Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 7 (1925)
- Issue
- Heft 2445 (12.12.1925)
- Date
- 1925-12-12
- Page
- Seite 3 (sequence 3)
- Language
- German
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Dezemver T9zo Nr. 2415 Men, Samstag CO DAN DttdöiiWeWttsM!», die Meiler Mersch«! I Lmmmhwmmm In alten de seren Geschäften erhältlich I aaMMaaHBai Sie Wahlen in die jüdische Nationalversammlung Palästinas. Lebhafte Beteiligung. — Die Franen.wÄhlen. — Vorläufige Ergebnisse. Jerusalem, 8. Dezember. (I. T. A.) Am 6. Dezember l fanden in ganz Palästina die Wahlen zur Assefath Haniwcharim (Nationalversammlung der pälästinm-! fischen Judenheit) statt. Der Mahlgang war überall sehr lebhaft. Es waren 21 Wählerlisten von den verschiedensten Parteien und Organisationen des Landes,! einschließlich der Komniunisten, eingereicht tvorden. Gemäß der kürzlich mit den: Misrachi abgeschlossenen Vereinbarungen war auch den Frauen d a s W a h l r e ch t verliehen worden; die jüdischen Wählerinnen beteiligten sich denn auch ziemlich stark an der Wahl. In mehreren Orten verlief der Wahlgang st ü r m i s ch, da es in der Nähe der Wahllokale zu Z u s a m m e n st ö ß e n kam. Sämtliche jüdischen Organisationen des Landes litten an den Wahlen aktiven Anteil genommen. Nur die Agudas Jisroel, deren Propaganda gegen das Frauenwahlrecht, trotz des für solche Zwecke stets paraten Bannstrahls ergebnislos geblieben war, hatte gegen die Beteiligung an den Wahlen agitiert; auch diesmal verwendete sie den Cherem, doch das fruchtete nichts. Nach den ersten vorliegenden Nesultateu erhielten die Achduth - Awodah (Landespartei der Poale Zion) 5291 Stimmen, Hapoel Hazair (Hitachdnth) 3371, Zionisten-Revisiouisten 2166, Deinokraten 1370, Sephardim 1640, Zentrumspartei 1516, Frauenliste 1416, Misrachi 1036, Landwirte 927, Kommunisten 852 Stinimen. Die Resultate ans Jerusalem, Obergaliläa und Emek Jesreel liegen noch nicht vor. Konstituierung der Präger Wische« Gemeinderepräsentanz. Am letzten Sonntag hat sich in Prag die neue Repräsentanz der jüdischen KubtuSgemeinde konstituiert. Zum Präsidenten wurde Herr Rat Steiner, zu Vizepräsidenten die Herreu Bäudler und Buchdruckereideisitzer Richard Brandeis gewählt. Die Jüdifchnationalen hatten weiße Zettel abgegeben. t Letzte Kurse. New-Bork, 11. Dezember. (Tei.-Komp.- Berlin23.80. London Kabel 4.8413/j«, London Scheck 4.801/,, Amsterdam 40.19, Paris 3.67V«, BMel 4.22«/.. Nom 4.018/*. Madrid 14.25. Zürich 19.28, Stockholm 86 67. Oslo 2040. Kopenhagen 24.94. Wien 14V,0, Budapest 11, Prag 296»/*, Belgrad 1.777.,, Athen t28Va Buenos Aires 419/1C 9Hc de Janeiro 14.20 Bukarest 46. New-Zortt, 11. Dezember. (Tet.-Komv. > Wetzen rot Winter 1877<. Wetzen Ijon Winter 188 Mais 9i3/u Hafer 52yg, Roggen 112. Ehikagv, 11. Dezember. (Tel.-Komv.) Weizen per Dezember 169, Mai 1647t Juli 144; Mats per Dezember 78%, Mai 847z, Juli 86%; Hafer per Dezember 417z Mai 45, Sui* 457« Aoaaen ver Derember 967,, Mai 105, Juli 103. und durch das andere hinaus. Hahaha, nicht wahr? Aber ich will Euch wenigstens etwas Stroh unter die Sohlen stopfen." Damit entfernte sich der Knecht, und Reb Jekel begann, seine Siebensachen zu packen. Er mußte sich beeilen, wenn er rechtzeitig aulangen wollte. Die neunte Morgenstunde war schon vorüber und doch hatte es sich kaum ausgehellt. Zm 4 Uhr!war es schon wieder dunkel. Und der Weg war lang, mehr als drei Meilen; mau hatte endlose Felder und Wiesen zu passieren, auch an einem Wald kam mau eine Strecke