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Wiener Morgenzeitung · 1925-12-13 · Heft 2446 (13.12.1925) · p. Seite 4

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Journal
Wiener Morgenzeitung
Volume
7 (1925)
Issue
Heft 2446 (13.12.1925)
Date
1925-12-13
Page
Seite 4 (sequence 4)
Language
German
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€fefa I Wen. Sonntag Schwierige Kadmettsbildung in » - Luther wird «-gelehnt. — Fehren-ach Koalltionskanzler? Berlin^ 12. Dezomber. Da sowochl die Sozialdemokraten als auch die deutsche Volkspartei sich bereit erklärt haben, in die Verhandlungen einzutreten, welche auf die Bildung der von den Sozialdemokraten bis zur deutschen Boikspartei reichenden svgenannten groß e.u Koalition, abz'esen, wurde noch für gestern die Ernennung Dr. L-nther.8 zürn designierten Kanzler erwartet, damit er' die Verhandlungen über du Koalit'onsbildmig führe. Dr. Luther ist jedoch bisher vom Reichspräsidenten nicht mit dieser Mistion betraut worden. Dies.ist darauf zurückzufü'hren, ‘ daß die Sozialdemokraten sich gegen D r. Luther als Koalitionsvermittler ausgesprochen Haben (was mit Rücksicht, auf seine Vergangenheit als Chef ein-r nur sehr schlecht kaschierten Rechts» regierung einigermaßen berechtigt ist) und verlangen, daß eine Persönlichkeit d?r Mittelparteien (Zentrum oder Demokraten) zum Kanzler designiert werden solle. Reichspräsident Hindenburg hat nunmehr den ehemaligen R-e'chk-kanzler FehrenLach (Zentrum) für morgen zu einer Besprechung der politischen Lage und der Regierungsbildung zu sich berufen. Ar vö'Wen Mrd-r. Lulle, Kube, Reventlov und Graese bestellen pojitischtz Morde. Berlin, 1l.' Dezember. Zu dem Prozeß des Fenremörver» Zrütre-Lehver. der gestern zu acht Jahren Gefängnis verurteilt wurde, gibt das „Berliner Tageblatt" Mitteilungen bclannt, die der Angeklagte im Untersuchungsgesänguis Mitgefangenen gemacht hat. Grütte-Lehser hat erklärt,' daß außer beu völkische« Abgeordneten Mulle und Kube auch die Abgeordneten Rezentlov und Graese Mitwisser des Mordes gewesen seien. Er habe zwei Mittäte r und mindestens 3V Mitwisser gehabt. Endlich hat Grütte-Lchder gesagt: „Der Plan :ines Mordes an S evering surch Walle wird von ttir noch herauskommen." Ebenso weiß Wulle vom Attenk-atsplan gegen Genera! v. Seeckt. _ In einer. Ansprache über die E r f ch i c ß u n g S e v e r i n g s ßat Wulle gesagt: „Solche Leute müssen unschädlich zsmacht werden." V»rschre't«m>en an Vulo reker tzachschalea. Scharst Maßnahmen der Behörden beschlösse». Bukarest, 10. Dezember. (I. T. A.) Am 7. und 8. d. kam es m der medizinischen Fakultät und an der Handelsakademie zu scharfen Zusammenstößen zwischen.christlichen und jüdischen Studenten. Die christlichen Hörer des ersten Jahr- Mges griffen die jüdischen Studenten an' und wollten sie atts Hm Gebäude hinausdrängen. Der Rektor Anghelestu formte Polizeiafsijtenz an, die die Ruhe wieder Herste Ute. Am S. d., abends, fand eine Beratung des Unterstaats» lÄretärs T a t a r e s c u mit dem Polrzeipräfekten General R i» :o!eanu und dem Divisionskommandanten Davidogi» M, welche beschlosten, strenge Maßnahmen zue Unterdrückung der antisemitischen Propazanda an der Universität zu ergreife». Sie hebräische Sprache aad die Bidet. _ Bon Binjamin Seg^i. "Das Verhältnis der Völker zu chren Sprachen hat nichts Mystisches, beruht nicht auf einem geheimnisvollen, unlösbaren Zusammenhang, sondern auf lebendiger, bewußter, gewollter Tradition, die sie jede Generation der anderen überliefern heißt; ganze Raffen haben, auch ohne Ortsveränderung, im Verlause der Geschichte ihre angestammten Sprachen mit anderen vertauscht und in Vergessenheit geraten lasten. Das jüdische Volk hängt treu an seiner Sprache, weil in ihr die klastischen Schöpfungen