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Wiener Morgenzeitung · 1925-11-22 · Heft 2425 (22.11.1925) · p. Seite 3

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Journal
Wiener Morgenzeitung
Volume
7 (1925)
Issue
Heft 2425 (22.11.1925)
Date
1925-11-22
Page
Seite 3 (sequence 3)
Language
German
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0te. Ä5 Wien, Sonntag Wiener Morgenzeitung Die Atmosphäre der Steiger-Prozesses Las MpstrriM der anonymen Miese. — Nicht existierende Selaftnngszensen. — Meffetzetzr. — Lie MschWe des Geüchtes. Sie Lemberg, 21. November. Nach eintägiger Panse wurde die Verhandlung im Steiger-Prozeß wieder ausgenommen, der mit Rücksicht ans die gestrigen B e r a t u n g e n des Gerichtes Mer die ergänzenden Beweisanträge der Verteidigung uit'b des Staatsanwalts mit Spannung entgegengeschen wurde. Ter Vorsitzende, Oberlandesgerichtsrat Franke, verkündete gleich zu Beginn der Bechandlung die Beschlüsse des Gerichtshofes; dieser hat deni Antrag der Verteidigung anis Einvernahme des Zeugen Finel stattgegeben, der, wie bereits berichtet, uunnttelbar nach dem Attentat drei Personen in ein Haustor in der Legionensiraße flüchten und dort zwei davon die Mäntel tauschen sah; der Antrag der Verteidigung, den Wiener Rechtsanwalt Doktor Waldmann und den ehemaligen Presseleiter der west- Ütra mischen Regierung, Rand, als Zeugen zu. verrtchuteit, wurde abgele h n t mit der Begründung, daß das Gericht Las Geständnis des Ukrainers Qlschanski als gegenstandslos für den Steijger-Prozeß ansehe; die Beschlußfassung über den ton der Verteidigung und vom Staatsanwalt gestellten Antrag, den L e mbarger Metropoliten Szeptycki in Sachen der ihn: zugokommeuen anonymen Drohbriefe als Zeugen vortzuladen, hat der Gerichtshof auf später der sch ob en. Die Annahme des Antrages auf Vorladung des Zeugen Finel wird als bedeutsames Symptom angesehen, da sie beweist, daß das Gericht aus den.bisherigen Ergebnissen der PreizetzvechaMung den Eindruck gewonnen hat, es sei unbedingt eine Klärung darüber notwendig, wer eigentlich das Attentat vom 5. September verübt hat. . Anschließend an die Enunziationen der vom Gericht gefaßten Beschlüsse machte der Vorsitzende eine Mitteilung, die geradezu, sensationell wirkte; er gab bellum t, daß drei Zeugen nicht auffindbar seien, deren Vorladung das Gericht über Antrag des Staatsanwalts beschlossen' hatte, da der Staatsanwalt erklärt hatte, ihre Angaben seien zur Stützung der Anklage gegen Steiger von größter Wichtigkeit. Es sind dies die Zeugen Isaak E i s c n b e r g und Israel E cf, von denen der Staatsanwalt ein Schreiben torwies, in welchem sie Märten, sie könnten eidlich bekunden, daß sie gesehen hätten, wie Steiger die Bombe gegen den Wagen des Staatspräsidenten geschleudert hätte, ferner der vom Staatsanwalt geführte. Zeuge W a r ch owia k, der über Stelzer als den Haupttäter in: Auftrag einer Verschwörerorganisation nach Angaben des Staatsanwaltes eingchende Msschlüsse erteilen könnte. Die Nachforschuicgm der Behörden nach Liefere drei Zeugen sind ergebnislos. geblieben. EmWarchowiak konnte überhaupt nicht anfgefnndm werden, (Bon unserem «.-Korrespondenten.) Eisenberg und Eck sind zwei Kauften! e ht Lemberg, welche erklärten, nie irgend e inen B r i ef an die Gerichtsbchövde in biefer Angelegenheit geschrieben zu haben; ihre Angaben erwiesen sich auch durch die behördlich gepflogenen Erhebungen als richtig. Es scheint also, Laß hier eine Mystifikation torliegt. ' Nach diesen Mitteilungen des Vorsitzenden Wierde das Verhör mit dem Ukrainer Mikitin fortgesetzt. Die Verteidigung stellte all Mikitin zahlreiche Fragen; dabei kam Verteidiger Dr. Grek ans die jetzt im Vordergrund des Prozesses stehende Frage der anonymen Briese 511 sprechen. In der Voruntersuchung hatte nämlich Mikitin