Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 7 (1925)
- Issue
- Heft 2452 (19.12.1925)
- Date
- 1925-12-19
- Page
- Seite 3 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Sk. 2452 Wen, Samstag Wiener Morgenzeilung 19. Dezember 1925 SÄeL Rach Steigers Freispruch. (Seit unserem Lembergcr «.-Korrespondenten.) Lemberg, 18. Dezember. Noch bis in die späten Sl&eitfc Hunden war gestern die freudige Erregung zu spüren, in die der Freispruch Steigers dte^ ganze Stadt versetzt hatte. Die jüdische und die nicht jüdische Bevölkerung der Stadt begrüßte einmütig den Sieg der gerechten Sache. Die Bereitschaft der Polizei war abends, als die Ruhe nirgends gestört wurde, eingezogen worden, doch bewachten Polizeipatrouillen das - Haus Steigers, die Wohnungen seiner Verteidiger, der Geschwornen und der Gcrichtsfunktionäre. Diese Vorsicht erwies sich auch nicht als überflüssig, da in der Nacht einige antisemitische Studenten versuchten, vor der Wohnung Steigers eine Demonstration zu arrangieren; sie würden von der Wache zerstreut, die einige Verhaftungen vornahm. In den Wohnungen zweier Geschwornen wurden bei Nacht die Fensterscheiben ein ge sch lagen; die Täter sind entkommen, man vermutet, daß sie der Studentengvuppe angehören, welche vorher die Demonstration versucht hatte und nach dem Mißlingen ihrer Absicht ihren antisemitischen Instinkten auf die übliche Bubenweise Luft machte. Der heutige Tag war g a n z r u h i g. Bis zur Stunde hat der S t a a t s a n w a l t, dem drei Tage Frist zur Einbringung der Nichtigkeitsbeschwerde zur Verfügung stehen, von diesem Recht nicht Gebrauch gemacht. Auch heute bildet der Prozeß noch das Tagesgespräch in der Stadt, insbesondere wird der geradezu heroische Kampf bewundert, den die Verteidiger um Steigers Unschuld führten. Dr. Grek, Dr. Landau und Dr. Ringel hatten diesen Kampf nicht nur gegen den öffentlichen Ankläger, sondern vor allem gegen eine Reihe von Zeugen zu bestehen, welche, da sie in gewissen Kreiselt, äußeren Einflüssen und dergleichen fo starken Rückhalt fanden, in ihren Behauptungen sich nur schwer überführen ließen. Jeder der Verteidiger hat in diesem Kampfe Hervorragendes geleistet. Außerordentliche Bewunderung wird 4er fast fünfstündigen Berteidigungsrede Dr. Löwensteins gezollt, deren Wirkung als ganz außerordentlich bezeichnet wird. Der Rede Dr. Löwensteins wird es zugeschrieben, daß die in den letzten Tagen recht gefährliche Stimmung so rasch abslaute. Bei Steiger laufen unausgesetzt Glückwünsche aus ganz Polen sowie ans den verschiedensten Teilen der jüdischen Diaspora ein. Eintragung Steigers in das Goldene Buch des Keren Kajemeth ('Israel. Die hiesige Judenhert beabsichtigt, Stanislaus Steiger anläßlich des Endes seines Prozesses in das Goldene Buch des Keren Kajemeth einzutragen. Der Keren Kajemeth in Wien eröffnet daher e i n e S a m itfc lung zur Durchführung dieser Eintragung. Als ersten Beitrag meldete die zionistische Fvauengruppe Döbling den Betrag von 200 Schilling an. Weitere Spenden werden im Bureau des Keren Kajemeth, 1. Bezirk, Kärntner- Straße 26 (Telephon 77-4-85/86) entgegenornmen. kr. Wttmveim Verleid gmgmde. Fm nachfolgenden tragen wir die Verteidigungsrede Nach, welch« Dr. Löwenstem Mittwoch für Steiger hielt. Sie ist ein menschliches Dokument im wahrsten Sinne des Wortes und hat als solches auch über den aktuellen Anlaß hinaus Bedeutung. Dr. Löwenstein führte im wesentlichen aus: . Nicht aus politischem Ehrgeiz habe ich die Verteidigung übernommen, sondern als