Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 7 (1925)
- Issue
- Heft 2434 (1.12.1925)
- Date
- 1925-12-01
- Page
- Seite 3 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Wiener MorgenzeitunK_ 1. Dezember IW_ Seile - Ät. 0194'. Wien, ÄenZkag Lever Avktreten der Pasternak im Steiger-Prozeß. Konfrontation mit Inspektor Gawiekr. Infolge der durch Schneestürme >hervorgeruseneu Störungen der Telephonverbindungen in Galizien mußte unser Lemberger H.-Korrespondent seine Nachrichten über die heutige Verhandlung im Steiger- Prozeß uns über Warschau vermitteln. Diese Ucbermittlung fointic sich natnrgemäß nur aus das Allernotwendigste beschränken; wir geben im folgenden die uns auf diesem Wege zugekom-- wenen Mitteilungen wieder: Das Lemberger Gericht har offenbar das Bestreben, den 4» Steiger-Prozeß so rasch als möglich zu beenden. Dies ist daraus zu schließen, daß, wie der Borsitzend: zu Beginn der heutigen Verhandlung mitteilte, sämtliche vorn , Staatsanwalt und von der Berteidigung beantragten neuen Zeuge ne in verna hm e n, darunter auch die des Beuthener Richters, vor dem der Ukrainer Theo- M Olschanski sein erstes Geständnis, das Attentat aus den Staatspräsidenten tat Lemberg verübt zu haben, abgelegt hat, vom Gerichtshof abgelehnt wurden. Die heutige Verhandlung brachte die schon lange mit Spannung erwartete Konfrontation zwischen -er Balletteuse Pasternak und dem Chef -er Warschauer politischen Polizei Sawicki, welche vom Gericht seinerzeit beschlossen worden war. Sawicki hatte, wie noch erinnerlich, in seiner Zeugeuanssage erklärt, daß die Pasternak bei der ersten Einvernahme, bei der er selbst anwesend war, keine genauen Angaben darüber, wie die Bombe geworfen wurde, machen fcmute, und daß sie auch Steiger nicht mit voller Bestimmtheit als Attentäteragnosziert habe. Bei der heute stattgefundmen Konfrontation schlug die Pasternak hohe Töne an und behauptete, alles, was Sawicki sage, sei Lüge. Sie fügte hinzu, daß Sawicki bei dem fragliäM Verhör betrunken gewesen sei, eine Behauptung, die der Lemberger Polizerinspektor Lnkomski aufgebracht hatte, und die dann von verschiedenen Zeugen, darunter Polizeibeamten, widerlegt worden war. Inspektor Sawicki verlangte, daß die Aussagen der Pasternak genau protokolliert werden, damit er die nötigen gerichtlichen Schritte gegen sie unternehmen könnte. Sichtlich gedämpft, verließe die Pasternak den Verhandlungssaal. Die Olschansky-Protokotte. (Eigendienst der „Wiener Morgenzeitung".) Warschau, 30. November. Die Protokolle über das vor der Berliner Polizeidirektion abgelegte Geständnis des Ukrainers Theophil Olschanski sind bereits im Warschauer A u ß e n m i n ist e r i u nr eingelangt und wurden im Wege des JustizminifteriMs an das Lemberg er Gericht abgesendet, Das Bornberirezept. ■ Per/iu, 30. November. Die Kleidu ngsstüüe, welche Olschanski trug, als er das Attentat iw Lemberg verübte/ wurden von hier nach Lemberg ab gesendet, ebenso auch das R e z e p t ü b e r d i e I u f a m m c nsetzung der S P r e n g m i t t e-l, aus bcitcit Olschanski die zum Attentat verwendete Bomb e hergestellt hat. Var Moskauer Schachturnier. Bogoljubow setzt feinen Siogeslanf fort. — Torre wieder geschlagen. Aus Moskau wird uns berichtet: Die vierzehnte Runde ergab außer den bereits gemeldeten Ergebnissen der ersten Spielhälfte (Torre gegen Grünfel d rerNis, B o g a d i st s ch u k schlägt R a b i n o w i c z) folgende Resultate: Bogoljubow schlägt Spielmann, Dr. Basler