Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 7 (1925)
- Issue
- Heft 2439 (6.12.1925)
- Date
- 1925-12-06
- Page
- Seite 7 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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Me. UNS_kMn, SoMatz Ile“ ----- — Von Dr. B. Werne. Zelten nur „schlägt eine wissenischaistliche Entdeckung, Ulag sie auch noch so 'bedeutend sein, sofort ,M", wie es etwa bei den Röntgenstrahlen der Fall ihm. Im allgemeinen vergeht eine Art Inkubationszeit wie bei einer Infektionskrankheit: es dauert meist recht lange, bis eine im Jargon des Spezialisten abgefaßte, in irgend einer wissenschaftlichen Zeitschrfft, -— nicht umsonst heißen die gewöhnlich „Archiv"! — 'begrabene - Aribett auch nur in Fachkreisen genügend bekannt ist, um ihre Auswirkungen zu beginnen. And noch viel langer währt es zumeist, bis die Allgemeinheit davon erfährt. So ist auch über die „Gmlivitfch-Stiwhlen" selbst in den Kreisender Biologen noch nicht viel bekannt. Das Regt zum Teil daran, daß die Arbeiten des Forschers, nach dem ich die Strahlen nenne, in so gedrängter Kürze erschienen sind. Biel inehr aber noch ist M das unerhört Neue, die verblüffenden und doch ganz unanfechtbaren Schlußfolgerungen, die er aus seinen -wahrhaft genialen Experimenten zieht; die können die Reserviertheit erklären, ft«: im allgemeinen innegehalten wird. Man kann nichts dagegen sagen, gewiß; aber man wagt noch nicht, sich dafür'auszusprechen, Imcif cs zuvie'l des neuartigen auf 'einmal ist. ' Es handelt sich nämlich um eine Strahlenarr, die nicht nur bisher unbekannt war, nicht nur ganz eigenartige biologische Wirksamkeit zeigt, sondern die ihre besondere Merkwürdigkeit aus dem Umstand gewinnt, -daß sie vom lebenden Organismus selbst ansgosendet wird, in ihm selbst von Bedeutung für den normalen Entwickelungs-, Wachstums- und Heilungsprozeß ist. Aber gehen wir der Reihe nach vor. & Gurwitsch hat sich zunächst eine Frage vorgelegt, öle schon andere Forscher im Experiment zu lösen versucht hatten... Wenn nämlich irgendwo am Körper eine Wunde heilt, so geht das so vor sich, das; die unzähligen gesund gebliebenen Zellen der Umgebung anfangen, sich (durch Teilung) zu verrnehren, so daß ein Ersatz für die bei der Verwundung getöteten Zellen entsteht — heißt 'doch Verwundung nichts anderes als Zellend erlast. Aber woher wißen denn die Zellen der Umgebung, daß sie sich teilen sollen,'woher bekommen sie denn die Nachricht: jetzt müßt ihr euch teilen, neue Zellen sind an der und der Stelle nötig, weil dort ein Schnitt lausende oder Millionen Zellen vernichtet hat? Eine An twort, 'die ein sehr geistreicher de irischer PslaMuphysiologe gegeben hat, ist sehr einleuchtend und -ihre Nichtigkeit wird' auch von Gurwitsch nicht im allgemeinen , bestritten: dieser. deutsche Forscher,, Professor Hab e rland t, jyeint, das; die Verwultdeten Zellen einen Reizstoff, eiü MeNanntes Hormon absondern,-das in die Umgebung. gelangt (was ja leicht möglich ist, handelt es wmi wiwflwinfiwg VORM. MAIOWAN 4 FRANZ LrOPEffNRMSG 38 TEL 72*64 MALOWAN .. BRINGT FÜR WilMNACHTEN INFOLGE ' AUSSERST GÜNSTIGEN ABSCHLUSSES EftlE GROSSE POST ORIG. ENGL. SEIDENSCHALS IN DEN HERRLICHSTEN FARBEN ZUM PREISE VON S 35*- SOWIE SCHWERSTE REINSEIDEN- BINDER um S 9*50 sich doch um eine Flüssigkeit) und dort Zellteilungen hervorruft; solche Hormone konnte er dadurch Nachweisen, -daß er die teilungsfördernde Wirkung von Pflanzenbrei nachwies, der ja.unzählige.verwundete'Zellen enthält. Demnach würde die Wunde einen „chemischen Boten