Mannheim
Compact Memory

Wiener Morgenzeitung · 1925-11-26 · Heft 2429 (26.11.1925) · p. Seite 3

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Wiener Morgenzeitung
Volume
7 (1925)
Issue
Heft 2429 (26.11.1925)
Date
1925-11-26
Page
Seite 3 (sequence 3)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
88% known words query
IRI
…/2979076-2981191-2981515--24768-3012346
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

1 entity mentions

_ ÄLtr, DonwerMg__Wleriev Morftemeitunft_ 26. NoveMer IW Gei^r I Gerichtshof gkster n v erh astet urid dem Gericht ein- « geliefert. Das Jnstizministerium erklärt hiezu, daß die Immunität des Abgeordneten Taussig nicht verletzt worden sei, denn wenn er auch, was bestritten werden müsse/ infolge der Neuwahlen bereits wieder die Immunität genieße, so bilde dies kein Hindernis für den Strafvollzug, weil es sich um ein Strafverfahren handle, dem die ausgelöste Kammer ihre Zustimmung gegeben habe. Sriegrvsrbekeltungen der Jöriei! Wegen Mssul. , London, 26. Nove-inber. Der Koustantinopeler Be- ' richtevstattrr der „Morning Post" meldet, daß die Türke <i ' in Erwartung einer für sie nachteiligen Entscheidung im k Mossulstreit ausgedehnte kriegerische Vorbereitungen treffe. Jede Woche trafen große Mengen . Munition und Sprengstoffe aus europäischen -Mm ein. Bei den an der Grenze zusammcngezogeuen Streitkräften fänden Inspektionen statt. Die Volle rbundkommission hat die Schuld Griechenlands festgestellt. Athen, 25. jfomu'kv. Die griechische Negierung erhielt gestern abends eine telegraphische Verständigung der VölkerbundkomMission, wor-i-u Mtgeteilt wird, daß Griechenland an >dem ibn>lM rischen Grenzzwischenfall für schuldig befunden wurde. Die Kommission beauftragt. den BAikerbund, Griechenland zu verpflichten, 85.000 englische Pfund zugunsten der Hinterbliebenen der bei dem Konflikt uyrs Leiben gekommenen Soldaten zu bezahlen sowie 57.000 englische Pfund an Bulgarien zu «entrichten, die zur Deckung der Kosten des Truppe n- LranKPortes dienen sollen. Ueberschwemmungrkatastrotzhe in Achen. Mehr als Ivg Personen ertrnnken. Achen, 25. Nooember. (TÄ.-Liomp.) Uebcr die Stadt Athen iniß> die ganze U>m!ge«b>ulg sind geistern katastrophale Wolkenbräche niedergegangen. Der hochangcschwollene Jiisses ist Mer die Ufer getreten und hat ganze Häuser fortgcschwemint, wobei etwa 100 Per s o u -c n d e n Tod in den Fluten fanden. Von den Abhängen der Gebirge strömen noch imnttei riesige Wassevmassen zu Tal. Di-: Straßen -der Stadt sind in Flüsse verwandelt. In den Vo ro r ter, Athens werden mehr -ols 150 H ä u s e r, die größtenteils von -F l ü ch t l i u g e n bewchnt waren, ze rst ö r t. Hier sind 15 Personen c r i unt f c u. Der Ernteschaden wird aus mehr als 600.000 Dollar geschätzt. Revolution in Mulde»? ■ Pekirrg, 24. November. (Reuter.) Nach bisher noch unbestätigten Gerüchten ist gegen T s ch « n g -T s o- Li n in M n k d >e n eine R e v o l u t i o n ausgeb rochen. Dschang- Tso-Lin soll g e s a n g c it g c h alte n werden. Raucherwagen aus der Stadtbahn. Von gestern au werden ans der Wiener elektrischen Stadtbahn die R a u ch e r w a g c n durch Tafeln an der Außenseite der Wagen kenntlich gemacht sein; die Nichtrauch erwägen tragen die Bezeichnung im Wageuinnern. Die Triebwagen sind immer Nichtraucherwagen. Die Verteilung ist derart, daß in jedem Zug mindestens die Hälfte der Wagen für Nichtraucher bestimmt ist. Was war jüdisch an Ferdinand LnWe? Wir halten bis vor kurzem säst gar keinen Einblick -in die Seele des genialen Demagogen und waren geneigt, zil meinen, er habe sich wirklich in weit höherem Maße als Jude gefühlt, denn sein großer Rivale Karl Marx. Wenigstens hotte er nicht, wie zener, ein Pamphlet gegen «die Juden oeröffenilicht, gerade zn einer Zeit, da sie in schweren Kämpfen um ihre