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Wiener Morgenzeitung · 1926-01-01 · Heft 2463 (1.1.1926) · p. Seite 3

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Journal
Wiener Morgenzeitung
Volume
8 (1926)
Issue
Heft 2463 (1.1.1926)
Date
1926-01-01
Page
Seite 3 (sequence 3)
Language
German
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Kr. 2463 Wien, Freitag VORM. MALOWAN & FRANZ >.. OPERNRING 23 TEL. 72-84 «M Wiener Morgenzeituna 1. Jänner 1966 Seit« - Der Sberftaatsmwalt Mali»». Die Sejm-Intervellalion über die Steiger-Wiire. MALOWAN BRINGT INFOLGE ÄUSSERST GÜNSTIGEN ABSCHLUSSES EINE GROSSE POST HOMESPUNSCHALS IN DEN HERRLICHSTEN FARBEN ZUM PREISE VON S 35.- SOWIE SCHWERSTE REINSEIDEN¬ BINDER um S 9.50 Oesterreich muß sich gegenüber der Hochschützzollpolitik 'einer Nachbarn seiner H?.ni mehren. Im einzelnen verlang! der Programmemivurf: 1. Hei aller Anerkennung der Notwendigkeil verschiedener finanzieller Stützpunkte in! Ausland hat das österreichische Boltsvermögen in erster und letzter Linie der ö st e r r e i ch i s ch c n Volksw i r t s ch e. f t zu dienen. 2. Tie U r p r o d n k i i v u inklusive Landivirtzchaft ist bis in das Aeußerste aus zu bauen. Tann wird es der ft inalindu st r i e möglich sein, durch weitgehendste Veredlung das hochwertigste Hinalprodukr zu schassen und zu -exponieren. 6. Mir Ausnahme der Bundesbahnen, Stamsforste, Talinen und Tabakregie soll der Traar selbst Beteilig u ng e n au Unternehmungen vermeiden. ^rs speziell die Tarife der Bahnen anrelengt, so müssen diese den Konsum.inländiicher Produkte und Erzeugnisse sowie den E y p o r l ö s> e r r e i ch i s ch e r P r o d n 11 e n u e E r z e u g n i s s e b e g ü n st i g e n. 1. Es muß zwischen dem T r a n i i t h a n d e l und dem Handel, der sich mit inländischen Produkten behufs Absatzes im Hu- und Auslände besaßt, und dem Exporthandel unterschieden werden. Tie ersten beiden K a t e g v r i e n sind ü ä ri st e n s z u f ö r d e r n. 5. Die B e r e i n h eit! i ch u n g des ‘Bleue r-, A bgäbe u- und Geb ü h r e n w c s e u s im Auge haltend, nmß heute schon die möglichste Entlastung der Wirtschaft durchgeführt iverden. 6. Tie Konzentration sowohl auf dem Gebiete des Kapitags sowie der Industrie ist stärkstens zu födrern. 7. Tie aus der sozialen Gesetzgebung sich ergebenden Pfichten müssen erfüllt werden ohne Kapitalsaufzehrung oder Kapitalszerst'örung. An diese Ausführungen schloß sich eine Debatte, die zu den Details des Programms Stellung nahm. Es wurde die volle Einigkeit festgestellt. Jer burgenlSndlsche Landlos. 3n der gestrigen Sitzung des burgenländischen Landtages wurde die Neuwahl des e r st e n Präsidenten und des L a n d e s h a u p t m a n it c s vorgenommen. Der bisherige Präsident B r u g n a k (Sozialdemokrat) und der bisherige Landeshauptmann Rau Hofer (christlichsozial) wurden w i e d e r g e w ä h l t. Nach Annahme eines e i nin o n a t i g cn B u d g e t p r o v i s o r i n m s und zweier kleinerer Vorlagen, vertagte sich der Landtag bis zum 7. Jänner 1920. Wir haben berichte!, daß der jüdische Klub des Warschauer Sejm mit Unterstützung der Sozialdemokraten und der Thugntt-Partei an den Justizminister eine Interpellation gerichtet hat, die die Rolle des Lemberger Oberstaatsanwaltes Mali na im Verlaufe der Steiger-Affäre beleuchte:. Die Interpellation, die und vorliegl, ist eines der bodeutungsvollsten Dokumente der Zeitgeschichte. Die Anfrage besagt: Der Prozeß, der wegen des Atlentats auf den Staatspräsidenten in Lemberg 15 Monate lang geführt wurde, endete damit, paß die Geschwornen ein F r e i s p r u chs v c rd i t l für den Beschuldigten Stanislaus Steiger erbrachten. Jetzt, nach dem Urteil, ist es Pflicht, den verantwortlichen Faktoren des Staates alle Tatsachen