erklärt, er sei der Schreiber sänttlicher anonymen Briefe, welche zur kritischen Zeit an verschiedene Lemberger Behörden, au den Metropoliten Szeptycki und an die Redaktion der Lemberger Tageszeitung „Ehwila" gekomilien sind. Diese Angaben des Mikitin und sein laut deln Protokoll gemachtes Geständnis, er sei zur Absendung dieser anonyrnen Briefe von verschiedenen jüdischen Bürgern in Lemberg veralllaßt worden, um dadurch Steiger zll entlasten, hattell mit zur Erhebung der Anklage gegen füilf angesehene jüdische Bürger von Lemberg geführt, die bann in dem Aufsehen erregenden sogenannten Kor n- Haber-Prozeß freigesprochen wurden. Damals hatte Mikitin erklärt, daß er seine Aussagen in der Voruntersuchung unter dem Druck des Untersuchungsrichters Dr. Rudka und seines Schriftführers Piotrowski ' gelllacht habe, unb daß er in Wirklichkeit mit den Briefen nichts, zu tun habe. Heute stellte nun unter anderem Verteidiger Dr. G r e f die Frage, warum Mikitin in der Voruntersuchung diese Geständnisse gemacht habe. Er wollte damit die Angelegenheit der anonymen Briefe und deren Behandlung durch die Untersuchungsbehörde aufrollen, was zur Aufklärung der Wahrheit höchst bedeutsam ist. Da der Vorsitzende die erwähnte Frage Dr. Greks an den Zeugen nicht zuließ, entwickelte sich eine längere, sehr scharf geführte Polemik zwischen der Verteidigung einerseits, dem Staatsanwalt und dem Vorsitzenden andererseits, in deren Verlauf Dr. Gret und Dr. Landau in glänzenden Ausführungen darauf hinwiesen, daß die Frage der anonymen Briefe aufgeklärt werden müsse. Dieser sehr ernsthaften Behandlung des gegenwärtig im Vordergrund des Prozesses stehenden Gegenstandes folgte dann ein heiteres Intermezzo in derselben Sache, als der ukrainische Rechtsanwalt Dr. Lew Hankiewiez als Zeuge verhört wurde. Er gab in feiner Aussage sehr pathetisch der Ueberzeugung Ausdruck, daß sämtliche anonymen Briese Falsifikate feien und ihrem Stil nach nicht v 0 n Ukrainern geschrieben sein könnten. Hebräisch. Philo von Alexandrien als tragische Gestalt. V oll Binjamm Segel. Etwa 300 Zähre vor bem Zusammenbruch -des jüdischen Staatswesens kiganm jene Bewegung, die einen großen Teil des jüdischen Volkes aus de.m Lande der Väter in die Diaspora, - ibesonders nach den griechischen Mittelme-erkolomen, führte. Die gebietende Machtstellung des Gviechentimls, der unvergleichiliche Glanz und Reichtum der materiellen und geistigen hellenischen Kultur absorbierten allmählich alle Völkerschaften des nahen Orients bis au die Grenzen Persiens und Indiens, ihre Staaten zerfielen, ihr Volkstum löste sich auf, sie verschwanden langsam von der Bildsläche. Die Juden allein trotzten diesem Zersetzungs- Prozeß. Die hebrä ische Sprache konnten sie freilich vor dem Verschwinden aus dem Bolksmunde nicht retten, war sie doch sogar im Heimatlaude der fyrisch-ara- >ut ä i;] ch e n gewichen, obgleich diese ihr an Klangfülle, Auedrucksfähigikeit und Biegsamkeit weit unterlegen war. Mt dem Griechischen vollends konnte das Hebräische als gsprochme Sprache in keinen Wettbewerb treten. In allen Dingen lvar das Griechenibum. den Inderr überlegen: in Politik und Wirtschaft, in Wissewschalft und Knust, vom militärischen und kolonisatorischen Organisatioustalent ganz zu schweigen. Nur in einem Pllükte fühlten die Juden mitten unter dm Griechensich bmi herrscheMn Volke weit überlegen: in der.Religion. Je mehr sie sich von der hellenischen Kultur als Geisamterscheinu'ng angegogen fühlten!, desto mehr fühlten' sie sich von der griechischen Religion und der durch sie bestimmten praktischen Wollsethik abgestoßen. Und je mehr die beften Köpfe unter ihnen sich in die griechische Philosophile vertieften, desto .mehr wurde ihnen Aar/ «welche tiefe Kluft zwi«schell dem griechischen Denken und der griechischen religiösen