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Wiener Morgenzeitung · 1925-12-06 · Heft 2439 (6.12.1925) · p. Seite 2

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Journal
Wiener Morgenzeitung
Volume
7 (1925)
Issue
Heft 2439 (6.12.1925)
Date
1925-12-06
Page
Seite 2 (sequence 2)
Language
German
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Meyer Morftenzektlmy M „i V.Dezsmher IW «r. m •WM« Arbeit" für Steiger. -e-artikel im Lrmbekh« ,Ao«o Polrkke". — rar „rttaalr" Geftstnbni» Slschanrklr. «ene Anlrstge der vkrteidltznng. (Von littsereni N..-0ttßspondjmen.| Letnberg, 8. Dezember. Wh.und langwierig ist der Kamps um m Geständnis des IrraiNersOlschanSki,' der in den letzten Tagen W Steiger-Prozesses geehrt wird. Tag um Tag versucht die Verteidigung im Gerichtshds irgind eine neue Beweisnuance zu erbringen, welche zur Aufhellung der geradezu m h st e r i ö s e n A t m o s p h ä r < dienen soll, die diesen Prozeß umgibt. Heute, nach der eintägigen Pause, die den Beratungen des Tribunals gewidmet war, wurden wieder zwei Antrvge der Verteidigung angenommen und zur Durchführung gebrächt. Ä)!e bereits berichtet, hat der Gerichtshof dem Antrag auf Einvernahme des Advokaten Dr. K o h n aus Rowno, des BaterS der vor einigen Wochen vernonnNeuen Zeugin. O r l i c k a, staitgegeben; überdies verkündete der Vorsitzende zu Beginn der heutigen Verhandlung, daß gemäß - dem Antrag der Verteidigung' jene Gericht satten zur Verlesung gelangen sollen, welche über einen Prheß der Balletteuse Pasternak Aufklärung geben und aus denen hervorgeht, daß dis Pasternak eine schwere Hysteriker in und Ne u rast he n ikerin ist. Die Einvernahme des Zeugen Dr. stöhn ergab, bafe Frau Orlicka die Tochter des Zeugen, eine Woche nach dem Attentat aus Lemberg nach Rowno kam. Sie erzählte zu Hause ihrem Vater und anderen Familienangehörigen, daß sie, den TAer genau gesehen habe und daß Steiger unschuldig sei. Diese Angaben sind wieder im Hinblick darauf von Wichtigkeit, daß dem Gericht in der Person der Frau Orlicka noch ein Zeuge zur Verfügung steht, der auf Grund vorgelegter Photographien, Kleidungsstücke usw.. die Olschanski der Berliner Polizei zur Verfügung gestellt hat, agnoszieren kann, ob der von der Zeugin beobachtete Attentäter mit Olschanski' identisch sein könne. Zu diesen beweislichen Schlußfolgerungen hat sich freilich das Gericht bisher nicht durchgerungen. Nach der Einvernahme des Zeugen Dr. Kohn erfolgte die Verlesung der erwähnten Prozeßakten. Diese besagen, daß die Pasternak im Jahre 1923 einem St^uerbeamten, welcher mit einem Schriftstück. der Steuerbehörde zu ihrem Geliebten, dem Ingenieur Szezep an ski. m die Wohnung kam, als die Pasternak dort anwesend >var. beleidigende Schimpfwort« zuries, ihm das Schriftstück entriß und'es in kleine Stück« zerriß Und überdies ' -km Beamte« ins Gesicht spnckti. Diese Handlung ist, wie aus den Akten heworgeht, die einer neurasthenischen und hysterischen Person. Der Vorsitzende .fügt« nach der Verlesung. der Akten noch hinzu,, daß dieser Prozeß gegen die Pasternak e r n g e st e! l t w u r d e; Aus die Frage des Verteidigers Dr. Grek, wann die Einstellung, erfolgte, erklärte der Vorsitzende daß .düs vor einer Woche geschehen sei. Nachdem es. jb; der Verteidigung gelungen war, einer-. seits einen neuen Beweis sür die Wichtigkeit des Olschanski- Geständnisses und seiner Ueberprüsung erbringen zu