Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 7 (1925)
- Issue
- Heft 2420 (17.11.1925)
- Date
- 1925-11-17
- Page
- Seite 3 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Wiener Morkenzelkunü W. -MemL-r MS s, 16. November. Die heutige Verhandlung, im Steiger-Prozeß begann mit starker Verspätung eine Viertelstunde vor 11 Uhr, da dasGerichtüber eine Reihe von Anträgen der Verteidigung und der Staatsanwaltschaft beriet. Die gefaßten Beschlüsse teilte der Vorsitzende zu Beginn der Verhandlung mit; von ihnen ist hervorzuheben, daß der vom .Staatsanwalt gestellte Antrag, den Wiener Polize ik o m m i s s ä r, welcher nach der Aussage der Zeugin Viktoria Le dl aus Wien bei ihr erschienen sei und ihr mitgeteilt haben soll, Steiger sei in Wien als Kommunist polizeibekannt gewesen, abgelehnt hat. Dagegen gab der Vorsitzende bekannt, daß das Gericht beschlossen habe, sich an die Wiener polnische Gesandtschaft mit dem Ersuchen zu' wenden, sie möge bei der Wiener Polizeidirektion Genaues über deren Erhebungen über Steigers Wiener Aufenthalt And seine eventuellen Beziehungen zur kommunistischen Bewegung und zu Kommunisten erfahren und darüber nach Lemberg berichten. Das Gericht hat also, ohne den an sich nicht sehr vertrauenerweckenden Angaben der Zeugin Ledl irgendwelche Bedeutung beizumessen, den direkten Weg gesucht, um über Steigers Wiener Aufenthalt Authentisches zu er- Unter großer. Spannung wurden sodann die Men über den Ukrainer Theophil Olschanski, welche das deutsche Außenamt dem Warschauer Ministerium des Aeußern übermittelt und dieses dem Lemberger Gericht weitergegeben hat, z u r V e r l e s u n g g e b r a ch t. Die verlesenen Akten, enthalten das Gerichtsprotokoll über das G eständnis Olschanskis vor dem Strafgericht in Beuthen, daß er es war, welcher am 5. September 1924 das Bombenattentat gegen den polnischen Staatspräsidenten in Lemberg verübt hat, ferner eine Reihe von polizeilichen Relationen usw. Die Verlesung ergab, daß nicht alle Olschanski-Atten und -Dokumente vom Berliner Außepamt der polnischen Regierung Lbrrnnttelt wurden, da jene Dokumente fehlen, in denen eine Reihe von Namen und Wohnsitzen revolutionärer Organisationen und ihrer Mitglieder genannt ist, die ntit' dem Attentat in Zusammenhang stehen. Verteidiger Dr. Ringel stellte sodann eine Anzahl von ergänzenden Beweisanträgen, über die das .Gericht später.Beschluß fassen wird. Unter anderem beantragte ^er die Einvernahme, eines Zeugens -namens Find, welcher sich mit feinen Wahrnehmungen, die er zur Zeit des Attentats gemacht hatte, sofort bei der Polizei g emeldet hatte. Fincl teilte damals mit, er habe beobachtet, daß kurz vor dem Attentat drei j u n g e.8 e u t e, i h r e m Aussehen n a ch U k r a i n e r, in ein Hanstor in der Legionenstraße eilten, hastig miteinander sprachen- und daß dann zwei von ihnen d i e M ä u t e l wechselten. Einer, Ae Slschanski-Akten im Steiger-Prozeß. fttltfiniB der eingelangte» Mumente. - Mcht alle Men aus Berlin überwiesen. — Fra» Biltnria fieW vom eigenen Bruder unrichtiger “ llberfühtt. (von unserem «.