Ueberliesernug und Praxis klaffte. Dieser Widerspruch hatte ja einige der größten unter den - griechischen Denkern * als Religionsleugner und Götterverächter auf die Anklagebank geführt. Die große Berwandtschast Mischen vielen Ergebnissen, der griechischen Philosophie und den Lehren, des Judentunts -konnte beit Juden für dieDauer. nicht verborgen bleiben. Sie wurden sich immer mehr bewußt,, daß das.konstituiipe Element ihres WoWtums, sein hauptsächliches, alles , andere beherrschende Morünal ihre R e l i g i 0 n war, daß diese ihre «Religivu einM jo hohen Merl 'darstellte, paß er innerhalb der gesamten Kultürwerte des' Hellenismus seinen ebenbürtigen, jri überlegeiwn RaW behaupten konnte. Man durfte, ja man mußte sich die gesamte griechische Kultur innerlich zu eigen machen und-konnte dabei den höchsten Wert des jüdischen Volkserbes unversehrt erhalten, ja seine Kraft noch steigern, indem man sie mit den kostbarsten Ergebuisien des hellenischen Denkens vermählte. Das war ihnen ein unzerstörbarer Kern, ein unverlierbares Gut, das ihr jüdisches Volkstum innerhalb der 'machtvollen Flut hellenischer Hochknltnr vor dem Untergang schützte und feiner Eigenart ewigen Bestand sicherte. Allein der fortwährend sich aufdrängende Vergleich zwischen der jüdischen und heidnischen Religion brachte diesen griechischen Juden die UebeMugung bei, .daß ihre Religion berufen war, die ganze Heidenwelt zu läutern, ja das Heidentum zu überwinden und so die ganze ihnen bekannte. Klllturmenschheit ■ auf eine höhere Stufe zu erheben.' Die Verheißungen der Propheten gewannen für sie eine 'neue, unmÄtelbare, aktuelle Bedeutung. Sie wurden ihnen zur Aufgabe, zur Mission. Sie fühlten sich angetrieben, die Hellenen, diese Träger "einer so hohen und edlen Geistes tttttur, für die jüdische Religion zu gewinnen. Aus diesen: Bewußtsein entstand die großartige PropagandLbewegung, als deren Höhe der i üdis ch e A l e x a n d r i u i s m u s anzuschen ist. Er ist der erste machtvolle Versuch, die Lehre Mosi's Md der Propheten zu einer Uwiversalreligion auszugestalten und eine umfassende Syntheft zwischen Judentum und hellemscher Kultur für die hellenische Welt zu schaffen. Als der Gipfel dieser ganzen Bewegung sicht heute vor Ms Philo von Alexandrien .(von ungefähr 10 vor bis 60-nach Ehr.). Eine merkivürdige Persönlichkeit, eine der vornehmsten und edelsten, die dem jüdischen Stamm entsprossen sind. Er vereinigte in - sich, die besten. Eigensch'aslen der jüdisch>eu Rasse und war durchträütt mi-t deuc edelstell Safte griechischer Bildung, blieb;aber unberührt von den- AusMchftn und der Verderbtheit der. heidnischen Dekadenz. In s-emer. -rchM-en. .Weltattschammg rmd ethischen Gesinnung fühlte er sich durch unb durch,als I u d e, iunigst berbundelv mit deur ganzen jüdischeil Volke, -mit. feiner. Vergangeicheit. und seinen Hoffnungen-', auf.eine, herrliche Zukunft. Die Juden, sind ihm das a-userwählte. Volk Gottes,, :!tou itmhrem Adel,.; denn. sie enüstaljlNM den Patviorchell, „diesen tugeridhastestell unter den Meilscheu", zu.derell Verherrlichnug er -besonders die Biographien Abrahams und Mosis schreibt. Die. Gesetze-der Thora sind -32. November 1925 Wie 3 Nennen Sie schon die grandiose Wirkung dei « DIAMA 9 £ « * y ♦ ♦ Jeder Gesunde und jeder Kranke w i r d es Ihnen bestätigen, dass die denkbar beste Wirkung durch DIANA Franzbranntwein mit Menthol erzielt wird Ueberall erhältlich Diana*Franzbranntwein - Produktion-Ges, WIEN, II. PRAG, VIII. Engerthstrasse 169 Lieben, Drahobeljova 1073 Aber schon bei den ersten Fragen im Kreuzverhör trat der Zeuge hastig den Rückzug an und machte so-groteske Angaben, daß der ganze Gerichtsfaal in Helles Gelächter ausbrach und sogar der sonst sehr ernste Vorsitzende ein Lächeln nicht verbergen konnte. Als letzter Zeuge wurde der Sejmdeputierte