Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 8 (1926)
- Issue
- Heft 2465 (3.1.1926)
- Date
- 1926-01-03
- Page
- Seite 4 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 91% known words query
- IRI
…/2979076-2981549-2981552--25114-3012727- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
Sekte 4 Men Sonntag S. Almer IM Nr. -M Nemmmr in Wmschan. (Cigendienst der „Wiener Morgenzeitung".) Warschau, 2. Jänner. Ter Finanzexperte für Polen. Professor E. K e m m e r e r, ist hier bereits eingetrofsen. Er hatte sogleich nach seiner Ankunft eine längere Konferenz mit dem Finanzminister Z - z i e ch o w s J i, in der die gegen, wärtige wirtschaftliche und finanzielle Situation Polens eingehend besprochen wurde. Prof. Kemmerer verbleibt hier Zwei Wochen und wird stinen hiesigen Aufenthalt dazu benützen, die Wirtschaftslage des polnischen Staates durch persönliche Beobachtung kennen zu lernen. In den nächsten Tagen unternimmt Prof. Kemmerer eine Reife, um die wichtigsten Industriezentren der Republik zu besichtigen. sie 3o!nt>$ilfe ffir Die Juden in Polen. Berlin, 2. Jänner. Nach den dem hiesigen europäischen Bureau des Joint zugekom menen Nachrichten sindie von der amerikanischen Zentrale bewilligten 150.000 Dollar zur Unterstützung der polnischen Juden ausschließlich für Philanthrop! scheZwecke bestimmt, hiervon 100.000 Dollar allein füv die Waisenhäuser. Ter europäische Direktor des Joint, Dr. Bernhard Kahn, hat seiner Zentrale einen ausführlichen Bericht über die triste Lage der jüdischen Kaufmannschaft übermittelt. Er verlangt größere Beträge zur Unterstützung der jüdischen Kreditinstitute in Polen, Kongreß der volni'chen Sozialdemokratie. Warschau, 2. Jänner. Hier wurde der 20. Kongreß der polnischen Sozialdemokratie eröffnet, an dem auch Der- Ireterder Internationale teilnehmen. Der Kongreß beschäftigt sich vorwiegend mit Organisationsfragen und wird auch zu den aktuellen Fragen der nationalen Minderheiten in Polen Stellung nehmen. §iit Hochvrrralsvrozrß grgru 23 Ukrainer. Zwei Todesurteile. Lemberg, 2. Jänner. Am letzten Tag des abgelausenen Jahres wurde vor dem hiesigen Schwurgericht nach dreiwöchiger Tauer ein gegen 23 Ukrainer geführter Hochverratsprpzeß beendet. Auf Grund des Mahrspruches der Geschwornen, denen 120 Schalkragen vorgelegt worden waren, wurden zwei Angeklagte, Skribeila und Koszezuk, zur Straf« der Todes durch Erschießen, 13 Angeklagte zu schweren Kerkerstrafen in der Tauer von 15 Monaten bis zu 12 Jahren (insgesamt zu 73 Jahren) verurteilt, während acht Angekkagte freigesprochen wurden. Sie Mokillmmerauer in Polen. Warschau, 2. Jänner. In Wilna tagte vor kuHem eine Konferenz der in Polen wohnhaften Mohammedaner, die eine Reche von Forderungen zur Regelung ihrer religiösen Autonomie gefaßt hat. MititSrsragen im Sejm. Warschau, 2. Jänner. Tic Sejmkominission für Militärangclegenye.ten beschäftigt sich zurzeit mit der Novelle zur« Gesetz wegen der allgemeine» Militärdienst- Pflicht. Abg. L i e b e r m a n n beantragte im Interesse des Staa.sbudgets die Reduzierung der Dienstzeit auf ein Jahr. Abg. Dnmbrowski verlangt die Aenderung des ganzen Militävsystems, da es vollkommen genüge, wenn jährlich 130.000 bis 135.000 Mann im aktiven Heere dienen. vrrßaiinttg eine« Krakaner Panidieektor«. Arakau, 2. Jänner. Großes Aufsehen erregte hier die Verhaftung des Direktors der Krakauer Filiale der Lem- Lerger Jndustriebank, Thaddäus Filippi, wegen unerlaubter Finanzoperationen. Direktor Filippi war Mitglied de- Verwaltungsrater der Krakauer Filiale der Lembcrger Jndustriebank, ferner gehörte er dem BerwaltungSrat zahlreicher Krakauer Jndustrieunlernehmungen an. Cr gilt als ein sehr reicher Mann und ist GutS- und Villenbesttzer in der Nähe von Krakau. Di« Direktion der Lemberger Jndustriebank in Krakau veröffentlichte ein Communique, in dem erklärt wird, daß Direktor Filippi feit einigen Monaten nicht mehr die Funktionen eines Direktors der Bankfiliale auSgeübt habe und auch sonst mit der Bank nicht mehr in Beziehungen gestanden fei. _ Arbritrlofendemonftrationen in Lodz. Warschau, 2. Jänner. In Lodz kam eS am 80. Dezember zustürmifchenArbeitSlosendemonstrat i o n e n. Tie Demonstranten versuch!