bekanntzugeben, damit die Atmosphäre gereinigt werde. Wir stellen fest, daß Oberstaatsanwalt M a l i n a einige Tage nach dem Attentat ans Grund einer kurzen, oberflächlich durä-gesilhrten Untersuchung den Antrag gestellt hat, Steiger vor ein Standgericht zu stellcn. Die „Taktik" des Oberstaatsanwalts Malina ging parallel mit der Haltung und der Aktion der Lemberger Kriminalpolizei sowie mit der öffentlichen Propaganda eines gewissen Boulevardblattes, der „Gazeta Eodzienna", welches dank seiner in Lemberg allgemein bekannten guten Beziehungen zum Oberstaatsanwalt Malina genaue und ausführliche Einzelheiten aus den geheimen Atten der Staatsanwaltschaft und der im Zuge befindlichen gerichüichen Erhebungen veröffentlicht l)at. Mitte Dezember 1921 erhält Oberstaatsanwalt Malina von der Kattowitzer Polizei die erste Miltcilung, daß ein gewisser Theofil Olschansk: vor den deutschen Behörden in Beut h c n das Geständnis abgelegi habe, daß er das Attentat ans den Präsidenten in Leniberg verübt l)at. Oberstaa:samvalt Malina verschwieg jedoch dieses Faktum und >varf den ganzen Olfchanski-M unter andere Aktenstücke, die für den Prozeß nicht in Betracht kamen. Das ist besonders interessant, wenn man in Betracht zieht, daß Malina sich persönlich sehr stark für den Steiger- Prozeß interessiert hatte, daß er selbst die Anklageschrift verfaßte und dem Staatsanwalt, der die Anklage im Prozeß vertrat (H r y n i w i c c k i), die Weisungen gab. Malina hat schon während der Schlnßverhandlnngen vor dem Schwurgericht auf Grund anonymer telephonischer Denunziationen eine Untersuchung gegen den armen Schokoladenhändler und extremreligiösen Juden Adolf P i n e l anbefohlen, um ferne diePa st ernak st arkkompro mittier endeZeugenaussage wertlos zu machen. Bier Haussuchung e n wurden bej Pinol vorgenommen, sechsmal wurde er in brutaler Weife zur Polizei geschleppt, mehrfach wurde er körperlich mißhandelt. Welch großes Interesse Malina an der .Hauptzeugin der Anklage, Pasternak, genommen hat, geht aus der in der Kriminalgefchichte beispiellosen Tatsache hervor, daß, als die Pasternak eine ältere Dame, die Frau eines bekannten Lemberger Lldvokaten, anzeigte, sie habe ihr beim Betreten des Gerichtssaales einen Schlag aus den Kopf versetzt, Malina persönlich sofort ein Protokoll aufsetzte, in welchem er die erwähnte Dame beschuldigt, einer Zeugin bloß aus dem Grunde, »veil sie gegen Steiger ausgesagt habe, eine schwere körperliche Beschädigung zugefügt hätte. Malina wurde nicht nur von den Lukomskis, Kajdan», den Führern der Lemberger Kriminialpolizci, sondern auch vom Untersuchungsrichter Rudka unb seinem Gehilfen Piotrowski in seiner Taktik unterstützt. Offiziell hieß es, daß die Untersuchung von Rudka geführt werde und Piotroswski bloß der Protokollführer sei.'In Wirklichkeit hat jedoch Piotrowski häufig Rudka vertreten und aus dein Protokollführer ist Piotrowski im Laufe der Untersuchung in der Steiger Affäre oft in einen Untersuchungsrichter oder iictt;aei in einen Diktator verivauvelt worden. Es haben sich unglaubliche Tatsack)en ergeben; es law: zum Beispiel eine Person, die der Anklagevertrekung nicht bequem war. Rudka und Piotrowski wirken nun ans die Person ein, daß sie ihre Aussagen zu rrngunsten Steigers ändern möge. Das geschah mir Mikitin und vielen anderen. Während des Prozesses wurden skandalöse Dinge ausgedeckt. Es erwies sich nämlich, daß der Untechlchungsrichte' und sein Gehilfe die Protokolle über Zeugenaussagen gefälscht lMcn, einige Tepositionen, welche ihnen unbequem »oareu, einfach vernichteten, aus die Zeugen mit judenfeindlichen hetzerischen Argumenten einzuwirken suckten, mit den Zeugen von einer jüdischen Maffia sprachen, welche die polnische Gesellschaft mir ihrem Netz um» spannen wolle. Aber nicht bloß die seinerzeit