gewinnt gegen Marshall, Neti schlägt Dates, Nomanowsky gewinnt gegen Du-s- C.hotiistirsky, Capablanca remisierte gegen L ö w e n f i s ch ebenso wie Dr. Tartakower gegen Gott hilf. Die Partien W er l in skh—Rubinstein uüd Zuwarow—Sämisch blieben unbeendet. Genewsky war spielfrei. der f ü n s z e h n t e n Runde, in der S n m i s ch frei war, erlitt Torre seine zweite Niederlage, diesmal gegen Dates. Bogoljubow gewann gegen Zuwarow, Eapablanca gegen Dr. Tartakower, Marshall errang einen schönen Sieg gegen Ronranowskl. Die Partien Nubinstein—-Reti, Grünf e l b—D u s-C hotomrrsky und B o g a d i st s ch u k— Genewski wurden remis, die Spiele Dr. Laster— Löwenfisch, R ab in owicz—Werlinsky und G'o tth tlf—Sp i e Im a u n kamen nicht zu Ende. Stand nach der fünfzehnten Runde: Bogoljubow 11V- (hat noch 6 Partien, darunter eine Hängepartie zu erledigen), Dr. Lasker 1» (7), Torre 9 (6), Capablanca 9 (5), Acarshalt 8 (7), Romanowski 8 (6H Grünseld 7V- (7), Bogadistschuk, Reti je Vf« (6), Rubinstein 7 (8), Genewski 7 (7), Rabinowicz 5Vs (8), Spielmattit 5*/a (7), Werlinsky, Sämisch je 5 (7), Dates 4*/, (9), Löwenfisch 41/* (8), Dus-Chotinnrsky 4v’s (7), Gotthils 4 (7), Zuwarow 2V- (7). Letzte Kurie. NewrÄoek, 30 November (Tei.-Komp.- Berlin28.80. Lonoon Kabel 4.84V,s ttondon Scheck 4 805/,, Amsterdam 40.20, Paris 8 99‘L Prünel 4.52, Rom 4,04Vi. Madrid Zürich 19.28,; Stockdolw 2676 Oslo 2034 Kovenvagen 9490 Wien 1.4^ Budavck Er« Braa 2961/*. Belgrad 1773;,, Athen 1.831/, Buenos älireS 417/l6 Rio De Janeiro 14. —. Bukarest 46l/* SUttMBwfe, 30 November 'Te!.--Koinv. ■ SBetjen ror Winter 186V, Wenen van Wimer 188b/ Mais 92s/g Hafer 477/a, Roggen 1Q1V - Chikagv.30. November ^Tel.--Konrv.- Wetzen per Dezember 166V,. 'Rai 162 Juli 145'/,: Mais ver Dezember 73V«, Mm 793/s, Juli 81; Haie: ver Dezember 37% Mai 42V,, Ju < 43V» Äoaoen ver Terembe^ 89'/z Ntol 97V». JuÜ - Ae Aurmkataftrophe irr SLditalien. Ae Aurmkataftrophe irr SLditalien Rom, 30. November. (Tel.-Komp.) Ueber das furchtbare Unwetter, das Sizilien, Kalabrien und Apulien heimgesucht hat, werden noch folgende Einzelheiten gemeldet: Sturm und Hagel haben wt den Pflanzungen ungeheuren Schaden angerichtet. Oliven-, Orangenuub Zitronenwälder sind zum Teil entwurzelt worden. Die Frucht- und Weinernte ist größtenteils vernichtet. Der Schaden geht in die Millionen. . ' V Sizilien war einen Tag lang vom FestlanSe abgeschnitten, da infolge des hohen Wellenganges das Ferryboot in der Straße von Messina nicht verkehren konnte und auch das .Kabel zerrissen wurde. An der kalabresischen. Küste wurde bei Bagnara die Ei sonbahnliltt,e zerst ö r t. In M e s s i n a sind einige Häuser eingestürzt. 48 Hauser wurden von der Flut überschwemmt. Ein Zyklon in Marokko. Paris, 30. November. Die Blätter berichtet! ans Marokko, daß gestern nachmittags übex F-es ein Zyklon niedergrng, der ein Flugzeualager und fünf Apparate zerstörte sowie eine Halle einriß, in der sich Bornbenstugzeuge befandett. Zehn dieser Apparate wurden beschädigt. Im Lager der Fremdenl-egio u seien vier oder fünf, duaw einer Agenturmeldung sogar zwölf Baracken eingerissen wor- -den, wobei drei Legionäre getötet und etwa zwanzig verletzt wurden. Alle Telephonvcrbindnngen seien unterbrochen. Schneestüvme in EnAla^d. Berlin, 30. Novenlber. Nach einer Meldung des „Berliner Lokalanzeig-er" ans London sec über die nördlichen Gebiete Englands der stärkste Sch nee sturm jei:" dreißig Jahren hiutveggegangen. Er