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Wiener Morgenzeitung · 1925-12-12 · Heft 2445 (12.12.1925) · p. Seite 4

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Journal
Wiener Morgenzeitung
Volume
7 (1925)
Issue
Heft 2445 (12.12.1925)
Date
1925-12-12
Page
Seite 4 (sequence 4)
Language
German
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Heile 4 Dien, SaMag Wiener Morgenzeitung Tz, De-enwer Tfäs mr. Am Schlüsse der gestrigen Verhandlung wurden die aus Warschau berufenen m i l i t ä r i s ch c n Sachverst ä n d i g e n Ä-ü-jor K o w a c z und Leutnant. L a d r o n'vchmals ein-veruv'M'Mvn. Ter Vorsitzende teilte ihnen bie Aussage OlschauLkis s-ow-'.e seine Beschreibung der Bombe, die er zum Attentat verrvendet hatte, -rnn, wies auf die Difftreyzen hin, die zwischen OischanSkis Angaben und dem Gutachten der Sachverständigen bezüglich des Sprenginha'tes bestehen und ersuchte die Sachverständigen uni ergänzende Erklärungen zu ihren Gutachten. Sie trilttn mit, daß sie dem Gericht am Samstag die gewünschten Erklärungen geben werden, nachdem sie eine neuerliche Untersuchung vorgenommen haben würden. Hierauf vertagte der Vorsitzende die Verhandlung aus Samstag. Eine frivole Mystifikation. (Eigendienst der „Wiener Morgenzeitung".) Lemberg, 11. Dezember. Heute um 8 Uhr morgens wurde das; ü d i s che Spital in Lernberg te.'ophrn-ifch angernsen und im angeblichen Auftrag des 2em berger K r e i sg e r i ch t e s ersucht, scfort einen Rettungswage u zum Ge richtige bände zu entsenden, da Stanisaus Steiger ge st o r b e n sei. Der Magen wurde ausgesendet und es stellte sich heraus, daß es sich um eine Myst-ifikation handelt. Bis zur Stunde sind die U r- Heber des frechen Bubenstreiches noch nicht eruiert; es wird vermutet, daß der Streich ein Werk der Lonüberger antisemitischen Hetzorganrsationen sei. Zer MoffMreit dvr dem Völker' bundrat. Versöhnlichere Stimmung auf türkischer unb englischer Seite. Gens, 11. Dezember. (Tel.-Komp.) Die türkische D e le ga t i o n ist heute irn Völkerbundpalast erschienen, und hat sich zu einer offiziellen Vorhand ung mit dem D-re ierkom itee des Völkerbundrates in dessen Beratungszimmer begeben. An der Besprechung nahm auch der englische Kolon i-enm-inister Ame rh teil, der schon vorher vor dem Drererkomitee sich bero't erklärt hatte, zu einer B e r si ä n d i g u n g mit den Tüvken in der Mcssulsrage die.Hand zu bieten. Ucker den Gang der Verhandlungen wurde strengstes Stillschweigen benwhrt. Der türkische Außenminister T e w s i k R u s ch d i B e i bst heute abends nach Paris gereist, um sich mit dem dortigen türkischen Gesandten Fethi Bei y.xntr-s, oer die türkische Regierung vertreten hat, als Ae ’Jl: iulsrage vor den Völkerbundrat gebracht 'lU'.dr-. äewfik Ruschdi wird Montag in Gens zmückontag neuerliche Verhandlung im Rat. -Heus, 11. Dezember. (Tel.-Komp.) Ucker das .lgsprogramm des Völlerbundrates sind folgende Dis» vositunen getroffen worden: Der Bericht über den griechisch-bulgarischen Grenz-- Zwischenfall soll bis morgen jertiggestellt werden und noch morgen zur Verhandlung kommen. Ter Leiter der nach dem Balkan entsendeten Umersuchungstommission des Völkerbundes Sir Horace Rum.b-old hat nach neuerlicher Anhörung der griechischen und bulgarischen Vertreter einen Ergänzungsbericht aüsgearbe'tet. Morgen abends will der Rat alle Berhandluugkgegeuständ« mit Ausnahme der Mossulfrage erledigt haben. Am Montag wird die Mossulfrage neuerlich den Vö kerLundrat beschäftigen. Man hofft, n-ch Montag abends die Session des Rates schließen zn können. Srift'ge gusammenarbeit nvd Abrüftuug. Gens, 11. Dezember. (Schtveiz. Dep.