lassen, andererseits die Aussagen der Kronzeugin Pasternak nach der psychologischen Wertung hin zu erschüttern, ging'Verteidiger Dr. Landau in ausführlichen Darlegungen noch einmal daran, die Bedeutung des Geständnisses Olschanskis darzu- .legen. Gegenüber'den Feststellungen der Anklageschrift, daß die ukrainische Organisation, auf deren Befehl Olschanski gemäß seinem Geständnis das Attentat verübt hat, nicht existierte, stellt Dr. Landau aus einem erst vor einer Woche erschienene Wette über die politischen Parteien iv Polen fest, büß auch ln diesem Werke ' , die ukrainische Militärorganisation genannt ist, daß also die Verfasserin des Buchest, Alizha Belcikowska, Kenntnis von der Existenz einer ukrainischen politischen Organisation hat. welche nach den Angaben der Polizei in der Voruntersuchung nicht existiert habe« soll. Ferner wies Dr.- Landau hinsichtlich des Tatmotives das für Ol chansti maßgebend gewesen sein konnte, darauf hin, daß Olschanski ein Feind des PolentumS ist, was chon daraus erwiesen scheint, daß er bereits als Siebzehnähriger in die gegen Polen kämpfende ukrainische Armee eintrat. Die Ausführungen Dr. Landaus gipfelten in dem Antrag, dgß das Gericht den «W, den Olschanski am Tage des Attentates seiner Angabe gemäß trug, aus Berlin kommen lass«, um ihn den Zeugen vorzulegen, welche die Kleidung des von ihnen beobachteten Attentäters beschrieben haben; ferner beantragte Dr. Landau'die Vorlage der 8 e g i t i m a t i o n, dir dem OlschanSkr el«ige Tage «ach dem Attentat in Chyrow ausgestellt wurde und die mit einer ein paar. Tage nach dem Attentat aufgenommenm Photographie OlschanSkiS versehen ist. Am Schlüsse der heutigen Verhandlung kam Verteidiger Dr. Ringel in sehr eindringlichen Ausführungen auf die Verleumdungen zu sprechen, welche in den letzten Tagen m dem Lemberger antisemitischen Organ „Slowo Polskie" erschienen sind. Das -Blatt bringt eine angebliche Information, wonach eine ukrainische Geheimorganisation im Auslände gegen Bezahlung von 604)00 Dollar die Verantwortung für das Lemberger Attentat auf. sich genommen habe; die heutige Darlegung des Blattes wurde noch deutlicher, da kurzerhand die Behauptung ausgestellt wurde, die Jude« hätten de« Ukrainer Olschanski mit 60.000 Dollar bestochen, damit er sein Geständnis ablege. Dr. Ringel wies darauf hin, daß diese Angabe« des Hetzblattes vom Anfang bis zum. Ende erfunden seien, in der Absicht, die Atmosphäre, in der' der Prozeß sich abspielt, zu .vergiften. Er verglich die antisemitische - Preßhetze, di« sich jetzt abspielt, mit der Hetzkampagne zur Zeit der Drey s us- Affäre. > . Nachdem det Vorsitzende mitgeteilk hatte, dütz'der Gerichtshof über die von Dr. Landau gestellten Anträge. M vn° tag Beschluß fassen werde, wurde die Verhandlung auf Montag früh vertagt. „Manchester Guardian" Über Olschantis Geständnis. London, 4. Dezember. (I. T. A.) Die führende liberal« Zeitung „Manchester Guardian" schreibt in einer Besprechung des Steiger-Prozesses u. a.: „Die Wahrscheinlichkeit, daß der Ukrainer Olschanski derjenige war, der die Bombe gegen den Wagen des Präsidenten Wojciechowski geschleudert hat, hat'sich nun, nach dem neuerlichen Geständnis Olschanskis vor der Berliner Polizei, zur Gewißheit gesteigert. Wenn die polnischen Behörden auch weiterhin OlschanSkis ' Existenz ignorieren und gegen Steiger, dem nichts nachgewiesen werden konnte, weiter verhandeln