lang vorbei. Als Reb IM an den Wald dachte,, überlief es ihn ein bißchen kalt. Dort sollten nämlich, wie man sich erzählte, Wölfe Hausen, welche besonders im Winter die Gegend auf einige Meilen hinaus unsicher machten. Indessen, das taten sie nur bei Nacht, bei Tag war keine Gefahr, auch konnte man dort gerade Holzfuhren., begegnen, die für wenige Kreuzer einen gerne nach der Stadt brachten. Aber gegen die Kälte mußte man sich in der Tat schützen. Reb Jekel betrachtete die Fensterscheiben, an denen üppige Eisblumen blühten, und zog seine drei alten Westen, eine über die andere, an. Dann wickelte er sich noch einen fadenscheinigen Schal um die Brust nnd band sich ein Wolltuch um den Hals. Mit Aleksas Strohflechten in den Stiefeln konnte er sich in den Frost hinauswagen. So ausgerüstet, zählte er nochmals die fünf Gulden Honorar, die ihm der Hausherr eingehändigt hatte, durchlief in Gedanken die vielen Aufträge der Wirtin und, eine Melodie summend, küßte er die Me-susah und machte sich auf den Weg. Am Tore standen der Hausherr und seine dicke Frau. ,Miten Säbbat! Bleibt gesund!" empfahl sich Reb Jekel. . Der Hausherr brummte sein ,Hm,.hm!" und die Frau begann mit ihrer Fistelstimme, die in schreiendem Widerspruch zu ihrem Leibesumfang stand, zu keifen: „Daß Ihr mir nicht vergeht, Sonntag, Schlag zwölf, zurück zu sein..Die Jnngens können doch nicht den gaumen lieben Tag müßig umherspringen. Und vergeht auch nicht, Hefemitznbringerh und Nadeln nnd Papier und Seife und Me jiev Morgenzertunk ’9. Spuren, die man nicht sehen will. Bor dm Abschluß des Aeweikversahrenr im Steiger-Prvjeß. (Bort unserem ».-Korrespondenten.) Lemberg, 11. Dezember. Das B e w e i s v e r If a h r e n im Steiger-Prozeß geht seinem Ende entgegen nnd dürfte bereits Samstag geschlossen werden. Die letzten VerhanÄungstage dienen dazu, nur eine Reihe von Akten und Protokollen zur Verlesung zu bringen. Darunter befinden sich zahlreiche protokollavisch niedergelegte Aussagen, welche -mit dem Geständnis des Ukrainers TheoM Olschanski zusammenhängen und daher den Kampf zwischen Staatsanwaltschaft und Verteidigung um Ols-thanskis Geständnis .immer wieder von imm entfachen. Ucker Antrag des Staatsanwaltes wurde in der. gestrigen Verhandlung das Protokoll über die Aussagen eines Polizeia genten verlesen, der angibt, ein Ukrainer namens R o s o l o w s k i, der in W a r s cha u ivohilt, habe sich ihm gegenüber als Attentäter von Lemberg bezeichnet. Fernher kam ein Akt der tschechoslowakischen Polizei zur Verlesung, in dein angegeben wird, daß ein gewisser Le>on Rudolf, der wegen unbefugter Grenzüberschrsitung von der tschechoflo-wakischen Polizei verhaftet wurde, ausgesagt haben soll, er habe an dem Attentat gegen den polnischen Staatspräsidenten teilgenommen. Nach Verlesung dieser Akten ergriff Verteidiger Doktor Landau das Wort; er wandte sich in sehr scharfer Weise gegen die Bestrebungen des Staatsanwaltes, das Geständnis des Ukrainers Olschanski durch die Hinweise auf angebliche andere Attentatsgeständnisse abzuschwächen und beantragte die Zeugeneinvernahme des in Warschau lebenden Ukrainers R o s o l o w s k i, der an Eides statt erklären könne, daß er niemals und n i emandem gegenüber sich als Attentäter von Lemberg bezeichnet habe. Ferner stellte Dr. Landau den Antrag, den iir ZoPPot lebenden Brüder Olschanskis sowie seine in Chhrow ansässigen Eltern einzuvernehmen, um nachzuweisen, daß Olschanski wegen des Attentats Polen verlassen habe. Gegen die Ausführungen