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Wiener Morgenzeitung · 1925-11-15 · Heft 2418 (15.11.1925) · p. Seite 6

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Journal
Wiener Morgenzeitung
Volume
7 (1925)
Issue
Heft 2418 (15.11.1925)
Date
1925-11-15
Page
Seite 6 (sequence 6)
Language
German
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«Seite S Wien, Smmkg Frühes Altern und Siechtum find iy der heutiqen Zeit keine seltenen Ersclieinungnt. Durch rechtzeitige Behandlung mit RadiosKlerin dm seit langen Jahren ä'ztlich ervrovtin radiuMhalligen Brunnentabl'tien wird die Bluljirkulation in du, Schlag- und Pulrader,, gefördert »nd d>e Kalkabiagerun^ verdindert. Die Reinigung und Der-Ünnrmg LrS BluieS die Erlangung der nötigen Ela»uitSr oer verkaltten Adem und die Erhaltung der A, beit» kraft find Sie Äauplwirkturlgen Ten.-Devot: Apotheke Bayer., Men, i, Dellzeilr lg Lai iSdilche ffitem.*» Die jüdischen Elternvereine« Die jüdischen Elternvereine sind ein Produkt der allerjüngsten Zeit; der älteste von ihnen ist kaum drei Jahre alt. Diese relativ junge Lebenszeit erklärt ihre ihnen heute noch anhaftenden Unvollkommenheiten und Mängel. Entstanden aus dem richtigen Gefühl, daß die allgemeinen Elternräte in den einzelnen Schulen keinesfalls ein genügender Schutz für die jüdischen Kinder der allgemeinen Schulen bedeuten können, da sie die spezifisch jüdischen Bedürfnisse der jüdischen Kinder nicht in Betracht ziehen, hat dennoch ein Teil der jüdischen Elternvereine den Aufgabenkomplex noch nicht voll erkannt. Einzelne von ihnen arbeiten noch auf eigene Faust, das heißt, es gibt keine Zentralisierung der jüdischen Elternvereine, die ein für alle geltendes Erziehungsprogramm und Arbeitsmethoden festsetzt, und so verhindern würde, daß jeder einzelne jüdische Elternrat feine eigene Auffassung von jüdischer Erziehung betätigt, die grundverschieden ist von der Auffassung eines anderen jüdischen Elternrates. Es sind allerdings Bestrebungen vorhanden, diese notwendige Zentralisierung undVereinheitl i ch u n g der jüdischen Elternratsarbeit durchzusühren, die ja durchaus nicht dahin gehen müßte, den einzelnen Räten die Autonomie zu nehmen, sondern nur die allgemeinen Richtlinien der jüdischen Erziehungsarbeit festzusetzen. Vorläufig wird die Vereinheitlichung durch Schaffung von Elternratskreisen versucht, das heißt, es tun sich jüdische Elternräte zweier oder dreier Bezirke zu gemeinsamer Arbeit zusammen. Das soll das Fundament zu jener endgültigen Vereinheitlichung bilden, die um so wünschenswerter wäre, als es in Wim eigene jüdische Schulen im Verhältnis zur schulpflichtigen jüdischen Jugend in verschwindender Anzahl gibt, und die Elternvereine in der jüdischen Beeinflussung der in nichtjüdischen Schulen lernenden Mischen Kinder Bedeutendes leisten könnten. Gegenwärtig gibt es in Wien elf jüdische Elt er »vereine, von denen einige bereits wertvolle Arbeit leisten, sowohl in bezug auf den Schutz der jüdischen Kinder in den Schulen, als auch in der jüdischen Erziehung außerhalb der Schule. Ein Teil der Elternvereine sieht seine Tätigkeit ausschließlich in der Beeinflussung der Erziehung, der andere wieder nur in der Fürsorge. Der jüdische Elternverein des 2. Bezirkes erhält eine im religiösen Sinn geführte Bibelschule, die von 120 Kindern besucht wird. Der sehr rührige jüdische Elternverein des 19. Bezirkes führt einen gut geleiteten Hebräischkurs für Kinder. Er unterstützt den jüdischen Turnverein desselben Bezirkes, und gleich manchen anderen sucht er durch würdige, den Kindern entsprechende Veranstaltungen anläßlich der jüdischen Feste in den Kindern das jüdische Bewußtsein zu wecken und"wachzuhalten. Andere Vereine, wie der jüdische Elternverein Menorah des 6. Bezirkes, sind