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Wiener Morgenzeitung · 1926-01-02 · Heft 2464 (2.1.1926) · p. Seite 5

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Journal
Wiener Morgenzeitung
Volume
8 (1926)
Issue
Heft 2464 (2.1.1926)
Date
1926-01-02
Page
Seite 5 (sequence 5)
Language
German
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Nr. 2464 Wien, GamStag Honanditr«ue 14 daß er die Ausrufung der jüdischen Republik verlangen würde.) LS war eine Friedensfahne, aber daß sie an dieser Stelle und in dieser Stunde wehen durste, war nicht zuletzt jener anderen Fahne zu danken, die hinter ihm stand, jener zwar englischen, aber von Juden für jüdische Freiheit getragenen Fahne, die man jetzt nach Jerusalem gebracht hat. Hüten wir uns, daß wir nicht den Respekt verlieren und den Instinkt für große Momente, auch wenn un- Kleinmut, Aengftlichkeit und selbst theoretische Fortentwicklung von einem bestimmten Weltanschauungssvstem den klaren Blick dafür stören. Hüten wir unS, daß wir nicht im erfreulichen Streben, uns von nationaler Eitelkeit freizuhalten, auch jene Dinge nationaler Würde opfern, ohne welche kein Zionismus je möglich gewesen wäre. Niemand hier im Lande denkt daran zu provozieren. Auch wäre es schon viel zu viel gesagt, wollte man lagen, daß alle, die den Fahnentag als einen großen Tag empfunden haben, daß alle, die dem Revisionismus zu seinem Erfolge verholfen haben, große politische Konzeptionen im Kopfe hätten. Sie alle bringen nichts anderes zum Ausdruck als ein Minimum von Gefühl für Würde, Selbstachtung und Selbstschutz. Man kann nicht predigen, daß mit dem Zionismus das Ende der jüdischen Feigheit, Duckmäuserei und Kriecherei gekommen sei und gleichzeitig ausgerechnet vom palästinensischen Juden verlangen, daß er alle diese Eigenschaften zur Hilfe rufe, um den gegenwärtigen Zustand Palästinas zu ertragen. Das Bestreben, jeglichen Anstoß, jegliche Kollision, jegliche Aufreizung zu verhindern, ist groß, und es herrscht hier durchaus viel Besonnenheit und klare politische Vernunft. Aber es herrscht auch das elementare Gefühl, daß der ziffernmäßig erstarkt Jischuw aus sich heraus einen adäquaten Schutz braucht, auf den er sich im nie gewünschten Notfälle auch wirklich verkästen kann. Gerade wer bei den Arabern den Eindruck vermeiden will, daß w>r nur im Schutze englischer Bajonette hingekommen sind, darf sich nicht zu sehr in eine Mentalität hineinfügen, welche untätig die Hände in den Schoß legt, um sein Schicksal völlig diesen Bajonetten anzuvertrauen. Es wirkt sehr eigen auf Zionisten, wenn Engländer im englischen Parlament darauf Hinweisen, daß die englischen Truppen in Palästina ungenügend seien, und daß die Landespolize: die gleiche unzuverlässige Zusammensetzung aufwejse wie die syrische, mit welcher man so schlechte Erfahrungen gemacht habe — warum sollen eS nur Engländer fein, die um den Schutz des Bestehenden besorgt sind, warum nicht auch Zionisten? Mag man die Gefahr groß oder klein einschätzen, wer darf dem in den Arm fallen, der sich schützen will? Und wer darf sich Wundern, wenn eine Palästinensische Jugend einen Zustand verlangt, wo solche Fragen des Selbstschutzes in aller Offenheit geregelt werden, ganz einfach weil es unwürdig ist, darüber nur flüstern zu dürfen? Hier handelt eS sich schon nicht mehr um schlechtere oder bester« Taktik, sondern um ein elementares Recht, das wir zu beanspruchen haben. Bergeßt nicht im Galuth, daß Palästina inzwischen ein ganz reales und lebendiges Land geworden ist, daS sich nicht von europäischen Redaktionen aus regieren läßt. .Das Entstehen von sozialistischen oder imperialistischen Parteien in irgendwelchen Ländern wird immer taktische Fehler mit sich bringen, aber wenn sie