Jurist und B ü rge r. Denn im Falle Steiger gibt es keine juristischen Grundlagen für die Anklage; und als Bürger sehe ich mit Bedauern, daß die Affäre, welch« sich schon fünfzehn Monate hinzieht, eine Erregung hervovgernsen hat, die sich bis hierhier in den Gerichtssaal fortpflanzte. Ich will nun bemüht sein, die Angelegenheit mit dollem Bewußtsein des bedeutsamen Ortes und des wichtigen Momentes zu betrachten. An verbrechen ist kein Zufall. Zuerst wird der innere Impuls geboren, dann der Plan, hieraus der Entschluß und erst am Schluffe die Tat. Für Impuls, Plan und Entschluß hat die Anklage keine Indizien und hat sich auch im Falle Steiger um diese Momente nicht gekümmert. Gerade diese psychologischen Momente aber müssen wir sowohl bei Steiger als auch bei den Zeugen in Betracht ziehen. Zunächst aber über die Tal selbst: Ist in diesem Saale Steigers Tat bewiesen worden? Der Staatsanwalt hat in seiner Rede auf die zwei Felsblöcke, die Zeuginnen Pasternak und Le dl hingewiesen. Aber eine ganze Reihe von Zeugen hat gerade das Gegenteil von dem erklärt, was die genannten zwei Zeuginnen angegeben haben, sowohl Ing. K u t i n, als am"' Frau Franzos, welche beide einen ganz anderen Attentäter gesehen haben, der Zeuge Lisniak und die Zeugin Orlieka, welche genau den Ort angaben, von wo aus das Attentat geschah. Frau Orlieka hat auch den' Attentäter ganz genau gesehen und da sie Steiger von früher her kannte, so konnte sie feststellen, daß es S t e i g e r nicht war. Dr. Löwenstein wies dann auf die Widersprüche der verschiedenen Zeugenaussagen hin und erklärt diese als selbstverständlich; denn jeder Zeuge sagt ans, was ihn« wahr zu sein scheint, jeder hat seine subjektive Wahrheit, die sich aber sehr oft von der objektiven unterscheidet. Der Staatsanwalt aber hat die ihm unbequemen Zeugen ans sehr einfache, allerdings geschickte' Weise abgefertigt, denn er hat jeden Entlastungszeugen zu einem Belast u n g s z e u g e n g e m a ch t. Bei einer Reihe anderer Zeugen hat der Staatsanwalt eine ganz merkwürdige Methode angewendet, indem er ihre Aussagen sozusagen gevierteilt hat; er nahm nämlich die Teile aus ihnen heraus, die ihm paßten. Die Aussagen der Zeuginnen Pasternak und Ledl stehen in allen Punkten in scharfem Kontrast zueinander. Aber der Staatsanwalt hat sie sozusagen in Kleingeld ausgemünzt und aus diese Weise kongruente Kleinmünzen der Aussagen aufgezeigt. Bei den Entlastungszeugen jedoch wurde von der Anklage das umgekehrte Verfahren angewendet. Wenn Frau Pasternak und Frau Ledl in ihren Angaben über den Standort Steigers um inindestens elf Schritte Distanz voneinander abweichen, so schließt die eine Angabe die andere aus; Steiger konnte am einen oder am anderen Ort stehen, aber nicht an beiden gleichzeitig. Schon dieser Umstand zerstört die Beweiskraft der beiden „Felsblöcke" des Zeugenverhörs. Dazu kommt noch, daß die Sicherheit der Aussagen der Pasternak in dem ersten Verhöre nicht vorhanden war, wie durch eine Reihe von Zeugen, die Kommissäre Suchenko, S a w i c k i und Swolkeu, festgestellt ist. Die Aussagen Sawkkis wurden von den Kommissären Lukomski und Kajdan geleugnet. Wir haben den Konunissär Lukomski hier im Gerichtssaal gesehen. Um ihn zu charakterisieren, müßte ich Vorbilder bei Shakespeare suchen oder Typen aus dem Kreis von Cesare Borgia. Und nun frage ich: Ist Lukomski der Mann, dem man das Schicksal eines anderen Menschen anvertrauen kann? Ist Lukomski objektiv und leidenschaftslos? Und wie Lukomski rust, so tönt es ans