Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 7 (1925)
- Issue
- Heft 2431 (28.11.1925)
- Date
- 1925-11-28
- Page
- Seite 2 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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tmt Wm. SamM- Wiener Morgenrektuna 28. mmUt ms Nr. 3431 Vor dem Ende des Aeiger-Prozeffes. 9k CvscftHÜe des Srtttirversahreiu. — Lar GeKSadnir des Ukraiaerr Slschamti. Von unserem Lemberger -.-Korrespondenten. '] *■. ' ' - r ' Olschanski, Mitglied einer geheimen ukrainischen revolu« :ijonLrtzr OrKinisätion, auf. .Tine Interpellation des sozialdemokratischen Abgeordneten Dr. Badt im preußischen Luchtag, in der dirgelegt wurde, daß im Oktober vorigen Aahres L e m b e r g, 27. November. Nach fast sickbenwöcheuttiicher Dauer geht der Prozeß Men Stanislaus Steiger seinem Ende entgegen. Fast hundert Zeugen sind vor dem Gerichte erschienen, zwei Gutachten wurden abgegeben, um dem Gerichtshof und den Geschworenen die Entscheidung zu ermöglichen, •6 bi« Sndizierr, aus die sich die Anklage gegen Stanislaus Staiger stützt» ausreichen, um jene Ueberzeugung von der PchuLd des' Angeklagten zu gewinnen, die dazu führen würde, ihn zu verurteilen. Jetzt, da 'das Beweisverfahren vor de m A b sch ln ß ste h t, laßt sich bereits ein Bild darüber gewinnen, was das Beweisversahren dieses Prozesses er- 'brachthat. Die Anklage gegen Steiger, daß er der Alientäter 'jenes Nachmittags des 5. 'September 1924 sei, stützt sich auf folgende Indizien'. Die Bombe gegen den Wagen des Staatspräsidenten wurde vom Eck der Legionenstraße aus ge-fchleudert. wo sich Steiger befand; als Attentäter wurde ein Mann in einem Hellen, Mantel mit schwarzumrandeter Brille' angegeben. Steiger, der einen solchen Mantel und eine solche Brille trug, wurde sofort nach der Tat von. einer in seiner Nähe befindlichen Person, der Balktteuise Pasternak, als der Attentater bezeichnet, um so mehr, als er der e i n z i g e war, welcher nach dem Vorfall die Flucht ergriff. Für die Beweggründe, die Steiger veranlaßt haben könnten, die Tat zu.'begehen, stützt sich die Anklage, da die dreizehn Monate währende Untersuchung keinerlei M tschuwige Steigers ergab, auf Mi Indizien: die von dem Angeklagten in der Untersuchung angeblich geäußerte, jedoch niemals prot-o-. kollarisch festgehaltene Unzufriedenheit mit der Lage der Juden im besonderen, sowie die durch Zeugen-- zu erschließende Verbindung mit kommu n ist i-' scheu Ideen im allgemeinen, ferner die eini-ge Monate nach der Tai erfolgte Auffindung von zwei Handgranaten in einenr WaWüchenraum' des .Hauses, wo Steiger wohnt und die durch Sachverständige feftgestellte 35 yr Holland« trasse 14 Jdentitär des Spre.»gstosfinhabers dieser Handgranaten mit dem Inhalt der zum Attentat vom 5. September 1924 verwendeten Bombe. Tie Anklage gegen Steiger stützt sich ferner darauf, daß die Untersuchung bezüglich anderer Täter oder Kreise, aus denen ein Attentat hervorgehen konnte, ergebnislos geblieben ist. Dissen indirekten Beweis erweitert dir Anklage dadurch, daß sie gemäß dem ihr vorliegenden Ergebnis der Voruntersuchung foststellt, die anonymen Briefe, welche nach der Tat an den Lemberger Gerichtspräsidenten und an die Redaktion des Lemberger Tagblattes „Chtvila" sowie an die Verteidiger Steigers gerichtet wurden, und in denen mitgeteilt