Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 7 (1925)
- Issue
- Heft 2437 (4.12.1925)
- Date
- 1925-12-04
- Page
- Seite 4 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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4 Wien. Freitag Wiener Moreenzettung 4. IMS ivicz, Marshall geg«r Rubinstern, Löwensisch gegen Yates, Dr. Tartakower gegen Grünseld, SPielmmm gegen Romanowski, ZuwarOw gegen Lasker, Sacmisch gegen Capa-- Aanca, Bogoljubow gegen Gotthilf, Werlmsky ist spielfrei. Polns, Kuttenberg. Ml. Msners trauriges Jubiläum. In unsere Redaktion kommen täglich unZählige Leute, alte und junge, Männer und Frauen, solche, die einst den Kelch der Freude leerten, und solche, die immer der, Not ins Auge sahen, und ihren Lippen entringt sich verschüchtert eilt Lispeln: „Hilfe." Wer aber richtig zu hören versteht, dem stellt dieses hingehauchte Lispeln wie ein Schrei im Ohl- Wir Tagschreiber verstehen zu hören, liegen wir doch unausgesetzt aus der Lauer, um die lauten und leisen Pulsschläge des täglichen Lebens abzuhören und sie den anderen, den weniger Feinhörigen in ihre tauben Ohren zu schreien. Aber auch wir haben unser Ohr schon an die Schreie der Hilfesuchenden gewöhnen müssen, und mehr wie das monotone Ticken Ier Massenmörder Morarerm. Loskauf vom krschleßeu. Aus Bukarest berichtet I. T. A.: Im Prozeß Morareseu dauern die Zeugenaussagen fort. Eine ganze Reihe von Zeugen bekundete, daß der Leutnant Milch, Fleisch und ähnliche Lebensmittel umsonst abgenommen hat. Dann kamen die Zeugen, die auS den Händen Mora« rescus lebend daivonkamen und denen es gelungen ist, ihr Leben mit Geld zu erkaufen. Rüben Hellmann gibt an, daß er dem Leutnant 5000 Lei bezahlt hat, um nicht g epeinigt zu werden. Nachher erzählt Theodor B runghie aus Semetow, wie man ihn verhört hat: Drei Wochen hindurch wurde er täglich geprügelt.Jach drei Wochen hat man dem Zeugen nahegelegt, daß er gegen gute Bezahlung frei gelassen werden könnte. Man gab ihm sie hören sich uns nur einer Taschenuhr an. Dennoch geben wir diese Hilferufe , durch unser Sprachrohr, die Presse, in die Welt hinaus, Urlaub, um sich Geld zu verschaffen und sich freizukaufen, aber das Echo, das den Aermsten entgegentönt, ist nicht | Er kam nach einigen Tagen zurück und meldete, daß es ihm tausendfach. ES ist so schwach, daß man es kaum hört. Die Leser sind schon müde geworden, denn es sind ja zu viele, die vor dem Ertrinken noch verzweifelt ihre Hände emporrecken. Die Hilfe, die ihnen die Oesfentlichkeit angedeihen lassen kann, ist gering, und nach kurzer Zeit stehen sie wieder vor uns, und das hoffnungslose Spiel muß von neuem beginnen. Leopold Hilsner, das unschuldige Opfer der Rltualmordbestie, hält wieder seine Hand auf und bittet. Die gesamte jüdische Oesfentlichkeit sollte ihn hören. Alles laßt sich mit Geld nicht auswiegen. Es ist nur die primitivste Form der Dankbarkeit, und just an dieser gebricht cs. Leopold Hilsner mußte im Kerker leiden, weil er einer der Unftigen ist. Heute leidet er Hunger. Am 15. November beging Hilsner ein trauriges Jubiläum. 25 Jahre sind es her, daß er zum zweitenmal zum Tode durch den S t r a n g verurteilt wurde. Der jüngeren Generation dürste der „Fall Hilsner" nicht ganz gegenwärtig sein. Es ist deshalb gut, in Kürze die einzelnen Leihensstotionen des Mischen Märtyrers zu durchwandern. . Anfangs April des Jahres 1899 wurde der jüdische Schuster Leopold Hilsner in P o l n a bei Jglau unter der Beschuldigung verhaftet, einen Mord an dem Mädchen Agnes Hruzbegangen zu haben. Passah stand vor der Tür und das Ritualmordmärchen wurde der bäuerlichen Bevölkerung von Pfarrern und sonstigen gewissenlosen Hetzern solange aufgetischt, bis es die naiven Gemüter selbst glaubten- Um die Wende des 20. Jahrhunderts tat sich im Herzen Europas wieder einmal das Mittelalter aus. Hilsner sonnte zuerst ein einwandfreies Alibi