-Ag.) Ter Völkerbundrat ernannte in seiner heutigen vertraulichen Sitzung zu Nachtolgern der zurückgetretenen Mitglieder der internationalen Kommission fürgeistige Zusammenarbeit Bergson und R o s s i n i, den französischen Gel-ehrten und Ministor Painleve und den italienischen Untervichtsminister -und Rechtslehrer an der Universität Rom, R o c e o. Ferner diskutierte der Rat nochmals das Arbeitsprogramm des Komitees für die Vorbereitung der internationalen Abrüstungskonferenz. Der tschecho» slowakische Minister des Aeuße-rn Dr. Benefch legte ein Projekt vor, welches allgemeine Z u st i m -m u n g fand und das in einer der nächsten Sitzungen erdgAtig zur Annahme gelangen soll. Nchitscher!« in Pari». Paris, 11. Dezember. (Tel.-Komp.) Der russische Volkskommissar des Aeußeren, T s ch i t s ch e r i n, ist heute nach Paris zurückaeke^t. Er wird einige Tage in Paris bleiben, wo er Bespreuungen mit B r i a n d und anderen politischen Persönlichkeiten haben soll, und reist dann in Begleitung des russischen Botschafters Rakowski zur Teilnahme an dem demnächst statlsindenden Kongreß der Sowjets nach Moskau.!rr ftfltntf dr» Sowjet» arg»» de« 8 onimur Reue Massenverhaftungen von Zloriisten-Sozialisteu. Berlin, 9. Dezember. (I. T. A.) Die Zentralbureaus der jüdischssozialislischen Partei erhielten aus Rußland Mitteilungen, aus Venen hervorgchk, daß in Sen letzten sechs Wochen in den Städten Minsk, Bresowska, Bachmut, Konstantinowka, Jusowska, Nikolasew, Snowsk, Soßnitza, Mena, Krementschug, Poltawa und Bobrojsk Massenverhaftungen von Zionisten- Sozialisten vorgekommen sind. Bon den in der Verbannung lebenden Zionisten treffen Nachrichten ein, daß sie Hangern müssen. Besonvers arg ist die Lage ver Berbannrenid Turachaner und Rarimer Gebiet (Sibirien) sowie im Gebiet von Siran am Eismeer. Zwei Zionisten-Sozialisten, die bereits drei Fahre Verbannung hinter sich haben, wurden nach Moskau berufen, wo man von ihnen eine schriftlich- Erklärung verlangte, daß sie aus der Partei austreten. Da sie sich weigerten, die ORIGINAL HOBE UKORE —...... .....T*"".. Erklärung zu unterschreiben, wurde ihnen eröffnet, daß sie nach Palästina deportiert werven. Es wurde ihnen jedoch nicht gestattet, vor der Abreise zu ihren Familien zu fahren. Die völki che« Mörder. Zwei Hakenkreuzckgeordnete bestellen «inen Fememord. Berlin, 11. Dezember. (Wc-lff.) Heute ist vor dem Schwurgericht der Prozeß gegen d:n 19jährigen Grütte- Lehder, Mitglied einer Ha ke n kreuz orga n isation, begonnen wcrdrn, dem zur Last gelegt wird, im -Jahre 1923 einen gewiss:n Dem m -e r t, einen angeblichen. Spion, im Tegeler Forst erschossen zn Halen. Erlitte. Lehder ivar nach drr Tat nach Ungarn gel.'iüchtet und von dort wegen Raubmord a-urgeliefert werden. Er ist in vollem Umsang geständig, beteuert aber, aus rein politischen Gründen gehandelt zu haben. Er habe seine Absicht, Dämmert zu beseit'gen, den völkischen Abgeordneten Mulle und Kube mitg:t.eU. Beide hätten sich dazu in einem Sinne geäußert, der darauf, schließen lassen mußte, daß der Tod Dammerts ihnen nicht unangenehm sei. Staatsanwalt Dr. Jäger bczeichnete es als notwendig, daß über diesen Punkt völlige Klarheit geschaffen werde. Der Angeklagte erklärte darauf, die beiden Abgeordneten hätten nicht direkt gesagt, er solle Dämmert erschießen, doch von unge!ahr geäußert, es müsse etwas geschehen; solche Leute müßten beseitigt worden. Grütte-Äehder hat dann vom Abgeordneten Mulle eine allgemeindeBestätigung seines Auftrages im Falle Tammerl erhalten und diesen erschossen. Tann ist er, wie er weiter angibt, nach Uckermünde gefahren und hat dort d r e i Parteifunktionären den Mord erzählt. Diese hätten sich darüber sehr gefreut. Der Vorsitzende verlas daun die von Mulle und Kube. Unterzeichneten