Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 8 (1926)
- Issue
- Heft 2465 (3.1.1926)
- Date
- 1926-01-03
- Page
- Seite 3 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Der karnpf zwischen den Zlnhängern des zentralistischen Großireußentums (vorwiegend Deutschnationalen), und den ödevalistischen Großdeutschen knüpft vielfach an die Entvickliung seit 1866 an, indem die großdeutschen Föderaisten in der Hinausdrängung Oesterreichs aus Dentschand den Ausgangspunkt aller seiner Wirren und die Hauptuvsache der heutigen Situation des deutschen Bottes irr Europa sehen. „Wie das heilige Römische Reich deutscher Nation seine zeitbedingte Mission erfüllt hat und nicht wieder kommen wird, so hat auch Preußen- Deutschland seine zeitbedingte Mission erfüllt und i st i n n e r l i ch ü b e raltert. Die Verfassung von Weimar sucht dem Rechnung zu tragen, ohne die Wege des organischen Neubaues zu finden." („Reich und Heimat.") Die treue Bewegung, die sich selbst als überparteilich bezeichnet, beklagt sich heute bereits über Anfeindungen und Verfolgungen aller Art, die ihr aber Anhänger ans verschiedenen Lagern, mit Ausnahme der Deutschnatioralcn, zuführen. Den Vorwurf des Separatismus, der wgen die föderalistische Richtung erhoben wird, tveisen die Föderalisten nicht nur zurück, sondern erheben ihn i^rerieits gegen die Anwälte des preußischen Zentralismus. So schreibt „Das ganze Deutschland": „Die Ausstoßung Oesterreichs aus dem, deutschen Gesamtverband um der vermeintlichen Einigung der Deutschen willen (mit dem Verlust von zehn Millionen Deutscher als Voraussetzung), >uar wirklich Separatist« u s. Seine Durchnihrnng ist für alle Zeiten mit dein Namen Bismarck verknüpft. Bismarck war ein echter Separatist." In einer Zeitperiode, in welcher von den verschiedensten Seiten int Anschlüsse Oesterreichs cm Deutschland das einzige Mittel zu dessen Sanierung gesehen wird, ist es keineswegs überflüssig, darauf hinzuweisen, daß sich in Bayern, Baden, Hessen, Hannover täglich neue Stintmen erheben, welch die Beseitigung der preußischen Hegemonie und eine neue territoriale Gliederung Deutschlands auf föderalistischer Grundlage als unbedingte Voraussetzung eines Zusammenschlusses Oesterreichs mit Deutschland, sowie ferner der Lösung der Nationalitätenfrage in Gesamteuvopa und speziell einer d e u t s ch - f r a n z ö s is ch e n V e r st ä n d i g n n g ltttV einer wirtschaftlichen Gesundung des gesamten Abendlandes bezeichnen. Mag man wie immer die Aussichten dieser Bewegung beurteilen, den Widerstand gegen die Verwirklichung ihrer Ideen' noch so sehr in Betracht ziehen —, es wäre sehr gefehlt, ihre Bodeutrmg zu unterschätzen oder gar sie zu bagatellisieren, beziehungsweise sie zu ignorieren. In Frankreich wie in England, aber auch in oeu einzelnen Sukzessionsstaaten, verfolgt man die föderalistische Bewegung teilweise sogar mit Sympathiert —, und der Sieg der Föderalisten in Deutschland würde unter ge- Re Jekabristen «ad die Fadenfrase. AnläWch der Zentenarfeier des Dekabristenaufstandes. Bon Dr. R. M. Gelber. Ende Dezember waren es hundert Jahre, daß anläßlich der Throubeisteigmtg Nikolaus des Ersten in Petersburg mehrere Regimenter unter Führung liberal gesinnter Offiziere einen Aufstand proklamiert haben. Anläßlich der Krönungsseier weigerten sie sich, den Eid zu leisten und verlangten die Einsetzung einer nationalen Regierung. Erst nach fange» Pourparlers mit den aufständischen Führern mußten. die regierungstreuen Truppen zu den Waffen greifen, um die Aufständischen zu verjagen. Zu derselben Zeit brach auch in Südruß-land eine revolntionäre Bewegung aus, die man ebenfalls mit Waffengewalt unterdrückte, die Führer wurden verhaftet, zum Tode durch dett Strattg verurteilt oder für lebenslänglich ttach Sibirien verbannt. An der Spitze dieser'Bewegung standen revolutionäre Offtziere, die kurzweg Deka b r i st e n genannt werden. Zar Alexander der Erste hat schon zu Beginn seiner Regierung daran gedacht, in Rußland Reformen aus konstitutioneller Grundlage durchzuführen. Bor allem erwog er eine Banernreform. Durch Umstände äußerer