wird, daß das Attentat über Auftrag -der geheimen ukrainischen Milttikorganisatlorr verübt wurde, seien ebenso gefälscht wie die vor der Tati an den Lemberger Metropoliten, an den' Kreisgerichtspräsidenten und an die Polizei in Stanislau gerichteten Droh- und Warnungsbriefe; der Zweck der Fälschungen sei, den Verdacht von Steiger abzulen-. ken, um so mehr, als, wie die polizeilichen Untersuchungen l ergaben, keine geheime ukrainische Militarorganisation bestehe. Dieser letzte Teil des Indizienbeweises, auf den sich die Anklage stützt, war schon bevor der Prozeß Steiger begann, schwer erschüttert worden, da wenige Wochen vor dem 12. Oktober, dem Tage, da die Verhandlung vor dem Ge-, schwornengmchte ihren Anfang nahm, durch Erhebungen der Polizei, welche im Zusammenhang mit verschiedenen in Ostgalizien verübten Terrorakten und Raubüberfällen ge-' pflogen wurden, anläßlich der Verhaftung von Personen, diedieser terroristischen Uebersalle dringend verdächtig erscheinen, aus beschlagnahmten Dokumenten bi«. Existenz einer geheime« ukrainischen MMrorganisation unzweifelhaft erwiesen war. Und bald nach Beginn der Verhandlung gegen Steiger, keuchte am Horizont dieses Prozesies, der ein politischer. Horizont ist. wahrend im Mittelpunkt ein gänzlich unpolitisch orientierter junger Mensch steht, der Name Teophil. der Ukrainer Teophil Olschanski die Polnisch-deutsche Grenze überschritten und zufolge des von deutschen Gerichten für glaubwürdig befundenen Geständnisses, er habe am 5. September 1924 das Attentat auf den Polnischen Staatspräsidenten im Aufträge der ukrainischen revolutionären Organisation verübt, als politischer Flüchtling Asyl in Deutschland .gefunden hat, hat den Manien Olschanski mitten in den Steiger- Prozeß geworfen und seither steht der Schatten jenes Teophil Olschanski im Hintergründe der ganzen Prözesies, der das Interesse der Oefstntlichkeit in der ganzen Welt seit so vielen Wochen wachhält. Nach langen Verhandlungen und diplomatischen Relationen kam ein Teil der Protokolle, die das B e u t h e p e r Ge r i ch i mit Olschanski ausgenommen hatte und deren Inhalt der Lemberger Polizei d u r.ch einen Kattowitzer Konfidenten noch währe ndv der Untersuchung gegen Steiger bekannt geworden war, oh ne daß sie ihm weiter Beachtung geschenkt hätte, zn Händen des Lemberger Gerichtes. Der Gerichtshof erllärt«, daß das ihm vorliegende Material über Olschanski ihm keinen Anlaß gebe, eine Untersuchung zu veranlassen, be^v. daß es für den jetzt abgehandelten Prozeß seiner Meinung nach nicht erheblich fei. Hsuw aber, da in den Verhandlungen des Steiger- Prozesses eine eintägige Pause eingetreten. ist, wendet sich der vom Gerichtshof als unerheblich erklärten Angelegenheit OlschanÄi das Interesse nicht nur der ganM Oefferttlichkeick, die diesen Progeß verfolgt, sondern wohl auch deS Lemberger Gerichtes zu. Olschanski hat sein G e st ä n d n i s vor -er Berliner Polizei, bei der er sich vorgestern freiwillig meldete, ergänzt und dabei mitgetoilt, daß er zu diesem Schritt vom obersten revolutionären Rat der geheimen nkrattrifchen Organisationen vewwlaßt wurde. Die Einzelheiten, durch die Olschanski sein Geständnis ergänzte, schließen, wie die Berviner Polizei mitte U, jeden Zlveisel daran aus, daß er der wirkliche Attentäter ist. Jetzt ist die