««, vor die W o iw o d s ch a f t zu gelangen und in daS Innere des Gebäudes einzudringen, wurden jedoch von der Polizei daran gehindert. Dagegen empfing der Woiwode D a r o w S k i eine Deputation der Arbeitslosen, der er erklärte, es könne die Auszahlung der Arbeitslosenunterstützung vorläufig nicht ausgenommen Werden. Als die Deputation mit diesem Bescheid zu den Demonstranten zurückkehrte, unternahmen diese nochmals den Versuch, in das WoiwodschaftSgebaude gewaltsam einzudringen. Berittene Polizei ging daraufhin gegen die Menge mit gezücktem Säbel vor, wobei einig« Demonstranten leichte Verletzungen erlitten. Die Polizei verhaftete einige kommunistische Agitatoren.; krhöhnnz Her Zobnltneife in Polen. Varschur, 2. Jänner. Das Finanzministerium hat die Preise der Tabaksorten und Erzeugnisse um 25 Prozent erhöht. _ KirchenlSmvle in Polen. , Warschau, 2, Immer. (Tel.-Komp.) Die RevisionS-- kämpfe in Polen haben bereits zu blutigen Ausschreitungen geführt. In der oftgalizischen Gemeinde Iastkowic entstanden heftige Ausschreitungen zwischen Anhängern der römisch-katholischen und der sogenannten polnischen Rats o n a l k i r ch e. Zur Wiedecherstellung der Ordnung muhten Polizeiabteilungen ausgeboten werden. Ae Türkei nnh Susoffatniett. Der FreundschastSvertrag unterzeichnst. Belgrad, L. Jänner. Der König hat den Freunde schaftsvertrag mit der Türkei unterzeichnet. Bon Angora ratifiziert. Angora, 2. Jänner. (Tel.-Komp.) Die Rationalve» sammlung hat den türkisch-jugoflawischen Freundschaft», vertrag ratifiziert. Die Kommission für äußere Angelegenheiten hat TewfikRueschdi Bei über seine Verhandlungen i« Genf sowie übet die Unterzeichnung des Vertragemit Rußland angehört. M ldrnm, de. 9RoftaUinüifts9 London, 2. Jänner. Ter hiesige türkisch« Botschaft« dementiert energisch den amtlichen Charakter einer Erklärung, die den „Times" von türkischer Seite zur Verfügung gestellt Worten war. Diese Erklärung hatte besagt, daß für die Türkei nur ein Konlpromiß denkbar sei, das ihr mindestens den Besitz der Stadt Mosiul sichere, während ein Verzicht auf das Wilajet möglich sei. England habe durch seine falsche Politik im Jahre 1914 die Türkei in Deutschlands Arme getrieben und sei jetzt wieder rm Begriffe, sie in die Arme Sowjetrußlands zu treiben. Die Türkei werde zivar nicht zu dem Zeitpunkte kämpfen, der den anderen Passe, aber früher oder später, wenn ein Kompromiß nicht zustande komm«, mit Gewalt das nehmen, was man ihr nicht durch Recht und Vertrag zukommen lasse. Das kate^irische Dementi dieser Erklärung betrachtet man hier als einen wichtigen Sieg realpoli« tischerErkenntnisauf türkischer Seite. Sand« erfter Aufruf. In Gegenwart des englischen Generalkonsuls. — König Alk in Bombay. London, 2. Jänner. (Tel.-Komp.) Nach Berichten aus Djeddah hat die Pvoklamation des Machthabers Jbn Saud auf die dortigen Notabeln und die Bevölkerung einen äußerst günstigen Eindruck gemacht. Der Ton seiner Proklamation sei sehrge mäßigt und freundlich gegen die Einwohner des Hedschas gewesen. Jbn Saud gab, wie „Daily Telegraph" mitteilt, seine Proklamation nicht nur in Gegenwart seines KronrateS, sondern auch, was sehr bedeutsam ist, in Anwesenheit d e S en g l i s ch e n Generalkonsuls ab. Als strenger Mohammedaner erließ er ein Dekret, das die streng st eAb st inenzvomWeingenuß anordnet. Exkönig AIi ist in Bombay eingetroffen, von wo er.sich nach Bagdad bsgeben wird, wo er seinen ständigen.. Wohnsitz zu nehmen gedenkt. Sin Wllson-Nedenktu«. Washington, 2. Jänner. (Tel.