Nachweisen und wurde ans freien. Fuß gesetzt. Die Hetzer ließen aber nicht locker. Die Furie der Verleumdung hatte sich in den Körper des armen Mannes eingekrallt und war nicht loszukriegen. Ueber direkte Weisung des Justizministeriums mußte der Untersuchungsrichter Doktor R e i ch e n b a ch die Angelegenheit einem „energischeren" Mann überlassen. Hilsner wurde abermals vörgeladen, und auf dem Gange des Bezirksgerichtes von dem Postenführer Klenovec, der während des Prozesses als Belastungszeuge eine große Rolle spielte, verhaftet. Nun war er in die Hackmaschine, die sich Justiz nenntgeraten, und sie leistete ganze Arbeit. Hilsner wurde nach Kutten- Lerg überfährt und der Untersuchungsrichter Doktor Baudisch schaffte das Prozeßmaterial zutage. Vom 12. bis 18. September des Jahres 1899 fand die erste Schwurgerichtsverhandlung statt, nicht gelungen ist, die geforderte Summe aufzutrerben. Es ist bezeichnend, daß der Mann sich ni cht traute, zu slü chteiu Nach dem Verhör der Vorgesetzten des Leutnants »v-urde Dr. Joneseu Verhört, der eine Inspektionsreise' am Dnjoster unternommen hat. Eines nachts kam er zum Stand des Leutnants MorareSen. Bei einer Taffe Tee sitzend, fragte er den Leutnant: Me geht es Ihnen?" „Danke, gut, Ich töte!" war die Antwort MorareScuS. Ferner erzählte ihm Mo« rarescu, daß einige Flüchtlinge iin 100.000 Lei versprachen, wenn er ihnen die Grenze zu überschreiten erlaube. Er tat so, als ob er emwillige, als sie aber bis zur Mitte des Flusses kamen, ließ er sie erschießen. Der Zeuge fragte den Leutnant, wieso der Arzt deS Ortes ihm die' Zeuguifle aussolge, daß die Leute eines natürlichen Todes gestorben sind. Die Antwort lautete: „E r hat ebenso Furcht wiedieübrigen." Die Frage, auf wen er sich verlasse, wenn er so vorgehe, beantwortetder Angeklagte: „Auf die Befehle des Generals Popoviel." Es wurde dann Major Preeu verhört, der früher das JnformationSbureau des beßorabischen Kommandos leitete; er gab an, daß es Befehl war, niemanden, den Dwjester passieren zu lassen. Die Frage des königlichen Anwaltes, ob jeder erschossen wurde, oder nur diejenigen, gegen die ein Verdacht bestand, wollte der Zeuge nur in geschlossener Sitzung beantworten. Es wurde auch der Saal evakuiert. Die nächste Verhandlung findet Montag nachmittags er im April 1918 durch die allgemeine Amnestie des Kaisers Karl in Freiheit gesetzt. Ein gebrochener Mensch, den man in der ärgsten Kriegsnot wegen seiner Körperbeschas'enheit nicht einmal in die Montur stecken konnte, verließ das Gefängnis. Wie ein Blinder tapple er in der plötzlich gewonnenen Freiheit umher. Die Dankbarkeit drückte ihm eine Krücke in die Hand, auf die er sich stützen konnte. Eine für ihn eingeleitete Sammlung ergab eine größere Summe und außerdem wurde ihm eine Anstellung im jüdischen Versorgungshaus in der Seegaffe verschafft. Nicht lange konnte er sich seines Glückes erfreuen. Bald packle ihn das Unglück wieder >' beim Kragen und beutelte den ohnehin nicht mehr Widerstandsfähigen kräftig hin und her. Im Jnflationswind zerflatterte sein Geld in nichts. Eine Filmgesellschaft mißbrauchte den Unglücklichen zu Reklamezwecken und so verlor er auch seine Stellung. Seither lebt er in den kümmerlichsten Verhältnissen. In den letzten Tagen wurde er zu all dem . noch delogiert. Heute steht er wieder vor uns und bittet. Er will arbeiten und nicht betteln. Der Lebensabend Leopold Hllsners muß gesichert werden. R. S. Ser Llolver Luellproretz. Berlin, 3. Dezember. In dem Stolper DaeÜprozeß wmöe geistern der Angeklagte v. Somnitz zu 2 Jchren 9 Monaten stungshcht, die AngMagten Weiher, v. Pirch und Howeilke flu je 6 Monaten, Kuckums zu 1 Monat, v. R'amin zu 1 Monat und v. Kochnen zu 3 Aachen Gefängnis vemrtetlt. Bus einem Brief Rabindnmath Zdfiotes. ,Haarez" in Tel-A.viw veröiffenklicht die folgenden interessanten Stellen aus einem Privaischreiben, welches Frau Sularnit Flaum von dem berühmten indischen Dichter-Philpsophen Rabwdrariath Tagore .kürzlich erhalten hat. . . Es ist Ihnen wahrscheinlich nicht bekannt, daß ich infolge einer Herzkrankheit ans Bett gefesselt bi« und schon seit langem das Zimmer nicht verlassen kann. Im August t>. I. 