Angelegenheit. Olschanski nicht mehr unerheblich, denn durch seine ergänzende Mitteilung, durch die Aufträge der außer jedem Iweifel existenten geheimen ukrainischen Organisation sind die politischen Fäden, welche zu dem Attentat in Lemberg führten und die in der gantzen Anklage gegen Steiger nirgends zu seh«.n waren, aufgedeckt. Unmittelbar vor dein Ende des.Steiger-Prozesses beginnt der. Olschanski- Prozeß; denn bei einem Attentat, dessen politische Hintergrün'de nunmehr klar zutage liegen, gibt es nicht zwei Aussührende, von denen -er eine sich schuldig erklärt nnd gleichzeitig die langgesuchte politische Folie deS Attentats aufdeckt, während der andere seit 13 Monaten seine Unschuld beteuert und ein politisches Motiv für seine Tat nirgend zu finden ist. Denn die Indizien der Anklage, tvelche aus Steigers Verbindung mit Kommunisten und ihren Ideen schließen Ivollen, stützen sich auf die wahrend der Verhandlung bald w'rderrustne«, bald wiederholten Angaben eines gerichtsordnungs mäßig als irrfin«ig erklärten Zeugen namens Werchola, eines ehemaligen Polizeikonsidenten, dem auch die Polizei das höchste Miß- .trarven entgegendrachte und dessen Angaben von allen Personen, die er als die kommunistischen Freunde Steigers bezeichnet hatte, als Ausgeburten einer pathologischen Phantasie bezeichnet werden, da diese Personen, wie sie als Zeugen unter Eid angaben, Steiger in ihrem Leben nie gesehen haben. Bedenkt man ferner, daß die vom Polizeiknfpektor Lukomski dem Angeklagten Steiger zugeschrieLenrn Me Kurie. am Zoo, Benin, Hardcnoergstr L7 Direktion s N. von Benedito Trelfpunkt der Fremdenwelt Berlins ^-Uhr-Tee * Soup r prix fix » Bxqalslte Küche KaueUcs &ca]A'3onri«Ban<L Milano U r Perorr da Wltner Humo» Ist Charlie Woelxi» Über some UuMviedenheit mit den bestehenden Berhäbtmssen über den Numerus clausus gegen jüdische Studenten usw. sich in k c i n e m P r o t o k o l l befinden, von Steiger entschieden geleugnet werden und durch keinen Zeugen bewiesen werden können, so reicht Wohl das Ärottvin-dizium der Anklage für den Wahrscheinlichkoitsbeweis einer Schuld Steigers nicht im eittsern testen aus. Uebetdics ist lass Gutachten, das die Identität des Inhaltes der Bombe und der zwei Handgranaten behaupte, vor Gericht von zwei militärischen Sachvevständige» als f a l s ch bezeichnet worden. Aus diesem Aspekt gc'.v innen die heute in Lemberg und wohl auch in der ganzen Welt Gesprächsstoff bildenden Erklärungen OlschaMis im Berliner Polizeipräsidium erhöhte Bedeutung; -er Steiger-Prozeß geht zu Ende, der Prozeß über das Attentat von Lemberg m«ß erst beginnen. Neben den Tatmotivindizien gegen Steiger, dle sich, wie das neuerliche Geständnis Olschanskis am deutlichste» beweist, als nicht ausreichend erwiesen haben, ist das Persagen der von der Anklage angebotenen Beweise für die Tatindizien hevvorzuheben. Den Wahrnehmungen der Zeugen, welche angeben, die Bombe sei von der Ecke der Legionenstraße aus geschleudert worden, stchen ebenso viele Aussagen einwandsr-eier Personen gegenüber, nach deren Wahrnehmung die Bombe von anderen Orten aus ihren Weg nahm. Mehrere Tage lang stand auch in diesem Zusammenhang die Frage ,H» ebener Erde oder im ersten Stock" im Vordergrund des Prozesses; denn es gab eine Reihe von Zeugen, welche die Bombe aus der Höhe, also vom Stockwerke