wollten, so wird das eine sehr beklagenswerte Angelegenheit sein." Oellell_ Wien, Sonntag die entweder offen aus den Ritualmord eingestellt ist oder ougenverdrehend fromm tut. Die Atmosphäre ist vergiftet und ein Symptom ist der Antisemitismus. Es ist.nutzlos verschwendete Mühe, sich mit chm abzuplagen oder darauf zu hoffen, daß einmal dock die Zeit kommen wird, in der der Haß schwindet. Diese Pest war immer da. Sie ist daraus entstanden, dich das Judentum kein nationales Zentrum besaß, daß , SS als wehrlos und machtlos an den bitteren Brunnen des. Exils'und der Diaspora leben, mußte. Daß. der Ziorjismus, die aktive politische Bewegung deS seines Bolksturns und seines Rechtes bewußten Judentums, in seiner Arbeit ängefallen wird, und daß sich auf ihn der brennendste Haß dieser goldenen Horde konzentriert, ist nichts Ueberraschendes. Es ist uns aber ein sicherer Beweis, daß wir auf dein rechten Wege sind, und daß wir alle Kräfte an die Erlösung des Volkes und auf die Festigung unseres Werkes in Palästina setzen müssen. Die Tat spricht laut, und je' mehr Boden wir kaufen,;e mehr geistige und materielle Energie wir für den Bau unserer, Heimstätte aufwenden, um so mehr sichern wir die Zu-' kamst unserer Nation. Das ist der Ruf unserer Arbeit und unsere Antniort an die tausendstimmige Lüge, das ist' der Ruf des neuen Judentums, das sich in Crez Israel *iin Zentrum schafft._ lie AbrMnn»»ko»kreii-> > Einladung au Amerika und Rußland. Genf, 5. Dezember. (Schweiz. Dep.-Äg.) Wie verlo-utet, dmd der Vollerbundrat an die Vereinigten Staaten Und an die russische Sowjetrepublik die Einladung richten, m die vorbereitende Kommission für die Abrüstungskonferenz Vertreter m'en^ sticken. vrlnntz» Fsnomprogram« im Senat. Mit großer Mehrheit angenommen. Paris, 5. Dezember. (Havas.) Der Senat hat in mvt Nachtsitzung nach einer Rede des MnisterprSsidenten B riand den ersten Artikel betreffend die Sttucreingänge i« einfacher Abstimmung angenommen. Ter Artikel be? treffend den Sech's-Milliard-en-Vorschuß der Bank von Frankreich an den Staat wurde mit 196 gegen 59 Stimmen genehmigt. Schließlich nahm der Senat den Ge so m t* ent Wurf des Finanzministers mit 205 gegen 2 6 Sti in men an. Neue Sarrierungsmaffnahmen. Nach, den in den Kammercoulvirs verbreiteten Gerüche - ist damit zu rechnen, daß FinaNzmirüster Äoucheur nächste Woche vier neue finanzielle Regierungsvorlage« einbringen wird, die weitere schwere Lasten bringen werden, so insbesondere eine staa t l i che Hyp othek von 10 Prozent auf das Aktivum der A kt ie ngesellschasten und andere Unternehmungen, weiter neue Steuern in der Höhe von einigen Milliarden, wahrscheinlich drei Milliarden zur Herstellung des budgetären Gleichgewichtes und vier weitere Milliarde«, zur Schaffung eines sogenannten Uebergleichgewichtes für die Amortisierungskasse, ferner E.'Höhungen dar bereits bestehen''en Steuern, darunter eine öOprczentige Erhöhung der Ge-! schaftSumsatzstener, schließlich eine Erhöhung der, Tabakpteife, der Posttarife usw., svwie Maßnahmen zur Unterdrückung der Äeuevflucht und der Steuerhinterzichung. »stroer. Au jüdisches Memorandum gegen das magyarische Schanblied. Budapest, 4. Dezember. Wir berichteten vor einigen Tagen über eine Gerichtsverhandlung gegen, eine jüdische Frau, die der Beleidigung der ungarischen Notionalarmee beschuldigt wurde, well sie ihrer Entrüstung darüber Ausdruck gab, daß