Ausweise des Angeklagten, in denen dieser als t-m Sinne der Partei vertrauenswürdig bezeichnet wird. Bei der Zeugenvernehmung kam es zu einer Sensation, als der Angeklagte an den Zeugen Zahnarzt Ulrich Heinz aus Uckermünde die Frage richtete, ob er sich erinnere, daß Dämmert in Uckermünde erzählte, er habe von der deutschvölkischen Freiheitspartei den Auftrag, den Minister Severing zu ermorden, Echt nur In Miger Flasche M D» , r* Beachten Sie unsere sensationellen ld Laborstraßei? ü " "' * 1 ' BÄ . :e er etwas die Stimme und beginnt von -<e .den Chassid zu erzählen, der so wunderbar j.^r-g .. l Mensch ihm widerstehen konnte. Einmal v.-ri.-'..'- er^ch tat wilden Wald, er wunderte und wan» u,'d rHnte keinen Ausweg finden. Räuber überfielen rhu, schluA'ck'lhn IN Fesseln und wetzten schon die Messer, ■•Dii u'm &cn Garaus zu machen. Ta besann er sich, daß es Freitag ak-iv.ds war, und er wollte nicht ohne Gebet ausdieser Welt scheiden. Und er flehte die Mörder an. ihn noch ein Stündchen am Leben zu lassen, nm nur das Sabbatgebet verrichten zu können. Und er begann zu singen und sang ohne Ausihör, denn sein Herz war sehr bewegt. Bisdie Banditen, überwältigt und zerknirscht, sich ihm zu. Füßen warfen und um Verzeihung baten. Sie bereuten ihre Sünden, taten Buße und wurden fromme Leute . .. Unzählige Male hatte man diese Geschichte vernommen, und doch war sie jedesmal den Hörern neu. und jedesmal überlref sie von neuem ein Grauen, welches sich in einen Wonneschauer auflöste. Dann folgte eme Reihe Geschichten von Chasonim und Shnagogensängern, eine wunderbarer als dte andere. Von jenem, der am Versöhnungstage, ivährend er den Psalm „Aus den Tiefen ruf' ich zu dir" sang, vor dem Altar in himmlischer Verzückung seine Se-ele aushauchte. Oder von jenem anderen, dessen Gesang einen Fürsten, der alle Ju-den seiner Stadt eingekerkert hatte, \m\ sie umzubrmgen, so tief riihrte, daß er die Gefangenen frei gab. Am meisten erregte die Teilnahme das Schicksal der „Nachtigall". Das war jener Wunderjüngling, dessen Augen so leuchteten wie die Sterne und dessen Süm-me wie die einer Nachtigall klang. Die Schloßgräfin hatte ihn belauscht und trug sündhafte Gelüste nach chm. Er floh, aber die böse Frau verfolgte ihn überall hin und drohte der ganzen Gemeinde mit ihrem Zorn. Da betete er zu Gott, -daß ihm das Licht aus den Augen und tue Stimme aus der Keh-le genommen werden möchte. Seitdem hatte niemand mehr einen Laut von seinen Lippen vernommen; stumm und blind irrte er bis an das Ende seiner Tage von Stadt zu Stadt und von Land zu Land ... Bei der Erinnerung an diese Geschichte wurde Reb Jekel von der Rührung so übermannt, daß er heiße Tränen aus den Augen hervorqneüen fühlte. Und der Rabbi, wie er sich l den Bartzipfel kräuselt und horcht, die große SiuLe mit I ihren dunkel flackernden Kerzen, kurz: alles stand ihm so ' lebendig vor der Seele und beschäftigte ihn so sehr, daß er erst ans seinem Sinnen erwachte, als seine Sohlen tiefer in den Schnee versanken. Hier schien der Weg auS der Versenkung hervorzutreten, um in gleicher Höhe mit den Feldern dahiuznlaufen, man mußu also aufpassen. Der Schnee war locker und nicht eingestampft wie bisher, und Gott allein mochte wissen, was für Untiefen die verräterische weiße Decke verbarg. Auch die große Kälte glaubte Reb Jeiel erst jetzt zu suhlen, denn seine Füße waren trotz des eilenden Ganges ganz erstarrt und die Frnger froren ihm in den Aermeln, wohin er die Hände wie in einem Muff verborgen hatte. Sogar die Brauen waren ihm angesroren und der Bart hing doller Eiszapfen. Er fühlte eine große Ermüdung und verlangsamte seine Schritte. Spähend wandte er sich nach rückwärts und horchte, ob er nicht