Leuten von der Art Kajdans wieder. Lukomski hat gelogen, ich muß es offen sagen und dabei auch erklären, warum ich seinen Aussagen keinen Glauben schenke. In seiner . Aussage hat er erklärt, Fichmann habe dem Steiger .etwas zugeslüstert. Ich aber frage: Konnte ein routinierter Polizeibeamter, der so etivas bemerkte, Fichmann ruhig seines Weges gehen lassen? Das Moment allein genügt, um die Aussage Lukomskis ins rechte Licht zu stellen, genügt mir, um von diesem Saale aus Lukomski zuzurufen, daß er gelogen hat. Von allen Zeugen,, die in dem Prozeß aufgetreten sind, ist Lukomski am stärksten mit ihm verbunden. Die Affäre Steiger ist gleichzeitig eine Affäre Lukomski, denn Lukomski ist der Mann, der diesen Prozeß geschaffen und ihn sozusagen in seinem Schoß großgezogen hat. Ich Werse keinem anderen Zeugen von den vielen, die hier vorbeigezogen sind, Liige vor. Tenn alle waren beherrscht von dem Moment der Plötzlichkeit, mit der sich das Attentat abspielte, alle sahen nur Fragmente und haben das übrige dazu kombiniert. Darum Werse ich sonst auf keinen Zeugen einen Stein. Wenn wir aber die Glaubwürdigkeit der Zeugen beurteilen wollen, müssen wir vor allem die Hauptfrage beantworten, ob ihre Aussagen mit dem logischen Gang der Ereignisse übereinstimmen. Deshalb frage ich auch, ob . Steigers Person genügenden Grund zu der Annahme gibt, daß er das Attentat verübt habe. Steiger hat am Tage des Attentats seine ständigen Lebensgewohnheiten nicht um ein Haar geändert. Er hat noch einen Tag'vorher mit seiner Braut für den Freitag, an dem das Attentat geschah, einen Theaterbesuch verabredet. Kann man da logisch annehmen, daß Steiger den Plan hatte, das Attentat auszusühren au dem Tage, an dem er einen Theaterbesuch vorhatte, wo er doch gewärtigen mußte, selbst dabei den Tod zu finden oder sofort als Attentäter vor Gericht zu kommen? Am Tage des Attentats hat Steiger bis halb 1 Uhr, also fast zwei Stunden vor der Zeit, da das Attentat geschah, im Bureau gearbeitet. Es ist noch nie gehört worden, daß ein Mensch sozwischcnBureau un-schwarzem Kaffee ein Attentat verübt. Rach einer «'.nochenden juristischen Auseinaudevsetzung mit:den dem Staatsanwalt gebrauchten Gesetzesargumenten kommt Dr. Lowenistein au.' die psychologische Beweiskraft der einzelnen Zeugenaussagen zu sprechen und weichet sich vor allem .der Person der Kronzeugin Pasternak zu. Die Pasternak ha-t geschen, wie die Bombe flog, wie Steiger bleichen Antlitzes flüchtete, es ist auch .möglich, das sie eine HaMewWng Steigers sah, wie man sie oft instinktiv zum Schatz in einer Gefahr macht. Aber das ganze Auftreten fcer Pasternak im Gerichtssaal weist darauf hin, Wichtige Mitteilungen der „ülücksieUe") ES wird mitgeteilt, daß die Schalter der „G-ückstelle" heute Samstag und an alen Wochentagen bis 21. d. M. un.mtekbrochen von 8 Uhr früh bi» 7 llyr abends, am „goldenen Soimiag" von 10 bis 1 Uhr und von 3 bis 6 Uhr geöffnet sind. Nunmehr yer aume niemand sich sein Glücks!»- zm kommenden We.hnachtsziehi ng (28. und 30. Dezember) bei der „Glackstelle" Josef Stein, Wien, Wrpplingerstraße 21, an der „Hohen Brücke", zu holen. % Los S 4 -, V* S 8-- Vi Los 8 16 -, Vi S 32'— Für Postbestellung genügt Postkarte. Geh' nicht am Glück vorbei! daß sie ointe Frau ist, die unter dem Einstuß ihrer Neurasth.enie steht. Hier im Gerichtssaal wurde es deutlich, daß sie eine Neigung zum Näso-nnieren hat, daß sie psychischen Einflüssen leicht unterliegt. Wenn nuan nun bedenkt, daß um ihre Zeugenaussage ictin Kmnvi