-Komp.) Senator Neely hat eine Entschließung smgebvacht, wonach der 28. Dezember, der Geburtstag deS verstorbenen Präsidenten Wilson, zum g e s e tzlichen Feiertag in der Union erklärt werden soll. schau ungen der westeuropäischen Reformer basiert. Ganz anders beurteilte die Judensrage der Führer her füdrusstschen Vereinigung, Oberst Pestel. Er hatte Gelegenheit, in seinem Wohnort Tmiezin und von hier aus die Lage -er in diesem Gouvernement zahlreich siedelnden Judenschaft kennen zu lernen. Ferner stand er in engeren Beziehungen zu den damaligen Führern 'der polnischen Geheimbünde und «hatte auf diesem Wege sich wahrscheinlich mit der polnischen politischen Literatur, die spa'/iell am Ausgang des achtzehnten Jahrhunderts der Behandlung der Jndenfrage einen aus,fühvlichen Raum widmete, bcikanntzumachen. In seiner Hauptschvift „Rußkaja pravda", die dem Versassungservtwurf des zukünftigen Rußland und Weisungenan die zukünftige oberste provisorische Regierung enthält, widmet er in einem speziellen Kapitel, das von den in Rußland wohnenden Völkern handelt, einen größeren Abschnitt den Juden. Für ihn ist die Judensvage nicht nur ein schwer zu lösendes Politisches Problem, sondern auch ein Haupthindernis für die Lösung so mancher sozialer Fragen in Rußland. Schon die Tatsache, daß sich die Juden von den übrigen VAkcvschasten Rußlands dürch ihren engen.Zusammenhang untereinander untevscheiden, beweist, daß sie nur das zu tun will g sind, was nur ihnen und ihrer Gemeinde nützen kann. Er glaube an keine Anpassung der jüdischen Massen an den russischen Staat, wenn man sie in ihrem bisherigen Zustand beläßt. Ihr Solidarität-, gef-ühl veranlasse sie, sich als anserwaihlte'S Volk zu betrachten, das es seiner für unwürdig halte, sich mit anderen Völkern „zu vermischen". Die größten Vevsechter dieser engen Solidarität sieht Pestel in den Rabbinern, d'.e di« jüdischen Massen in einer geistigen und kulturellen Abgeschlossenheit -halten. Durch die Erhaltung deS MesiiaSglaubens stärkten -sie das Solidaritätsgeßühl -er Juden, die sich daher immer als provisorische Bewohner «ineS Staates betrachten und dieser Ansicht zufolge n'cht nur mobile Berufe auMen. Es ist interessant, daß Pestel in d-er Beurteilung der Judenfrage ihre vollkommene dan'^lige Rechtsloisigkeit in Rußland übersieht und geradezu de» Standpunkt vertritt, daß die .Juden eine bevorzugt« Stellung innerhalb des Staats genießen, weil sie keine Rekruten stellen und das Recht Haben, für -das koschere. Fleisch besondere Taxen einzuführen sowie ihren Rabbinern das Rech' der Verfügung über den Truck hebräischer Werke zusich-. Rebst diesen bevrzugten Privilegien. die sie zu cincm Staat im Staate stempeln, genießen ja nach seiner Ansicht die Juden auch die Rechte, welche allen anderen Böllern Rußlands, zukcmmen. Schon diese Behauptung beweist, wie unrichtig und fast gehässig Pestel die Judensrage m Rußland beurteilte. Um d'estm Zustand der Juden ein Ende zu machen, schlägt et der zukünftigen, provisorischen Regierung vor, „die gelehrtesten Rabbiner und gescheitesten Juden zu einer Konstrenz einznberusen, um ihre Vorschläge entgegenzunehmen und dann Maßnahmen zur Ordnung der Derhalt-nisse de'S jüdischen Volkes zu treffen, die im vollen Maße den allgemeinen Prinzipien des zu reformierenden russischen StaatSgebaudes entsprechen sollen. Ans diese Weise glaubt Pestel die Vernichtung des für die Christen seiner Meinung -nach so schädlichen SolidaritätsgesühlS der Juden zu erzielen. Bor allem sollen die zu treffenden Maßnahmen zur, Regelung der Judensrage dahin zielen, die jüdische Absonderung zu vernichten, d'e Erziehung ihrer Kinder zu russiflzieren, mit einem Worte: Pestel folgt hier den Vorschlägen jener polnischen Reformer, die in diesem Zeitalter di« Judensrage nach der Art der Roglomentierung geW sehen wollten» wie «sie ja am Ausgang des achtzehnten Jahrhunderts in «den