entstanden sind, muß man mit ihnen rechnen. Hier in Palästina muß man mit einem Erstarken des Nationalgefühles rechnen, und dies um so rascher, je mehr die Engländer dazu neigen, zwischen sich und uns jene Kluft aufzutun, welche sie stets zwischen sich und den „Natives" haben wollen. Man soll verhindern, daß dieses Gefiihl mehr verlangt als es erreichen kann, aber ein Aufenthalt von einigen Monaten im Lande zeigt einem, daß man, viel mehr erreichen kann, als man verlangt — und daß man oft nicht einmal gelernt hat, jene ganz primitiven Dinge zu verlangen, bei denen es überhaupt kein ängstliches Schielen nach links und rechts geben darf. So ist das Programm eines bis ins letzte friedlichen, aber durchaus selbstbewußten ZioniSmus zu verstehen, eines Zionismus, der die Balfour- Deklaration mit keinen anderen Waffen als denen des Rechtes erzwungen hat, der aber, um sie zu schützen und zu verteidigen, vor keiner Waste zurückscheuen wird. Sichtbarmachung der elektrischen Wellen. Eine amerikanische Erfindung. Nach einer Meldung aus New-York ist denk Carnegie-Institut eine sensationelle Erfindung gelungen, nämlich die Sichtbarmachung der elektrischen Wellen. Auf dem Jahrskongreß des Instituts wurde nicht nur offiziell mitgeteilt, daß die funkentelegraphischen Wellen sichtbar gemacht werden können, sondern diese Mitteilung gleichzeitig verwirklicht. Mittels eines besonderen Apparate-, dessen Konstruktion strengstens gcheimgehalten wird, konnten die Wellen den Zuschauern in dem Augenblick sichtbar gemacht werden, da sie beim Funkturm des Jnsti.nts beim AuSjenden un* EntMennehmen 'niltrafen. Wiener MsrsenzettuE- S. gSnner 1SS8_ Mt» B Aus den Geheimnissen der Aitualmordhetze. »er »Wer Korolenko im Selllr-Prozeß. Der bekannte jüdische Advokat Dr. Oskür Grusenberg, der durch sein« erfolgreiche Verteidigung von Mendel BetliS in dem Ritualmordprozeh sich in aller Welt berühmt gemacht hat, lebt jetzt als Emigrant im Ausland, zum größten Teil des Jahres in Paris. Grusenberg, der auch politisch im zaristischen Rußland eine Rolle gespielt hatte, veröffentlicht ab und zu historisch sehr wertvolle Erinnerungen auS seinem ereignisreichen Leben. I« einem Almanach, der vor kurzem in Paris erschien, bringt Grusenberg interessante, bisher wenig bekannte Erinnerungen an den Anteil, den der große russische Schriftsteller Wladimir Korolenko an dem Kampf um das Recht des unschuldig beschuldigten Mendel BetliS hatte. Grusenberg er- Korvlen^ nahm sich der verfolgten BetliS an. Er wurde mein Mitarbeiter, richtiger gesagt, der Mann, der mich aneiserte, begeisterte, den mächtigen Protest der ruffischen gesellschaftlichen Meinung organisierte. Diesem Zweck diente auch" sein Aufruf, für den er die Unterschriften aller im Auslande lebenden russischen Schriftsteller, Gelehrten und sozial hochstehenden Persönlichkeiten gewann. Seiner Aktion war es auch zu danken, daß die französischen, deutschen und englischen Gelehrten und Publizisten den Kampf um das Recht durch Veröstentlichung von wissenschaftlichen Artikeln und juristischen Broschüren unterstützt und bekräftigt haben. Während der ganzen Zeit der Strafuntersuchung, die über ein Jahr dauerte, war Korolenko von dem Prozeß förmlich gefangen genommen. Es verging fast fern Tag, an dem er mich nicht telephonisch gefragt hätte: „Gibt es etwas Neues? Haben Sie dieses Buch, diese oder jene Broschüre gelesen?" Oder: „Ich bekam soeben einen Brief mit sehr interessanten Hinweisen und Daten. Sind Sie vielleicht jetzt frei? Ich komme sofort zu Ihnen." Fand in dieser Angelegenheit eine Besprechung mit dem Verteidigerkollegium oder mit Vertretern freiheitlicher Kultur statt, hat Korolenko keine dieser Besprechungen ausgelassen. Cr mußte immer dabei sein, mit