Mannheim
Compact Memory

Wiener Morgenzeitung · 1925-12-03 · Heft 2436 (3.12.1925) · p. Seite 2

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Wiener Morgenzeitung
Volume
7 (1925)
Issue
Heft 2436 (3.12.1925)
Date
1925-12-03
Page
Seite 2 (sequence 2)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
92% known words query
IRI
…/2979076-2981191-2981522--24834-3012419
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

3 entity mentions

Gelle S Men. DoNnrrsratz VÜ7 fang zum Besseren. Vielleicht werden wir einmal erkennen, daß in London vorgestern das Organisationsstatut der europäischen Völkergemeinschast unterschrieben wurde. Die Umrisse sind nur lückenhaft und primitiv. Mer dem Anfang mutz eine Fortsetzung folgen, die die Gegenseitigkeit des neuen Paktes befestigt. Bisher war sie negativ. _ Fünfzig Fahre englischer KWH im Es sind jetzt genau fünfzig Jahre, daß Großbritannien dom damaligen Khedive von Aegypten dessen Aktienanteil an der Suezkanalgesellschaft erworben hat. Mit dieser Transaktion beginnt eigentlich Englands Einfluß auf Aegypten und sie bildet den ersten effelten Schritt in der englischen Politik im nahen Orient. „Jewish Chronirle" erinnert bei diesem Anlaß an die Ralle der Juden bei dieser für die Entwicklung der britischen Machtstellung so wichtigen Transaktion. Der Vermittler zwischen dem Khedive und der englischen Regierung war Mr. Henry Oppen,heim, einer der bekanntesten Financiers seiner Zeit, der auch zur ägyptischen Finanz- Verwaltung Beziehungen unterhalten hatte. Ministerpräsident von England war damals Disraeli. Dieser erkannte sofort die unermeßliche Bedeutung des Besitzes dieser Anteile für England, die mit einem Schlage Großbritannien die Kontrolle über die Wasserstraße nach Indien sichern würde. Es galt rasch zu handeln, denn der Khedive brauchte Geld, und es war kein Zweifel, daß das Geschäft leicht hätte von den Konkurrenzmachten weggekapert werden können. Aber das Parlament war nicht beisammen und es handelte sich um vier Millionen Pfund Sicrlmg, die die Regierung sozusagen aus eigene Gefahr und raschestens aufbringen sollte. Baron Lionel de R othschrld, an den sich Königin Viktoria gewendet chatte, brachte diese „mächtige Summe", wie sie es nannte, in wenigen Stunden zustande. „Cs kann kaum daran ge-, zweifelt werden", meint „Jewish Chronicle", „daß der damalige Besitzwechsel in diesen Suezshares ein äußerst wi htiger, wenn nicht gar der ausschlaggebende Faktor bei der Betrauung Englands mit dem Palästina- Mandat war und daß dieser Besitz der Balfour-Deklaration bei ihrem Erscheinen Gewicht und Autorität lieh. Es ist aber sicherlich auch klar, daß die englischen Juden, die vor fünfzig Jahren au dieser für die Befestigung der Macht des britischen Imperiums unschätzbaren Aktion mitwirkten, sich nicht haben träumen lassen, daß sie damit die Mittel für ein Instrument herbeischafften, mit dessen Hilfe fünfzig Jahre später England zu dem Mandat über Palästina gelangen werde. Die Wischen Gemeinden in der Kklri. Zentralisation oder D^entralisation. Konstantinopel, 1. Dezember. (I. T. A.) Im .Hause der B'nai B'rith-Äoy«. in Konstantinopel wurde, dieser Tage eine Ko niserenz der jüdis chen Gemeinden und anderer jüdischer Funktionäre in der Türkei abgehalten, in der nian über die Zukunft der Gemeinden im Zusammenhänge mit der von der türkischen Regierung ausgesprochenen Trennung von Kirche und Staat beriet. Nach einer Hingehenden Diskussion wurde baWosstn, eine allgemeine Konferenz einzuberufen, die eine neue Verfassung für die jüdischen Gemeinden in der Türkei zu beschließen haben wird. Oiöerrabbiner B i j e r a n o E f f e n di, der bisherige