war von Don ncr und Blitz begleitet. Der EisenbaHwverkeh: wurde zeitweise völlig lahm ge legt. ' Schlagende Wetter. Essen, 30. November. (Wolfs.) Heute gegen 2 Uhr nach» mittags, ereignete' sich auf btt Zeche „Lothringen" in Gerthe bei Bochum eine Schlagwetterexplosion, die-den Tod von vier Bergleuten zur Folge hatte. ZwölsBergleute wurden verletzt, davon vier schwer und acht leicht. Da alle übriger! Marken abgegeben wurden, ist mit weiteren Opfern an Menschenleben glücklichertveise nicht zu rechnen. Sämtliche Baue sind zurzeit iv-isdex befahrbar. Wellmtergang. Von Frantifck Langer. Auf Samstag den 12. Dezember war der Weltuntergang angesagt. Ans 4 Uhr. Herr Vonka trachtete lange, sich damit zu trösten, daß es vielleicht mit einem bloßen kommunistischen Umsturz feine Erledigung finde werde, aber es blieb doch bei einem absoluten Weltuntergang. Nach 2 Uhr kam er ganz erregt aus der Kanzlei nach Hause. Der. Herr Oderrai nämlich hatte, nachdem er sich alle Rest? vorgemerkt - hatte, jedem Beamten die Hand znm Abschied gereicht. So, als wenn er in Pension ginge oder ms. Ministerium transferiert worden tvär-e. Also etwas Bedeutsames, durch - das selbst die Beamten niedrigerer Rangsklassen als die des Herrn Bonka in eine feierliche Stimmung echoben wurden. Die Wohmngstür öffnete ihm Basik und küßte ihm achtungsvoll die Hand. Er hatte den Vater ergeben lieb. Der Samstag war des Knaben glücklicher Tag; die Aufgaben für Montag verleugnete er jedesmal und pflegte sie in Hast erst am Sonntag mach dem Nachtmahl zu vollenden. In der Küche weinte das Mädchen stumMnnig. Sie hatte nämlich die Frau <nm Erlaubnis gebeten, nach dem Mittagessen in die Kirche gehen zu dürfen, aber Frau Bon«köva ließ sie die Küche waschen, wie stets am Samstagnachmittag.. Das Mittagessen war nicht übermäßig. Es war allerdings niemalsam Samstag viel wert. Mil für Sonntag sauber gemacht wurde. Frau Vock'ova war gar nicht gut gelaunt Am Samstag noch weniger als an anderen Tagen. Auch des Reinemachens -wegen. Aus dem Tisch lag eine Mahnung aus der Gasanstalt auf sechzig Kronen. Herr Bonka berechnete, wie weit es bis zum Ersten sei. Dann fiel ihm Hin, was mn 4 Uhr geschehen wird, und er empfand eine angenehme Befriedigung darüber, daß ex das Gas für den verslossenen Monat nicht zahlen werde. Nach^d?m Essen begann er sich den Taöakvorrat für die künftige. Woche zu mischen. Auf dem Heimweg von der Kanzlei kaufte er immer ein'Päckchen Maryland und e!n Päckchen Gewöhnlichen. Er mischte sie immer 15 Minuten lang. Fünfzehn erquickende Minuten, in denen er sich den Genuß für die kommenden! sieben Tage vorbereitete. Die Fr(nr erblickte ihn bei der Arbeit: „Du toeißt, daß du es nicht brauchen wirst, aber du wirfst das Geld ganz ohne Vernunft hinaus." Sic warf die Tür krachend hinter sich zu, und in der Küche trug Vasik ihre Verdrossenheit davon. Er bekam ein Kopfstück und mußte sofort seine Ausgaben für Montag erledigen. Das Dieuftniädchen begann schon den Fußboden zu reinigen. <Src ■ schluchzte noch und sang mitten im Schluchzen ein Kirchwoihliedchen vor sich hin. Es war 3 Uhr 15 Minuten. ' Der Tabak war schon gemischt, die Lust vorbei. Bis zum Abend gab es nichts zu tun. Eigentlich bis 4 Uhr. Herr Vonka trat ans Fenster. Draußen war ein gesunder Dezemberfrost und der rußgeschwärzte Schnee bedeckte bas Pflaster, die Dächer und Gesinrse. Auf der Gasse ging nienmnd.... Einesteils wegen des Frostes, andernteils wegen des Weltuntergangs. Sie