seinen Ratschlägen eingreifen, seine Wahrnehmungen bekanntgeben. Es kam der Termin der Hauptverhandlung und es galt, nach Kiew zum Prozeß zu fahren. Die Aerzte untersagten Korolenko, besten Gesundheit sehr geschwächt war, die Teilnahme an den Gerichtsverhandlungen und warnten ihn davor, sich so lange anhaltenden Aufregungen auszusetzen. Er erklärte, folgen und in das Poltawaer Gouvernement zur Kur fahren zu wollen. Es war klar: Die Aerzte haben gesiegt und Korolenko wird nicht nach Kiew kommen. Am dritten oder vierten Tage der Verhandlung bemerkte ich plötzlich, wie mir. Korolenko mit seinem charakteristischen Kopf fröhlich zuwinkt. In der nächsten Pause trafen wir uns und es hatte sich herausgestellt, daß er seine ganze Familie mobilisiert hatte; alle waren zur Verhandlung nach Kiew gekommen. Er war stolz darauf, daß er pünktlicher zu den Verhandlungen erschien als die Journalisten und selbst als die Verteidiger. Sicherlich war keiner im Saal, der dem Verlauf der Verhandlung mit solch gespannter Aufmerksamkeit gefolgt wäre, als Korolenko.. So oft es ihm möglich war, kam er zu mir herunter, munterte mich auf, spornte mich an, sprach mir Mut zu und teilte mir seine Beobachtungen mit, die ich für die Verteidigung ausnützen konnte. Eines Tages war Wladimir Galaktionowicz (Korolenko) plötzlich verschwunden. Nach drei Tagen tauchte er wieder auf. Was war geschehen? Er hatte inzwischen eine eigene Untersuchung über die Geschworenenbank angestellt, die seiner Meinung nach eine so „graue Zusammenstellung" erfahren hatte. Mit besonderer Hingabe studierte er während dieser drei Tage die Geschworenenlisten und die verschiedenen Gerichtsabteilungen, nahm hiezu auch andere der Sache treue Personen m Anspruch, sie studierten die Geschworenenlisten der letzte« zwei Jahre und so kamen sie zu dem Schluß, daß die Zusammensetzung der Geschworenenbank im Prozeß Beilis eine künstliche war und mit Vorbedacht erfolgt ist. Einige Tage spater trat Korolenko mit einem iornv lichen Anttageartttel gegen das Gericht auf, m welchem er den Gerichtsbehörden vorwarf, daß sw den Gang des Prozesses von vornherein zu beeinfluss e n trachteten. Bald darauf brachten die Blätter die halbamtliche Meldung, daß gegen Korolenko wegen Verbreitung falscher Nachrichten, die geeignet erscheinen, Haß und Verachtung gegen die Regierung zu erwecken, der Prozeß angestrengt werde. Es kam der letzte Entscheidungstag im Prozeß. Koro» lenko, fast gebrochen vor Aufregung, flüstert mir mit zitr ternder Stimme zu: Er sei gestern durch die Kiewet Bazars gegangen, sei Ohrenzeuge von Gesprächen ge. wesen, in denen die Leute einander aufmunterten, sich mit großen Säcken und Tüchern zinversehew denn, sobald Beilis verurteilt sein wird, werde' die Plünderung jüdischer Geschäfte freigegeben werden. Er wartete auf das Urteil mit nicht geringere- Ungeduld als ich selbst. Damals wußten wir noch nicht, daß, was ich nach der Februarrevolution aus den geheimen Polizeiarchiven ersehen konnte, die Gendarmerie im Einverständnis mit der Justizverwaltung in das Zimmer der Geschworenen einen als Wächter verkleideten Gendarm gefetzt hatte und so von jedem Worte der Geschworenen über das voraussichtliche Urteil, das sich bei ihnen im Laufe der Verhandlungen herausgebildet hatte, informiert wurde. Wir wagten gar nicht daran zu denken, daß der Staatsanwalt Czaplinski und der Vorsitzende des Gerichtshofes, B o l d i r e f f, sich zu einer solchen Gemeinheit hergeben würden. Aber Korolenko mit seiner überaus scharfen Empfindsamkeit und geradezu übernatürlichen Beobachtungsgabe, hatte es förmlich herausgespürt, was die Regierungsorgane auf Grund ihrer geheimen Meldungen erfahren hatten. Beilis ist verloren. Als die Geschworenen sich