beschuldigten und schließlich freigesprochenen Jäger, Glasermann, Kornhaber, Dwornicki und andere wußten diese Dinge über Rudka und Piotrowski zu erzählen, sondern auch eine ganze Reihe von Zeugen in den Prozessen Jäger und Steiger erklärten unter Eid, daß Piotrowski entweder persönlich oder in Anwesenheit und unter aktiver Beteiligung RuÄkas Steiger so wie die übrigen Beschuldigten und Zeugen bewußt mit Drohungen einschüchterten, zu Protokoll gegebene Erklärungen «bänderten und schließlich den Zeugen wieder andere Texte vorlasen, als sie im Protokoll enthalten ivaren. In »der GerichtsverhaMung führten hierüber sehr viele Zeugen Klage. Es genügt, hier die Namen der Polizeiinspek toren Piotkiewiecz und Savicki anzusühren, welche klipp und klar erklärten, daß sie für den Inhalt der Untersuchungsprotokolle keine Verantwortung übernehmen können. Das sind Zustände, die in einem Rechtsstaat unmöglich sein sollten. Es ist unmöglich, im Rahmen einer In:er. pellation alle Grausamkeiten und Rechtsbeugungen, Rechtsverletzungen darzustellen, die von der Staatsarrwaltschaft, der Polizei und den Untersuchungsrichtern verübt worden sind. Nach einer eingehenden Schilderung der Ungeheuerlichkeiten in dem Prozeß gegen MikiHn und die Lemberger Juden werden dann an den Iustizm-imster die so!' genden drei Fragen gestellt: 1. Sind dem Minister die geschilderten Tatsachen und der gesamte ZustaM der Akten in den Prozessen gegen Jäger, Kornhaber uwd .Glasermann sowie gegen Steiger bekannt? Aeirn atten Schneersohn in Shedera. Aus einem Pulästmatagvbuch. Von Otto Abeles. Zu der weiten, heißen Ebene glänzen zwischen verwandten Kräutern die Hügelchen geernteter srischgrüner Melonen. Man füllt Säcke und Körbe mit der köstlichen, labenden Frucht. Was sie in diesen Breiten und zu dieser Jahreszeit snach vier regenlosen Monaten) bedeutet, konnten wir eine halbe Stunde später in Ehedera ermessen, beim Melonenschmaus am Wirtstisch des alten Schneersohn. Das Glockenläuten unendlicher Kamelzüge — wie marschierende Rekruten am Exerzierfeld, die ans allen Richtungen zur Vergatterung konzentriert werden, streben sie „ausgcrichtet" der Bahnstation zu — zeigt die Nähe einer großen Siedlung an. Dann ist noch eine zähe, zimmtrote Sanddüne zu überwinden, welcher kein Auto gelvachsen ist und die Ehedera wie ein Panzergürtel umschließt. Traurig, wie der Wienerwald am Rande der Stadt zu Kriegsende aussah — oder wie ein Kamm, den! die Hälfte der Zähne fehlt — steht ein Enkalhptnshain da und man hat während des mühseligen Stapfens durch den grundlosen Scmd Muße, die Verwüstung zu überblicken, die hier die militärischen Operationen verursachten. Um so überraschender der Anblick des Dorfes. Weiße! Bauernhäuser mit grünen Fensterläden und roten Ziegel- ’ dächern, von hellgrünen Baumkronen überragt und spitzen j Zypressen begleitet, die wie frohe Ausrufungszeichen in der Landschaft stecken, Pferde bei der Tränke, Rindvieh vom Weideplatz heimkehrend, Mädchen an, Brunnen, die Gartenzänne in den Dorfstraßen gepflegt, die Gemüsebeete sauber, auf einer Anhöhe die schmucke Zeile der Jemenitelchänser, im Hintergrund ein blauer Küstenstreisen — üppige, reiche Oase im verdorrten, lechzenden Land. * Die ersten, welche anno 1801 cmv Rußland hieherlamen, laben dieses Bild der Fülle und gesegneten Arbeit nur in ist'en Fiebertränmen gesehen. Der Pesthauch der nahen Sümpfe traf sie alle, hat viele zur Strecke gebracht und die meisten vertrieben. Aber sie haben eine halbe Million Eukalyptnsbäume gepflanzt, bevor sie niedersanken oder vor der Malaria flohen und die nächsten konnten hier Häuser bauen, säen und ernten, Kinder ansziehen, weil die Banmpflanzungen die Erde entsumpft hatten. Der alte Schneersohn, breitschultrig, weißbärtig, rotbackig, Stammvater einer neuen