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Wiener Morgenzeitung · 1925-11-15 · Heft 2418 (15.11.1925) · p. Seite 7

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Journal
Wiener Morgenzeitung
Volume
7 (1925)
Issue
Heft 2418 (15.11.1925)
Date
1925-11-15
Page
Seite 7 (sequence 7)
Language
German
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W« WH Wien, Sonntag Wiener Morgenzeitung 15. Nobeircher 19L5 Gelte 7 Die MWh. .Mn Wort ist in bei: letzten Monaten unter den Juden «der ganzen Welt so populär gewesen wie 'oie Äwuz-ah, und doch ist das Wesen und der Inhalt dieses BvgrUeS im allgemeinen so wenig bekannt als möglich.. Sprachlich eine Neubildung, aber eine der gMngensteu, deckt die Kwuzah eine Sache, die noch in höherem Grade neuartig und nicht -dag>e>we,sen ist. Obwohl die Kwuzah bereits anderthalb Jahrzehnte hinter sich hat, sind ihre Schöpfer und Arbeiter noch immer auf >der Suche nach den richtigen .Formen, lernen' ans dem wirklichen Leben und aus den stündlichen bitteren Kämpfen mit der Not des Mtags, den schweren, - schweren Umstände::, den Schwächen der Menschen und der — Unzulänglichkeit der MM. Wollte man eimmal die Schöpfer und Führer um eine Charakteristik der Kwuzah bitter:, sie waren, glaube ich, unr eine Präzise Antwort Verleger:. Denn alles ist noch in: fortwährenden Werder: begriffen. Es ist also kein Wunder, daß das große Publikum, während es der: Namen oft mit tiefer Andacht 'wiederholt, von der Sache nichts Genaueres weiß. Nur eine Sorte von Menscher: gibt es, die es genau w»:ß, alles weiß und besser weiß: Das sind die Feuilletonisten, die - in den letzten Zeiten angefangerr haben, Palästina «nd die jüdischer: 'Siedlungen 'wie die Heuschrecken heimznsnchen. Seitdem England die Sache m die Hand nahm, ist Palästina, Zionismus, jüdische Kolonisation in Mode gekommen. Hub zugleich ist auch das Iudeutum ir: die Mode gekommen, ist — seuilltton fähig geworden. Alle, die früher dieser: Dinger: in weiten: Bogen auswichen, haben sich aus dieses hochmoderne, hochaktuelle, 'honorarspenderide Gebiet gestürzt. Man kann ja darüber Feuilletons in Fülle schreiben. All die unendlich mühselige, von Schiweiß nud Wut triefende Arbeit, all das helden-nrütige Dulden ist nur dazu-da, damit ein Feuilletor: daraus wird. Ich bir: zum Beispiel Fenilletonist und muß den: König Tutaukhainen einen Besuch abstatten, denn dieifer alte König ist rnouientau noch moderner als der Zionisnms. Bon Tutaulchamen zurr: jüdischer: Palästina ist ei,: Katzensprung. Warnn: soll ich rächt auch das jüdische Palästina beehren? Also, ich komme, sehe und schreibe. Zwar verstehe ich nichts von Landwirtschaft, nichts von Kolonisationsrvesen, alle diese Menschen sind mir innerlich fremd, bis vor Vurzem ginger: sie mich genau so viel an wie die Bewohner von Hindostan. Aber vor: Aegypt-ologie verstehe ich ja auch nichts, und doch habe ich über Tutrnkharnen eine Reihe von.Feuilletons geschrieben, eines glanzellder als das andere, alle Damen beim Morgenkaffee >waren entzückt. .Ach, es wird schon gehen! Und es geht. Die nötige Dosis von Begeisterung sprudelt plötzlich in: Nu aus, scher die Kwuzah zum Beispiel frage ich alle Leute aus, ein paar Brocken lese ich nur zusammen und, am Ende weiß ich alles viel besser als die Kwuzah Wer? Schließlich bir: ich über meine eigene tiefe Sachkenntnis überrascht... Wer aber wirklich über die Kwuzah etwas erfahren will, der greise nach ckrrem hebräischen Buch, welches die Kommission der Kwuzokh bei der Allgemeinen: Palästinensischen