Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 7 (1925)
- Issue
- Heft 2453 (20.12.1925)
- Date
- 1925-12-20
- Page
- Seite 4 (sequence 4)
- Language
- German
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f Mde 1, Wien, SomnklH Wierrer MorgeuzekLung 26. DgzeWr IM CAFE HERRENHOf I. Besirk, Herrengasse Nr, 10 NTFTTFli C A AI ” iüiUüill mAAIi fi 5-7 The -dansant fiotwuff: Architekt Karl Kt aus Ab 9 Uhr T&ittorcftester: Henry Pecht and ttis band Dance aprfcs souper ■MH Tanzarrangement: M artha Popper 9MMHHMHHM bewegung zu studieren, berichten, daß sie dorr eine sehr ernste Situation vorfand«. Jbn SaudS Ansehr» wuchs von Tag zu Tag und feine Armee gewinnt immer an Anhang. Sie fanden schon di« Ausätze einer organsierte« Verwaltung und dank gesunder finanzieller Ratschläge ein wirkungsvolles, gerechtes Abgabenjhstem vor. Ls herrsch.« auch die ehrliche Tendenz vor. dir Vorschriften der unverfälschten moslemitischeu Glaubens zu befolgen und im allge- Meinen ein reineres, einfacheres Leben zu führen. Tiefe Berichte waren es offenbar, die die britifche Regierung dazu brachten, ihre Neutralität m dem Konflikt zwischen Nedschd und dem Hedschas zu erklären. Inzwischen sind die Wahabiten in Medina ringerückt und Mekka P bis zum heutigen Tage noch immer bedroht. König Hussein' wurde kurzer Hand aufgefordert, zugunsten seine- SohneS Ali abzudanken und für eine Zeit wurde Irdda. das in Wirklichkeit in nichtarabischem Besitz war. zur Hauptstadt des Hedschas deklariert. Als'nun beide Parteien sich die Intervention der britischen Rediening erbaten, mutzte rasch gehandelt werden, um vor allem das Grenzproblem zwischen Hed'cheS, Ned'chd und Transftrdanien. das seit der Koweickonferenz im Jahre 1928 der Losung harrt, zu ordnen. England ist durch dieses Problem als Mandatsmacht sowohl in Transjotdanien wie im Irak unmittelbar berührt. Bid Verwirrung wäre vermieden worden wenn dieses dornenvolle Grenzproblem vorder geregM wotden wäre. W SeveraMrrNor Fried. Beim PräMuau des ÄmdeZMrichtes m Strvfftchen ist gsstem vonmitdags die schchlliche UrterLs:«Ssertigvr^ des Öbechen Gerichtshofes m der Straffache des OenerÄdireÜvrS der Ankevbrovvevke Armr Fried «ingelaagt und dam VorsttzAwea im. domailigen Prozeß. Bizspräftxnüea Hoftat DrStor Schneeweiß Sbergebes worden. - Das BundManKlenamt hat ddm Lmdasgerichte Mtt«i!i«!ngnn gsmachti nach welchen das Gericht sich nicht veranlaßt ficht, oorkäuffg Berföglmgon zum- FtrochoÜzsrtz zu treten, dsS heW mit andere» Worte«, daß dkm' GenvrÄ^rskwr Fritt» el« Strafaufschub gewähtt wird bi» zur Erledigung seiner Gnavengrs« cheS. Aeber das Gchlch wurde noch nicht entsch reden. Hit,nu hungert...! Herr -Jakob MeiselS m Zürich schre'bt u»S: Der Ausriii in Nunvimr 2437 der „Wiemr M» r^enzeitung* zugunsten des in materieller dlei darbenden Hilsner veranlaßt nnch, an das Wiener Judentum einige ernste Worte p richten. AIS ich. vor eitrigen Jahren anläßlich der Messt dt Wien weilte,' zeigt« mir ein Diener.Freund am Eingang eines dortigen jüdi-ftM Restaurants einen gebrochene», slend ausgehenden Manu, der fciue -nagen Hand zitternd nach Almosen autstteckte, und sagte mir: „Das ist tz i l ö n e r..." Wie versteinert blieb ich ain Platze stehe«, «in Gefühl von Schande und Bekiommerheit MMm mich. Ich tonn« es nicht fassen, daß 'das Mische Wien, daß eine der gvößten Mischen Gemeinden es zulasio» kan», dotz dieser Mann 'sich vcm e'endm Straßenbettel ernähren mutz. Dieser-physisch und psychisch gebrochene Mensch, der toe Zielscheibe war. gegen die sich die Wftpftile der Judenfeinde. die dem ganzen jüdischen VM galten, richtete« der dm der un(r.rmierten und nicht uniformierten Justiz