aufbewahrt sind, in denen sich sein Geist in seiner vollsten Stärke und Klarheit offenbart und der Welt das gegeben hat, was hm feine weltgeschichtliche Bedeutung sichert. Es tritt hier cm Gegenseitigkeitsverhältnis ein. Ter Inhalt gewährleistet der Sprache ihre ewige Dauer, und die Sprache umgibt mit einer schützenden Hülle von unzerstörbarer Widerstandskraft den Inhalt. Zwei Beispiele aus unserer eigenen Geschichte illustrieren das Gesagte trefflich. Tie zehn Stämme Israels wurden nach der Zerstörung des Nordreiches 722 weggeführt und sind spurlos in ihrer Umgebung aufgegangen. Die Stämme des judaischen Südreiches sind 586 von demselben Schicksal ereilt worden, aber sie sind nicht nur nicht spurlos verschwunden, sondern sind in der Fremde die Wurzel geworden, aus der der neue Baum hervovwuchs, der bis auf den heutigen Tag allen Stürmen trotzte, immer neue Blüten trieb und Früchte trug, an denen die halbe Welt sich erlabt und ernährt hat. Mas war in jener Zwischenzeit von 186 Jahren vorgegangen? Die jüdische Religion hatte chren vollendeten Inhalt gewonnen, ihre grundlegenden Urkunden waren in das Bewußtsein des Volkes eingegangen. Der Kristallkern war da, um den herum ein Volkstum von dauerndem Bestand sich lagern konnte. Es war ein Inhalt vorhanden, für beit es sich lohnte, zu leben, zu kämpfen, zu leiden und zu sterben. Ohne diesen Inhalt hatte die Sprache allein das Volk der zehn Stämme nicht zusammenzuhallen vermocht, die Sprache, die von denen der benachbarten Völker kaum mundartlich verschieden war, wie uns die Msa-Säule Wiener Morgenzeitung 18. DeMtvsr 1928 Nr. 2146 □oooocxxpoooooooooo □ , ' ' □ § «Der «rosse Räumungsverkauf bd Schostal D Härtlein Wien, I., Kamtnersirasse Nr, M hat wirklich grossen Zuspruch. »ta // Es wird in jeder Beziehung bei grosser Auswahl nur Bestes bei äusserst billigen Preisen geboien. 0 rj □ 9qi jüdische Schulwesen in AumSnien. Sine jüdische Abordnung bei der Regierung. Bukarest, 7. Dezember. (I. T. A.) Die jüdischen Deputierten Dr. Stern, Berner und Rabbiner Z i r e ls o h n, sowie zwei Vertreter der Bukowinaer Judenheit, die Herren Tr. Mähe r - E b n e r (Präsident der Zionistischen Landesorganlsation) und F r i e d m a n n, ferner zwei Vertreter m hebräischer: Schülverbandes in Beßarabien, M a n s o n und Dr. R o s e n h a u p t, erschienen beim Unterrichtsminister Anghelescu und beim Minister des Aeußern Du ca und machten die Regierungsmitglieder darauf aufnierksam, daß in weitesten Kreisen der Judenheit der Bukowina und Beßarabiens wegen der ron der Regierung e:ngeöcuhl'cn Ochulvorl ä g e große Erregung herrsche. Nach dieser Vorlage sollen Privatschulen mit hebräischer oder jüdischer Unterrichtssprache nicht, gestattet!«». „ Unterrichtsminister Anghelescu verteidigte seine Vorlage, laut welcher die Juden ihre Privatschülen aus der Basis der Staatssprache errichten sollen..erklärte sich aber bereit,- die Errichtung von Privatschulen mit hebräischer und rumänischer Unterrichtssprache zu gestatten, wobei in den Schulen mit rumänischer Unterrichtssprache Religion und jüdische Geschichte in hebrajscher Sprache zu lehren wären, während in den Schulen mit hebräischer Unterrichtssprache Religion und jüdisch- Geschichte in der Staatssprache unterrichtet, werden sollen. Die Prüfungen sollen aber immer in der S t a a t s s p r.a ch e abgehalten werden. Zu Schulen mit jiddischer Unterrichtssprache werde er sich nur dann verstehen, wenn auch die Union rumänischer Juden als Vertreterin der Juden Altrumäniens sich dieser Forderung anschließt. Es fand daraufhin eine Zusammenkunft der Mtglieder der Deputation mit den Repräsentanten der Union rumänischer Juden, Dr. Fildermann, Oberrabbiner N i e m i r o w e r, Advokat Misiu W e i ß m a n « und Generalsekretär Selzer statt. Oberrabbinet