Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 7 (1925)
- Issue
- Heft 2435 (2.12.1925)
- Date
- 1925-12-02
- Page
- Seite 3 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Kt. SW Mn, Mittwoch Der NelsedProreß. (Bon unserem Lemberger fi.-Korrespondenten.) Lemberg,'1. Dezember. Zu Beginn der heutigen Verhandlung'beantragte der Verteidiger Senator Dr. Ringel die Einvernahme des Prälaten Wvinarowski, der über die Umstande, unter denen der Metropolit Szeptyeki den bekannten Brief der ukrainischen Militärorganisation erhalten hat, aussagen soll. Gegen die Vorladung des durch den Kornhaber- Prozeß belasteten Untersuchungsrichter R u t k a und seinen Gehilfen Piotrowski wurde von seiten der Verteidigung keine Einwendung erhoben. Dr. Landau erklärte, daß er dabei Gelegenheit nehmen werde, rücksichtslos das Untersuchungssystem, das gegen Steiger.angewendet wurde, aufzudecken. Sodann wurde der Bruder des Angeklagten, Herr Felix Steiger, vernommen. Er sagte aus, daß Stanislav Steiger sich niemals mit Politik befaßt Habe. Der nächste Zeuge, Ingenieur Szeptanski, der, wie erinnerlich, aus Verlangen des Geschwornen Ingenieur Janicki geladen worden war, stellte der Zeugin Pasternak das beste Zeugnis aus. Sie sei eine intelligente, durchaus glaubwürdige Person. Der Gerichtshof beriet , sodann über eine Reihe von Anträgen der Anklage und der Verteidigung, die sämtliche abgelehnt wurden. Der Gerichtshof begab sich sodann samt den Geschwornen in die Wohnung des P. Bilecki, um die Einvernahme dieses Zeugen, der bettlägerig ist, Lurchzuführen. Dieser sagte aus, daß er das Original des Schreibens der ukrainischen Militärorganisation nie gesehen habe. Er habe dem Metropoliten lediglich eine Abschrift übermittelt. Die Verhandlung wurde sodann wieder im GerichtSgebäude ausgenommen und nach kurzer Frist auf morgen vertagt. Die Olschanski-Akten in Warschau. Warschau, 1. Dezember. Die Men der Berliner Polizeibehörde mit dem Geständnis des Ukrainers Thoophrt Olschan.skisind hier bereits eingetroffen. Sie 'wurden vom deutschen Auswärtigen Amt der Mutschen Gesandtschaft übergeben -und nach Warschau geleitet. Das t "nute Material -wurde dem Justizministerium überstellt. Ärrtzmkk Wole. ^ine Erklärung im Senat. Warschau, 29. November. (I. T.- A.) Der uem Mi- WerpräsideriL Polens, Graf Skrz h n s k i, hat in seinem Expose vor dem polnischen Senat der Frage der Beziehungen zu den Juden eingehende Md sehr interessante Ausführungen gewidmet. Er sthrte ungefähr aus:' Was die Bürger Mischer Abstammung—(Senator Körner ruft: ,/Jüdischer Nationalität!") — jüdischer Nationalität anbetrissl, so bin ich dessen sicher, daß die mit den Juden unter der früheren Regierung geführten Verhandlungen den Beginn einer Aera neuer Beziehungen bedeuten, die sich in Zu-kucht als frucht-bar, praktisch und gut erweisen werden. In dicher Merzeugung — setzte der Premier fort — hat mich insbesondere mein letzter Besuch in Amerika bestärkt. Ich tvas dort cmerVamsche Bürger jüdischer Nationalität, die nicht mehr polnisch reden können, die in Amerika scholl im zweiten Menschenälter wohnen und dort im größten Wohlstand leben. Diese Menschen sprachen mit größter Zärtlichkeit und Rührung über Polen, wo die Gräber rhrer Väter und Urväter. liefen. Sie verfolgen mit größtem iJllteresse alle Angelegenheiten in Polen. Dort, in Amerika, habe ich -es verstehen gel-ernt, 'daß hei den Juden eine goldene Quelle der Liebe zu allem, was polnisch ist, verborgen ist. eine Quelle, aus der sich im praktische Leben gute polnische Bürgergasinnung ergießen kann. Die Rgierung wird mit praikMen Vorschlägen kommen. Im