RÄchsrabbiner, berichtete darüber, wie es zur Trennung von Staat und Kirche kam, und führte aus, unter den Juden der Türkei selbst sei die TrenminHSbewogmiH nrit Sympathie ausgenommen worden, wobei Hand in Hand eine Zentralisierung der Gemeinden erstrebt wurde. Inzwischen sorgte zum Teil die B'nai B'rith-Ovganisatwn für die Bedürfnisse der subsrstenzlos gewordenen Gemeinden. Demnächst wird sich der Generalrat der- Konstantinopler Gemeinde ebenfalls mit der Frage einer neuen Gemeindeverfassunig beschäftigen. Der Rabbiner der AlWenastm-Gemeinde, Dr. Markus, sprach sich für die Abschaffung ides Obermbbinats aus, da es einen rein snltvnischen Charakter habe und weder dem religiösen noch dem administrativen Erfordernis entspreche. Das jüdische Leben in der Türkei werde sich sodann in demokratischer Linie entwickeln. Die de z e ntralisierten jüdischen Gemeinden werden sich nur für Zwecke allgemeiner Interessen Verbünden. Die Unterrichtssprache an den jüdischen Schulen. Konstantinopel, 1. Dezember. (I. T. A.) Der Mnrster für Volksbildung,hat eine Verordnung erlassen» wonach der Unierricht in jüdischen Elementarschulen ausschließlich in türkischer Sprache zu erteilen ist. In höheren Schulen soll die türkische Sprache allmählich Unterrichtssprache.werden. . . warn MvMWME" rwwufu _<r. I ~.r.iiii ~i. - _. --li-li i I II"' -"* Neue Pogromhetze in dran. Tunis, 30. November. (I T. A.) Die Zeitung „Le Petit Omnais",'' das Organ des antisMitischen Bürger-, meisters Dr. Molde, eines aus Böhmen stammenden 'Hakntreuz-ln's, begann eine mute, rücksichtslose a nt isemitische Hetze, die unter der jüdischen Einwohn er schalst von Oran, der noch der Pogrom aus Anlaß,der Bürgermeisterwahl in Erinnerung ist, große Pan ik hervorgerufen hat. «Zündet dk Synagogen und Judenschulen an, zerstört die Judenhäuser!" kanten die Ueberschriften des Organs des Bürgermeisteramtes. _ Ae Rathenan-Mrder. Berlin, 2. Dezencher. Nach den: ,^-Nhr-Mendb^atk" 'kam cs heute im Reichstag zu einer erregten Szene zwischen dem deutischvölkischen Abgeordneten Henning und dem ehemaligen Reichskanzler Dr. Wirth, als letzterer Henning vortvarf, daß er durch «inen damals geschriebenen Artikel an dem Rathenau-Mord mitschuldig sei und an seinen Händen Blut klebe. Henning erwiderte in einer längeren Ecklärung, es könne Dr. Wirth auch jetzt wieder nur an einer üblen M o r d h e h e gelegen sein, tvas große Empörung aus der Linken hervorruft. Die Abgeordneten rufen sich gegenseitig „Lump!" und „Schufts zu. Die Abgeordneten Müller-Franken, Dr. Bveitscheid und Sollmann wurden vom Reichstagsprülsidenten Loebe zur Ordnung gerufen._ Wied« «in kivbruch in eine Berliner Synagoge. In der Nacht zum Sonntag drangen, wie I. T. A. aus Berlin berichtet, Einbrecher in die Synagoge in der Blumenstraß« ein. Sie stahlen kostbares Silbergut, wertvolle Thoramäntel und Vorhänge der Heiligen Lade. Außerdem erbrachen sie die Kaffe und entleerten den Inhalt. Von den Dieben fehlt jede Spur. ES ist dies der neunte Einbruch inBerlinerSynagogen in den letzten Aöonaten._ Mussolinis Sommer. Rom, 2. Dezember. Heute betrat der tzlbgeordnete Saitta, der bisher zur Aventin-Opposition gehört hatte, unbemerkt den Sitzungssaal. Ein faszistischer Abgeordneter wurde.jedoch bald aus ihn aufmerksam und rief dem Kammerpräsidenten zu: ,-Herr Präsident, es ist ein Mann der Aventin-Opposition in der Kammer!" Es entstand ein gewaltiger Lärm im Sitzungssaal«. Mehrere saszistische Abgeordnete stürzten sich auf Saitta mb riefen ihm zu: „N i l p f e r d!" Mehrere fassten ihn an der G w rgel und warfen ihn aus dem Sitzungssaal. Der Vorgang wurde vom Präsidenten nicht weiter besprochen. In den Wandelgängen der