Fürsorgevereine. Hauptsächlich sorgen sie für die Unterbringung e r h o I u n g s- LedürftigerKinder ihres Wirkungskreises auf dem Lande. Eine Sondergruppe bilden diejenigen Vereine, die nur zur Unterstützung jener Institutionen da sind, denen ihre Kinder angehören. Es sind dies hauptsächlich die Elternvereine der jüdischen Schulen und der Institutionen der jüdischen Jugendbewegung, so daß sich das jüdische Wirkm dieser Elternvereine von selbst ergibt. Solche Vereine sind: Der Elternverein des Bundes jüdischer Jugendwanderer, der Elternverein Blau-Weiß, der Elternverein des jüdischen Realgymnasiums und der Elternverein Techeleth Lawan. E Das Auktionshaus Glückselig, 4. Bez., Mlrhlgasse 30. hält Ende dieses Monats die dritte Versteigerung des Nachlasses Doktor Max Strauß ab; bekanntlich imttöen vor zirka zwei Jahren die Porzellane und die deutschen Gläser und zu Beginn dieses Monats die venezianischen Gläser, Bronzen usw. verkauft. Die nächste Auktion bringt einen der wertvollsten Teile der Straußschen Sammlungen, das französische Mobiliar des 18. Jahrhunderts, zur Feilbietung, ferner französische Bronzen derselben Periode, eine größere Anzahl von Uhren, die Sammlung der Äleinplastiken, eme Sammlung französischer Fächer und eine ziemliche Anzahl BitrinenMgenstände und Biennensia (Almanache, Gratulationskarten. Tragantfiguren). Besichtigung vom 25. bis 29. d.; Versteigerung vom 30. d. bis 2. Dezember d. I. Illustrierte Kataloge 20 D. Nichtillustrierte Ausgabe auf Verlangen gratis. Die Buchhandlung Hermann Tuchner, Wien, 2. Bez., Taborstraße 52, Eingang Große Stadtgutgasse 7, Tel. 41-4-20, gibt uns bekannt, daß sie an unsere Leser zu sehr ermäßigten Preisen einen größeren Posten guter Bücher uitb Werke, teils jüdischen Inhalts, abstößt. Kataloge stehen ernsten Interessenten kostenlos zur Verfügung. Unsere Leser-seien auf diese Gelegenheit besonders aufmerksam gemacht und gcheten, davon recht ausgiebig Gebrauch zu machen. •' > ■■ ... i < * , ./ t; ' *) Siehe „Wiener Momenzeitnng" »om 9., 11., 24. und Ä Oktober, 1., S. und 12. d Wiener Muttsenzett»«- 15. November 1025 8tr. 9Ö8 M Wiener " Lehranstalt in Rot. Wertvolle Handschriften sollen in dar Anrland verkauft werden. Die Wiener jüdisch-theologische Lehranstalt (Rabbinerseminar) ist :n Not geraten und das Kuratorium will zu seiner Rettung eine Transaktion unternehmen, w e l ch e u n s e r e r A n s i ch t n a ch u n t e r allen'Ninständen verhindert Werder: muß. Das Kuratorium will die äußerst wertvolle, zirka 400 alte jüdische Handschriften umfassende Sammlung der Anstalt, welche unersetzliche Stücke, darunter solche aus dem 13. und 14. Jahrhundert, enthält, an das Ausland verkaufen. Der Erlös soll zur Deckung des Defizits während der nächsten fünf Jahre dienen. Das Kuratorium hat die Handschriften der ' Wiener Israelitischen Kultus gemeinde zust: Kauf angeboten. Falls diese das Anbot ausschlagm sollte, wandern die unersetzlichen Schätze, deren Erhaltung eine Ehrenpflicht der Wiener Judenschast bedeutet, ins Ausland. Bor dem Zusammenbruch Oesterreichs haben der österreichische Staat und die Wiener Kultusgemeinde für d:e Erhaltung der Anstalt gesorgt. Nachher haben einige Zeit hindurch ausländische Spenden die Notlage gelindert. Jetzt sind alle Quellen versiegt und die Sorge un: die allernächste Zukunft der Anstalt hat das Kuratoriun: flum Plane des Verkaufes der Handschriften, welcher ein Verzweiflungsschritt ist, gedrängt. Unserer Ansicht nach ist die Wiener Judengevreinde verpflichtet, das Anbot ernstlich zu behandeln, um so mehr, als es sich nicht um unerschwingliche Summen handelt. Zum Verkauf an das Ausland, welcher die Wiener Judenschast dieses kostbaren Besitzes berauben und ihr A nsehen aufs schwerste beeinträchtigen würde, darf es nicht kommen. Die Wiener Judengemeinde träyt die volle Verantwortung und sie n:uß hier helfend Umgreifen. Fiskalische Bedenken kleinlichster Art dürfen nicht zu einem kulturellen Skandal führen. 