Namen des jüdischen Parlamentsklub's verlaß Senator Dr. Wurzel eine Erklärung, deren Inhalt sich mit der von Dr. Leon Reich im Sejm verlesenen Erklärung deckt und in der gesagt wird, <dve Repräsentanten der jüdischen Bevölkerung seien gezwungen, ihre Beziehung zu der jetzigen Regierung davon abhängig zu machen, wie diese Regierung die -bereits von der früheren Regierung anerkannten jüdischen Forderungen erfüllen wird. Die Person des Premiers 'bürgt uns dafür, daß die jüdische Gleichberechtigung nicht eine schöne Phrase Aeiben, sondern Wirklichst werden wird. Wir hoffen, daß man in maßgebenden Kreisen verstehen gelernt hat, daß eine Sanierung solange unmöglich ist, als man einen 'wirtschaftlichen Untermwievungskampf g-eg e n eine Klasse eigener Bürger führt oder duldet. Letzte Kurse. New-Aork, 1. Dezember. (Tel.-Komy.) Berlin 33.80. London Kabet 4.84'/^, London Scheck 4.80'/,. Amsterdam 40.22, Paris 3.89. Brüiiel 4.52!/», Rom 4.027a, Madrid 14.17, Zürich 19.27, Stockholm 2076 Oslo 2034 Kopenhagen 24.87. Wien 14x/w, Budavest Prag 296V*. Belgrad 1.77l/„, Athen t.338/4 Buenos Aire- 417r Rio de Janeiro 14.—. Bumrest 4öy4 1 Dezember kTel.-Komv. » Weizen vo: Winter 191b/8 Weizen - dort Wimer 199 Mats S2'/4 Hafer 498/„ Roggen 104. Chikago.1. Dezember <Tel.-Komy., Weizen per Dezember 171. Mm 187 Jnlt 1437g: Mais ver Dezember 732/t, Mai 79»/„ Jnlt 81; Hafer ver Dnmber 397« Mai 437„ Jnu 44*/,' Roggen per Dezember 92»/p M«N 100'/,, Juli 100 Wieuer MorgeuzeltuttK ihre GESUNDHEIT ut Wie erhalten Sie diese? LÖWEN FRANZBRANNTWEIN mit Menthol als Einreibemittel, wirkt belebend, erfrischend, schafft Kraft und Energie* Beim Einkauf achten Sie auf die gesetzliche Schutzmarke. Ueberall erhältlich, Gesetzt, gesek. Schutzmarke LM Erzeuger: Alexander Kalmar,WienJL Nordbahnhof Die Juden und die Wahlen. Von Dr. Oskar Karbach, Generalfekretär-Stellberrreter der Jüdischen Völkerbundliga für Oesterreich. Herr Dr. Georg Weiner bekämpft in der „Wiener Morgenzeitung" vom 29. November das Verlangen der in der sogenannten Freien Zionistischen Vereinigung, konzentrierten Kreise, sich in Zukunft an den Wahlen n> Ht mehr durch Aufstellung eigener jüdischer Kandidaten zu beteiligen, und den organisierten Anhängern der zionistischen Bewegung volle Freiheit bezüglich ihrer Stimmenabgabe zu lassen. Seine Argumente, gestützt auf genaue statistische Daten, laufen dahin hinaus, daß die Siedlungsverhältnisse der österreichischen Juden trotz der Härten der bestehenden Wahlordnung eine entsprechende jüdische Vertretung im Nationalrat und in den' Wiener Vertretungskörpern gestatten würden, soserne sich die jüdische Gruppe zur Rückstellung der inneren Differenzen und zur Einigung aus eine gemeinsame Liste entschließen könnte. Diese wohl mit Absicht eng begrenzte Beweisführung, die an der Hand von Ziffern ein möglichst klares Bild unserer wahlgeometrischen Chancen bieten will, kommt zu dem Schlüsse, daß politische Gegeuwarts- und Palästinaarbeit nicht nur nicht im Widerspruch stehen, sondern sich ergänzen: damit ist denn doch wohl etwas zu wenig gesagt, und es kann die. dankenswerten Ausführungen Dr. Weiners nur unterstreichen, wennman sie aus einer etwas weiteren Perspektive zu betrachten sucht. Der Zionist, der positive Arbeit leisten will, hat vor allem dis Aufgabe, sich Verständnis für die Größe-des Werkes, dem er zu dienen beabsichtigt, zu erwerben; vor der Fülle der zionistischen Aufgaben, die in dey enggesteckten Grenzen unserer Republik der Lösung harren, darf das Bild des jüdischen Gesauttvolkes, die Einheitlichkeit des jüdischen Problems in aller Welt nicht verblasien. Das Mandat