unschuldigerweise so viel erleiden mutzte, daß ihn setzt beim bloßen Anblick eines Vertreters dieser Behörde ein Grauen ergreifen mutz, dieser Mensch muß heute, nach se'ner in „Gnade" erlangten Freiheit, hungern. Straßenbettel... Dieses hünM^lschreionde Unrecht, welches e'm Schandfleck auf das jüdische ShrgeM ist, besteht noch bis heute! Wir Wen kürzlich in der „Wiener Mvrgeryntuug" von den verschiedenen grandirftn Wehlfahrtsvinrichtungeu der W'ener Judenhelt, welch« jedem sehr impdniesi haben. Reichen nun alle diese Institutionen nicht aus. wm deftn einen Mann m Ehre zu verborgen, daß er nicht nur svüist nicht betteln, ftndern daß man für ihn nicht jedesmal aftntlich mit der Buchse klopfen muß? Daß chm einmal bereits geh Isen wurde, vt aber infolge eigener oder sremder Schuld wiederum i«. geriet, tut nichts zur Sachen . Es ist nur ftHtverständlich, daß ein Mensch. der so' viel und dazu noch unschuldigerwei»« durchwachen mußte, le'ch: jeden Halt verlurt. So'«in Vpftr des Schicksals mutz wie . ein 5kind betreut Wdrn.-/ . In dem erwHnten Artikel der Wiener Morgenzitung" wurde von Dankbarkeit gesprochen. Es will mir Br. SiÄ -wurde, andererseits .hat.Hilsner seine Marthtt-rrM nicht freiwillig übern ormmn. Ms daS jüdische Volk ihm schuldet, ist Mitgefühl. Ob der'NÄmeizuMgenveise TreyfuS. Hilsner. veilis, Eteftar vd:r >f»oustevir heißt, gemeint ist immer nur der Jude, vud darum ist es Ehrenp licht deü jüdischen Volkes und i n di«s e m Fall e d e r j ü b-i° scheu Gemeinde Wien, in deren Mtite HLlSner zusälliMivcise wollt, diesem Märtyrer ehrerhast zu Soa Kesen der «teftlttg-ftfatt. Der huuderlprozentige MAchenscharLer als Größmekster. Aas New-Aork wird uns geschrieben: Der Prozeß .gegen den Großmeister deSKu-Klux-Klan, David Stefans«n, der vom Gericht -in Noblesville im Staate Indiana unter der Antlitze ver Schändung,- des Mvrvch und des Menschenraubtsicht, hat in allen Staaten der Union gewaltiges Aufsehen Hervorgerusen. Slefanson übte seit Jahren ein wahres Schreckensregiment >m Staate Indiana aus, ohne daß es bisher möglich gewesen wäre, gegen ihn gerichtlich oorzugchm, da er - besonderen Schatz sehr wichtiger politischer Himmnaruver genoß. Ursprünglich Vertreter einer New.Korker Firma, mißte sich Stefanfon Eingang in den Ku-Klux-Klan zu »erschaffen, wo er bald durch sein radikales Programm und durch fein Auftreten zu mächtigem Einstuß gelangte. Aus einer Hm gehörigen Farm in der Rohe von RobleSoAe hatte «r sein eigeneS Fe«- g e r i ch t etabliert.. Bei hellichtem Tag ließ er durch seine Bande Farbige und Deutsche, meist Frauen und junge Mädche«. vechaften, die dann auf der Farm, über die schon seit lan-em Schreckensmarcheu verbreitet waren, m grausamster Weis« gemärt en wurde«. Die Opfer, die mit dem Leben davonkamen, wagten auS Furcht vor der Rache der Ordens nicht inmal die Anzeige zu erstatten, da sie für daS LKen ihrer Angehörigen bangte«. Run har Strfanstm doch das Schicksal erreicht. Bor «niZen Monaten war «im junge Deutsche aus RMeSvM ver-- sch'eppt worden. Sie wurde mchrere Tage auf der Farm StefanscnS ge'angengrhalten, entsetzlich gefoltert und mißbraucht, bis es dem Ayährigen MSdchen gelang, mit Hilfe einer Negerin zu rwlflichen. Sie kam in fürchterlichem Zustand in der deutschen Kolonie an, wo sie kaum die Kraft hatte, die erduldeten Martern zu schildern, woraus sie trotz sorMtiger Pflege einige Tage oarmrf statb. da sie schon vocher aus Verzweiflung über die ihr angetane Schmach Gift genommen hatte. Swfanfon vinde vor Gericht gestellt. Er fvcht« dir Ablage als einen Racher kt der Deutschen und der Reger hinzufiellen, als deren Todftittd er sich offen bekannte, und