Politik konnten seine Pläne nicht durchgeführt werden. Innerhalb der russischen Gesellschaft aber Hattert bereits die Reform- Vorschläge einen festen Boden gefunden, insbesondere in dett Kreisen der jungen Offiziere. Wahrend der napoloonischert Kriege lernten die jüngeren russischen Offiziere zahlreiche 'europäische Staaten und Länder kennen. Sie durchzogen mit detl russischen Armeen Oesterreich, Jialieit, Deutschland und kamen auch nach Frankreich, tvo sie mit den.Ideen des revolutionären und napoleonischen Frankreich -bekannt wurden. Hier lernten sie Europa und seine Fveiheits'bestrebungen kennen-. Hier gelangten sie fattgsam zttr Einsicht, daß auch ihre Heimat Rußland für die Dauer nicht mit Despotie und ausgesprochener Atttokratie des Zaren und feiner nächstett Umgebung regiert werden könne. Bor altem wurde es ihnen klar, daß in Rußland dett großen Massett der Bauerttschaft bessere Daseinsbedingungen geschaffen werden müssen. Nach ihrer Rückkehr itt die Heimat propagierten sie in geheimen Gesellschaften die Notwendigkeit der Durchführung verschiedener politischer und sozialer Reformen. Als Alexander der Erste wifsett Umständen itt verschiedenen Kreisen der Entente ihre Gegnerschaft gegett den Zusammenschluß Deutschlands und Oesterreichs tninderu, da ttach ihrer Meinung dann der Zusammenbruch der preußischen Hegemonie und der zeittralistischen Reaktion besiegelt wäre. Rach 8em Steiger-Prozeß. Die Anklage gegen das Dienstmädchen Kalausek. (Eigendienst se.r „Wetter Margettzeitung") Lemberg, 2. Jänner. Die hiesige Staatsanwaltschaft hat bereits die Anklageschrift gegett die Zeugin im Steiger-Prozeß, Maria Ka lau sek, fertiggestellt. Die Kalausek, die beim Aba. Dr. Reich bediettstet war, soll dem-Zeugen Flach falsche Miiteilnngen über ein Gespräch im Hause, des Abg. Reich im Z u fa m itt e n ha ng mit dem Sieiger - Prozeß gemacht haben. Die Anklageschrift beschuldigt die Kafausek der falschen Zeugenaussage. Im Prozeß werden unter anderem die ans dem Steiger-Prozeß zur Genüge bekannten Untersuchungsrichter Rutka und sein Protokollant Püetrowsk'i als Zeugen einvernommen werden. Der Prozeß beginnt am 18. Jänner. seine Reformvorschläge ausgab und sich nur von seinem Ratgeber und Günstling, dem Grasen Ällexei Ärakczej e w leiten ließ, sahen die in den geheimen Gesellschaften vereinigten Offiziere, die zumeist dem Adel entstammtetk, den Zeitpunkt für gekommen, ihre Ideen bei der nächsten tauglichen Gelegenheit in die Tat umznfetzetr und durch eine stark verzweigte revolntionäre Organisation die Truppen für sich zu goto innen-. Die Dekabristen — die ersten.russischen Revolutionäre — bestanden aus zwei großen Gruppe«. Aus der nordischen und südrussischen Gesellschaft, au deren Spitze fähige und europäisch gebildete Offiziere standen. Die nordische Gesellschaft -wurde von N i k i t a Nt u r a tv j o w, R e l ej e w, dem Fürsten O b o l e u s k i und T r n b e tz k o j geleitet. An der Sitze der süd-rnssischen Gesellschaft standen der bekannte politische Schriftsteller Oberst Pest ei, B e si n s ch e w - R a j u m i n, M u r a w j o w - A p v >st o l. Diese Gesellschaft bildete den radikaleren Flügel der Dekadriften und hatte dementsprechend in ihrem Programm tveitgehende Reformen zur Umbildung des gesamten russischen Staatstvesens verlangt. Sie wollten Rußland in einen auf jze-ntralistischer Grundlage mit demokratischen Institutionen durchsetzten Staat ntttbilden. Ihre Hauptforderung gipfelte in' der Natiottalisiernng des Bodens, jedoch auf den Prinzipien des Privateigentums, während die nordische Gesellschaft die Befassung Rußlands als konstitutionelle Monarchie mit einer stark ausgebauten ^Autonomie der einzeluen Prooinzteile auf föderalistischer Grundlage sehen wollte. Eine Minderheit der De'täbristeu trat für eine föderalistische Bereinigung aller slawischen Böller unter Rußlands Führung ein. Diese Gruppe hatte jedoch keinen wesentlichen Einfluß ans die EntwicUnng der Jdeengänge in den Reihen der Defabristen. Diese ersten Kämpfer gegen den russischen Zarismus haben in einer Llnzahl von geheimen Zirkeln und Fil'ugschriften