verschiedensten Judenovdnunaen in Oesterreich und Preußen zutage getreten sind. Allerdings ist auch in Pestels Reformprojett der Einfluß der napoleonischen Judengefttzgebung zu erkennen. So erinnert sein Vorschlag aus Einberufung einer Rabbiner- Versammlung an das riapo'lwnlsch« Sanhedrin. Nebst dieser Lösung schlagt Pesteil in seiner genannten Schrift ein« zweite Lösungsart vor. Sollte die provisorische Reg'erung der Ansicht sein, daß «ine Russifizierung der Juden unmöglich sei. so müßte sie folgendes Projekt akzep, tlerrn, welches den russischen Staat von dem ihm fremden Volksstamm gänzlich befreien würde: Man müßte ihnen die Möglichkeit schaffen, einen eigenen Judenstaat in einem Teil Kle inäsieriS zu gründen. Würde die prov'sorische Regierung dieser Löft'N's* art zuneigen, so hätte sie für die jüdischen Massen Rußlands und Polens einen Sammelpunkt zu bestimmen, wohin die zwei Millionen Juden zusammenkommen müßten, wobei sie selbstverständlich von der provisorischen Regierung zur UnterstüViNg und Durchführung ihres Planes eine Truppenmachk. erhalten sollten. Es sei klar, daß die Inden das Bestreben haben, eine eigene Heimat zu erlangen. und wenn so viele Menschen nach einer Heimat streben, wird es. ihnen ,/auf der Suche nach einem Vaterland unschwer sein, sämtliche Hindernisse zu beseitigen, die ihnen die Türken bereiten werden, um durch die europäische Türkei nach 'der asiatischen zu gelangen und Port große Landstriche in Besitz zu nehmen, um «inen besonderen jüdischen Staat zu gründen". " Pestel, der in seinem ersten Projekt den Juden eine politisch« G'leichlerechtig'ung unter Aufgabe ihrer nationalkulturellen Eigenart und Sonderstellung zu erteilen ge« neigt war, begünstigte d'e zweite LöfungSart der Judenfrage, wobei -er sich von seinen judenseindlichen Gesinnungen nicht zurGänze loSsagen konnte. Für die Lösung auf der Grundlage eines besonderen Judenstaates trat auch ein anderer Dekabrist ein: Grigorij Perez, der So'hn des getauften Hofjuden in Petersburg, Abraham Perez. Gr vertrat die Rot-wen-digseit der Gründung einer speziellen Bereinigung ,/zur Befreiung der zerstreuten Jadrn", die für eine Kolonisation der Juden in der Krim oder im nahen Orient ,/üls gesondertes Volk zu wirken hafte". Perez hatte i-m Gegensatz zu Pestel das Territorium des zukünftigen JudenstaateS in der Krinr oder im nahe«! Orient zu finden geglaubt. Es ist anzunehmen. daß der erste Proponent des Krimprojekt-, Grigorlj Perez, eS war. der Poste'l veranlaßt hatte, in seiner grundlegenden Schrift über die zukünftige Staatsform Rußlands auch die Frage zu behandeln, ob es denn ntcht im Interesse Rußlands liegen würde, die Judensrage durch die Gründung eines Judenstaates zu lösen. Zu bemerken ist noch, -aß Pestel in seiner Schrift diese Forderung keineswegs als ausdrückliche Pflicht der zukünftige russöschen Nati-onalregierung bezeichnete. Innerlich tvar ihm sicherlich die Rusiislzierung der jüdischen Massen lieber als die von Grigorlj Perez vertretene Form des Judenstaates. . Trotzdem d'e Schrift Pestels als die theoretische Grundlage der Anschauungen der De-kabristen über di« Gestaltung des russischen Staatswesens betrachtet wird, kann niqn keineswegs behaupten, daß Pestels Ansichten über die tudeusvage von allen Tekabristen geteilt wurden. Im egenteil. Die meisten Dekabristen konnten sich von der vorurteilsvollen anti-semitischen Haltung den Juden gegenüber trotz ihrer radikalen Reformideen nicht frei machen. In diese« Hinsicht sind sie den übrigen Intellektuellen, di« für ein zaristisches Rußland eingetreten sind, gleichznstellen. Diesen Kretsen war sicherlich dar Peste sche ProstA der Gründung eines Judenstaates viel sympathischer, wett sie auf diese Weise von dem ihnen „fremden Körper" befreit zu werden glaubten, ,\i Jfcfc-wf ii WWI«i iti *f t* «yntetrf* -iirwfin—irifff n> ir<nr>r.»in ■in firr ■ n-irn , imst* k