eines Hauses aus, ihren Weg nehmen gesehen haben wollen. Welche dieser Wahrnchmungen ist richtig- Kann etwa die Mehrheit darüber entscheiden? Es gibt nichts Unzuverlässigeres als das menschliche Auge und sein abschätzendes Wahrnehmungsvermögen, insbesondere wo es sich um bereits zurückliegende Wahrnehnmngen handolt. Der'Mann im Hellen Mantel mit drr schtvMM BrAc, der so vielfach als Attentäter beobachtet wurde, war es wahrscheinlich auch; über die Zeugenaussagen haben nicht ergeben, daß Steiger der einzige Mann im Hellen Mantel mit schwarzer Brille war. der sich zur Zeit der Auffahrt des Präsidenten in der Nahe der Attentatsstelle befand. Vollends als unwahr hat sich die Aussage der Balletteuse Pasternak erwiesen, daß Steiger als einziger nach dem Attentat die Flucht ergriff, wobei noch in Acht zu nehmen ist, daß die Aussagen der Pasternak von einer Reihe von einwandfreie« Zeugen in verschiedenen amderen Punkten als »unrichtig bezeichnet wurden, ganz zu schweigen davon, daß die. zweite Kronzeugin, welche die Anklage erst während des Prozesies heranzog. Frau Viktoria L e d l aus Wien, dringend verdächtig ist. daß sie vor Gericht phantasiert hat, da einwandfreie Zeugen bekunden, sie sei bei der Perhastung Steigers nicht anwesengewesen. Was in diesem Prozeß darüber bekannt wurde, wir die Voruntersuchung in vislen Belangen geführt wurde, wie Zeugenaussagen zustande kamen und wie das den Behörden vorliegende Material verwertet wurde, gehört auf ein anderes Blatt. Rein aus den während deS ganzen Prozesies resultierenden Ergebnissen des Beweisverfahrens hat sich — und das gerade im Zusammenhang mit dem letzten Ereignis in Berlin — eines ergeben: Die von der Anklage geführten Indizien reichen, wie aus dam bisherigen Ergebnis des Beweisverfahrens klar wird, für die Schuld Steigers nicht aus; sie genügen aber für die Schuld derjenigen, die den A t t e n t a t s p r o z e ß von Lemberg zu einem Steiger-Prozeß gemacht haben. Slew-Aork,27. November. (Tel.-Komp., Berlin 33.80. London Kabel 4.847*. London Scheck 4.80, Amsterdam 40.22, Paris 8 88'/«. Lrüliel 4.52. Nom 4.047«. Madrid 14.W, Zürich 10.28. Stockholm 26.76 - C8lo 20 88 ftoutttfoflflw 24.88 Wien 147 Bukarest 14»/„ Praa 286'^. Belgrad 277'/,. Athen 1.33'/, Buenos Aires 4t* * 5 * * * 9 * * 12/»« Rio de Janeiro 14.25 Bukarest 457« R«w-Bo»d, 27. November. <Te!.-Komv. > Wetzen ror Winter 1857, Weizen dart Winter 185. Mais 917, Hafer 48»/$, Roggen lr0V4. Chikoav 27. November <Tel.-Komv.) Wetzen »er Dezember 165, Mm 1687, AM 146'/,: Mats ver Dezember 737,. Mai 79. Juli 80'/,; Haler ver Derember 387, Mat 437. Ju< 447«- «oaoen m Deiembe, 91.7« Wo* st Stol» - - Sie ttalieui!ch>iigWMen Verhandlungen. Rom, 27. November. Mehrere Matter hatten die Nachricht gebracht, daß sich Jtali en und Aegypten bezüglich der Oase Dscharabub und der Grenz« zwischen fccr Cyrenäika und Aegypten geeinigt hätten. Nach der Agenzia di Roma, die sich an zuständiger Stelle erkundigt hat, werden die italienisch-ägyptischen Unterhandlungen in freundschaftlichem Geiste geführt, hätten aber bisher zn keiner endgültigen Entscheidung geführt. Mst.intern«! ‘ ■ _ Sen 15. vMMl 1925 7,8 Uhr abends, findet im . uu ein statt, bei welchem Herr_ (Berlin) iprechen.wird. i«o Karten •Ind im Zionistischen Bureau, L Klmflttentr.tt, erhältlich t 0156 557219