3« der Acht vor der Srrichis- Verhandlung. Erzählung eines Angeklagten. Bon A. P. Tschechow. „Das bedeutet Unglück!" rief der Postillion, sich zu mir umdrehend und mit der Knute auf einen Hasen weisend, der vor uns über den Weg lief. Ich wußte auch ohne Hasen, daß meine Lage trostlos war. Ich fuhr zum Bezirksgericht, vor dem ich zu erscheinen hatte, weil ich wegen Bigamie angeklagt lvar. Das Wetter lvar fürchterlich. Schneebedeckt traf ich des. Nachts auf der Possstation 'ein, bis auf die Haut durchnäßt, erfroren und gehörig durchgerüttelt. Hier empfing mich, in (laugestreiften Unterbeinkleidern, der Stationsaufsther, ein großer, kahlköpfiger Mann, mit gewaltigem Schnurrbart. Brummend öffnete er die Tür zum Warteraum und wies mit dem Ellbogen wortlos auf mein Ruhelager. Dicke, Verdorbene Luft schlug mir entgegen, so daß mir fast der Atem stockte. Eine Blechlampe stand auf dem Tische und warf ihr trübes Licht, wie ein Kienspan qualmend, auf kahle, schmucklose Müde. Ich schickte -en Aufseher hinaus und sah mir mein Nachtquartier näher an. Der Diwan, aus.welchem ich schlafen sollte, war mit Wachsleinwand überzogen und kalt wie Eis. Außerdem waren im Zimmer noch vorhanden: ein großer gußeiserner Ofen, irgend jemandes Filzstiefel und Reisesack und ein Wandschirm, der einen Teil des Zimmers abtrennte. -Hinter dem Schirme waren die Atemzüge eines Schlafenden i vernehmbar. Ich setzte mich auf den Diwan und begann mich auszMeiden. Meine Nase gewöhnte sich bald an den Geruch. Ich' zog 'Stiefel, Rock und Beinkleider aus, dehnte froh meine. Glieder und hüpfte an den: Ösen herum, um mich durch kleine Sprünge zu erwärmen. Zufällig traf mein Blick den Wandschirm und . . . stellen Sie sich mein Entsetzen vor^. .. hinter dem Schirm sah ein weiblicher Kops mit aufgelöstem schwarzen Haar und entzückenden Augen hervor, der mein 'Gebaren anscheinend lachend beobachtete und verwirrt verschwand. als er sich entdeckt sah. Schuldbeivußt legte ich mich auf den Diwan und deckte mich mit dem Pelze zu. „Der Teufel weiß, was das ist!" hörk ich nach einiger Zeit eine weibliche Stimme. „Die verwünschten Wanzen fressen mich noch vollständig aus." Ich freute mich, meiner Gewohnheit treu geblieben zu sein, auf Reisen stets persisches Insektenpulver mitzunehmen, -sprang auf und holte es schleunigst aus meinem Koffer 'heraus. „Gnädige Frau," sagte ich, „wenn ich recht verstanden habe, werden Sie von Wanzen gequält. Ich habe persisches Insektenpulver bei mir. Wenn es Ihnen angenehm ist, so..." „Ah, ich bitte sehr. Aber Sie müssen es mir über den Schirm herüberreichen und nicht hierher kommen." „Hm... etlvas Besonderes wäre es nicht, wenn ich auch hinter den Schirm käme. Ich bin nämlich Arzt, und Sie wissen ja, Aerzie, Polizeimeister und Damenfriseure haben das Recht, sich in das Privatleben einzumischen." „Nun, wenn Sie Doktor sind, dann meinetwegen... Aber, lvarum wollen. Sie sich bemühen, ich kann ja meinen Mann zu Ihnen schicken. Fedja! Wach' auf, du Murmeltier! Der Doktor will so liebenswürdig sein, uns Insektenpulver zu geben." Die Anwesenheit eines Fedja hinter dem Schirme war eine verblüffende Neuigkeit für mich. Ich lvar wie vor den * Stopf geschlagen. Fedja kam in Schlafrock und Pantoffeln hinter dem Schirme hervor. Er war ein großer, sehniger ,Mann von etwa fünfzig Jahren, mit hageren Wangen und 'zusammengekniffenen Lippen. „Sie sind sehr liebenswürdig, Doktor," sagte er, „habe ich Ihnen auch keine Mühe verursacht?" Ich brummte etwas und legte mich wieder Änter meinen Pelz. . i - „Sinotschka, auf deiner.' Naseläuft eine Wanze. Erlaube, baß