entstanden war, in dem die Balletteuse Heldin eines Dramas wurde, so ist es begreiflich, daß die Pasternak sich «mehr mit ihrem ganzen Ehrgeiz, der so lange unterdrückt war, ans eine Rolle warst die ihr, der so lange im Schatten Stehen,den, Zusagen einen Ausstieg aus dem Dunkel ermöglichte. Das ist die Lösung des psychologischen Rätsels Pasternaik., Im Gegensatz zu dieser Kronzeugin ist der Meile Felsblock der Anklage, Frau Ledl, eine Person, die, wie es sich im Gerichtssaal gezeigt hat, bat jeder Beobachtungsgabe ist. In die logische und psychologische Erörterung der Geschehnisse gehört auch die Frage nach dem Tatmotiv. Die AnKag-e hat, da sie in diesem Punkte am schwächsten war, Indizien über Steigers Kommunismus zu konstruieren gesucht. Taiboi hat sie sich ■ daraus 'berufen, Steiger hätte geisagt, in Zukunft müßten die Grenzen zwischen BMern und Staaten verschwinden,. In diesem Sinne wäre auch der Mnisterpräsident Skrzynskials «Kommunist zu bezeichnen. da er vor kurzem erst in. einer Rode über das kimtige Verhältnis der Völker sich noch viel Muser ausgedrück hat. Die ZeugeMweist, welche die Auflage gegen Ste-igM Kommunismus beizubrirrgen versucht hat, waren die -es Konfi-enten, jener schwarzen Pep der Gesellschaft, die jederzeit bereit isstjeden einzelnen -Bürger zu ibcjchU'ldigen, um dasür Lohn einzuhÄmfen. Der Redner schildert sodann Steigers Perjson und Derhältniffr und führt dabei aus: Als ich jung war, Amnte man noch keim nationalen Unterschiede. Daun kamen die antisemitischen Strömungen.ans Deutschland herüber und da teilte sich die Jugend in de-vschiedene. Lager. Ein Teil ging nach rechts» der andere links, andere wieder nähme" sich sin Beispiel au der Vergangenheit am alten Iudminn und durchforschten - die Vergangenheit des Volkes, .das der WM den Glauben an einen Gott, das deir Mensch heit die Bibel gegeben -hat. Die .das taten, sind die Zionisten. Mer niemals-'habendie Zionisten ihre Staatsipslicht vergessen, und ich stelle hier fest, .daß die Zionisten ebenso wie alle anderen Bürger Polens für das Aufblühen -es Staates gearbeitet haben. Ms nun der Staatspräsident nach Lembergs kam, halben ihn alle Inden 'begeistert «mpfangen, ohne Unterschied der Parteirichtung. Wie formte da der Sohn eines Mannes aus dem Volke, eines Handwerkers, eines Zionisten, selbst Zionist, gegen den Steatspräsidenten eine Bombe M-eudern? Nun aber beschuldigt man Steiger dieser Tat, aber man beschuldigt nicht ihn allein, sondern „ di« jüdische Gesamtheit. Das ist anch der Grund, weshalb alle .Juden an Steigers Prozeß solches Interesse zeigen. Als vor kurzem der jüdische Kommuni-st B o t 1 wi n erschossen wurde, .'haben die Juden für ihn keinen Fm-ger gerührt, .sie haben es nie getan, so oft jüdische Kommunisten vor Gericht standen, haben es nie getan, s«o oft ein Jude «einer Tat schuldig «war. Hier aber steht ein Unschuldigem Im alten Polen gab es die -Institution der Mitgeschwornen, welche schworen, daß der oder jener Angeklagte unschuldig sei. Wenn heute diese alte Institution nock> existierte, ich würde die Hand erheben und schwören: Steiger ist unschuldig! Darum 'bitte ich Sie, meine Herren Geschyornw, die Sie Träger torc Gerechtigkeit find, diesen Stanislaus Steiger, der durch alle Höllen schreiten Nichte, fteiznsprecheu, damit er sein junges Leben genieße, ei it Leben, das durch kerne Schuld getrübt ist. Verneinen Sie albe drei Schuldfragen! »Jacken (tornntiert erstklassige Qualität um 25°jo reduziert! Ph1™ Pipersberg *1« 9-11 MNMMSMMSMeaMIMieMWMMVWMM