ArbeiterorgaursatiM vor ungefähr ciwem Jahre in Tel-Awiw herausgegeben hat. Es betitelt sich ,/Ha Kwuzah. Ein Sammelbuch über die Angelegenheit der Kwuzah und ihres Mens." *) Es enthält MaMunge::, Protokolle über Sitzungen, Diskussionen, Betrachtungen, Statistiken und Dokumente und beleuchtet so von innen heraus die Arbeiter:, Gesinnungen und Bestrebungen der Genossen. Die einzelnen Persönlichkeiten gehen hier in den: Ganzen auf, Obgleich jeder seinen Beitrag mit vollem Namen zeichnet und die Beantwortung!dafür übernimmt. Indessen Möchte man hier zwei Namen besonders hervorheben, da ihre Träger auch in der Schöpfung und im Ausbau der Kwuzah die treibende Kraft waren. Iofff B a r a z in Dagairia 1, und B. Kätzeuelso n, der als Verantwortlicher Herausgeber des SaMmelb-uches zeichnet. Katzenelson sagt in der Einleitung: „Die vorliegende Sammlung von Untersuchungen und Darlegungen kommt aus dem innerster: Leben der Kwuzah und ist nach innen gerichtet. Trotz der heftigen Angriffe vor: außen will diese Sammlung weder polemijsi-eren', r:och verteidigen oder auch nur rechtfertigen. Sie bezweck nichts anderes, als denen, die dieses Leben leben, es klar zu machen, nene- Pfade zu suchen, die Mängel bloßzulegen, damit sie verbessert werden können. E's ist sehr wahrscheinlich, daß diese Offenherzigkeit der Kw^ah-Genosfeu von ihren Feinden und Gegnern zu ihrem Schaden ausgenützt werden wird. Mer diese Rücksicht konnte uns nicht veranlassen, vor der: Fehlern der Kwuzah die Angen zu schließen, oder gar sie st: beschönigen... Wer es gut mit der Kwuzah meint, hat die Pflicht,' ihr Wesen genau zu erkennen, ihve Schwächen richtig zu beurteilen und den Widerwärtigkeiten, mit denen sie zu kämpfen Hat, scharf ius Auge zu'blicken." , . lieber die Entstehung der Kwuzah erfahren 'wir (aus erster Quelle) folgendes: Als der jüdische Arbeiter anfing, zahlreicher ins Land zu strömen, fand er hier Arbeitsbedmgungen Vordre es ihm unmöglich machten, im Lande festen Fuß zu fassen. Alle Anstrengungen, die „Arbeit zu erobern", sei es, in., den Getreidekolonien,, sei es in den keinen dauernden Erfolg. Die Kon- *) Z:: /beziehen durch -Josef Bar a z, Dagania stma. Preis 18 ägypt. Groschen. bnrenz mitden arabischen Arbeitern hob die Arbeitslhed-ingungen ni-cht>' söndorm drückte sie hemb uud^.'war daher 'außerstande,, eine Generation jüdischer' Arbeiter großzüstchen. Nach ' jahrelangen, , nlühe-völlen Kämpftn veriiießen zahlreiche Avbeiter das Feld mit> enftguschter cheele. Die einen flüchtete:: vdm landwirffchasMKentz in eine:: städtischen Beru-f, die anderen wanderstn llüs .r.s . Die Suche nach einen: Wege, um im Lande als Arbeiter sDen Fuß fassen zu können, ziwang nun den Arbeiter, neue Organisütionssormer: der Arbeit zu suchen. Ho entstanden die erstejt Kommuneu der Sieinh au e r in Jerusalem, aus bene:: sich die 6rst e la ndwirtschaftliche Kollektive i,n Sedschera (Nntergaliläa) entwickelte. Hier' entstanden Wejch stüch wandernde ArbeitergruPPen, die, kolloktivisti^ch uükereinander verbnuden, an verschiedenen Orten gomeinsanft Arbeiten unternahmen. Diese Gärung gab den Anstoß zur Bildung der ersten Kwuzah für landwirtschaftliche Siedlung, Dagauia 1, der eine ganze Reihe folgte. Das-geschah in: Jahre 1910. Als hie vorliegende Sammlung erschien (Herbst 1924), gab es 3 2 Kwuzoth mit zusammen 1600 In-, fassen, weitere 35 mit Ebenso viel Mitgliedern waren im Werden begriffen. Wie man sieht, ist die Kwuzah als wirtschaftliche Einheit aus den: Grundsätze der Gemeinwirtschaft