Dr. Landaus polemisierte der Staatsanwalt mit dom Hinweis darauf, daß die Verteidigung^ in dem dem Steiger-Prozeß vorangegangenen Prozeß gegen die Mischen Bürger Kvrnhaber, .Jäger und Konsorten. und den Ukrainer Mikitin eine ganz andere Person, nämlich den Ukrainer Pairezyszyn als Attentäter von Lemberg itezeichnot habe; dies schließe die Täterschaft Olschanskis aus. Dr. Landau replizierte daran,f, daß die Verteidigung im Korn Haber- und MMm- Prozeß stets ans Aufklärung der Mentatsaffäre gedrängt habe und dies auch heute tue, bisher habe sie wenig Gegenliebe gesunden. Die Verteidigung hat die Situation' richtiger ersaßt als dor Staatsanwalt, indem sie stets jede ' Spur verfolgt hat, die zur Eruierung des Attentäters führen könnte, und sich nicht, wie es jetzt geschieht, nur ' auf e i n e Spu,r verläßt. Die StaatsawvaHchast aber geht den Weg, der einmal betreten wurde, unbekümmert nm alles, was ringsum geschieht, weiter und will nur -in Steiger allein den M-entäter scheu. Der Verdacht gegen Panczyszyn schließt den gegen Olschanski nicht aus, um so mehr, als das Attentat, lute ans Olschanskis Geständnis nnd verschiedenen anderen Aussagen hervorgeht, nicht von einer Einzelperson, sondern von einer Organisation ans-' ging. Mch einer Erklärung des deutschen Außenmickste- - rium's sind mindestens zwölf bis vierzehn Person«« in die Affäre Olschanski verwickelt. Es ist wahrscheinlich, daß sich unter ihnen.' auch P a nczhszyn befindet, der als Terrorist gevichtsbekannt i?st und wegen eines anderen Terroraktes gerichtlich abgeurieilt wurde. Unter den zahlreichen übrigen Akten und Protokollen, welche bei der gestrigen Verhandlung verlesen wurden, ist das interessanteste die Aussage eines Kaufmannes namens Rosenstrauch, der angibt, es sei am 6. September 1924 um 3 Uhr nachmittags, also zu einer Zeit, da das Attentat noch gar nicht verübt war, ein Telephonaufms ans Sambor erfolgt, wobei gefragt wurde, oib es wahr sei, daß gegen i den Polnischen Staatspräsidenten während seines Vom-- - berger Aufenthaltes ein Attentat verübt wurde. Dieser mysteriöse Anruf ist um so bemerkenswerter, als Olschanski bekanntlich in Sambo r studiert hat und es leicht möglich ist, daß irgendwer dort von seinen Absichten unterrichtet war. Bedenkt man ferner, daß zwei Tage vor dem Attentat die Przemysler Polizei eine anonyme Warnung erhielt, die auch ach die ukrainische 'Seite woist, so wird es ■ immer klarer, daß der Versuch, aus politischen oder anderen Gründen irgend welcher Art die ukrainische Urheber- > schüft beim Attentat geflissentlich zu übersehen, entschieden mißglückt ist. CAFi HERRENHOF I. Bezirk, Herrengasse Nr. 10 NEUER SAAL 5-7 The dansant Entwurf: Architekt Karl Kraus Ab 9 Uhr Tanzorchester: Henry Pecht and his band Dance apres souper •miammwm Tanzarrangement: Martha Popper >WM»WWW»WWWW»W Hier begann ihm der Mund zu wässern und der. leere's Magen knurrte ein wenig. Reb Jekel schämte sich, jetzt fcrY Ool und Kaffee nnd alles übrige. Gold habe ich Euch ja mitgegeben." Reb IM suchte >das Weite. Doch bald ereilte ihn Aleksa, der ihm nachlief, um ihm noch einige gute Ratschläge nüt auf den Weg zu geben. Da der Schnee ' alle Spuren verweht hatte, so enchfahl es sich, die Hauptstraße einzul^lten und keine Seiteniwege ausznsuchen, unr etwas rascher zum Ziele zu kommen.. Gegen das Erstarren der Finger oder der Nase wäre das beste Mittel, sie mit einer Handvoll Schnee kräftig einzurewen; aber sitzenbleiben, um anszmnhen, dürfe man keinesfalls, und wenn der Schweiß