'knbsichtigte ich» eine Reise nach Europa die mit seiner Verurteilung zum Tode durch den Strang! zu unternehmen, doch chatte der Arzt mir die Reise unterendete. Ein Schrei der Entrüstung-ging durch die ganze > sagt. Auch meine letzte Reise nach Südamerika ist miß- Welt. Alle rechtlich Fühlenden, unter ihnen auch der jetzige Präsident der tschechoslowakischen Republik, Proseffor Masaryk, setzten sich für den unschuldig Verurteilten ein. Dem Verteidiger Dr. Auredni cd gelang es, durch eine erfolgreich verttetene Nichtigkeitsbeschwerde eine zweite Schwurgerichtsverhandlung durchzusetzen. Die neue Untersuchung zog sich fast ein Jahr hin, und man brachte noch den traurigen Mut auf. dem Unschuldigen einen zweiten Mord anzudichten. Es wurden weibliche Leichenteile und Kleiderfetzen gefunden- und die Tote als Marie Klima angno^ziert. Man weiß bis heute nicht, auf welche Art sie ums Leben gekommen ist. Wer anderer hatte der Mörder sein können, als der Jude Hilsner? Es war doch Passah und er brauchte doch Chrkstenblut! Die zweite Verhandlung in der tschechischen Stadt Pi sek dauerte vom 25. Oktober bis zum 15. November IM und endete mit der abermaligen Verurteilung Hilsners zum Tode durch den Strang. Der Oberste Gerichtshof als Kaffationshof verwarf die gegen die abermalige Verurteilung eingebrachte Nichtigkeitsbeschwerde, wandelte jedoch die Todesstrafe in lebenslänglichen schweren Kerker um. Hilsner wurde in die Strafanstalt Pankraz bei Prag gebracht. Der unschuldig Verurteilte hatte schwer unter den Verfolgungen durch seine Mithästlinge zu leiden. Durch Mißhandlungen und Verhöhnungen bis zur Verzweiflung getrieben, ließ er sich zu einer Gotteslästerung Hinreißen. Die Folge davon war, daß seine Strafe durch Fasten und hartes Läget verschärft wurde. Endlich gelang es ihm, feine Transferierung in die Strafanstalt Stein durchzusetzeu. Das bedeutete für den Unglücklichen schon eine ungeheure Verbesserung seiner Lage. Er durfte wenigstens in Ruhe Säcke picken und schneidern. Hilsner hatte mit der Welt schon abgeschlossen, Nach 18jähriger Haft wurde glückt. Aus dem Schisse hatte ich einer: schweren Anfall -md war gezwungen, die Reise in Buenos Aires zu unterbrechen, wo einige neue Freunde, die ich dort kennen lernte, mich pflegten. Auf dem Rückveg nach Indien machte ich in Italien -Rast, wo — in Mailand — ein neuer An» fall mich niedeüvach und ich bin auch heute noch nicht hergestellt. Bielen Dank für die mir zugesandten Bücher (Bialik s Gedichte und Erzählungen Pinskis in englischer Übersetzung sowie die Schriften Zangwills). Da ich jetzt krank daniederliege, hatte ich Gelegenheit und Muße, die Bücher zu lesen und ihren hohen Wert zu erkennen. Sie führten mich in die wundersame Atmosphäre des Lebens -und der Bestrebungen Ihres Völkes ein ... Ich wäre.gNcklich, wenn es nur vergönnt wäre, Erez Israel zu besuchen und -wenn ich dort Freundschaft schließen -könnte mit euren Männern, die den Kampf u m das Gelingen des riesigen Werkes fuhren. Ich bitte Sie, mich Wer die Ereignisse in Ihrem KrerS auf dem Laufenden zu erhalten und Sie können meines innigsten Dankes sicher sein." * Jugendvorftihrung des neuesten Palastinafilms. Der Keren Kajemeth veranstaltet für die Mitglieder oller Jugend gruppen am Dienstag den 8. d. um 3 Uhr nachmittags im iJfa-PalaUino, 2. Dez., Talbovstraße 1—3, eine spezielle Vor iführung des neuesten PalDimstlms „Der jüdische Pionier in Erez Israel". Eintritt nur für JugeMiche. RvMeilpag 50 Groschen. Jugendgottesdienst. Am Samstag den 6. d. um 3 Uhr nachmittags findet der JugeudgvtteshiMst für die israelitische