anssendm^, der die Nachricht von der Verivundung und damit die Aufforderung zur Ersatzleistung bringt. Wie gesagt, leugnet Gurwitsch, der Professor an' der Universität Mimferopol und ein sehr angesehener Forscher ist, die- Richtigkeit der Haberlandtschen Versuche 'nicht —» er meint nur, daß in anderen Fällen die Zellteilung durch besondere Strahlen hervorgerufen würde, die 'aus der- Wundumgebung stammen. Bewege? Deren gibtes genug. So der interessante Versuch mit her Wunde .ans der-Hornhaut des Froschauges: macht man da. mit.einer feinen Nadel eine Punktförmige, d. h. also runde-Wunde, so verteilen sich, wie das Mikroskop zeigt, die - alsbald eintreienden „Mitosen" (Teilungen) gleichmäßig uher'. das' gaHe' Feld/ Aber eine gerade, strichförmige Wunde, die knapp vor Beginn der Teilungen in die Nähe -der runden Wunde gesetzt wird, wirktwie ein Schirm, der Lichtstrahlen abhält, das heißt, hinter ihr sind viel weniger Mitosen zu finden. Man bedenke da folgendes: würde eine Flüssigkeit, ein Wundhormoii, der Erreger der Teilungensein, dann könnte es doch kerne' Schatten 'geben — - Flüssigkeiten können doch „auch um die Ecke rum" — Strahlen können das nicht!-So breitet sich ja auch das Licht immer g-erad- . linig aus. ,, Voiy den zahlreichem Versuchen Gurwitsch^ die die Strahlennatur"des' teilungserregenden' „Faktors" wahr-? scheiulich machen, seien nur die wichtigsten, die genialsten hier geschildert. Zunächst der Versuch mit der Zwiebelwurzel. . An der Spitze wachsender Pflanzenteile (also auch . der Wurzel) findet man ein ständig in Teilung befindliches Gewebe, welches die neuen Zellen liefert. Gurwitfch wies _& ftgetafey 19B6 _ jkfc i daß - auch diese Terlungsregion Strählen aussendeLi Dich grundlogends Entdeckung beruht aus fchender DersuchSamchmrns. Es wurde estw - ZwiebekMvzel seEeiht aufgehärrgt; daneben eine zweite so gelegt, daß ihre Spitze auf die andere Wurzel geigte, sie aber n icht berührte. Weniges sich wirklich um Strahlen handelte, die Z e l l- . teilungen erregen konnten, dann mußten in der -hängenden Wurzel auf der der anderen Spitze zu gekehrten Seite zahlreiche Zellteilungen zu finderr sein, auf der^abgekchrteu Seite aber gar keine oder' nur wenige, da ja kaum anzunchmen war, daß die Strahlen durch WuHel ungeschwächt durchgehen könnten. ■ Das war auch wirklich der Fall! Das tvar ein Triumph. Gin größerer, nein eine ganze Anzahl größerer Triumphe folgte. - Gurwitsch schaltete ein dünnes Glasplättchen zwischen die Wurzeln. War Glas durchlässig'für die allermeisten Strahlen, die wir kennen, vielleicht' gingen auch seine Strahlen durch, vielleicht war Glas „durchsichtig" für sie? ■ Und es erwies sich als richtig — auch durch Glas gingen die rätselhaften Strahlen, auch durch ganz dünne Quarzplättchen. Ja mehr noch: man kennt heute sogar die Strahlengattung, in die sie -einzureihen sind. Es wurde nämlich die Durchsichtigkeit verschiedenen Mgterickls (Gelatine, Quarz ufw.) geprüft und daraus läßt sich wie aus anderen Befunden die Wellenlänge erschließen. Es handelt sich nach'diesen Untersuchungen tatsächlich um eine S'trahlengattung, die bisher intMimit war, itirt eine neue b i logische Strahlung. Eine neuartige — denn es sind schon lange Strahlen 'bekannt, die ' von Lebewesen ausgesenÄet werden; d'ie Leuchtfeuer der Johanneswürmchen, die Lenchtorgane mancher Tieffeetiere wären hier zu erivä'hnen. Ubbrigens 'darf man hier den Ausdruck „Feuer" weniger als irgendwo sonst gebrauchen, wo es sich um leuchten handelt — denn diese Tierchen haben ein dringendes