fordert« vor ein .Hundertprozeuliger" Gericht gestalt pi werden, dv nur reinrassige Amerikaner da8 Recht hätten, chn im.Gerichtswege befrageni Dä aber ferne Verschlungen diesmal m M- Zweifelhafter^ Verse an einer Weißen verübt wann, «chm der Prozeß ftinm MunügSüGigen FortgenD, i» dessen Verlmf fest- . gestellt wurde. datz sichiHtefanson in den letziftn Jcchrftr oN etwa M Fräüm schwet vergangm habe. Bezeichnend ist, baß sämtliche Zeugen in ihren AnNagm jchr ängstlich nck> prrvckhaltend ßsjd »ttd vielfach vom Gericht nur mit Mühe bewogen rvetden Knnen, ihre AnSfagen zu machen scheinen, baß Vrejer Ausdruck nicht das richtige tri'st. Tank schuldet mcu gewöhnlich Mr eine Helr<ntat oder für eine awfopfernde Tat, die -im Interesse de- Volkes begangen mm Feinste HsSS!aGä£ä££2£MfiSä MsSS ßS Zahlungserleicht«ryng ohn® Preiserhöhung EMANUEL ADLER SchiMMtar Wim, II., Tabortirasstt SO (&n£ang ör. judtgutgass^ Toi« Ho* So lauge ich lebe, werde ich an die Augen denken, die k-lüEerstvoml und hervorg q-ü ollen mich aMickten. Das Aesichtchen war ganz Mn. Es zappelte wie eine entzweige-chlagene Schlange, drehte sich, beug» sich auf und ab und schrie mit dünner, dumpfer Stimme, mtfc ft mehr es am Ersticken .war, um so Mehr überfiel mich der Gedanke, daß das Kind lebendig fei, und als es tatsächlich tot war, da wußte ich, daß das ^ind gelebt hatte . . . wiewohl — ich selbst es war, der das Kind tot au§ den Wagen gelegt halte. Dos dritte Ereignis, das ich jetzt erzähle, jst noch weit graulsiger als die M>ei anderen. Eimes Nachts, es war Mnter, brachte man aus dem Dorft eine Leiche in die Stadt. Die Angehörigen de- Dolen führten sie von Haus zu Haus, aber niemand wollte sie aufuehmen. Ta gab ich den Rat, die Lerche in hi Tvtenskvbe M bringen; -ei ihr zu wachen, nahm ich auf mich, wenn ich gut entlo-hnt werde. Wn einigten nnS arch fünf Ru bel. Ich und die anderen hoben d e Leiche ans dem Wagen, der vor dem Friedhcsstcn stand. Mr trugen fir in die TotenstÄbe, legten sie aus 5>U' Holgbani und zündeten zu Hanpten vier große Ksrzen an. Die anderen entfernten sich und wünschten mir gute Rächt. Ich wickelte mich tief in den Mantel, verbarg die Hände in den Aermeln, setzte mich auf einen Schemel der Leiche gegenüber nnd sah sie an. Jenseits der Wände rauschten die Bäume. Ab und zu hörte man die Zweige an die Wand anschlagen. Durch die Ritzen des Schindeldaches blies der Wind und machte die Kerzen schmelzen. Ein Zipfel des schwarzen Totentnches Ä:-wegte hin und her. Ich schob den ZM weg, damit er sich nicht mehr bewegen könne. Wre ich gla rbe, empfand ich damals noch nichts von Angst. Aber ich weiß, daß es mir leichter «ms Herz wurde, da -ch die B"wcgung des Zipfels unmöglich gemacht batte. Ich faß nachher eme gute Weile, den Blick auf die Leiche gerichtet, nur auf die Leiche. Als es mich m den Füßen ftor, begann ich auf rmd ab zu gehen. Und sonderbar: da ich die Leiche im Rücken fühlte, war meine Empfindung irgendwie anders als Pit ich sie vor mir hatte. Hatte ich sie voran, war es viel angenehmer, dennoch achtele ich nicht daraus, sondern stellte mich gerade ft, daß mir die Leiche im ^-ücken zu tiogen kam. Je mehr ich dies tat. um ft Mangenehmer wurde mein Empfinden. Früher hatte ich keinen Zwang der Gedanken bemerkt. Ne gingen regelmäßig — ein Gedanke an dies, ein Gedanke an ftnes,, wie eben Menschen in der Stille denken, dann und wann auch ein Gedanke über.die Leiche, über nur ganz flüchtig . . . Ganz m Ordnung.