über Palästina, das heute die Grundlage des zionistischen Werkes bildet, nimmt als Kontrahenten eine jüdische nationale Gesamtheit, ein jüdisches Volk an, es hat in seinen auf den Zionismus bezüglichen Teilen die Existenz dieser Gruppe zur Voraussetzung und Zur Rechtfertigung für die Veränderungen, die es in Palästina anordnet und ankündigt. Diese jüdische Nation als Trägerin des historischen Rechtes am Lande gibt als organisiertes Ganzes weniger zahlreiche und weniger bemerkbare Lebenszeichen von sich, als es die internationale Oefsentlichkeit wünschen würde, um wirksam den Angriffen parieren zu können, denen Mandat und Balfonr-Deklaration ausgesetzt sind. Wer das Protokoll der unliebsam bekannten Tagung der Mandatskommission des Völkerbundes vom Herbst 1924 durchlieft, kann dort wörtlich das scharfe Kreuzverhör finden, dem damals der persönlich in Genf anwesende Oberkommifsär Sir Samuel seitens der Kommissionsmitglieder über Struktur und Größe des jüdischen Rechtsträgers ausgesetzt war. Sir Samuel, aus diese nicht in sein Ressort fallende Frage anscheinend nicht vorbereitet, beeilte sich, eine Darstellung der Rolle -er zionistischen Bewegung innerhalb des modernen Gesamtjudentums zu geben. Ebenso habe ich auf den internationalen Kongressen, denen ich als Delegierter der Jüdischen Bölkerbundliga für Oesterreich beiwohnte, Gelegenheit gehabthäufig ein großes Mißtrauen bezüglich der Existenz einer jüdischen, nach allgemeinen Maßstäben zu wertenden Gruppe vorzusinden. Die Schwierigkeiten bei der Konstituierung der Jetvish Agency, die nun schon viele Jahre deren Zusammentritt verhindern, werden dieses Mißtrauen. nicht vermindern.. Nun lehrt uns zwar ein Blick auf die neueste Ge-, schichte — etwa auf die erste Anerkennung der tschechischen Unabhängigkeitsbestrebungen durch die Mchtc —, daß auch eine mit der Gesamtheit des Volksganzen »och nicht vollkommen identische, Gruppe sich mit Erfolg als den Repräsentanten einer nationalen Renaissance geben darf: nicht dispensierbar'ist sie aber von der Existenz und der einwandfrei feststellbaren Doknmentierung ihres nationalen Willens; diejenigen weltpolitischen Faktoren, von denen wir-fordern, daß sie sich für die Rechte eines jüdischen Volkes einsetzen sollen, haben ihrerseits das Recht, von uns die Lieferung unzweideutiger Beweise des nationalen » Lebens dieses Volkes zu verlangen. Wir besitzen kein v 2. Dezember IW DM 3 Mittel,- das mehr aktuell und schlagkräftig wäre, alL die Nennung' dev Anzahl der Mschen Staatsbürger in de« einzelnen Ländern, die bei der Ausübung ihres Höchste«- Bürgerrechtes sich zur jüdischen Volksgemeinschaft bekennen. Weder Sammelergebnijse finanzieller Drives, noch kulturelle Bestrebungen können diesen Beweis ersetzen; wurde doch noch im letzten Sommer, worüber an dieser Stelle berichtet worden ist, Leim Warschauer Kongreß der BölkerLundligen an die Delegierten eine Broschüre zur Verteilung gebracht, die selbst die national-kulturelle Eigenart des polnischen-Judentums negierte! Die Stimmenabgabe für jüdische Liften bei politischen Wahlen hat daher für unsere Bewegung noch eine ganz andere, größere Bedeutung: sie ist ein cnntlich geaichter Minimalindex unserer zuverlässigen Anhängerschaft in dem betreffenden Lande, obschon die Wahlen nie, wie es ja Dr. Weiner aussührt, die Gesamtheit der Zionisten erfassen werden, da in dieser Epoche der großen jüdischen Wanderungen immer mit einer bedeutenden Ziffer von Nichtwahlberechtigten gerechmt werden muß. Dadurch erhält aber für uns die jüdische Wahlziffer an sich eine wesentlich tiefere Bedeutung: es kommt gar nicht mehr daraus an, ob die