Problem der Technik schon für sich gelöst — das Problem des kalten., Lichtes nämlich. Sie erzeugen es durch einen chemischen Prozeß: ihre . Organe (das gilt natürlich nicht für alle ganz genau gleich) enthalten zwei «Stoffe, Lriziferin und Lnziserase. die einzeln durchaus nicht leuchten; es muß erst die L-uziferase auf. das Luziferin wirken, dann entsteht, der schöne Schummer, den die Tiere.ausstrah'len. Den tat, man nun in der Epruvette riachahmen und däbei zeigen, daß es sich um das Zusammenwirken zweier Verbindungen .'handelt. Wenn man Extrakte' aus solchen Organen macht und die .Hälfte in der Kälte, die'Mlste' in der Hitze i stehen läßt, dann sind beide uMvivkisanr. Es geht nämlich in der Wärme die Lugiserafe, aber nichtdas Luziferin, in der Kälte das Luziferin, nicht aber die Luziferafe zugrunde und so enthalten nach dieser Trennung beide Extrakte steinen Bestandteil. Mischt mru sie, dann leuchten sie wieder auf. - - Beachten Sie unsere sensationellen 8s lsimt siÄ! 3. . Ganz anders ist, Wolfgang Weist der Forderung von vorneherej-n gelöst: er hat einen Problemkreis gewählt, der. nur sehr-selten mit solcher Ausführlichkeit und solchem Sachverständnis behandelt wurde. Die Politik in' und um Palästina in allen ihren Entwicklungsetappen, von den ersten HerMlnsängen über -der: WelM-eg und dessen tiefgreifende Umwälzungen bis heute darzustellen, ist ein sehr schwieriges Unternehmen und erfordert Kenntnis der komplizierten Verhältnisse im nahen Orient und besonders in Arabien. Weist ist bis nach Ma'an gekommen, kennt den Scherst, König, und schließlich Kalif von MEa, Hussein, persönlich und ist über die dortigen Verhältnisse wohl orientiert. Er weiß den Wert der Balfour- Doklarativn abzuschätzen und die Gründe für. den teilweisen Rückzug der Engländer anzugeben (die Aendernng der' LlohdM'vrgeHolitit, die den Wall gegen >Sowjetrnßland ohne die Araber verwiMchw wollte, in die Churchi'l-Politik, die diesen Wall in einem geeinten arabischen Reich, unter Husseins Führung, auf England ^gestützt, gesehen hat). Er kennt die Geschichte des entstehenden Kalifats ans eigener Anschauung, weiß von -den Kämpfen der Hasch im iten uüt den Wahabiten sehr-fesselnd zu erzählen, .um dann schließlich die letzte Etappe des englisch-arabisch- Wischen Kampfes um Palästina: den Kampf Englands gegen Mekka und die Fortschritte 'des Zionismus in den letztest Jahren zu schildern. Problematisch ist vielleicht nur die Voraussetzung der politischen Anschauungen Weisls: die Juden als Bollwerk Europas in Men. Erstens ist es überhaupt rnchr als fraglich, ob inmitten eines bremreudeu, arabischen (-orientalischen) Meeres ein europäisches Bollwerk Bestand. haben konnte und zweitens ist es politisch rächt altzu angenehm, eilten Keil zwischen intrigierenden, känjpseptzen. und revolutionierenden Völkern zu bilden. Unsere ganze' Geschichte während unserer Unabhängigkeit becheist es leider allzu deutlich, was es bedeutet, ein gestoßenes Bolüoerb 'Gottes zwischen. Aegypten und Babylon und Persien zu fein. Das wäre die utilitaristische Seite der ÄngÄ-egerMt; es gibt hier eine geistige und lulturelle, die auch ins Gewicht fallt. Sie .muß. darum nicht gleich Pan- Msien heißen; in die orientalischen KnltUMsammerchänge l werden wir uns aber doch irgendwie einstigen nrüsstn. Man kann nicht sagen, ob es uns zum Schaden wird... Eher zum Vorteil. Die Schlußfolgerungen, die aus den Ausführungen Weisls git ziehen wären, sind augeMicklich jedenfalls richtig. Wir, die Juden, müssen selbst Pa'lästina anfbauen, Englands