Niemirower unb Weißmann unterstützten die Forderung der Deputation, während Präsident Dr. Fildermann sich für die Formel Rumänisch oder Hebräisch einsetzte. Es scheint, daß diese Formel auch durchdringen wird. Tr. Mayer-Ebner führte beim Minister Dü ca Beschwerde wegen der bereits gemeldeten Ausweisung des Keren-Hajesfod-Delegierten Doktor Goldstein. Der Minister erklärte, die Regierung stehe dem Zionismus freundlich gegenüber, Dr. G o l d st e i n 8 Ausweisung war ein Fehler. Sie Mtschaftsnot der Süden in Polen. Sitzung des Zionistischen Oberrats. Warschau, 10. Dezember. (I. T. A.) Der Obervat der Zionistilsch.n Organisation Pc(ens trat in Warschau zu -einer Tagung zusä-imnen, in der über die katastrophale Wirtschaftslage der -Juden in Polen berichtet und Mahnahmen zur Abhilfe beraten wurden. Nach Eröffnung der Tagung durch den Präsidenten L ev i t e referierte Dr. K l u m e l über die Lage; er stellte fest, daß dieMische Berökerung an den Rand des w i r tscha'stlichen Ruins gelangt sei. Drei Millionen: Mücken sitzen zusammengepreßt, in äußerster Not. ohne Ausweg, ohne die MöLuPeit, auszuwanbrrn. Er empfahl, sich an di« Judenfchaft in Amerika mit o'rwm Appell um Hilfe zu wenden. Bor dem Kriege hat allein die Jca den j-üdi'schen Verustgencstenschaften in Ruß a.nd -jährlich fünf Millionen Dollar zur Bev'ügung gestellt, wovon ein erheblicher Teil aus Peilen entfiel. Jetzt aber entfällt auf ganz Polen nicht mehr als ein Kredit von 300.000 Dollar. Es referierten sodann Senator Rothen st reich, Dr. Davidsohn und Dr. Reich. Letzterer berichtete über seinen Aufenthalt in Amerika, wo ihm die Führer des Joint das Versprechen gaben, daß die Juden in P.'len gestillt werden würden. In der weiteren Debatte kam zum Ausdruck, daß die furchtbare Wirtschaftsnot der Juden zum großen Teil auf verfehlte staatliche Maßnahmen zurückzu führen fei; jüdische Arbeiter und Beamte tverden aus Regierungsanstalten verdrängt; die Zwangsfonntagsruhe ruiniert die jüdische Bevölkerung., Es wurde eine Kommission eingesetzt, die die Aufgabe hat, zusammen mit dem' Präsidium k'S ObermtS Hilfsmaßnahmen zu erwägen -und R-osol-utionetr ausguarbeiten. Gin Appell der jüdischen Handwerker. Der Verband der jüdischen Berussgenosservschasten Polens, dom mehr als 70.000 Handwerker und Kleinhändler angehören, wandte sich an das Joint Distribution Committee in Amerika mit dem Appell, angesichts der unerlrivAichen Wirtschaftslage der Juden in Polen sein besonderes Augenmerk ans die Wiederaufbauarbeit in diesem Lande zu lenken, 250 Berufsgenossenfchaften der Handwerker und Kleinhändler sind zur Untätigkeit verurteilt. Wenn nicht Kredite vom Ausländ kommen, so wird der größte Teil der polnischen Juden drm Hungertod« vevsollen. belehrt. Und als einige Jahrhunderte darauf das jüdische Volk aus wirtschaftlichen Gründen sich zu einem beträchtlichen Teil in der griechischen Welt zerstreute, nahm es diesen Inhalt in die Zerstreuung mit und kleidete ihn in das funkelnde Gewand der neuen Sprache. Es entstand die griechische Bibelübersetzung der Septuaginta, die den hebräischen Urtext nicht zur Seite hatte, im Gegensatz zu den meisten neueren, von Juden hergestellten Bibelübersetzungen. Unter den Tiasporajuden geriet allmählich die Kenntnis des Hebräischen ganz in Vergessenheit, sie verloren den Zusammenhang mit dem mütterlichen Nährboden, und dieses ganze griechische Judentum verlor sich in der Umwelt fast ebenso spurlos wie Jahrhunderte zuvor die zehn Stämme. Freilich hatte es zuvor eine gewaltige, tvelthistcrische Mission erfüllt und herrliche Blüten getrieben. Um die griechische Bibel rankte sich eine reichhaltige jüdische Propagandaliteratur, die die allgemeinen, für alle Menschen bestimmten Ideen des Judentums in der griechischen Welt verbreitete