eine.Militärat Leitung unter Führung eines Oberleutnants aus ihrem Vkarsch durch die Straße das blöde antisemitische Schmählied „Erger, Berger . . ." gesungen habe. Das Gericht sprach die Angeklagte frei, weil sie sich und das ganze Judentum durch das Schmählied verletzt suhlen mußte. Einige Tage spater erklärte Kriegsminister Gras Lsakh, daß er schon vor eineinhalb Jahren ein Verbot gegen das Singen dieses,, die jüdischen Bürger lief verletzenden Liedes an sämtliche Kommanden erlaflen habe, und daß er nunmehr strenge daraus. achten werde, daß dieses Verbot auch respektiert werde. Jetzt erst raffte sich die neologe israelitische Landeskanzlei auf, gegen diese seit dem Zusammenbruch von der nationalen Armee öffentlich geübten schweren Beleidigungen des gesamten Judentums in Form eines Memorandums an den Kriegsm i n i st e r Stellung zu nehmen. In dieser umfangreichen Denkschrift wird auf die vielen Kriegsopfer der Juden hingewiesen und betont, daß! die Duldung solcher Schmähung durch, das Militär gegen, die Staatsgrundgesetze verstoße. Daß auch dieses Doku- , ment von widerlichem Chauvinismus trieft, macht eS nicht' wirkungsvoller. Wl ftedei*er$flnpng .es aliieaotimue.ten CAFE RUTHMAYR IX., Llechtenütemstr^se—Kollngasse Neu 2 apfiert Neu adaptleit ■ Vornehme» F ati — s....,.. .......-....——.-- Sooiidge gegen den Böikerbnnd. Rew-Iork, 5. Dezember. Eine amtlich« Erklärung des Weißen Hauses läßt keinen Zweifel darüber,, daß, die schroff ablehnende Haltung des Präsidenten Coolivge gegenüber dem Völkerbund unverändert geblieben ist. Die Gelegenheit dieser Erklärung wird dazu benützt, um an Frankreich nochmals die Forderung auf La n da b rü st u ng zu richten. Ter Präsident sehe in den' großen Landheeren nicht nur eine Herabdrückung her finanziellen Mittel der betreffenden Länder, sondern auch eine Bedrohung des Weltfriedens. Wiederholt habe ex deshalb M Standpunkt unterstrichen, daß Ameriika. seine. Gelder nicht dazu auögeliehen habe, um derartige militärische Zwecke auch noch zu finanzieren. Madislaw Netzmont gestorben. In den Morgenstunden der 5. d. ist in Warschau der berühmte polnische Epiker, der Nobel-PreiSträger Madislaw R e y m o n 1, im Alter von 67 Jahren gestorben. Neben dem vierbändigen Romanzyklus „D i e p o l n t s ch e n Bauern", für welchen er mit dem Nobel-PreiS ausgezeichnet wurde, sind „DaS Jahr 1794", „TaS gelobte Land" und sein letzter Roman „Meuterei" die bedeutendsten Werke des Dichters, der in der Vollkraft seines Schaffens dahingerafft wurde. # Vor einigen Tagen erst hatte ein Mitarbeiter des jübifchpolnischen Blattes „Rasz Przeglav" eine Unterredung mit dem Dichter-Reymont, der sich auch über das Judentum aussprach. Er sagte hieriiber unter anderem: „CS macht mich geradezu nervös, daß unter einem Dach mit uns, förmlich vor meiner Nase ein Volk wohnt, daSwirgarnichtkennen. Wir müsien eine gemeinsame Tribüne haben, man muß sehr diel aus der jüdischen Literatur übersetzen. Eigentlich sollten sich damit Juden, die auch polnisch schreiben, besassen; diese dürfen sich aber nicht — wie dar mit den meisten polnischen Schriftstellern, die Juden sind, der Fall ist — ihrer Kenntnis der jüdischen Sprache schämen." glatt, bei welchem Herr “ MV ‘ l W (Berlin) preehen wird. Kirim •ind (m Zloniatliehcn Bureau, I,, Klratnentr, 28, erhältlich 7,8 Uhr abends, findet im 1145 D3B 4564

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