- Immer mehr und M'hr aber «begann -ich zu fühlen, dMg alleantyren Gedanken hem „Leichengedanken", derzM zu^Mchten schienen, auswichen.und verschwanWEJch>MsMie, an mein Heim zu denken: da. E sie Hasen, Mine Frau und die Kinder. Und^«e^yalt: die Leiche sehe ich auch dort, bei mir daheim, genau, ft wie hier. Eine Leiche in meinem Hause? Da rissen' mich meine Gedaicken von meiner Wohnung los und zugleich Mch von der LÄche^ ^^-<*Weder gieng ich aU ihn zu. So zwang ich mich, an uicht's zu tewtoi, -Besie-MMMM! Mer Nichtsnutz — ich fürchte dich nichrt sehen, sich gegenüberfetzen und Hinsehen. Und wirklich, es wurde mir leichter. Das Selbstbewnßtftin kehrte wieder: Seht, ich fürchte mich nicht.- Ich kannte den Verstorbenen nicht; da bekam ich - Stwbe auf und ab zu gehen. Meine Schritte hallten sonder- Lust, ihn genauer onxufthen; vnd der^Mtzakke: Scht, 'Hj i^bar wider. Es schien mir,-als wären es fremde Schritte, fürchte mich nicht!, verstärkte die Lust dazu. -Ich gintz'^MHt meine. Dennoch schnitt fosort auf die Leiche zu und betrachte!« gemu, Stück für Stück, die eingefall-ln-en Angen, den halbgLöflneten. Mund, den weißen, wirren Bart und die gelblich-schSvarzm Ohre». Nach all dem starrte ich ihn noch imnrer an, wie wenn mich jemand gewaltsam Aurückhielte, ihn wieder zw- Mecken. ErMch deckte ich ihn doch langsam und setzte nnch wieder hin. Nach einigen Minuten -hatte ich das Gesühl, etwas Großes vollbracht zu haben. Wer: was denn? ES ist doch nicht das erstemal, das ich eine Leiche sehe. Der T-eusel ho!' -es, dachte ich eine Weile später lächelnd, warum Angst haben? Ein Toter kann ft kein Glied bewogen. Und wenn er lebendig wäre? Wer fürchtet sickch einen alten Nichtsnutz! Und ist -er tot — e'm Stück Erde, ftn-st nichts! Um mir meinen Mn! vorzudemonstrieren, kam mir der Gedanke, irgend etwas mit der Leiche anzuistellen. Noch ehe dieser Gedanke zu Ende gedacht war, war ich schon bei der Leiche, halb die Decke auf. erfaßte eine Hand, zerrte sie nach oben und ließ sie wieder sinken. Man härte e.v*'~ einen sehr sonderbaren Schlag, wie ihn nur ein Toter hervorbringen kann .». Mein Lech gefror und daö verdroß mich. WaS ist damit dieser Angst? Wovor soll man sich da fiochte»? Fnftamenl wollte ich daS KvnsMck noch einmal voWh^n. Kaum hatte ich wieder die Hand evgröffen. als memo Fingerspitzen vor Kalte erstorrteu; und diese Kälte durchs zcg allmählich den ganzen Körper; es war wie ein Sprung m kaltes Basier. Erst nachher stellte ich den Unfug ab; eimna! genügt. Eine ganz andere Stimmung befiel mich — eine Me, schwarze Traurigkeit. Ich begann, auf das Ramschen der Bäume draußen za Hören und auf die Stille der Toienstube. Ich hatte ungewoMcheS HeHkloM. Der tote Mw verdr-tz nckh jetzt ungemein. x schien es, als sei «8 keine gewöhnliche Leiche Nach diepn Worten fühlte ich erst die Angst. Ersetzt blirb ich stehen. Endlich gelang es mir, mich bosKureißen und in der ich fester weiter. .Ich gm§ ft lauge hin und zurück als ich nur konnte. Ich hörte nicht vor Müdigkeit zu gehen auf, sondern aus Angst. Wieder setzte ich mich nieder. Ta begann es trnr vor den Augen zu schwindeln. Der Tote und die Holzbank schienen sich zu bewogen. Ich beruhigte nnch bald: der Tote lag ruhig ww Mher. Ich blickte ihn starr an, ft starr, daß mir dunkel vor den Augen wurde, und es Mm mir, daß eine schwarze Melle von Dunkelheit sich von dem Toten her ergieße und daß bald, bald alles in Finsternis getaucht sein werde... Ich öffnete weit die Auaen und erblickte zum erstenmal die schwarzen Monde der Totmstube. Vier schwarze Mnde nmga.en Mich unv ein sümarzes Dach {cüi? Tecks gab ed nicht). Wände, Dach und Tvler schienen mitemavder im Bunde zu stehen und geheime-Gespräche zu führe«. Mir fiÄ plötzlich .ein: , Was geschähe, wenn der Me da sich Mötzlich Me? Und mehr noch: Was geichShe. wem er hemnteÄröche «ach hinau Lieft?. /