Schuldend in Uw Gemeindemd BezirkWragoM statt. Ser weg nach Zion. Eine Botschaft BkalstS an die amerikanische Judenheit. Aus New-Aork wird unS berichtet: Der m 29. November zusammengetretenen Konferenz von Baltimore, die die Aktion zur Ausbringung von fünf Millionen Dollar für dm Keren Hchessod. Keren Kajemeth und andere zionistische Pa° iästinainstitutionen vorbereitet, hat Eh. N. BiaUk eine Botschaft gesendet, in der rs heißt: Der amerikanischen Judenheit ist durch die begeister» ien Bemühungen energischer und hingebender zionistischer Führer die Ehre und das Vorrecht zuteil geworden, in historischer und verantwortungSrrichster Stunde bei den Sammlungen für die Befreiung unserer nationalen Heimstätte in der vorLersten Reihe zu stehen. Mögen die Juden Amerikas nicht wanken und auf diese Ehre und dieses Vorrecht nicht verzichten. Mögen sie im Gegenteil durch verdoppelte Anstrengungen und vervielfachte Resultate zeigen, daß sie die Söhne eines hartnäckigen Volkes sind, und daß die Nachkommen Jerobeams, i die das Volk von dem historischen Wege abbringen und in unsichere Experimente hmeinziehen wollen, sich vergeblich mühen. Mögen sie beweisen, daß es nur einen Weg für unser'Volk gibt — den Weg nach Zion. Der Gott ZionS sei mit euch bei eurem Werke, segne die Armee eurer Mitarbeiter und nehme das Werk eurer Hände gnädig an." Auch der ObenaMner Kock übermittelte feine besten Wünsche für das Gelingen der Konferenz in einer Botschaft. Uongredrionimn«. Vortragsreihe des akademischen Landesverbands. Der Jüdifch-akademische Landesverband (im Wlltvetbandr zionistlscher Studenten) veranstaltet im laufenden Semester für die akademische Jugend eine Reihe von Vortragen über zionistische Fragen. Den Eröffnungsvortrag hielt Herr Dr. Otto Abel es über daS Thema ,FongreßzioniSmuS". Er erklärte zunächst die Berechtigung und Notwendigkeit dieses Wortes. Der positiM Zionismus, wie ihn Herz! schuf, habe mit der Z'wnsliebe der ruffischen „Bilu" und der uralten jüdischen Zionssehnsucht wohl sehr wichtige Berührungspunkte und seine weitere Entwicklung wäre ohne Vorhandensein dieser Kräfte nicht möglich gewesen, dennoch müffe der politische Zionismus, der sich, den Kongreß schuf, alS eine durchaus neue Bewegung erkannt werden, nämlich alS Frucht der Emanzipationsperiode und als daS streng formuliert« politische Streben der Juden, das Recht auf die eigene Ration zu erlangen, als Voraussetzung für die Beseitigung der abnormalen Sage der Juden, der Verständigung und Versöhnung mit den anderen Völkern. Der Vortragende besprach sodann die drei Phasen. deS Kongreßzionismus. HerzlS kurzfristige Lösung der Judensrage, das faustische Beginnen, mit einem einzigen gdwaltigeu Griff die Judenheit zusammenzufaffen, einen großen, womöglich den größten Teil durch Ansicdlung in Palästina faktisch, den zurückbleibenden Rest moralisch zu erlösen, ist nicht gelungen. Es fei noch die Frage, ob die geniale Konzeption deS Planes utopisch war oder ob die Utopie nicht lediglich darin bestand, daß Herzl daran glaubte, die Zustimmung und Mittat der Majorität deS jüdischen BolkeS zu erlangen. Nowau sagte bitter: „Alte Gefangene wollen nicht aus dem Kerker." Die Mite Periode, nämlich die der praktischen Palästinaarbeit, ist charaktmsiert durch daS Bestreben, sofort mit der Befiedlung Palästinas zu beginnen, nicht im Sinne einer „Infiltration" ohne politische.Forderung nach der jüdischen Heimstätte, sondern, um durch Erarbeitung des BcdenS den Anspruch auf das Land zu stärken und durch die AuSstrchlungen des neuen Jischuw auf die zerstreute Judenheit die zionistische Bewegung zu fördern. .Peizmann, der spater die Balsour-Deklaration erzielte, war einer der Begründer und Borkampser deS Systems der praktischen Paläslinaarbrit ohne Hintansetzung der zroßen politischen Forderung. Es folgte eine Schilderung der Wien Periode M he; MaMArtMng. WleS MäMrtz ZW i