ich sie fortnehm«." „Du darfst," lachte Sinotschka. „Das hätte ich nicht gedacht: Staatsrat bist du und alle fürchten dich, aber mit den Wanzen kannst du nicht fertig werden." „Die Bande läßt mich nicht einmal schlafen," brummte ich, von einer unbestimmten Wut befallen. Ich konnte nicht einschlafcn und hörte die Gatten miteinander flüstern. „Erstaunlich, nicht einmal das Jnsektechulver hilft," brummte Fedja. „Doktor, Sinotschka möchte wissen, wonach es hier so häßlich riecht." Wir unterhielten uns, wir spräche:: über die Wanzen, deN russischen Winter, das Wetter und die Medizin, von der ich genau so wenig weiß wie von der Astronomie. „Du, Sinotschka, geniere dich nicht, er ist doch Doktor," horte ich plötzlich nach einem Gespräch über Edison flüstern. „Frage selbst," antwortete Sinotschka leise. „Doktor," wandte sich Fedja an mich, „weshalb leidet meftle Frau wohl an Atemnot? Jh Husten, wissen Sie, quält siesehr und will sich gar mcht lösen." „Das würde eine lange Erklärung werden, das kann matt mir einem Male unmöglich sagen," versuchte ich abzulenken.. ' „Nun, nun, was heißb lang? Wir haben Zeit genug, schlaftn kann man doch nicht. Sehen Sie, bisher hat Scherwezow sie behandelt. Er ist ein guter Mensch, aber.. . ob er etwas versteht? Ich glaube nicht recht daran. Ich sehe, Sie wollen nicht gern, aber seien Sie so gut, untersuchen Sie bitte und ich werde inzwischen zum Ausseher gehen und den Samowar anfstellen lassen." Fedja schlürste in seinen Pantoffeln hinaus. Ich ging hinter den Schirm. Sinotschka saß, von Kissen umgeben, auf einem breiten Diwan und hielt ihren Spitzet:-' schal zusammen. »Zeigen Sie die Zunge!" befahl ich und setzte mich mit gerunzelten Augenbrauen neben sie.. Sie zeigte mir ihre Zunge und lachte dabei. An, der Zunge war nichts Besonderes zu sehen. Ich begann den Puls zu fühlen. „Hm!" brummte ich, ohne ihn finden zu können, Was ich noch für Fragen stellte, weiß ich nicht mehr, ich erinnere mich nur, daß ich mir zuletzt wie ein Idiot vorkam und ganz und gar nicht zu weiteren Fragen aufgelegt war. An: Morgen, als ich schon reisefertig, mit dem Koffer in der Hand dastand, um von meinen neuen Bekannten für immer Abschied zu nehmen, hielt mich Fedja am Knopfe fest, reichte mir einen Zehnrubelschsin und sprach eindringlch: „Nein, Sie müssen ihn annehmen! Ich bin gewöhnt, jede ehrliche Arbeit zu bezahlen. Sie haben gelernt, gearbeitet, Ihre Kenntnisse sind mit Schweiß erworben. Ich verstehe das." Es blieb mir nichts übrig, ich lrmhte das Geld anuchmeu. Ich kann Ihnen nicht beschreiben, was ich empfand, als sich am Bormittag die Tür des Gerichtssaales vor mir öffnete und der Gerichtsdmm mir meinen Platz anwies. Ich wurde blaß und verwirrt, als ich tausend Augen aus mich gerichtet sah und Hoffnungslosigkeit überkam mich beim Anblick der ernsten» feierlich-wichtigen Gesichter der Geschworenen.- Niemals aber kann sich mein Entsetzen vorstellen, als ich, zu einem mit rotem Tuch bleckten Tisch hinblickend, dort, auf dem Platze des Staatsanwaltes — Fedja erkannte. Alles siel mir ein, die Wanzen, Sinotschka, meine Diagnose, und nicht ein kalter Strahl, sondern das ganze Eismeer lief mir über den Rücken. Er saß und schrieb etwas. Endlich war er fertig und richtete seine Aufmerksamkeit auf mich.' Zuerst erkannte er mich nicht. Aber dann erweiterten sich plötzlich seine Augen, die untere Kinnlade klappte kraftlos herunter, die Hand zitierte. Langsam stand er auf und durchbohrte mich ' mit seinem Blick; unwiMrlich erhob ich mich ebenfalls und' heftete meine Augen aus ihn. „Angeklagter, Leben -bem .(Skript jpcr{ovmX:en an," begann der Vorsitzende. ' Sie werden' sich denken können, wie die' Rede des StaatSanwaltes ariM! ' - 7100840183

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