politischen Inhalts ihre Ideen zur Reform des russischen Staatstvesms propagiert. Trotzdem sie in der vorsichtigsten Weise ihre Agitation führten, gelang -es doch einer Anzahl von Spionen, itt die geheimen Bünde einzudringen und die maßgebenden Regierungsstellen über die Absichten dieser revolntionäretl Betvegnug zu informieren. Nach Ansicht /maßgebender russischer Historiker soll eben der Aufftand der Dokäbristeu am Kvönungstage Nikolaus des Ersten (14. Dozembor 1826) eine Berzweiflungstat gewesen sein, tucitl es den Führern der Rordnur MerarWer Nachlaß. .New-Zork, 1. Jänner. Zu der (von uns bereits gemetbeieu Amerikareise oer Tochter Tr. Nordaus, Maxa Nord au, teilt I. Doliner im NewHorker „Jüdischen Volk" mit, daß Fräulein Maxa Nordan auch alle in ihrem Besitz befindlichen Manuskripte der befainnen großen Werke Nordaus tvie auch seinen 'handsthriftlichen, noch utlgedruckken Nachlaß nach Amerika bringen werde. Das Handschriftenmaterial möchte Fräulein Ätordau einer Persönlichkeit oder einem Institut übergeben, von denen eine würdige Behandlung des Nachlasses erwartet werden katrn. - Im handschriftlichen Nachlaß' befinden sich nt e h r e r e größere A b h a n d l u n g e n über Z-ionis m u s. Iudetrtnm und allgemeine politische Fragen, die jetzt itt Amerika zum ersten Male gdruckt Werder, sollen. Wie tvir von anderer Seite erfahren, ist nt Amerrla bereits eine Bewegung zu dem Zwecke im Zuge, daß der Nachlaß' Nordaus 'nicht verstreut, sondern in seiner Gesamtheit für eine öffentliche jüdische Bibliothek erworben werde. Dekabristen bereits klar wurde, daß die Regierung -im Wege der Spionage -über alle ihre Absichtett -mt-t-err-i-chter sei und die Anführer verhaftet werden sollen. -Sie rechneten noch -im letzten Attgeublick, durch ihren aufopferungsvollen Kampf einen Teil der Truppen mitreißen und durch unerwartete Umstände vielleicht dett Sfaatsstreich voll-' ziehen zu können. Dieser Versuch mißlang jedoch und Nikolaus der Erste setzte sofort nach seinem Reg-ierungs. antritt 'mit den schärfsten Repressalien ein, mit die retz-olm tionäre Bewegung zu -ersticken. * Es ist klar, daß die Dekabristen bei der Benrieiln-nü.- der von ihnen geplanten Reformen zur Verbesserung dev Lage der Bevölkerung und zunt Umbau des russischen Sfaatswesetts, steh auch mit der Jndensrage beschsiftigen mußten. Iusbesouders waren es die Führer dieser Bewegung, die in ihreu .Schriften die z.u.künftige S'taarss-c.r-ut Rutzfands behandelten und daher sich ver-aulaßr sahen, auch -ihre Stellung zur Lösung der Iudenftage zu präzisieren. Rußland und das mit ihur vereinigte Königreich Pölert der fügten in j-enett Jahren bereits über mehr als zwei Mllionen Juden, Heren politische und wirtschaftliche Lage sicherlich tticht glänzend ge'wdsen ist.- Abgesehen von Veit zahllosett Rechtsbeschrä-nkuttgen, lebten die damaligeuj-üdischen Massen in einem fast nnbeschrerb-lichen Elend. Zahlreiche Intellektuelle der damaligen -rnsfischett Gesellschaft -beschäftigten sich in ihren Schriften und Diskussionen mit der Iudenftage. Boneiner liberalen -Auffassung waren die meiisten 'entfernt, ja selbst die radikalsten Reformer unter den Dekabristen waren von einer geradezu ant-is-emitische-n E-instellung nicht frei. In dieser Hinsicht ist ein wesentlicher Unterschied zwischen der nordischen und südrussischen Gesellschaft zu merken. Während der Führer der nordischen Gesellschaft, Niklta Murawsow, in seinem ersten Berfassungsentwurf den Juden politisch.' Rechte in be-nt ihnen zügelt)lesenen Anstedlnugsrayou sichern toill, verfangt er in der zweiten »Fassung seines Berfasstutgs- Projektes die Ausdehnung der politischen Rechte auf filmt* liche jüdische Einwohner Rußlands und deren Gleich stellung mit der übrigen nichWdrschen Bevölkerung. Wenrt auch von dem geistigen Führer dieser Gruppe, dom sin der Beurteilung säuttlicher Fragen liberal denkettden Nikolaus T u r g -e n j e -w keine deutliche Stellungnahme zur Indenfrage bekannt ist, so kann matt doch aunchmen, daß er ebenfalls für eine Gleichberechtigung der Ju-deu eing-etrete» Gr da er in allen -seinen ReformvorWigeii ans den Au-