Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 8 (1926)
- Issue
- Heft 2463 (1.1.1926)
- Date
- 1926-01-01
- Page
- Seite 2 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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ife J 'TT'! :: ''vroitafl Wiener' Morchenzeltunjtz T Iannek IK. DDW'. Ungarns Gamieg. -- V. A.- t e!!. t. . 3\kifi eilt fvifd)C\, fnUilicncv Aivtou. '.Viii l^.eid fäljcliung kann man pan^c 'Armeekorps erjepen, mil falschen Noten alles Genio der Politiker und der'Dichter an der Wurzel ausdeden. Tie Regierungen halten Kon Kreuzen über die Sanierung der Welt, die Parlamente schwitzen sich ab, um zu irgendeiner brauchbaren For- .nel;u kommen. Alles bemüht sieb» int Zeitalter der Masscnwirkung den Pollern neuen TNul und neues Vertrauen zu geben. Und da komEcine Tisclirunde erprobtester Haderlumpen in Budapest auf das einfache Rezept, dieses Werk nicht zu stören, sondern in einem Schlammbad zu ersaufen. Tie fälschen Geld. Nickt etwa — (33ott soll hüten, es find ja vornehme Herren! —, um sich zu bereichern. Nein, um Rache für Trianon zu nehmen. Sie haben die Letzte des Preußen Bertthardi ganz genau ersaht. Der Krieg ist die Fortsetzung der Politik mit anderen Mitteln. Ein Mittel ist, wie man schon von Napoleon her weiß, die Fälschung des Geldes. Zn den chemischen Laboratorien arbeiten gelehrte Sklaven des Kriegsgottes an der Erfindung tödlicher Gase. Budapest verlegt sich auf den Frartkcn. Tie Sache sieht heute ein wenig komisch aus. Die holländische Polizei hat drei sehr hohe vornehme Herren erwischt, für die sich seit geraunter Zeit auch die französischen Detektivs lebhaft interessierten. Die drei sind geständig und geben alles preis. Im Haag laust ein Telegramm aus Budapest ein, an einen bet Triumuitn: „Komme sofort zurück, alles verraten!" Wer hat telegraphiert? Pariser, Amsterdamer Polizisten fahren nach Budapest. Tie Budapester Polizei ist peinlich überrascht. Sie kanu's nicht glauben. Sie untersucht und kommt nicht weiter. Sie sperrt einen Jüngling ein, der in einen: Damenmodegeschäst Iupons mit einer falschen Note befahlt hat. Die fremden Berussgenossen haben in ihren Notizbüchern die Namen der gar hohen Herren, die hinter der Geschickte stecken. Tie Budapester wischen sich den Schweiß von den Glatzköpfen: Unmöglich! In ihren Zeitungen beschweren sie sich über diese verdammten Fremden, die nickt locker lassen wollen. Die haben nicht eine Spur von Ritterlichkeit im Leib. Man kann nickts finden. Alle Spürhunde kommen betreten heim. Alles Talent ist bei der Rettung der Welt vor den Kommunisten vertan worden. Noch vor zwei Wochen wurde so Lärm geschlagen: Ungarn ist das Bollwerk, Anaarn wacht, Ungarn schützt die Kultur, den Frieden, die bürgerliche Ordnung und den Besitz. Hauptsächlich diesen. Tie Juden sind der Feind des Besitzes und der Ordnung und der Autorität und noch so vieler anderer Tinge. Die Juden bedrohen die Gesellschaft, sind samt und sonders Parasiten, revolutionäre Elemente, die die Welt nicht zur Ruhe kommen lassen. Ungarn hat es gezeigt, wie ntan sich ihrer erwehrt. Ungarn läßt sie nicht studieren, es sperrt sie ein, überliefert sie seinen Hejjas und Pronay und Osztenburg. Und wenn die Juden sich beschweren, dann redet Apponyi in siebzehn Sprachen, und schwört Klcbelsberg, daß alles nur eine wirtschaftliche Maßnahme sei! Die Polizei hält sie scharf im Auge. Und mittlerweile fälscht der Postspatkanendirektor Nagy, der zufälligerweise Vorstand der Erwachenden, dieser magyarischen Gralsritter, ist, Schecks, unb zwar aus patriotischen Motiven. Und mittlerweile hecken in einem Kasino ein paar Brüder vom apostolischen Doppelkreuz oder Skythen den Plan aus, wie ntan auch außerhalb des Globus ZÄeld für den Schutz der