aufgebaut. Es sind also sozialistische Siedlungen, die den Kommunismus zu verwirklichen streben. Das erscheint als Utopie und man erinnert sich, daß alle derartigen Versuche, z. B. der von Robert Owen, mißlungen sind: die entsprechenden Gründungen sind nach kurzem Bestände spurlos verschwunden. Indessen besteht zwischender Kwuzah airtb. jenen utopistischen Versuchen ein gewaltiger Unterschied. Echtere ist nicht den humanitären Noigungen und der Phantasie eines einzelnen entsprungen, sondern ist die direkte Folge des Mnrpfes, den der jüdische Arbeiter gegen die objektiven Aribeitsvechältuiffe im Lande führen mußte. Die Kwuzah ist die Form der Anpassung des jüdischen Arboiters au die 2 ledingnugen, denen er sich nicht eutzichen konnte. re::>d der jüdische Arbeiter in England und Llmerila Bedingungen findet, in denen er höchstens als Lohndrücker loirksan: werde-:: könnte, stand er in Palästina einer so außerordentlich niedrigen Lebenshaltung gegenüber, daß er nur in der strengen Zusanrmvnsassung der Einzelkräfte zu einer organisatorischen Einheit sich auf der Höhe behaupten konnte ::nd den: Schicksal enlgiug, seine eigene und des Nachbars Lebenshaltung noch tiefer hinabzu'drücken und so die ganze Produktion des Landes für alle Zeit zugrunde zu richten. In: ersten Iahrzchnt des lmlfenden Jahrhunderts standen die Dinge in Palästina so, daß ein kleines Häuflein Mischer Groß- und Mittel- 'griindbesitzer einer unzähligen Masse nichtjüdischer Proletarier gegmübergestandep wäre, ,die all le i n den Boden bearbeitete, der ihnen n i ch t gehörte. Die jüdische Be-> VÄkerung wäre also wie eine dünne Schicht Rahm an der Oberfläche eines großen Topfes verdünnter Saueriwllch geschwommen. T-ie Kwuzah erst hat den Weg gewiesen zur Bildung eines j ü d i ls ch e n Bauernst au d e s, der den Boden besitzt, den er bestellt, wenn s er ihn auch nicht als Privatmann, sondern als Mitglied der Ktvuzah besitzt. . . Diese Menschen hätten keine Jaden sein müssen, wenn sie, einmal aus diesen Weg Kernten, ihr Leben» nicht zu einen: ganzen sozialphilo- 'sophischen System ansgebaut.hätten, aber . . . „Wir entwerfen keine, großen Pläne und verrneinen wicht, durch die Kwuzah die Welt zu veribessern; wir wollen vor allem uns selbst verbessern und unser Leben veredeln. Dabei' geibm wir uns der Hoffnung hin, daß, wenn uns das gelingt, andere ans unseren Versuchen Nutzen ziehen werden. Wir nennen uns weder Sozialisten noch Kommunisten, weil wir uns nicht eiit-emt Schema unterordnen wollen. Wir glauben uicht, daß die Gewalt der Fällst die Natur des Menschen ändern kann. Wir glaulben, daß die Erlösung nur durch die Ger e cht.iigkeit kommen kann . . ." Zahlreich und verwickelt uud schwer sind die Problenre, die dieses neue Leben den Menschen anlsgibt. Es ist erheb'vnd, zu sehen, n:it welch Höhen: Ernst und bedeutender GeisteÄrllst sie mit diesen ProNemen ringen; es ist eines beßonderen Studiums wert, wie ihr ganges Weisen sich dazu einstellt nnd wie in diesen: Ringen ihnen neue Lebenskräste wachst:: . . . Die Lektüre dieses so ernsten Buches, das nur von schwerer Arbeit redet und von aufreibenden Kämpfen, hat etivas nngenlein' Erfrischendes, man spürt überall den warmen, gesunden, belebende-:: Atemhauch der Mutter Erde, in deren Inneres ihve Söhne -mutig und hossnungsfroh ei-ndr-mgen, mm. n c u-es L elb en sü r G enera tio n en heraufzuholeu. .... Sigma. * Im altbetanrii«»: Tapezierermöbelhans M. Weitz, 2. 