bürgerliche und politische Emcmisipalion standen. Zwei vor kirrzem erschienene hoch «b e de u t s a -m e Publiikationen Wer Lassalle wevöeu auch in dieser Hinsicht unsere Anschauungen von Grund ans ändern. Es sind dies: „Lastalles nachgelassene Briese und Schriften", herausgegcben von Gustav Mayer, bisher vier Bände. Deutsche Verlagsanstalt Stuttgart.) Die zweite ist die schöne rmd geistvolle Biographie Lassalle, Mensch und Politiker", die den verstovbenen «preußischen Unterrichtsminister Konra.d Haenlsch znm Verfasser hat. (Verlag Franz Sck)neider, Berlin.) Erstere ist 'durch die zahlreichen, überaus ArüMichen und erschöpfenden Erläuterungen und Anmerkungen, die den Briefwechsel lre gleiten, ein wahre Fundgrube zur Kemvtnis der Bechälitnissc und der Pevsönlichkiten der danmligen Zeit. Die meisterhaften Einleitungen des Herausgebers zu jedem der vier Bände ntii «ihren lichtvollen Schilderungen der politischen und kulturellen Zeitumstände, mit ihrer feinen psychologischen Analyse der vorikonimenden Menschen, Hilden eine notwendige Ergänzung zu jeder Biographie Lassalles.. Besonders dm Einleitung zuim vierten Bande, der «den gesamten Briefwechsel mit der Gräfin Hatzfeld yum erstenmal der Leserwelt darbietet, verdient wegen der Feinheit der Zergliederung und der Tiefe des Verständnisses höchste AnevkennMg. Beide Bücher ermöglichen uns, wie gesagt, den Ent-- 'wicklunHsgang Lassalles uniriittÄ'bar aus denr Innern heraus M belauschen. Mit Schmerz nehmen wir eine immer rascher fortschreitende Hi na ns ent Wicklung aus dom Judentum «bei Lassalle .wahr, bis davon nichts mehr übrig bleibt «und schließlich eine ausgesprochene Antipathie Platz greift. Leichte Crmödbarkeit des Kopfes, vorzeitige Erlahmung der Spannkraft u. dergl. deutet auf schwache Nerven (Neurasthenie). Wer seine Nerven mit Sana logen kräftigt, wird nicht nur des Taces Mühe le'chter überwinden, foitbcm nach beendeter Arbeit auch noch Kraft zn stohem Genuß ist Nervennahrung, kein Reiznüttel! In mehr als 24.000 schriftlichen Gutachten namhafter Aerzte wird seine Zuverlässigleit und nachhaltige Wirkung bezeugt. So schreibt Herr Sanitätsrat Dr. med. Eckstern in Leipzig: „Seit Jahren habe ich Sanatogen in meiner Praxis verordnet und habe besonders in der Rekonvaleszenz nach schweren Krankheiten und in Fällen von Blutarmut und geistiger Ermüdung und Abspannung sehr gute Resultate gesehen. Es ist ein RervenkrLftignngsmittel allerersten Ranges, das durch kein anderes Präparat ersetzt wird." Jeder kann sofort einen Versuch mit Sanatogen machen, da es fchou in Packungen von 8 2.65 an in allen Apotheken und Drogerien zu haben ist. Probe und anfklarende Broschüre „Wegweiser zu Gesundheit und Lebensfreude" erhalte» Sie ans Wunsch kostenlos durch die Sauatogenwerke Bauer & Cie., Berlin SW. 48. mmmmmmmmmmmmmaammmmmaammmmmmmammmmmmmmmmmmmmmm Sie Forderungen der Postier. Wie alljährlich vor Jahresschluß, sind auch heuer die Post-, Telegraphen- und Telephonangestellten mit Forderungen nach Erhöhung der Leistnngspräimen und der Nebengeb,'ihren an die Generalpostdirektion heraugetreten, deren Erfüllung etwa drei Millionen Schilling kosten würde. Generalpostdirektor Hoheisl teilte gestern den Abgesandten des Personals mit, daß die Postverwaltung eine Erhöhung gewisser Nebengebühren mit einem Gesamtaufwand von einer M i l l i o n S ch i l l i n g zngestehen-wolle. Die Bedeckung hiesür müßte, er in einer Erhöhung des Zeitungstarifes suchen. Mit dieser Antwort sind die Postler n i ch t «z n s r i e d e u und wollen morgen in Gegenwart des Generalpostdirektors .Hoheisl im Zentralansschnß weiter beraten. Der Zentralausschuß der Telegraphen- und Fernangestellten wird am Freitag zusammentreten. Eine Entscheidung ist vor M o n t a g kaum zu erwarten, doch hofft man, einen Streik vermeiden zu können. « - Das