turanischeu Rasse beschaffen könnte. Der Platt ist einfach. Aber die Polizei in. Paris und int Haag ifi nickt eingespielt auf solche Dtnge und sie verhaftet. Sie ist so zudringlich, auch vott Budapest Pflichterfüllung zu verlaitgen. Nem, nem, '"ha! Das ist, so^heiter die Sache aussieht, doch eine verflucht ernste Sache. Sie war ja, in dieser oder in einer anderen Form stündlich zu erwarten. Magyarische Propaganda in der ganzen Welt, um den verleumderischen Gerüchten entgegenzuarbeiten. Magyarische Budgetschwindeleien, um den Bestand einer großen Armee zu verschleiern. Magyarische Spitzel in den Sukzessionsstaaten. um bei den Emigranten einzubrechen und Namenslisten zu stehlen. Was es an Koruption gibt, was Groß im Handbtrch für Untersuchungsrichter erzählt, das ist in Ungarn herrschendes Prinzip. Dieser Staat ist eine eirniae Gifthöhle und angefangen von dem vorthy, der seinen König fragt: „Was zahlen Sie für meinen Rücktritt?" (siehe Werkmann), bis zu dem ffeinen Dorfrichter, der Juden die Tabaklizenz wegnintmt, ist alles faul ttub morsch. Dieser Staat gibt sich als christlichnational aus. Er hängt seiner Verderbnis das Mäntelchen der Gesellschaftsrettung um und schickt Vertreter zu den Regierungen. Cr kann das wagen, weil ihn diese als gleichwertig ansehen. Er ist Mitglied des Völkerbundes, wahrscheinlich um auch dort die schwachen Punkte der Politik auszuspionieren. Er ist antisemitisch. So sieht der antisemitische Staat aus. Hier habt ihr ihn! Es ist gut, daß dieses Bild atu Ende des Jahres von Locarno enthüllt wird und daß dieses neue Stadium des Gaskrieges, der Vergiftung der Wirtschaft in einem Airtminafaft endet. Das HItler.»la1t elngeomtgnt. Mnchen, 31. Dezember. (Wolfs.) Der „Völkische hat mit heutigem Tage bis auf weiteres sein!<•£>». eingestelÜ. ArÄm NMer-sohen über amerikanisches Judentum. Sie Slnwandennigsbrstlmnungrn. — bar Krlmprotrlt. — Ne ikoaferear von Philadelphia. — ras blaue Vach. — Sie Milche» Atdeitrr. Anitta RLüller Eohen. tvelche an d"m amerikanifchi u > i i dt c u K o u g r c ß '.r.iitaltm und in zahlrcich-cn Stadleit Nordamerikas spraw. -.st soeben nach einem fast;wc nwncniaen AustiNtzalle in Amerika nach Wien zurückgekehrt. Einer unserer 'AU i [arbeitetnahm Ge legen Heu, mit Aniüa Müller Eoben über ehre amcr kanisclxn Eindrücke zu sprechen. Trotz der großen Anstrengungen dieser Tounee wird diese hervorragend.' jübifdjc Frau nach kurzem Aufenthalte in Wien und einigen Vorträgen in Deutschland nach E r e 3 Israel reifen und beabsichtigt ehestens wieder nach Amerika zu fahren. Einer großen Zahl von Ein. ladungen, die aus amerikanisch-jüdischen Kreisen an sie ergingen. konnte sie diesmal keine Folge leisten; sie Wt jedoch die dir.nt im amerikanischen Fudentniu für so wichtig und eoüGme! sprechend. daß sie diese Einladungen nicht unberüctsichiigt lassen mill. Nachstehend gebet: trnr die Aeußentngen Annta Müller-Eotzet's im lnotetttlidjert wieder: Wie Sie wissen, ging ich nach Amerika, um an den Beratungen des großen jüdischen Kongresses der amerikanischen Juden reilzunebincn. Es rvar ein jüdisches Parlament, vor welchem alle jüdischen Fragen zur Behandlung gelangten. Bor allem beschäftigte den Kongreß die Frage der Einwanderung nach Amerika. ES ist zu hoffen, daß die Beschlüsse, welche gefaßt wurden, eine Milderung der Einwanderungsgcsetze bewirken werden. Allerdings muß man berücksichtigen. Laß die gesamte Arbeiterschaft Amerikas sich gegen Einwanderungs erleichterungen wendet, mit Ausnahme der Konisektionsindnstrie, in welcher meist Juden und Italiener beschäftigt sind. Aber man hofft, Erleichterungen in der Hinsicht zu erwirken, daß .zumindest die Fa m i l i e n a n g e h ö r ig e n der bereits i m Lande wohnenden Inden d i e E i