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Wenn es aber schon nahozn den Anschein hatte, als wolle jeder GösPrächsstoff und alle Zerstreuungen aus immer versiegen, 's» «kam noch gerade zur rechten Zeit der — ebenfalls betrunkene — Grubenarzt wnd schnitt einem Arbeiter anstatt des kraulen^ das -gesunde Bein ckb. Von diesem Bein lebten die Schreiber seinerzeit eine ganze Woche, denn wenn es a::ch stillschweigsnd im LazarettgarLen vergraben war, ' zuguterletzt bekamen die Verwandten doch Wind von der Sache, gruben es wieder aus und zogen in corpore zum Gvuibenarzt, um ein Trinkgold zu erwischen. Der Arzt belgann natürlich zu schim-psen, eckl-ärte, er verstche von der Medizin nicht weniger als alle anderen auch, nnd war erst nach erbittertem Hin and Her, als die BerwaMen, das Bein ' in der Hand, auf ihn eindrangen, dazu zu bringen, zehn R-rbel ' zu entrichten, in die der alte Wintermantel, den er dem früheren Jnhaiber des Beines für die ■ bereiteten Scherereien gefcheukk hatte, allerdin-gs nicht eingerechnet war. Mas bedeuteten aber alt diese Nichtigkeiten im Vergleich zu dem unvergeßlichen Ereignis, das wie ein Lichtstrahl in das . Le'ben von .JssajewKi draug!,... Um es von vornherein zu sagen, dieses Ere'Mis betitelte sich: Kinematogvaph und Stereoskop... — Eines Morgens in: Herbst, der sich von anderen Hevbstmorgen so wenig unterschied wie ein-Ci vom anderen, erschien im Comptoir ein dürrer, schwarchaari-ger Mensch mit einvrn . Zigeunergesicht und schneeweißen^ Zähnen uud v erlangte, daß man chn vor den leitenden Ingenieur führe... Zn Anfang glwichten alle, er sei ein Hollizlieferant und kümmerten sich nicht weiter um ihn, schr bald aber sollte sich Herausstellen, daß dicher Mensch alles aadere als Holzlieserant war!... . Nach kurzer Unterredung -mit den: Fremde:: trat der Ingenieur aus seinem Zimmer und sagte: „Monisiour Kibabits-ch, meine Herren, macht mir das Anerbieten, bei uns zei-tweilig kinematographische Borführimgen zu veranstalten. Ich bin nicht abgeneigt, ihm die erbetene Erlaubnis zu evteiilen — unter der ausdrücklichen VorauHetznug natürlich, daß diese Vorführungen keinen nachteiligen Einisluß auf die Arbeitsl-eiftlmg meines Personals haben werden!.. Nach diesen Worten wandte sich der Ingenieur un: und gln,g feiner Wege; int Comptoir aber erhob sich ein Heidenlärm, und im Nu war Kib-Msch vm etwa zwauzi-g junjgen Leuten umringt, deren Gesichter die - unverkennbaren Spuren der Ar-! beit, des Trunkes m:d der Äan>gweile trugen. Sie alle hielten in höchster Spannung die Angen ans ihn gerichtet nnd umstanden ihn so — wortlos -7 -etwa eine h-albe Münte lang. Massalakin, der weltgewandteste unter thnen, fand sich zmrst in die Sitnadiou, streckte dem Beisucher die Hand hin -und sagte: „Gestatten Sie nrir, Ihre werte Bekanntschast zu machen." Kibabitsch versetzte alle in Begeisterung durch sein ungezwungenes, schlagfertiges Benehmen; er erwiderte: „Sehr evf-reut." „Gestatten Sie mir, Ihre werte Bekanutschcht zu niachen," wiederholte hierauf der RechiWNgsführer Ilwafha-jew. Und selbst -der Expedient Pjetuchm konnte es sich nicht versage::, dem MMumling >die Hmd zu bie-tm und zu - „Gestatten Sst mir, Ihre Worte Be-kanntschaft zu machen.!" ' Und einen: jede:: von ihnen au>:mrtete KibMtsch, dieser ^geheimnisvolle Mensch aus.einer fern-eir, frenvden Welt, mit bezauberndem Lächeln: „Schr erfreut! Scshr erfreut!" . „Na," sagte, der grauhaarige Schreiber Lichowidow, „da wollen wir-uns Jhr-m Kinenratvgraph-e» dann mal anschvn." lUobotfttßfje 17 i) 140 cm breit ReinlvM 49^4

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