, ersucht. Ser Wische Mloifter der uugakischen Segentebolution. Notar Dr. Palmai. Budapest, 2. Jänner. Unter den in der letzten Woche ernannten neuen öffentlichen Notaren befinden sich auch zwei Juden, und zwar Isidor Lukacs und Dr. Ludwig Palmai. *, Dr. Palmai gehört zu den interessantesten politischen Persönlichkeiten der Nachkriegszeit. Er hatte an der Organisation urü> Leitung der Gegenrevolution während der Bolschswikenhervschaft hervorragenden Anteil. Bekanntlich hatte sich die erste gegenrevolutionäre Regierung in Arad und dann in Szegedin etabliert. Der Jude Dr. Palmai gehörte diesen Annetten a l S M i n i st e r an. Die ersten Erfolge dieser gegenrevolutionären Regierungen, die mit durchaus liberalem und demokratischem Programm auftraten, waren zum größten Teil Dr. Palmai zu danken. Zu jener Zeit hatten sich auch die jüdischen Reserveoffiziere der Szegediner Regierung zur Verfügung gestellt und einer Abtellurrg jüdischer Offiziere gela ng esauch, in heftigem Kaurpfe die Szegediner 46er-Kaserne vön den Kommunisten zurückzuerobern. Die von Nikolaus Horthh, 'dem gegenwärtigen Reichäverwsser, befehligte Nationalarmee und ihre politischen Vorläufer brachten öS schließlich zustande, 'daß Minister Dr. Palmai aus dem Szegediner Kabinett h i n» auSgeekelt wurde und der PogromkurS mit fernem Weißen Terror sich des Landes bemächtigte. Dr. Ludwig Palmai entstammt einer alten angesehenen Araber Familie. Sein Großvater war der seinerzeit berühmte Araber Oberrabbiner Jakob Steinhardt. Ser Thronverzicht -er Kronprinzen von Rumänien. Die Fürstin Ärrpeseu. Mailand, 2. Jänner. (Tel.-Komp.) Der rumänische Kronprinz Karol hat aus Bukarest noch keine amtliche Bestätigung über die Annahme seines Thronverzichts durch den König erhalten. Die Umgebung des Kronprinzen hat von den Rücktrittsahsichten erst durch die Zeitungen erfahren. Im Hotel Eavour, in dem der Kronprinz wohnt, hat Prinzessin Helena von Griechenland, die Gattin des Kronprinzen, für den 8, Jänner Zimmer bestellt. * Die Umgebung des Kronprinzen bestreitet entschiede», daß die wenige Tage nach seiner Ankunft in demselben Hotel abgestisgene rumänische Fürstin Lupeßeu die erste morganatische Gattin KavolS fei. Tatsächlich wur, den die beiden niemals öffentlich zusammen gesehen und die rumänische Fürstin lebt ebenso wie der Kronprinz selbst sehr zurückgezogen. Die entscheidende Unterredung. Mailand, 2. Jänner. (Lel.<KomP.) Der Thron- Verzicht des Kronprinzen Karol von Rumänien erregt in Italien großes Aufsehen. Seit Mitte Dezember Mt sich der Kronprinz in Mailand aus, wo er in aller Heimlichkeit auch die Verhandlungen über seine Abdankungen führte. Am 1$. Dezember war der Prinz ln einem LuxuSautomobil in Mailand eingetroffen und im Hotel Eavour abgestiegen, wo er eine kleine Wohnung bezog. Der Prinz ilebts im Hotel sehr zurückgezogen und verzichtete auf jeden Aufwand. Am gleichen Tage war auch eine vornehme Dame abgestiegen, die sich als Prinzessin Lupescu ins S. fnwt« um - Nr. vm Hotelbuch unidie nur von einer Kammevzost begleitet war. Sie nahm ebenfalls im Hotel Wohnung, doch wurde die Dame öffentlich mit dem Prinzen nicht gesehen. Drei Tage später traf plötzlich in der Nacht in dem gleichen Hotel ein Inspektor des rumänischen Hofes ein, der sofort ein« Unterredung mit dem Prinzen hatte. Diese Unterredung dauerte sehr lange und scheint für den endgültigen Thronverzicht entscheidend gewesen zu sein. Prinz Karol hat sich seit ungefähr zehn Tagen gänzlich zurückgezogen und nimmt auch die Mahlzeiten auf seinem Zimmer ein. Der Kronprinz läßt sich scheiden? London, 2. Jänner. (Tel.