n w a n de r u n g s e r la u b n i s e r h a ü t e tt. Für sehr wichtig halte ich ferner, daß der Kongreß die große Bedeut ung der Delegation de I u i v e s erkannt hat, deren Bureau sich in Paris befindet. Der Kongreß hat sich dahin ausgesprochen, daß diese jüdische Delegation das w i ch t i g st e Instruinent i nt H a nt p s um die Erlangung der Minoritätsrechte ist. Für sehr wichtig und dankenswert halte ich es auch, -daß sich diebedeutsame Tagung ge.ge tt di e R e g ist ri erung der Ausländer mitaller S ch ä r s e a u sgcsprochenhat. Mas die Stimmung im amerikanischen Jüdetttunr anlangt, so kann ich Ihnen nur ans eigener Wahrnehmung bekräftigen, daß die Aufrollung des Krirnprojektes die A t m 0 s p h ä r e g e r e i n i g t ha t. T a S P r 0 j. k r d e r B e s i e d l u n g der Krim mit Jude n i st der K r i st a l l i s a t i 0 n s p tl n k i für alle P al ä st i n a f e i tt b e geworden. Klar und zutreffend waren insbesondere die Mußerungen von Professor C z ern 0 w i tz. Er sagte: ,M e n n man die Juden vom I u d e n t u nt w e g f ü h r e n w i l l, wie e s da s K 0lonisationsprojekt der Sotvjetregierung involviert, braucht man s i ch s nicht 15 Mill. D 0 l la r j ü d i s ch e 2 G e l d k 0 st e n lassen. Der Bund mit den Assimilanten kann dazu führen, daß m a n g e b u n d e n i st." Ich selbst erachte das Krimprojekt nicht für so groß, daß man daraus ausgehen müßte, es kleiner erscheinen zu lassen, als es tatsächlich ist. Mitte September fand bekanntlich eine Konferenz zwischen den Vertretern des Joint und des amerikanischen Zionismus zu Philadelphia statt, über die Sie ja in Ihrem Blatte ausiführlich berichtet haben. Man schloß Frieden und sagte, daß es eigentlich nie zwischen diesen beiden Gruppen einen Krieg gegeben habe. Ans dieser Konferenz wurde dem Joint für seine großzügigen Fürsorgeakt iomn der Tank ausgesprochen. Peinlich wirkte es, daß ein Beschluß der Konserenz, der sich aus Erez Israel bezieht, in dem offiziellen Zirkulare w e g g e l a s s e tt wurde. Er lautet: „Die Konferenz nimmt es als selbstvor.ständlich an, daß die amerikanische Iudenheit, wann immer man an sie herantreten wird, sich dem Palästinawerk zur Verfügung stellt." Die Weglassung dieses Beschlusses im Cvmmunigue soll, wie sich nachträglich herausstellte, bloß a u s ein M i ß v e r st ä n d n i s zurückzusühren sein. Das amerikanische Judentum hat ans mich einen ausgezeichneten Eindruck gentacht. Ter Amerikaner arbeitet bei Tag ungeheuer iinensiv, ab 6 Uhr aber ist er ein freier Mensch und für jede Anregung empfänglich. Besonders hervorzuheben ist der absolut gute Wille des amerikanischen Judentums, der trotz starker Differenzen in den Ansichten bei allen vorhanden ist. Dins jüdisdie Haus | as IQdische BlatiJ Ein Streiflicht auf den Geist des amerikanischen Judentums: In Ncw-Pork besteht ein b l a u e 8 B u ch, in dem alle Mitglieder der jüdisclM Gemeinde verzeichnet stnd. Bevor man einen Indett ztt sich einlädt, überzeugt man sich durch Einsicht in diesen jüdischen Gotha, wieviel er alljährlich für gemeinnützige Zwecke hergivt. Die Aufnahme, die ich in Amerika fand, hat mich tief bewegt und meine Arbeitskraft für das jüdische Volk verdoppelt. Ueberwältigend der Massenbesuch der zahlreichen Versammlungen, in denen ich sprach. Ich werde insbe sondere das A r b c i 1 e r p u b l i k u m des Massenmeetings von Detroit (der Stadt, in de.r sich die F 0 r d - Fc> b r i k c tt befinden) nie vergessen. Es war mir eine Genug tuung, daß in Amerika so viele jüdische Meuscheu ihre Existettz wieder anisgerichtet haben und in Freiheit leben, mit denen ich in der KrügSzeit und Nachkriegszeit durch meine Fürsorgeaktionen, in Wen und im europäischen Osten befaßt war. Die Liebe, die sie