Interessen ausuützen und — fügen wir noch gegen Weisl hinzu — nur Arbeit, Aufbau, neue wirtschaftliche Methoden, „friedliche Durchdringung", können Sie Araber gewinnen. Denn die gewaltigen Külturunterschiede, die auf wirtschastlichen Gebieten zum Ausdrucke kommen, haben doch nicht diese enffcheidende Bedeutung, die ihnen Weisl zuspricht. Palästina ist für die Juden auch in diesem Sinne, eine Aufgabe: den Fortschritt zu erMlen, indem man die Identität der Begriffe „orientalische Kultur" und „rückschrittliche Kultur" > Der zweite Teil des Buches von- Weisl: Palästina von heute, der Skizzen ans dem Leben in Palästiria eutlM, beweist wieder einmal die ansgüzeichneteu publizistischen Qualitäten des Autors. Schon die Auswahl der Themen und Anlässe zeugt von richtigem Erfassen des Bezeichnenden und Symptomatischen. Bor drei Jühr-en, als es schlecht ging, haben die Händler Palästinas, die lleinen, armen, die den Lehrern und Kindergäruterinnen unbeschränkten Kredit gewährten, . die kritische Situation gerettet und das S'chulw-erk erhalten. Diesen ganzen Kreislauf, wo keiner Geld hat und alle leben, weiß Weisl in seiner ganzen Tragikomik liebevoll zu würdigen. Und dann, wie tragisch (bei Weisl auch ein wenig rührend) das Pessach-Opfer der Samaritaner auf dem Berge Grrizilu. Ein sterbendes Volk, dem die Frauen zum Weiterleben fehlen. Arbeiter Lonunen aus allen Gauen Palästinas dem alten Feindesvolk die Hand zum Bruderfr-ieden zu reichen. Horra wird getanzt und der alte Lehrer der 170 Samaritaner spricht die Bündnisrede. Ein Fest eines Sterbenden mit jungen Hochzeitsgästen . ,. ■ Ueber die Hrbeiterkolomen, ihr elendes,Lchen, i'hre- Erotii, Hren Tanz,', ihren Kommunismus erzählt Weisl auch ausführlich, aber wir hören doch nicht sehr viel Neues. Dagegen ist wieder das Kapitel über Mar Saba, das' Kloster'am Abgrund des Wadi 'en Aar,, erlschütternd. Dieses einsame Kloster mitten in der. Steinwüste, in einen hohen Felsen eingebaut, mit'verwahrlosten, entmentschten' Priestern, mutet wie der Tod'an. Es hilft niemandem, nur den Räubern von Zeit zu. Zeit zu einer Beute. Auch eine Art Gott zu dienen in einem Gottesland. 'Schnell zmckck nach Jerusalem. Hier ist die'trostlose Kbrgemaner sogar 'schon lebensfreundlicher... Ueber der Stadt, der heiligen, -der m-e'lancholischeu, der süWche Herbst. Der PnblW entpuppt sich als -treMicher Stimmungsmaler. Es würde zu. weit Mren, die Schönheit der oinMlEr SkiMn outzuMen, von der interessanten Schilderung der Ermordung des Paranoiker-Verräters de Haan bis M Eharakterijierung der singenden Stadt Tel-Awiw, deren nbechchäumenden Lebenswillen Weisl, trotz aller AnMrfe, die gegen sie erhoben ^werden, nicht mit Unrecht anerkennt. Zum Tor des Orients, das Lord Plmner in Palästina jetzt bauen soll, wieder zu werden — ist nach Weisl jetzt der Sinn des jüdischen Nationacheimes. Zum Tor au der Grenze, könnte matt hiMfügen; es kommt nur auf den Standpunkt an, von dem man Palästina betrachtet. Gehört es noch zum Orient, dann führt das Tor nach dem Westen. Holitscher erzählt von deul heiligen Feuer in der Grabeskirche des Erlösers,.an dem vor dM Weltkrieg, rin russischer Reiter in jeder Osternacht eine Fackel anZuziinden pflegte, um sie-in eiligem Gcklopp nach Jaffa auf ein bereifflehendes russisches Schiff zu bringen. Das Schiff brachte das heilige Feuer nach Rußland, wo alle Mmmchen vor allen Ikonen der weiten russischen Erde an chm entzündet wurden. In diesem Symbol scheint mir noch eher der Sinn der M-schen Heimstätte zu stiegen. Dr. Leopold Tha-le r. 5455421