-Komp.) Trotz der strengen Zensur aller rumänischen Telegramme wird hier bekannt, daß Kronprinz Karol trotz des Verzichtes auf den Thvcn sich schriftlich verpflichten mußte, für die nächsten zehn Jahre im Ausland zu leben, falls nicht der König anders verfügt. Trotz größter Diskretion über die Ereignisse, die zum Dhrottverzicht führten, wird gemeldet, daß die königliche Familie den Verzicht als das letzte Mittel Leschlossen habe, um zu verhindern, daß der Kronprinz wegen seiner Unfähigkeit in der Leitung der rumänischen Luftschifsahrt kompromittiert werde. Dieser Bloßstellung sei ein Dhronverzicht vorgezcgen worden. Die Re gierung habe aber die formelle Bedingung gestellt, daß das Parlament nicht auf einer Untersuchung der Bukarester Luftschiffflandale bestehe. Als Preis für seinen Verzicht habe man dem Prinzen die Trennung von seiner Gattin Helena von Griechenland und eine hohe Pen^ sion zugestanden. Der „Eorriere della Sera" erinnert anläßlich Thronvevzichts an das romantische Liebesabenteuer des Prinzen mit der Waise des Generals 8 a m b r i n o, mit der er sich in Odessa vermählt hatte. Diese Ehe ist jedoch von der rumänischen Staatsanwaltschaft für ungültig er- Wirt worden. Später hat der Prinz bekanntlich in Luzern die Tochter des Königs Konstantin von Griechenland, Hcitena, kennen gelernt und geheiratet. Nach dem ,^eeolo" scheint die Ehe mit der griechischen Prinzeffin nicht glücklich gewesen »zu sein. Schon kurz nach der Vermählung sei es zu Zwistigkeiten gekommen und schon im Ja-hrc 1923 habe die Prinzessin Helena btc Absicht gehabt, ihren Gatten zu verlassen. Seither scheinen sich die Beziehungen zwischen den Gatten nicht gebessert zu haben. DaS Blatt meint, vielleicht beherrsche die Erinnerung an Zizi — so wurde die erste Frau genannt — das Herz des Prinzen, der vielleicht deshalb auf alle königlichen Borrechte verzichtet habe, um in die Arme der ersten Gattin zurückkehven zu können. Alles fasrMch. MuffoKniS Reformen. Rom, 1. Jänner. Bei dem NeujahrSempsang oei Mussolini brachten die Vertreter der faSzistischeu Gewerkschaften Muffolini den Wunsch nach einem zweiten ganz faszistischen Jahr dar, worauf Muffolini erwiderte: „Faszisttsch und gewerkschaftlich, denn ich wünsche, daß ihr das Gesetz über die Kollektivverträge der Arbeiter ins Leben einführt." Der Ministerrat beschloß, an der Universität P a b i n eine politische Fakultät zu gründen. Der heutige Ministervat wird, wie die Blätter Mitteilen, beschließen, eine große Akademie der Wiffenschäften zu errichten, der die bedeutendsten italienischen Gelehrten, Literaten und Künstler angehören werden. Man spricht davon, daß d'Annunzio der erste Akademcker werden wird. Es besteht zwar bereits eine Akademie der Wiffenschaften in Rom, der aber nur Gelehrte angehören; sie hat sich jedoch dadurch unbeliebt gewacht, daß sie in der letzten Zeit, wie die faSzistischen Blätter hervorheSen, mehrere Gelehrte ausgenommen hat, die als o p P o s i t i o n e l l bekannt sind. Vom Kabinettsrat wurde beschlossen, eine allgemeine Jugendvereinigung nach faszistischem Muster zu gründen, deren Grundlage die bisherigen faszistischen Jugendvereinigungen sein sollen. Die Jugend soll „in einem kriegerischen und moralischen Geist" erzogen werden, damit sie, wenn sie in das Heer eingestellt wird, auf dessen Disziplin vorbereitet ist. Heute fanden die Neujahrsempfange bemi König und bei der Königin statt, wobei Mussolini zum erstenmal gemäß dem neuen Gesetz über den ersten Minister v o r den Annunclata-Rittern empfangen wurde. Hierauf wurde eine Abordnung der Stadt Rom mit dem neuen Gouverneur empfangen. Dieser hatte gestern in der Jssuitenkirche an einem vom Kardinal- Vikar von Rom gehaltenen Silvestergottesdienste mit seinen Beamten teilgenommen und wurde hierbei offiziell empfaygen, was viel kommentiert wird. Me NruMrrbotschaft. Rom, 2. Jänner. (Tel.-Komp.) Ministerpräsident Mussolini veröffentlicht in der ersten Nummer der „Revue faszista" eine an Farinacci gerichtete Neujahrsbotschast, in der es unter anderem heißt: „Das Jahr 1926 wird vielleicht noch interessanter werden als das vergangene Jahr, weil es uns anders vielleicht härtere Pflichten und noch andere, vielleicht größere Verantwortungen auferlsge« wird. Doch werden alle Faszisten diese Pflichten und Verantwortungen mit heiterem Gemüt übernehmen,"

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