in Scheffeln vom Körper rann, denn das wäre der sichere Tod. ,?Paßt gut auf, Pa nie Jekel, und Gott geleite Euch!" Der Bauer nickte, freundlich grüßend, mit dem Kopfe nnd kehrte nm. Reb Jekel verschwand an der Biegung der Straße, wo ihn bald die schneebedeckten Felder umfingen. Der Frost war stark und drückte wie eine schwere Last auf die Erde, welche mit einer dünnen Glastruste überzogen schien; überall funkelte und glitzerte der Schnee von den schrägen Strahlen der Sonne, die nahe am Himnielsrande hing und leuchtete, ohne zu wärmen. Bei jedem Schritt ließ sich ein scharfer, knisternder Ton vernehmen, und wenn Reb Jekel atmete, legte sich ihm gleich ein Reis auf den Schnurrbart. Er ging rasch, um sich warm zu halten, und da er Langweile verspürte, ließ er die Gedanken vorauseilen und gedachte seiner Frau, die ihn erwartet und nun emsig schaffte, um diesen besonderen Sabbat würdig zu feiern. Woher nur die Arme das Geld dazu genommen haben mag? Ohne Zweifel hat sie die Aressingleuchter verpfändet. Auf dem Tisch werden ihn die Sabbatlichter, in zj.vei großen, ausgehöhlten Kartoffeln steckend, begrüßen. Doch was tut das? Er sah das kleine Stübchen deutlich vor Augen, in welchem ettvas Poetisches, etwas Festlich-»Fveudiges jeden Winkel erMte. Er stimnü ein Lied an, während auf der Tafel die Fische dainpfen . .... Denn die Fische hat sie gewiß besorgt,: die kleine, gute Frau. Wer in der ganzen Welt versteht es denn auch, so Fische zu bereiten lute sie? Sie haben einen Duft und einen Geschmack ... Na! . ,, ohne iweiteres ans Essen zu denken, und bemühte sich, seinen \ Gedanken eine andere Richtung zu geben. Er malte sich '■ aus, wie er nach dem Abendessen an den Tisch des Rabbi gehen würde. Alle machen ihm Platz, er erhält einen 'Sitz zur Rechten des Zaddik, eine herzliche Begrüßung folgt und dann beginnt die „Thora".*) Alle halten den Atem an und - lauschen, indem die Hinteren Rethen auf den Schultern1 ihrer Vordermänner liegen. Man klettert auf die Bänke, in die Fensternischen, aber nur wenige bekommen etwas zu hören, denn der Raum ist weit und die Menschenzahl groß. Reb Jekel aber verliert kein Wort. Dann löst sich die Spannung ein wenig und der Rabbi sagt scherzend: Reb Jekele, es ist eigentlich unrecht von mir, daß ich dich Lecho-Daudi singen lasse."l>Hier streichelt er ihm die Wange. ,Menn ich nachher zu beten beginne, kann ich die Gedanken nicht zusarmnenhalten. Sogleich kommen deine Triller und Hüpfen und tanzen mir im Kopfe herum, daß ich keine zwei Worte Zusammenbringe." Reb Jekel lächelt etwas verlegen und der Rabbi legt ihm. die Hand auf die Schulter nnd fährt fort: „Aber was soll ich sündiger Mensch tun? Ich muß deinen Lecho-Daudi hören. Es tut mir Ivohl, und ich fühle,^ daß bei deinem Gesänge mir die Ne.schama Jessera**) kommt. Ja, ja." Jetzt ruht die Hand des Rabbi wie segnend auf Reb Jekels Haupt, dessen Gesicht von einem glückseligen Lächeln erstrahlt, während die anderen ihn neidvoll und zugleich wohlwollend ansehen. Ja, wer auch so singen könnte! Aber singen, das kann nur Reb Jekel allein. ^Wohl hat man schon viele Chafonim in der Welt gehört. Doch keinem tvar in dem Maße die Gabe zuteil, die Seelen zu rühren. Wisset ihr, meine Lieben", nimmt der Rabbi nach einer Pause wieder das Wort, „mein Großvater, 'der im Himmel weilt, pflegte zu erzählen..." .*) M-oralischchontilettlsche Tischrede des Raiblbi. **) Die „höhere Seele", die, dem B-olksAauiben gemäß, den ganzen Sabiba>tta>g lang -im Herzen des Wrenschen wohnt.