einzig echt Jüdische, dein Lassalle bis zuseinem letzten Atemzug treu bleibt, ist die überaus innige und mivevbrüchliche Achäuglichkeit an die Eltern. Der Vater erscheint wie eine Gestalt aus Auerbachs „Dichter ruck Kaufinaun". Ist voll BÄvunderüng für die hohe Begaibung des «Sohnes und glaubt uuerschütterlich an die Rechtlichkeit feiner Bestrebungen, so viel Herste io mich die seltsam ■ verschlungenen Wege des genialen Sohnes dem einfachen Bürger und ehrbaren Kansmann verursachen mögen. Er ist religiös, in feinem Hause wird der Seder Eerdinand schreibt „Zeider") feierlich abgchalten. Noch in den Mrufstgerjahren, als der schon hochberühmte Schn die Mutter nach Berlin einlädt, mutz er ihr versprechen, daß sie dort wird rituell speisen können. Als im Jahre 1856 Lassalle in Gesellfchais tseines SäMgers eine Orientreise antrat, die ursprünglich bis Jerusalem geplant!var, richtete der Vater an die vielgelichten Kinder einen zärtlichen Brief, der außer einer Menge sorgsamer Ratschläge der: Auftrag enthält „auf ein Stückchen Erde aus Jerusalem, und zwar ans dem Boden, wo der Tempel Solomons gestanden . . ." Von unerschöpflicher Sanftmut und rührender Aliöde und Nachsicht sind die Briese dieses einfachen, schwer arbeitenden, mäßig begüterten Kaufnlanrres, der iimirer wieder verzeiht, auch wenn der Sohn keck und rurgezogen lvird. (Mer nie über disse Grenze hinansgeht.) Als Vierzchnjähriger erlebt Lassalle die Blutbeschuldigung von Damaskus und er schreibt, zornig«, k i l M ich-e uthus ich lisch e Worte in sein Tagebuch. Von großem Interesse am Jndentmn zeigt noch 1813 der Brief an Theodor Crerzenach, >einem der Begründer der Aesormlbewegung, aber nicht gerade deren bester Typus. Aber schon ein Jahr später richtete er an jedes der beiden Eltern einen langen Brieif voll tiefsinniger Philosophie, Jnnghvgelianismus mit — Katholizismus vermengt. Mayer sagt: „Bon der' Religion seiner Väter hat sich zivar Lassalle äußerlich niemals formell getrennt, im Innersten entfremdete er sich ihr schon als Student, je tiefer er sich in Hegel versenkte" Aber welcher aufgoweckte Jüngling hat rricht solche religiöse Krisen durchgemacht? Abgesehen davon, daß derartige Krisen vorüber- ' gehend sind, gibt 'es ja auch noch eine jüdische Gemein- Parlameutarische öchlvierigkeiteu. Die Sil'watwn «im Parlament' ist «in den letzten Tagenhöchst n n g e m ü 1 l ich geworden, da die SoV'.aldemokratew die Verhandlung des BundesdoranfchlaM vnt Ansschutz o)5st ruüeren, «m die Berlängerung des AnfovdevungsgesetzLs Md die Bchimmungen über außerordentliche NotstandsunterstützuMn Md BeHHm für ausgestmevte Arbsits'l'vse durchzusetzen. Da die Wiener Christlichsozialmam entgegengeseMn Ende ziehen und unbedingt aine Aufwertung der Mietzinse «erreichen wollen, ist die Regievuwg der leidende Teil. Heute wird das Gesetz Wer die Verla »gern ngder Funk t «i o n s d a,it c r des Nativ nalbankbe räters im Budgetansschuß zur Verhandlung kommen. Ob'struieren die So-staldemokraten auch diese Vorlage, dann wäre eine kritische Zuspitzung der Lage gegebLtt. Es flatterten gestern bereits alle möglichen Kviseugerüchte im Parlament aus. Ja sogar von Neuwahlen wurde gesprochen. Offenbar handelt es sich hier um Schreckschüsse gegen die Seipel-Gruppe, der man 'begveiftich machen will, daß die Sostaldemokrale-e mit der Devise: Für den M ie t e r s chu tz, für die sofottige Gesetz'lverdung der A l t e r s v e r s i ch e r u n g und für die Arbeitslosen eine sehr schlagkrä-ftige Wahlparole erhielten. In diesem Sinne ist auch die im Gange befindliche Bersammlungskampagne der Sozialdemokrate-r zu werten. Im Gudge.1au's!schuß >gcht die Beratung der Budgetkapiteil,/Handel und Bertehr" weiter. Haudelsm-inister Dr. Schürsf nahm die Vormittagsfitzung mit einer langen Rede für sich in Anspruch. Er teilte