das Klingeln einer Schelle vernähme, die eine Holgfuhr ankündigte; gegen ein mäßiges Trinkgeld würde chm der Bauer aus dem Stoß ein Plätzchen gewähren. Doch es war nichts zu Pren 'oder zu sehen. Ein wenig enttäuscht ging er seinen Weg und watete in dem lockeren Schnee. ,Hu, wie kalt!" dachte er. „Wer jetzt zu Hause wäre und beim Ofen säße und sich den Rücken daran riebe! .. . Wenn ich erst den Maid hinter mir hätte, es wäre nicht mehr so weit. Dann kommt gleich ein Dorf, dann ein zweites und gleich zeigen sich die ersten Häuschen der Stadt. Wenn nur dieser Schnee nicht wäre, in den ich jedesmal bis über die Knoche! versinke! Und keine Wegspur ist «wahrzunehmeu, es scheint fürchterlichen Schneesturm in der Nacht gegeben zu haben, alles ist verweht. Und kalt ist's, daß das Blut in den Adern stockt.. Reb Jekel schlug im Gehen die Hände gegeneinander, um sich zu erwärmen. Die Füße schmerzten ihn vor Kälte und es half nichts, baß die Sonne ihren Höhepunkt überschritten hatte und nun begann, abwärts zu rollen. Trotz der großen Erschöpfung verdoppelte er seine Schritte, nm nur so bald als möglich den Wald zu erreichen. Der Frost wurde jede Minute stärker, bei je^dem Schritt ivard die Schneedecke tiefer, und der Wald war fern. J-etzl fiihlte Reb Jekel wahre Sehnsucht nach ihm, wie nach einem Zusluchtsort, denn nicht weit dahinter winkte das Heim und lockte mit seiner Wärme und seinem Frieden. „Wo nur der Wald hiugekommen sein mag?" dachte er im Gehen. „Nur Eis und Schnee, so lange ich gehe. Die Sonne entflieht, und wenn sie nicht da ist. gleicht die Welt einem Eiskeller. Das wäre nicht übel, wenn ich mich verspäten würde; Geld Hab' ich bei mir, ein« volle Tasche Knpsermmnzm und eine Menge Sachen dazu. Soll ich das etwa wegwerfen? . .. Oder soll ich es bis in die spate Sabbatnacht tragen? ... Hu, der Frost geht mir durch die Knochen, er krampst mir die Gedärme zusammen. Nur schnell -vorwärts, Je'kele, keine langen Pausen! Ja, wer nur schnell gehen könnte, aber der Schnee ist weich wie Teig; bevor ich den einen Fuß hevausziehe, sinkt der andere hinein. O Gott, hilf mir, nur die Füße etwas leichter zu rühren! Warum aber nur der Schnee hier -so tief und locker ist? Eine Straße muß doch ausgefahren fein. Anfangs war's n-ichi so. Oder . . . Hab' ich mich gar verirrt? . . ." Bei blef-eni Gedanken fuhr ihm ein lahmender Schrecken durch die Glieder, der ihm fast dir Besinnung raubte. Kein Zweifel, er hatte sich verirrt und ivar feldein abgebogen. Plötzlich wurde -ihm sehr heiß, seine Hände sanken herab und die Füße schienen ihm den Dienst versagen z-u wollen. Der Schweiß stand ihm in großen, eingefrorenen Tropfen aus der Stirne. Er hätte sich am liebsten in den Schnee hingestreckt, um auszuruhen, aber rechtzeitig erinnerte sich an Aledjas Mahnung.' Me ein Lichtblick kam ihm der Gedanke, rüelvärts seine eigenen Spuren zn verfolgen, dis er -den Fahrweg gefunden. Inzwischen dämmerte es. Dunkelheit breitete sich über die Erde und die weite, schimmernde Schneedecke nahm einen bläulichen Glanz an. Der Himmel war heiter, hie und da funkelte schon em vereirizelter kleiner Stcra, und Reb Jekel rannte seinem Ziele zu, kaum atmend, jedesmal stolpernd und gepeitscht von dem Gedanken, daß jedes Ruhehalten den Tod bedeute. „O Gott, hilf mir nur, den Wog zu finden! Soll ich -denn hier sterben, in dieser frostigen Nacht, unter freiem Himmel?" Ev horchte nach allen Seiten, ob nicht Gott sich erbarmt und einen Retter gesandt habe. Aber ringsum war alles öde und abgestorben, nur einige verlassene Bäume starrten vielarmig und eingefroren wie Gespenster in die Dunkelheit. Plötzlich verloren ^04190442908

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