-Korrespondenten.) der kurz vorher einen dunklen Meuüel getragen hatte, kam dann in einem Hellen Mantel aus dem Hause heraus. Finel war auchchei der V>erhaftung Steigers anwesend und hörte, daß die Verhaftung über Aufforderung der Balletteuse Pasternak erfolgt sei; er wandte sich an diese und fragte sie, oib sie denn ganz genau wisse, daß Steiger der Attentäter sei. Die Pasternak antwortete: „Natürlich, wer anders kann der Attentäter sein als ein Jude?" Als Finel fein« Wahrnehmungen aus der Polizei bc.m Kommissär Lukomski Mitteilen wollte, hörte ihn diöser nicht an, sondern wies ihn mit den Worten hinaus: „Solche Zeugen brauche ich nicht, solche habe ich viele." Diese Mitteilungen Dr. Ringels, die in den Antrag auf Einvernehmung des Zeugen Finel ausklangeu, riefen große Bewegung hervor, foa durch sie wieder einmal die fatale Person des Kommissärs'Lukomski in hollem Lichte dastcht. Das Zeug e n o e r h ü r in 'der heutigen Vechandluug lblsschränkte sich aus drei Personen. Zunächst wurde der Bruder der vor einigen Tagen verhörten Zeugin Viktoria Ledl, Waruszynski, einveruommen. Seine Aussagen sind sehr interessant./Er erklärte, daß er zusammen mÄseiner Schwester der Auffahrt des Präsidenten zugesehen habe. Die Bombe hat er nich t gesehe n und — das ist sehr bezeichnend — seine S ch weste r hat ihm mit keinem Worte erwähn t, d a ß s i e g e s e h e n hat t e, w i e j e m an d eine Bombeschleuderte. Ist es schon merkwürdig, daß eine Schwester ihren: Bruder gegenüber von einer immerhin ziemlich ungewöhnlichen Wahrnehmung kein Wort sagt, so ist es noch viel ausfälliger, daß Frau Ledl auch später auf der Reise nach Krakau, wohin sie ihr Bruder begleitete, ihm, wie er als -Zeuge augibt, gar nichts über i h r e W a h r n e h m u ngen erzählt hat. Wavuszynski sagte auch aus, daß seine Schwester im übrigen Kreise der Familie niemals des Vorfalles in Lemberg Erwähnung getan hatte. Diese Aussagen des Zeugen beweisen, unter anderem, daß die Angaben der Viktoria,,Ledl,...sie Wie-sich .mit ihrw Wahrnehmungen nicht" an die P o l iz e i geioeudet, da ihr Bruder und ihre Familie ihr 'davon mit dem Hinweis auf spätere Unannehmlichkeiten abrieten, nicht richitg sein können, da nach der, Aussage des Bruders ftststeht, 'daß er von den Wahrnchwungeu seiner Schwester vom Attentat Äberhempt nichts wußte. Nachdem noch Oberleutnant Gaidowsti und ein zweiter Zeuge vernommen wurden, deren Aussagen jedoch keine wesentlichen neuen Momente brachten, wurde die Verhandlung auf morgen vertagt. Kennen Sie schon die g r NN dios e Wirk u n g d e8 r r r franrbranniminr Jeder Gesunde und jeder Kranke wird es I hnen b estäti gen, dass di e denkbar beste Wirkung dureb DIANA Franzbranntwein mit Menthol erzielt wird Ueberall erhältlich Diona - Franzbraimtwein - Produktion - WIEN, II. PRAG, VIII. Engerthstrasse 169 Lieben, Drahobeijova 1073 waren. Mit Rücksicht auf die besonderen Verhältnisse in Palästina und um der ganzen religiösen Judenheit die Teilnahme an der Organisierung des Jischuw zu ermöglichen, hat der Misrachi gewünscht, für die Frage des Frauen Wahlrechtes eine allgemein auerkan nte Lösung zu finden, wofür der beste Weg der der Volksbefragung war. Nachdem diese Volksbefragung sowohl von der Linken, wie auch vom Misrachi und dem rechten Flügel akzeptiert worden war, hat sich ein Teil der palästinensischen Rabbiner. dagegen ausgesprochen, wodurch bewirkt wird, daß Teile der