ausgeklügelten Wahlsysteme (die man draußen in der Welt richtig einzuschätzen versteht) den einzigen oder die wenigen jüdischen Repräsentanten in die Parlamente einziehen lassen oder nicht. So begrüßenswert ihr Erscheinen dort wäre, so sind doch auch im Falle eines negativen Resultates diese jüdischen Stimmen keineswegs verloren für die große jüdische Sache überhaupt. Die amtlich kontrollierten jüdischen. Stimmen, die in einem Lande abgegeben werden, sie sind bis auf weiteres zumindest der Kader der Nation, die sichtbaren Träger der Rechte des Mandats und der Balfour-Deklaratton. Bor diesen Erwägungen treten alle, anderen Argumente, wie die Besorgnis vor dem Hereintragen der politischen Kämpfe des Alltags in die Bewegung und der Wert des jüdischen Desinteressements an diesen Kontroversen^weitaus zurück. Für uns in Oesterreich kommt noch die konkrete Erwägung hinzu, daß der Großteil der dann nicht der Sozialdemokratie zufallenden Stimmen der Utopie einer Wiedererweckung einer liberalen Strömung voraussichtlich zugetrieben würde, ein Vorgang, der die Juden in einen tiefen Gegensatz zu der uichtjüdischen Bevölkerung bringen müßte, die diese Partei als unzeitgemäß, unpopulär und aussichtslos entschieden ablehnt, und jüdische. Versuche, sie hierfür zu gewinnen, aufs schärfste zurückweisen würde. Wer dieser schädlichen Entwicklung gerade in einem Moment, in dem das Judentum seine Anerkennung als Mitglied der Völkersamilie zu finden beginnt, die Wege zu ebnen wünscht, irrt und wird deshalb von der Entwicklung der Dinge an die Wand gedrückt werden. Msereulmm Wer die HohMliem. Berli«, 1. Dezember. <M.-Konrp.) Neben die Abfindungs-Verträge mit dem Hause Hohenzollern wird wahrscheinlich ein Volksentscheid angerufen üverden. Einige Blätter wußten bereit 'heute mittags zu lberichien, daß die St^ialdsmskraten Een Volksentscheid in dieser Frage herbeiführm wollen. In der ,Ios>sischen Zeitung" wird berechnet, daß nach dem Vorschläge des preußischen FmanMmisters zur Abfindung der Hohenzollern mit Einschluß der ihnen schon bei der Abdankung des Exkaisers auisibezahlten 69 Millionen Mark die Abfindung jetzt 22 5 M iU io neu Goldmark betragen wurde. Einen ParaWfall gebe es weder in der Geschichte DeutMmds noch m der anderen Länder,. Sie Hakeoknuzfem. B«l«, 1. Dezember. (Tel.-Äomp.) In dem Gchw e» riner Fsmeprozeß Boldt und Gemsien wurde -heute daS Urteil gefällt. BMI wurde wegen Mordes zum Tode verurteilt. Sein Komplice Stücken erhielt wegen Bei- M zum Morde sechs Jahre Zuchthaus. Drei weitere AngEagte wurden wegen Begünstigung zu Gefängnisstraft« von vier Monaten bis zu einem Fahre vemrterlt. Bei der Verlesung der Urteilsbegründung wurde die Oefsentlichkeit wiederum au-gejchkosßen UesttvscheSWchttm. Mgrav, 1. Dezember. Bei der MstiwMUg über dav Budgetprovisorium, das ickt 187 Stimmen a-nSenommen wurde, verließ die Opposition den Sitzungssaal der SkchMna, um g-tgen ein im -letzten AugercklU erMfügtes Amendement betretend Verstaatlich u n g de r Fl u ß° schissahrtsgen offen schüft zu protestieren. Die Blätter wollen wissen, >daß das Parlament sich Samstag nach Ratifizierung der WeltPostverÄn-KonvLNt'rM und des Handelsvertrage's mit OesterreiM vertagen werde. AMeroM dervrteNt. Belgrad, 1. Dezember. Der gewesene rcmmunWPe Abgeordnete K a tz l e r o v i e ist wegen einer; ohne Paß ins Ausland Mternommeneu Reise zu einem Monat Gefängnis verurteilt worden. (Katzlerovic gehörte früher der soMldemokmtischen Partei an. Es ist noch erinnerlich, wie sehr er während der Annexionskrift in der Skupschtim! gegen die natioMstischen Treibereien des Prinzen Georg St'elÜl.ng i i