Banerngeneration, sitzt mit uns bei Tisch und erzählt mit Bauernstolz von diesem Dorf. Was er von der Anfangszeit berichtet, erinnert mich an die Mitteilungen des Kolonisten Boge aus Mozah, die Theodor Herzl am 5. November 1898 nach der Audienz beim deutschen Kaiser zu Jerusalem in sein Tagebuch eintrug: „. . . Einmal, als die Reben zn treiben ansingcn, kamen nachts Rehe und fraßen die Triebe ab. Da legte er sich in drei Nächten hinaus mit dem Gelvehr, obwohl es da oft Hyänen gibt, und er tat kein Ange zn, um nicht von den Hyänen überrascht zn werden. Wann ward ein Boden heldenmütiger erobert?" In Ehedera mußte der eroberte Boden späterhin nochmals verteidigt werden. Anlaß, davon zn sprechen, gibt mein Begleiter von der Kwnzah Chefzibah aus dem Emek. Diese Kwuzah trägt ihren Namen, nach der Kolonie, in der sie ihre bitterste Schulzeit absolvierte und die nächst Ehedera an der Küste liegt. (Der vorgeschobene Posten mußte wegen mörderischen Fiebers aufgegeben werden.) Beim Angriff verhetzter, räuberischer Banden ans Ehedera kamen die Pioniere von Chefzibah und organisierten die erfolgreiche Abwehr. Mein Freund Löbl, heute einer der wertvollsten Söhne des neuen Jischuw, hatte das Kommando übernommen. Soweit — dem Himmel sei's geklagt — reichen die Tagebücher des Führers nicht, daß er auch hätte vermerken können, wie eine neue Generation, seine neue Judenjugend, die Alten, früher ins Land Gekommenen, mit ihren Leibern schützten. Gestern nachts in Haifa, es war eine herrliche Nacht, eine Bollmondnacht, wir hatten um die elfte Nachtstunde im Meer gebadet iurd ich saß oben ans der Hotelterrasse am Karmel, die Bäume warfen scharfkantige Schatten auf den weißen Abhang und das Meer glich einer Milchflut — gestern unterbrach ich die Lektüre von Herzls Logbuch bei der Emtragnm vom 2. Mai 1901. Sie lautet, diese erschütternde, angstvoll» Feststellung des Herzkranken vor seiner letzten Kraftanstren gung: „Heute bin ich einmrdvierzig Jahve alt. Der Wind saust durch die Stoppeln, , Ich muß meinen Schritt verdoppeln..." . # Ich besinne mich, daß ich nicht bei Reminiszenzen weilen darf, über neueste Entwicklung zu berichten habe. Ist diese nach alten Methoden gegründete Kolonie organischen Wachstums fähig? Beschäftigt sie jüdische Arbeiter? Wie sieht's mit der zlveiten und dritten Generation aus? Schneersohn antwortet lächelnd: „Soweit es auf uns an kommt, werden sie zufrieden sein. Die Einwohnerzahl von Ehedera ist seit 1921 auf das Doppelte gestiegen. Von 600 auf 1200 Seelen. In den letzten zwei Jahren allein tarnen 500 hinzu. Wir erwarten in den nächsten Tagen acht neue Familien ans Polen. Unsere Söhne wandern, nicht ab, wie die einiger anderer alter Kolonien, trotzdem wir zu Wohlstand gelangt sind. Alle blieben auf der Scholle. Wir haben vierzig Jemenitenfnmilieu bei uns angesiedelt und beschäftigten in diesem Jahre 250 jüdische Saisonarbeiter." (Selbstverständlich — leider - Iverden auch hier noch arabische Arbeitskräfte in großer Zahl herangezogen.) „In diesem Jahre hat sich unser Bodenbestand um 800 Dnnam Bojaren vergrößert. Hier wäre noch viel tauglicher Boden zn erstchen, aber — Sie wissen es doch - die Preise sind unerschwinglich geworden. In der kurzen Spanne Zeit von drei Monaten ist in unserer Gegend der Preis des Dunam von vier Pfund aus zehn Pfund gestiegen. Wer kann das zahlen? Und doch melden sich Käufer, überbieten einander, ermutigen die Bodcnwnchorer, es ist ein Jammer." Er wird zornig, der alte Schneersohn, die Faust schlag, hart auf den Tisch. Ussischkin, der Gestrenge, urteilte bei meinem Besuch in Jerusalem milder und war — nie sah ick ihn so — merkwürdig bewegt, teilnahmsvoll warn,, als e, über die Bodenfrage sprach: „Verurteilen Sie nicht voreilie

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