palästinensischen religiösen Judenheit sich an dieser Volksbefragung nicht beteiligen werden. Dadurch sei es unmöglich geworden, die Frage des Frauenwahlrechtes auf parlamentarischem Weg zu erledigen. Der Misrachi erachtet daher das Referendum fiir überflüssig. Die Schuld hierfür falle aus jene Rabbiner, die das Verbot des Referendums und Abstinenz proklamiert haben. Der M i srach i' werde sich, da er die Notwendigkeit der Organisierung des Jischuw einsieht, an den Wahlen zur Assefath Häniwcharim ftlationalversammlung) auch ohne Referendum beteiligen, und er hoffe/ daß die religiöse Judenheit in Palästina, die Aufbau und nicht Zerstörung wünscht/ ebenfalls den Wegfür die BÄeiligung an der Organisierung des Jischuw. finden werde. Ne Z-Millionen-Iollar-Kampagne für PMiva. Beginn am 29. November. Am 29. November wird in B a l t imvre die amerikanische Palästinakonserenz stattfinden, welche die größte Kampagne für den Palastinaaufbau eiuleilett soll, die bisher stattgefunden hat. Der Konferenz hat Dr. Stepherr W i s e durch das Pressediner, über welches bereits berichtet wurde, propagatorisch präludiert. Außer den führenden amerikanischen Zionisten sowie weiteren am Aufbau Palästinas interessierten jüdischen Persönlichkeiten des ganzen Landes erwartet man noch eine Reihe hervorragender Zionisten ans Europa, darunter auch Dr. Weizmann, als Teilnehmer an der Konferenz. Sämtliche leitende Körperschaften, die 'zu dem ll n i t e d P a l e st i n e Funds Appeal gehörenden Fonds, haben den Appell angenommen und ihre Bereitwilligkeit erklärt, ihre Maschinerie der vereinigten Arbeit zur Verfügung zu stellen. ' Louis Lipsky hat an die organisierten Zionisten Amerikas einen Aufruf erlassen, in welchen: er erklärt, daß diese vereinigte Aktion durch die gegebene Gelegenheit notwendig wurde, in diesem Jahr eine höhere Jmmigrationszahl als je vormals nach Palästina zu schaffen. Fast der ganze Bodenbesitz des Jüdischen Nationalfonds ist bereits kolonisiert, so daß weiterer Bodenerwerbzu.einen: unbedingten. Erfordernis geworden sei. Die medizinische Organisation der Ha dass ah müsse infolge der erhöhten Einwanderung ihre sanitäre und Gesundheitsarbeit in bedeutenderem Umfang als bisher. weiterführen. Daneben müssen zur Erhaltung und zum Ausbau der hebräischen Universität sowie zur Förderung der Entwicklung der R u t h e n b e r g - K o n z e s s i o n für die Versorgung Palästinas nnt elektrischen: Licht und Kraft weitere Geldsummen aufgebracht werden. ' Re Lktobereiligiiuge des Keren Hajessod. 31.878 Pfund. Wie das Hanptbnrean des Keren Hajessod in London mitteiilt, betragen -die Eingänge des Aufbausonds im Oktober 'd. I. 31.678 Pfund, 12 Schilling, 3 Perne. Zn dieser SuMme haben 20 Langer beigetrage»;, au der Spitze stelhen die V e r e in i g t e n S t a a t e u mit 19.555 Pfund, dam, folgen'E ngla n d mit 2490, Pol <i n anit 2308, D e u tf ch l a u d mit.1099, S üb afrika mit 1000, die T s ch e ch o s i o w akei mit 859 :md N um ä n i e n mit 769 Pfund. O e st e x reich steht mit 118 Pisikaiid hinter Marokko an 15. Stelle. ..In Palästina felihist wurden für den Keren Hajessod tiu Okleber d. I. 320 Pfund aufgebracht. Ins FrnnenwMrecht in PalMm. Der Misrachi verzichtet auf das Referendum. (Eigendienst