Kammer hatte der Vorfall ein Nachspiel,- mehrere faszistische Abgeordnete stürzten dem Abgeordneten Saitta in den Wandeltzängen nach und warfen ihn zum Hanptportal hinaus. Ae Anqft vor dm Geeicht. Kl ebelsberg bittet um «ruhige Atmosphäre". (Eigendienst der „Wiener Morgenzeitung".) Budapest, 2. Dezember. Der Unterrichtsminister Graf Kuno KlebelSberg, der gestern, wie gemeldet, gemeinsam mit dem Ministerpräsidenten Grafen B c t h l e n nach Gens abgereist ist, empfing k n a p p vor Abgang des Zuges die Vertreter der Presse, denen er über seine Absichten in Genf unter anderem sagte: „Ich hoffe, im Verlause der Genfer Verhandlungen ' das kulturelle Zusammenwirken der ungarischen Nation mit den westlichen Staaten fördern und den Kredit von zehn Millionen Goldkronen sichern zu können, der zu Volksschulzwecken, besonders zur Errichtung von Geböfteschulen verwendet werden soll. In bezug auf die Verhandlung der Frage des Numerus clausus hoffe ich, daß die Beratunaen in so ruhiger Atmosphäre und in solchem Rahmen ftattfinoen werden, daß sie auf die Entwicklung des innerpolitischen Lebens in Ungarn reine ungünstige Wirkung üben werden. Aus dieser Aeutzerung KlebelsbergS geht hervor, daß die ungarische Regierung amtliche Kenntnis davon hat, daß die Frage des Numerus clausus in Genf doch zur Verhandlung gelangen wird._ Sr. Alexander GoMein nur »nmSnien nun* gewiesen. 'Seit mehreren Wochen weilte ln Rumänien der bekannte Ziomst und Keren-Hajessod-Propagator Dr. Alexander G o l d st e i n. Er hielt in allSn größeren Städten des Reiches Beratungen Mit den Zionistischen Organisationen und Keren-Haijessod-Komitees, auch sprach er in mehreren zahlreich besuchten Volksvevsanimlungen, wo er Gegenstand von Ovationen war. Zuletzt weilte er in Czernowitz, wo er .der Landeskonferenz des Keren Hajeffod beiwohnte. Am Sonntag nachts sollte er abreisen und das Keren-Hajessod-Bureau arrangierte für ihn ein solennes A'bschÄdsbankett. Diese Abschiedsehrung für Dr. Goldstern mußte im letzten Moment abgesagt werden, da der Gast, wie I. T. A. aus Czernowitz berichtet, auf Anordnung der Sigmanza (politischen Polizei) sofort d a s L a n d v e r l a s s e n mußtet iJm Hotel Central, wo Dr. Goldstern 'logierte, erschien ein Agent der Siguranza und forderte den Gast auf, ' mit ihn: zu-m Hauptamt der Polizei zu gehen. Bald ließ -die Siguranza auch dag Gepäck des Dr. Goldstem vom Hotel holen. Es - wurde ihm bedeutet, daß er m itde m n a ch st e n Z u g e das Land verlassen müsse. Ein Grund -für die plötzliche Ausweisung wurde Dr. Goldstern n i ch t angegeben. Zionistische Führer wandten sich protestierend än die Bukarester Regierung. 3. VeMMk IW Nr. SM Ser Steiger-Prozeß. Verlesung der Olschanski-Akten. (Eigeiidicnst der „Wiener Morgenzeitung".) Lemberg, 2. Dezember. Die beim Lemberger Gericht erngelroffenen Protokolle über das vor mehreren Tagen erfolgte zweite Attentatsgcständnis des in Berlin besindlichen Ukrainers Theophil O l s ch a n S k r wurden zu Beginn der heutigen Verhandlung vollinhaltlich zur Verlefung gebracht. Sie enthalten die bereits bekannten Angaben Olfchanskis, daß er das Attentat auf den polnischen Staatspräsidenten im Aufträge der u kra i n i sche n revolutionären Geheimorganisation ausgesührt habe, geben eine Reihe von Details, darunter <ro* eine genaue Beschreibung der Art, wie bas Attentat durchgeführt wurde und auch wie die Bombe aussah, die dabei verwendet wurde. Im Gerichtssaal herrschte nach der Verlesung allgemein der Eindruck, daß die Angaben Olschanskis in vielen Punkten so präzis seien, daß sie nur von einem unmiitelbar Beteiligten herrühren können. Dahw war die Spannung sehr groß, als sich