war leerer als am Sonntag uni die Mittagszeit. Di? öde Gasse erinnerte Herrn Vonka an irgendeine Leere. Aber wo und worin? Aus der 5küche hörte er das Dienstnlä-dchens blockender! Gesang, .vom Reiben der Bürste begleiiet. Und die Gasse war hoffnungslos öde. Der Herr Rat hatte ihm heute die Hand zl'tM Abschied gereicht. Und diese drei Dinge fügten sich so irgendwie selisanr zusammen, daß Herr Vonka auf einmal an Gott z-n deniken anfing. Er blickte aus die Gasse hinaus und sagte sich daß er bisher nie mit Gott znsammertgetroffm war. Er hatte sich ihm nie genähert. Keiner weiß etwas vom anderen. Obgleich: wer kann es lvissen'? Die kahlen Akazienbäume, die einzigen ragenden Dinge in der öden Gasse, tvaren so bederttsain, daß sie hundert Arme der. nnbekannren Allmacht sein konnten. Und die leeren schwarzen Fenster in den grauen Fassaden ivgren sonderbar vergrößert und starr. Gottes Augen sind allerorten. Gott tut wohl st iw? Pflicht, uw mit Herrn Boicka Fühlung zu nehmen. Aber Herr Vonka? Er sucht keine Fühlung. Er sucht nicht den Weg zu Gott. ' Frau Bonkova störte ihn aus seinen Sinnen^ auf, sie . kam. den Tisch mit einem reinen Tischtuch zu decken. Wie stets aw Samstag. Bis zum Sonntagnachtmahl durfte sich niemand an den. Tisch setzen. Wie, wenn ein Besuch käme? Sie schante zornig auf den untätigen Mann. Die Samstagaufränmerei gibt soviel Arbeit:' „Wenn du wenigstenL dem Kanari reines Wasser geben wolltest." Herr Vonka brachte dem Böglvin reines Wasser. Er < behandelte es zart. Er durste zu ihm zarter sein als zu Vasik. Es war 3 Uhr 40 Minuten. Und als er dem Kanarienvogel den Finger hinhielt, damit jener zuschnappe, erinnerte er sich, daß der Weg zu Gott über gute Taten führt. Und er erinnerte sich, daß er niemals etwas Gutes geleistet hatte. Für die Familie bssorgte die Frau alles. Er blickte sich rasch nach irgendeiner guten.Tat um. Aber im Zimmer gab es. nichts, daran er sie hatte ansüben können.' Die Uhr, die imitierte Palme, die Apollobüstr? Die Uhr lonrde Sonntag früh ausgezogen, die Palme wurde nicht blossen. Die Büste der Artemis hatte die Fran auf den Boden geschafft, roeil Vasik bald erwachsen sein wird. Der Frau zureden, sie solle , den! Mädchen den Kirchgang evlanben? Das Dienstmädchen hatte sich ja schon beruhigt und schluchzte nicht mehr. Nun also, wie? Hier del^ Kanari, wie war's, wenn er ihn in die Frerhoit entließe? Ein Vogel liebt doch die Freiheit. Er öffnete das Fenster, trat mit dem Käfig hin und öffnete das Türchen. Das Vöglein flog heraus und setzte sich auf den Fensterrahmen. Aber es zeigte imriig Lust. davoMpogen, es begehrte^ nicht aus der Wärme in die kalte Freiheit, hinaus. Wer tri diesem Moment knarrte die Tür in der Küche. Frau Bonkova ging in das Zimmer. Und Herr Vonka klatschte in die Hände und ries ksch, ksch, aus daß die gute Tat vollendet würde. Das Vöglein errfflatterte erschreckt auf ein Fenstersims, ein Stockwerk ti-eser. Di« Frau trat ein: Du hast wohl die Kohle umsonst, daß du das Fenster ausmqchst?" Aber das Verschwinden des Kanarienvogels bemerkte sie nicht. Herr Bonla fühlte ein angenchmes Schmelzen in der Herzgegend. Er schloß -das Fenster. Das goldene Vöglein aus Teneriffa, das in der Freiheit keine Lianen fand, an denen es sich schaukeln könnte, auch keine Bananen, oder Palmen, begann drunten aus dem Fenstersims vor Kälte, zu piepsen, . Um 4 Uhr erfolgt? der Weltuntergang. Ans dem Tschechischen von Otto P i ck.) nmi rm mnirrmnnmiiuiintfwi „ maamm