der „Wiener Morgenzcitnng".) Jerusalem, 13. Novenlber. Der paläst in er: fische Misrachi hat auf die Durchführung des Referendums über das Frauentvahlrccht verzichtet. In der - Kundgebung, die dies Verlautbart, heißt, es unter anderem, daß der Misrachi als religiöse Partei, die auf ein fast 25jähriges Wirken zurückblickt, und an deren Spitze seit je bedeutende Rabbiner stehen/ bisher stets an Konferenzen, teilgenommen hat, an denen auch Frauen Wahl- und stimmberechbigt Letzte Kuck. . New-Aoek, 16. November. (Te!.-Komp.) Berlin 23.20, Lolldon Kabel 4.81^, London "Scheck 4.80'/«, Amsterdam 40.24, Paris 4.01V-, Brüssel 4.62»/.. Rom 401. Madrid 14.27, Zürich 19.28, Stockholm 2656, Oslo 30.35. Kopenhagen 2492. Wien 14T/I6, Budapest 14V*, Prag 296»/., Belgrad 177</4, Athen 1.34, Buenos Aires 41°/, Rio de Janeiro 1486 Bukarest 46% New-Aortl, 16 November.. (Tel.-Komv.) Weizen rot Winter 1753/*, Weizen hart Winter 176»/,. Mais 101°/, Hafer 46^,. Roggen. 89^/x. ' . Ehikago, 16. November. <Tel.°Komv.) Weizen per Dezemher 164°/,,' Mai l49Va Jnli 1305/8; Matscher Dezember 77?/,; Mat 803/, 'Jnli 8,1?/g; Hafer' per Dezechber,38'/,. Mai 43l/4. Juli 44>. Roggen, per Dezember 8'1% Mf 87®/+ Juli.'— Her Kommnniftenprozeß in Budapest. Drm ordentlichen Gericht L-eMefLn. Budapest, 16. November. (U. Im Prozeß gegen Rakosi und Genossen verkündete der Präsident des StraMrichtÄhofes heute um V->11 Uhr vormittags das Urteil, demzufolge das Gericht die Anwendung des st andre ch tl i ch e n Verfahrens nicht als g e eign e t findet und die Angelegenheit dem o rdk irtli ch e n Gericht überweist. Sämtliche Angoklagteni bleiben auch ilveitechin in Haft. / . Ioppeljnbiläum -er Budapest« KM» gemeinde. Aus Budapest 'wird uns berichtet: Die Buda* Pester jndifche Kultnsgemeinde begeht in der nächsten Woche die 125. Jahreswende ihrer Gründung mit einen: JubÄsest, das zugleich die ^MchtniHeier der vor drei Jahrzehnten vollzogenen Rezeption der ifmelitifchen Konfession sein wird: Das Rezeptionsgesetz, das als ein Grundgesetz des. ungarischen JMnituims gilt, ergänzt das im Jahre 1867 gsschaffene Gesetz über die Emanzipation der ungarischen Juden. Es sprach die gesetzliche Gleichberechtigung der israeli tischen Religion aus, während das Emanzipativrlsgesetz achtunidgwanzig. Jahre vorher die bürgerliche Gleichstellung der nngarländischen Juden verfügt hatte. Die' groß angelegte Feier wird drei Tage in Anspruch neihlnen und den Anlaß zu oechchiedenei: Politischen Kundgöb'UUAen der ungarischen Judenschatf, so auch zu einer Stell,nnguähme in der Frage des Numerus clausus und dessen Behandlung durch den Völkerbundrat bieten. «ermehrnns der Arbeitslosen in «Be« Branchen. Die Zahl der unterMtzteu Arbeitslosen ist in der ersten Hälfte des Monates Novenlber um 2 42 6 auf 69.221 (davon 25.506 tveibliche) gestiegen. In dieser Zahl ist 'die Zahl der im Bezüge der außerordentlichen Beihilse stchenden 4636 Arbeitslosen (davon 1077 weibliche, um 64 mehr als anfangs November) nicht inbegriMn. Di« Zahl der unkevstützren Angestellten ist bei unverändert '.ungünstiger Lage um 104 auf 12.109 gestiegen. Mit Ausnahme der Papierverarbeituug zeigen all-e Bram, ch e Rückgang der Beschäftigung, Kurzarbeit sünd Berulehrnngdev' Achei-tslosenMer. 554