der Staatsanwalt erhob, um seine Stellungnahme zu den eben verlesenen Mitteilungen zu präzisieren. Der Staatsanwalt erklärte, irr trete von der Anklage gegen Steiger nicht zurück, da die eben verlesenen Aussagen Olschanskis ihm nicht als glaubwürdig erscheinen und er eine Reihe von Beweisen habe, welche dartun, daß Olschanski nicht das Attentat verübt haben könne, darunter auch den Umstand, daß Olschanski am Tage des Attentats gar nicht in Sem» derg, sondern in Sa.mbor war, wo er die Maturitätsprüfung ablegte. Die Verteidigung stellte eine Reihe von Anträgen, welche die Glaubwürdigkeit der Aussagen Olschanskis erhärten sollen. Daraus entwickelten sich scharfe Konflikte zwischen den Verteidigern und de:n Staatsanwalt. Dar Gericht lehnte die Anträge de- Verteidigung ab. Ein neuer Verteidiger Steigers. Es wurde hieher gemeldet, daß der Sejmdeputiertr Wisniarowski, ein hervorragendes Mitglied der Linksparteien im polnischen Parlament, nach Lemberg abgereist ist, um sich der Berteidigung Steigers anzuschließen; er wird für den Angeklagten plädieren. Dies ist der siebente Verteidiger Steigers, da sich zu den fünf Anwälten, die Steiger seit Begin des Prozesses' verteidigen, in den letzten Tagen der aus dem Kornhaber- Prozetz bekannte Anwalt des Ukrainers Mikitin Tokio* iGluszkiewicz gesellt hat. . . MemnUr AbMnng. Kopenhagen, 2. Dezember. (WolA) Der Verteidigung^» -vbüilister hat heute im Folkething eine Gesetzesvorlage betreffend die Umwandlung des Heeres und der Marine, nein Wachkorps und eine Staat'smarme, die der Wahrnehmung der N e u t r a l i 1 ä t und den aus der Zugehörigkeit zum Völkerbund erwachsenen Aufgaben dienen sollen, eingebracht. Die MÄnirkunnen von Lorarnn. London, 2. Dezember. (Reuter.) Gestern abends tzand rm Auswärtigen Amt ein« andert'hakbstirMge Konferenz zwischen Chamberlain, Briand, Dr. Luther, Stresemann und Vandervelde statt. Die Besprechungen bezogen sich auf den gegenwärtigen Stand der Durchführung der Entwaffnung Deutschlands. Die deutschen Mnsster verwiesen auf die getrogenen Maßnahmen. Die alliierten Minister betonten die bereits gewahrten E r l e i ch t e r u n g e n, die in Zukunft noch durch andere Maßnahmen ergänzt werden könnten, die denk Buchstaben deis Versailler Vertrages und dem Geiste von Locarno entsprächen. Die deutschen Mnister erklärten, sie würden binnen kurzem um den E i n* tritt Deutschlands in den Völkerbund nachsuchen. Srfteneich in Senf. Die Organisation der Kontrolle. Genf, 2. Dezember. (Tel.-Komp.) Heute beginnt hier die 20. Tagung des F i n a n z k o m i t e e s d e s V ö l k e rbundes unter dem Vorsitz von Dubois (Schweiz). Auf der Tagesordnung steht der jinanzielle Wiederaufbau Oesterreichs. Gemäß dem Beschlüsse des Völkerbundrates vom 10. September d. I. wird das Komitee mit den Delegierten der österreichischen Regierung, Bundeskanzler Doktor Ramek, Außenminister Dr. Mataja und Finanzminister Dr. Ahr er, verhandeln. Gegenstand der Verhandlungen ist die weitere Ausführung der Genfer Vereinbarungen von dem Zeitpunkt an, in dem die Arbeiten des Gcneralkommissärs Dr. Zimmerman zu Ende gehen. Besondere Verhandlungspunkte sind die Verwaltung der A n l e i h e r e st e, die Kontrolle der verpfändeten Staatseinnahmen und die Verbindung zwischen der österreichischen Regierung und dem Kontrollkomitee. Zu diesem Zwecke wird auch das aus Vertretern der Staaten, die die Anleihe garantiert haben, zusammengesetzte Komitee morgen in Genf zusammentreten. Das Garantiekomitee wird über die Organisation der Kontrolle über die verpfändeten Staatseinkünfte nach dem Amtsablaivs des Generalkommissärs beraten.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.