und so großen Erfolg hatte, daß es im ersten vorchristlichen Jahrhundert eine geraume Weile den Anschein hatte, als sollte die Welt jüdisch werden. Dadurch^wurde der Boden für eine neue, geläuterte Weltreligion vorbereitet. Doch das Mimische Christentum hat dieser jüdischen Propaganda den Rang abgelaufen, indem eS die so ungeheuer strengen Forderungen des Judentums in bezug auf Lehre und Leben bedeutend lockerte, dadurch dem Heidentum in jeder Beziehung entgegenkam und daher viel rascher Feld gewann. Bald wendete es seine Spitze mit aller Scharfe gegen die Mutterreligion, in der es noch immer eine gefährliche Nebenbuhlerin fürchtete ... So ist die ganze mehr als zweihunderljährige Arbeit für die Arbeiter und. deren Nachkommen vergeudet gewesen. Und man kann sich hier einer wehmütigen Betrachtung nicht erwehren, zu der A ch a d H a a m durch eine leicht hingeworfene Bemerkung Anlaß gegeben hat. Hätten nämlich jene Generationen griechisch schreibender Juden bas Hebräische gepflegt, es wenigstens im schriftlichen Gebrauch gehabt, wie nachmals die arabisch redenden Juden etwa vom sechsten Jahrhunderte ab, und, während sie d:e jüdischen Ideen in der heidnischen Kultur-Welt propagierten, die besten und wertvollsten Inhalte der hellenischen Kultur in hebräischer Sprache unter den Juden im Heimatlands verbreitet, hätten sie parallel mit der Uebersetzung der Bibel ins Griechische Plato und Aristoteles ins Hebräische übertragen, so wäre auf palästinensischem Boden zwischen Judentum und Hellenentum ein Synthese entstauben, welche der jüdischen Geschichte, vielleicht der ganzen Weltgeschichte einen anderen Lauf gegeben hätte. Was die Juden tit Palästina feit Alexander dem Großen vom Griechentum zu hören und zu sehen bekamen, war nicht geeignet, ihnen Sympathie und Hochachtung einzuflößen: das war vulgäres Heidentum, verkommenste Sittenlosigkeit, in politischer Beziehung nichts als brutale Ländergier. Im ganzen Talmud findet sich neben dem Namen des EpikureS. der als Symbol der Gottlosigkeit und der zügellosen Genußsucht gilt, nur der Name eines obskuren griechischen Philosophen aus dem zweiten nachchristlichen Jahrhundert. Allerdings blieben die palästinensischen Juden von der griechischen Kultur oder richtiger Zivilisation in jenem oberflächlichen Sinne, in dem sie damals den ganzen Orient beherrschte, nicht unberührt, und mit den etwa 3000 griechischen Lehnwörtern, die Samuel Krauß in der talmudischen Literatur nachgewiesen hat, drangen auch griechische Rechtsbegriffe ein, technische Hantierungen, manche naturwissenschaftliche und geographische Kenntniste. Auch allgemeine vage Vorstellungen von griechischem Denken wollte man schon in den spätesten Büchern der Bibel (Koheleth) finden. Samuel M o d l i n g e r hat dem Einfluß aristotelischer Ideen auf das talmudische Zeitalter sogar eine aussührliche Studie gewidmet. Aber an der Quelle hellenischer Kultur zu trinken, blieb den palästinensischen Juden der damaligen Zeit verwehrt. Ter Versuch einer gewaltsamen Hellenisierung, der von Äntiochus Epiphanes ausging und den Juden nur ein LastardischeS, verkommenes Griechentum von seiner abstoßenden Seite zeigte. , flößte den gesunden und wertvollsten Schichten einen um so größeren Haß gegen alles Griechische ein, als die sittlich minderwertigen und leichtlebigen Elemente, von der glitzernden Außenseite des fremden Lebens geblendet, sich hemmungslos einem wüsten Taumel des Genusies nach den schlimmsten griechischen Mustern Hingaben, ohne auch nüx den Versuch zu machen, zu den Schätzen griechischer Weisheit, Wissenschaft und Kunst vorzudringen. Aehnlich wie in unseren Zeiten etwa die Oberschicht in der Levante und in Rumänien mit dom Pariser Nacht- V 126739

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