zur Beratung und zut estsetzung deS Urteils in ihr Zimmer zurückzogen, sagtorolenko: „Ich spüre Leicheugeruch." Aufgeregt horchte er auf die Gasse und auf die Demonstrationen der bereits ungeduldigen Sieger. Auf dem Platz, auf welchem das GerichtsgebLude war, steht auch eine Kirche. Während die Geschworenen berieten, begann in der Kirche ein Requiem für die Seele des ermordeten Juszinski. Die gesamte Beamtenschaft war in Uniform und mit Schwertern in der Kirche und eilte nach dem Requiem in das Gerichtsgebäude, um anwesend zu sein bei dem Urteilsspruch, dem sie in Prn radeuniform die entsprechende Folie bieten sollte. Aber die einfachen Bäuerlein unter den Geschworenen wollten die Schmach nicht auf sich nehmen und störten der zaristischen Macht das geplante Volksfest. Allerdings — eS war ein Wunder geschehe«. Wie sich herausgestellt hatte, ergab die erste Zählung der Stimmen sieben Stimmen. gegen und fünf kür Beilis. Als jedoch der Obmann der Geschworenen daran schritt, die endgültige Abstimmung festzustellen, erhob sich ein Bauer auf der Geschworenenbank, schlug vor dem Heiligenbild das Kreuz und erklärte laut und fest: „Ich will meine Seele nicht mit einer Sünde belasten. Nichtschuldig!" Am selben Abend noch sah ich Korolenko. Er freute sich wie ein Kind. Er war glücklich, doch wie er sagte, nicht nur wegen Beilis, sondern auch deshalb, weil er abermals in feinem Glauben an den gesunden Sinn des einfachen Volkes bestärkt worden war. Haarmann» Komvl ce. Der neue Prozeß Graus. Die SchwurgerichlSverharrdlnng gegen den Kaufmann HanS Grans, dcn Kompliren des h'ngerichteten Massenmörders Haarmann, ist. wie unS aus Hannove v gedrahtet wird, auf den 12. Jänner festgesetzt. Für die Verhandlung sind drei bis vier Tage vorgesehen. Hie We tenbammt«. Ein« Warnung der Berliner Polizei. In der jüngstelt Zeit tauchen in allen großen Städten immer mehr „W e l t r e i s e n d e z u F u ß" auf, di« da und dort bereits unliebsames Aussehen erregten. Wie nun die Berliner Polizei feststellt, sind diese Weltenbummler meist unbemittelt und ohne Ausweispapiere. Die verkaufen P o stkarten mit ihrem Bil- oder musizieren, um sich die Mittel zur Weiterreise zu verschaffen. Be, der Mehrzahl dieser Leute handelt es sich um e i n e A r t L a n d st r e i ch e r t u m, dem im Interesse der öffentlichen Ordnung und Sicherheit größere Aufmerksamkeit geschenkt werden muß. Oft sprechen diese „Weltreisendön" bei den Behörden vor und wollen ihre Anwesenheit in dem betreffenden Ort bescheinig! sehen. Dieses Sammeln von Unterschriften und amtlichen Stempeln birgt aber die Gefahr in sich, daß solche zur Herstellung falsches Ausweispapiere verwendet werden. Die Berliner Polizei hat deshalb angewiesen, solchen Personen keine amtlichen Bescheinigungen mehr auszustellen und auch das Reisetagebuch nicht amtlich abzusiempeln. Auch dürfen sie Postkarten und Drucksachen ohne polizeiliche Erlaubnis nicht mehr verkaufen. Endlich werden Weltreisende, die eine feste Wohnung nicht Nachweisen können, e i n g e l i e f e r t und dem Richter vorgeführt werden. Arme Weltenbummler! Die gmubefftet orgunifisnn einen Wohnung? uaAmei«. Rur für Bodenständige! Die Hausbesttzerorganisationen sind nicht gewillt, den Erlaß des Bürgermeisters, wonach eine Anmeldepflicht für alle freiwerdenden Wohnungen statuiert wurde, widerspruchslos hinzunehmen. Sie werden vielmehr alle gesetzlichen Schritte unters nehmen, um diese Verfügung rückgängig zu machen. Die Hausbesttzerorganisationen wollen die Verteilung der freiwerdendeu Wohnungen selbst die Hand nehmen und haben, wie die Korrespondenz Herwei berichtet, an die einzelnen Organisationen folgende Richtlinien herauSgegehenr

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