unter anderem mit, daß die BundeK'bahnen «im ersten Halbiahr 1925 den Bezug ausländischer Braunkohle nahezu vollständig eingestellt haben. Was die tim geplanten Aenderung en des Zolltariss ^beivUt, so werden verschiedene aufgetauchte Wünsche nach Betreffend die Anfrage eines Abgeordneten über die volkswirtschaftliche Funktion der Banken vertvies der Minister aus feine letzthin gemachter Darlegungen über die Ursache nuferer Kapitalsrrot und die für den hohen Zinsfuß maßgebenden Umstände. Es könne nicht geleugnet werdet^, daß die Banken dem Beispiel der Noterlbank, die 'bekanntlich die Diskontrate auf 9 Prozent heraibgesetzt hat, nicht in gleichem Maße gefolgt sind und daß die Spannung zwischen Debet- und Kreditzinsen sehr hoch ist. Eine Reihe von Umständear, «wie die hohen Regien, »rangelnde Verdienst- Möglichkeit im Valuten- und Effektengeschäft und te Risiko bei der Kreditgewährung an die Industrien mögen« immerhin eine Erklärung für diese Erscheinung sein. Eine wirksame Whilise gegen die große .Kvpitalsnvt ist nur in langfristigen ausländischen Krediten gelegen. Das eng'lifche Kapital, das «bisher zurückhaltend war, werde «wohl bald aus seiner Refervie heraüstrcten. In der NachnMagssitzung wurde unter andeveinr sehr viel über die Hebung des Fremdenverkehrs gesprochen. Mg. Witternigg bemerkte hiezu, es wurde zwar eine Reihe anerkennenswerter Maßnahme,) getroffen, durch antisemitische Propaganda werden jedoch die B e m ü h n n g e n, d e n F x e m d e nve-rkehr zu he«Len, «erschwert. schaft, und der Gemetnischaft ist jeder nniveMnstslte, gerade Mensch verpflichtet, einerlei, ob sein religiöses Bewußtsein momentan beruhigt ist oder nicht. Di«e Mische Gemeinschaft stand aiber. gerade damals in tiefen, schweren, furchtbaren Entwicklun«MämPfen, die an sich das Jnreresse eines so hohen Geistes hätten fesseln müssen. . Bei Lassalle dagegen «bricht gerade hier das Interesse am Jrdentnm vollständig ab, mn nie wieder mchzutanchen. Nicht der leWe AMang, nicht die entfernteste Reminiszenz. an Jüdisches in irgend einem Sinne erscheint fortab in der ganzen so überaus reichhaltigen und alle Gelbiete des geistigen und politischen Lebens der Zeit rm,fassenden Korrespondenz.. In dem Berlin der Vierzigerjohve gründeten Christen Vereine zur Erkämpfung der Gleichberechtigung für die jüdi- «schen Mitbürger. In Lassalles Briefen findet man keine Spur von einer AwspielMg auf diese Dinge. Lehrreich ist da der hochbedeutsame Briefwechsel nun M a r x, der den ganzen dritten Band füllt, eine unerschöMche Fundgvrche nicht unr für die Politische uwd soziale, sondern auch für die Personengeschichte der Zeit..Männer wie Lord Macaulay und Robert Owen führten gerade damals in England einen zähen Kampf für die Emanzipation der Jtcken, aber außer einer gehässigen Evivähnung „ästhetischer Jüdinnen" in einem Briefe von Marx aus London findet sich in der ganzen Korrespondenz nicht ein einziges Wort, welches darauf schließen ließe, daß es überhaupt Juden in der Welt gab. Wer es nicht tvüßte, könnte aus diesen Briefen niemals ans den GedaMr kommen, daß die Schreiber in irgend einem Zusammerihang mit dieser Mnschenka-tegorie standen. Der exklusive Berliner Kreis, in idem Lassalle verkehrte, tvar ckber auch etwas eigenartig. Lassalles intimer Freund, Arnold Mendelssohn, will sich gleich jenem dem Studium der Philosophie widmen, und bittet zu diesem Ztveck seinen Onkel, den Millionär und Großbankier Josef Mendelssohn, mn ein Darlehen. Die Bitte wird abgeschlagen mit der Begrün-. düng: „Lassalle ist ein vermögender junger Mann, er imx tun und sich beschäftigen auf jede ihn, böliebige Weise, nud ihm bchrgt das Grübeln in übersiMichen Kenntnissen, in Philosophie. Du weißt, wie ich ganz unphilosophischer Keift dich: f \

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.