mir in Amerika eui gegen brachten, fyat mich tief gerührt. Eine besondere Stellung im amerikanischen Juden tum nehmen die Rabbinc-r ein. Sie sind tatsächlich Führer der Gemeinde. Freitag abends habe ich stets in einer Synagoge gesprochen. Für einen der wertvollsten Führer des Judentums halte ich Stephen Mse. Seine Predigten in der Carn>egie-Hall sind nich! uu-t von Juden, sondern fast in gleicher Zahl von Nichtjttdeu besucht. Ueberall hat man das Gefühl lebendigen Schaffens und großer B e.r a tt t w 0 r t u n g dem Judentum gegenüber. Charakteristi/sch für die Gewissenhaftigkeit der amerikanisch-'jüdischen Führer scheint mir zu sein, daß gerade Ma rsha ll es Ivar, der nach Baltimore kam, um den Zionisten über die Arbeit dc's Joint Rechen fchaft abzulegen, und sich über das palästinensische Aufbau werk folgendermaßen äußerte: „Palästina ist heute nicht mehr eine jüdische Frage, sondern die jüdische A tt t w 0 r t." Gin Bortrag der Frau Anitta Müller-Cohen. lieber Einladung der Zionistischen Sektion für die westlichen Bezirke 6-8 halt Frau Anitta Müller-Eohett einen Vo.rlrag über ihre Amerikareise, der Die nstag den lll. d., halibL Uhr abends, i-m Zeremonie n s a a l der neuen Hofburg stattfindet. Nachdem der Großteil dc>r Karten von den Mitgliedern der Sektion 6-8 vorausbostellt wurde, sind mit Mcksicht aus den geringen Fassungsraum des Saales, Karten sofort zu lösen. Vorverkauf ab 6. d.: Buchhandlung R. L ö w i t, 1. Bez., Notenturmstraße 22; Bücherstube M. Rath, 2. Bez.. Taborstraße Ala; Zion ist ische Se-kt iou 6-8, 8. Bez., Bennoplatz 1a. (Täglich von Wb 4 llhr bis halb 6 Uhr nachmittags. Telephon 2^-2-69.) PartetvolM oder Wirtschaftrdolttt! Dr. AhttrS Wirtschaftsprogramm. Aus einer Rede, die gestern Finanzminister Dr. A h 10 r in einer Konferenz christlichsozialer Mandatare des Landes Steiermark in Graz hielt, erfährt man nähere Einzelheiten über das sogenannte steirische Wirtschaftsprogramm, das ans der letzten Parteileitungskonferenz der Christlichsozialett Gegenstand schr lebhafter Auseinandersetzungen gebildet hat. Mit seinem Programm ist Dr. Ahrer in Wien bei seinen Parteigenossen nicht durchgedrungen, das M er selbst zu, jedenfalls haben er und die steirische Gruppe den Erfolg erzielt, daß Regierung und Mchrheitsparteien sich mit der Frage werden beschäftiget! müffen, was nun, ttachdem die Genfer Wirtschaflsaktion keinen Erfolg gezeitigt hat, getan werden muß. Doktor Ahrer stellte gestern selbst fest, daß es nicht gelungen sei, eine einheitliche Auffassung gegenüber einzelnen Punkten des Programms bei den außerhalb S t c i e r m a r k s stattfindenden Beratungen zu erzielen. „Was wir verlangen" — resümierte er — „ist bescheiden. Wenn dieses Programm nicht, so gebe man uns ei» anderes und wir werdet: dazu Stellung nehmen. Die Frage des Wirt^ schaftsprogramms ist. von den Steirern aufgezäumt, in diesetn Sinne eine prinzipielle geworden." Einleitend konstatierte Dr. Ahrer, daß die -Hauptziel« des Genfer Samerungswerkes, Stabilisierung der Währung und Herstelltlng des Gleichgewichtes im Staatshaushalt. 0, reicht sind. Bon der völkerbundanleihe sind noch 280 Millionen Schilling erübrigt worden. 'Nach dem Abschlüsse des Genfer Werkes trete elementar die berechtigte Forderung an die verantwortlichen Kreist heran: Was nun? In Erkenntnis dessett sei das Wirtschasis« prograntm ausgearbeitet worden, mit dem sich auch ein von der christlichsozialen Partei eingesetztes engeres Komitee bis in die letzten Tage beschäftigt ha^be. Seine Grundlagen sind beiläufig: Wirtschaftsreform. Alle p 0 l i t i s ch e n Parteien -uüssen sich auf dem Boden eines Wirtschaftsprogramnies finden. Oesterreich muß zeigen, daß es auch ohne Völkerbundkoutroll« auf eigenen Füßen gehen