Dr. Inster verlcontmen, welcher Alter Herr der Verbilldullg „M'akkabäa" in Lemberg ist, der Steiger angehört.. Deputierter Dr. Jnsler wurde eingehend über die Tendenzen dieser Studentenverbindung befragt; er gab an, es sei eine Bereinigung z i 0 n i st i s ch e r Student c n, deren Ziele gemäß denen des Zionismus aus den Ausbau einer jüdischen Heimstätte in Palästina gerichtet sind, und die mit umstürzlerischen und terroristischen Ideen nichts zu tun hat. Ueher die Person Steigers befragt, teilte Dr. Jnsler mit, daß er Steiger als zurückgezogenen, fleißigen Studenten kennender sich nie politisch betätigt hat. Am SGusse der hellllgeu Verhandlung ergriff Verteidiger Dr. Ringel ^da-s Wort und wies in großangelegter Rede darauf hin, daß der Steiger-Prozeß in einer gradezu provotato- - rifchenAtmosphäre vor sich gehle. Durch verschvedene 'i Einflüsse von außen werde die W e r teidigun g-i u der Aus üb uug. ihres-Amtes gestört, >es werde von verschieibenen Zeitungen, besonders d'er - «Lemberger „Ga^ zeta Codzienm", antisemitische Sttnmmngsmache angewendet, um den Allsgang beä Prozesses zu beeinffusien; häufig kommen D r 0 h u n g e n an 'verschiedene mit «dem Prozeß in Verbindung stehende Personen, ihm die besten in der Welt. Er scheut kein-Opfer, -um die ' Zage feiner Stammes- und Glaubensgenossen zu verbessern. . Er hängt mit ganzer Seele an dem heiligen Lande und dem Tempel zu Jerusalem (wie übrigens alle Juden der Diaspora), verfolgt mit innigster Teilnahme dessen'«politische Schicksale. Er beobachtet mit gewissenhafter Strenge die jüdischen Zeremonialgesetze, und wir sehen ihn, mit dem Si'lberkörbchen auf dem Arm, das Frühjahrs>frucht'0pfer im- Heiligtum auf Morijah >darbringen; er verteidigt das „Gesetz" gegen jene, die es durch dialektische Künste in ein System wichtiger Symbole auszulösen und zu verfllichtigen drohen. . Zugleich ist er seiner Mdung nach durch und durch Hellene. Unter allen Vertretern des jüdischen Hellenismus war keiner gleich ihm mit griechischer Weisheit gesättigt. - Jüdisches nnd Griechisches iwaren in seinem Bewußtsein zu einer solchen Harmonisierung und Verschmehung gelangt, daß beide ihm identisch erschienen und'er überzeugt war, daß jene Lehren.der griechischeu Philosophie, die eine Verwandtschaft mit den jüdischen-aufwiefen und ihm desha-lb als die dauernden und wertvollsten erschienen, ans der Bibel abzuleiten waren. Diesem Nachweis 'ist ein , großer Teil seiner reichen schriftstellerischen Arbeit gewidmet. Und gleich wie er vor der hellenischen Welt die Lehren des-Judentums in ihrer - ganzen Tiefe zu entwickeln bemüht war, so vermittelte er seinen griechisch redenden Glaubensgenossen die philosophische. Bildung der Griechen und lehrte sie, als Kulturmenschen Juden zu «sein, für die Ausbreitung der universalen Elemertte des Indenttlms zu kämpfen unb ihnen die Seit zu erobern — und zugleich als Juden Kulturmenschen zu sein. Und dennoch haftete dieser ganzen großartigen und folgenreichen Tätigkeit «in inuerer Mangel an, der ihr und ihren Urhebern zum geschichtlichen Verhängnis «wurde. Das war die V e r n a ch l ä s s i g u n g d e r h e b r ä i s ch e n Sprache als literarischen Ansdrncksmittels. «Sv innig Philo sich mit dem Judentum verwachsen fühlte, hem Hebräischen entfremd ete er sich wie das ganze westlich-e Diaspora-Iirdenium. immer mehr. Daß er das Griechische ^unsere Umgangssprache" (ve bemetera -diaileik-tos) , nennt, ist nur natürlich' und entspricht völlig den Tatsachen; ebenso natürlich ist es, daß er einmal schreibt: „Die Hebräer nennen dm Ort Phamiel, wir aber sagen Anwendung Gottes". Damit 'ist keineswegs' ein Gegensatz , zwischen chm und den „Hebräern" ausgedrückt. Achnlich würbe sich auch ein arabifch schreiöMer Jude, etwa- B8/B

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