Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 7 (1925)
- Issue
- Heft 2418 (15.11.1925)
- Date
- 1925-11-15
- Page
- Seite 8 (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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Eeite 8 Wien, Sonntag „Ich bitte sehr <m\ Ihren Keschähten Besuch," erwiderte Kibabitsch mit einem Kratzftrß. „O, wir werden jeden Tag lammen!" schrie Psewchin in WeüstrSm-endom Entzücken. Eine neue Morgenröte war über dm Grubenborf anfgegangen. * In dem weiten Raum, der den Ä-amen „Wartezimmer" führte, weil darin im Winter Mvöcheiitlich Hunderte von Arbeitem aus die Löhnung warteten, herrschte fickbechäfte Tätigkeil. Zimmevleute waren damit beschäftigt. die Leiittoand auf den Rahmen zu flwmw«, andere wieder zimuterten Titzbänke für das Publikum wnb eine Abzäunung für die Arbeiter. Jeden Augenblick stahl sich einer der Schreiber aus dem Comptoir, um nachzuschaueu, wie die Arbeit for-schreite und ob zur Eröffnung am Samstag abeuds alles fertig werde. Samstag früh bereits hatte keiner der Schreiber mehr Lust, etwas zu tun. Sie schleuderten von einem Schrekbpult zum anderen, standen in Gruppen beisammen und führten mit gekünstelter Ruhe alle möglichen Gespräche. „Ein netter Mensch, dieser Kibabitsch! lind durchaus nicht stolz. Gestern hat er - sogar bei dem Steiger Anissrmow zu Mittag gegessen..." ' „So...? Immerhin, da mögen Die nun sagen, was Sie wollen, um ein solches Unternchmen aus die Beine zu stellen, muß man doch einen nicht alltäglichen Kops haben. Schließlich ist es.doch dasselbe wie ein Theater!" „Und seine Schwester wird nährend der Vorführung Mandoline spielen," sagte der pfiffige Massalakin. „Wirklich? Eine Künstlerin also?" „Na ja, wenn sie doch Mandoline spielt..." „Bist du etwa schon mit ihr bekannt?" „Noch nicht, aber ich kann sie durch Anissimow kennen kernen..." Alle zuckten wie auf Vereinbarung gleichmütig die Achseln, ivährend sich auf ihren Gesichtern der blasse New malte... — Endlich kam auch der so sehnlich erwartete Donntag. Obwchl die Vorführung auf acht Uhr angesagt war, kamen die Arbeiter bereits um vier, die Schreiber am halb sieben und dir Steiger, als die wahren, übersättigten Lebemänner, um sieben. Massälabin, diesem furchtlosen, tapferen Leu, war es tatsächlich geglückt, die Bekanntschaft der Schwester» einer un« scheiirbaren Brünetten, zu machen; er stand deshalb bereits seit sieben Uhr hinter Hrem Stuhl und betrachtete die Mandoline mit der Miene eines Mannes, der sich allzeit zu beherrschen weiß. Massalakin stellte, ivas das Auftreten anbetrws, än diesem Abend alle A-nwchendeu weil in den Schatten. Tr trug einen Smoknrg, eine weinrote geschlossene Weste und geradezu fafreJ» Haft enge Stiesel, durch deren Schnürlächer die weißen, sauberen Strümpfe hervorlugten. An seinem Finger glühte ein hafelnußgvoßer Brillant, den er von Pjetuchin gegen die gesammelten Werke Jules Bernes eingelanscht hatte, während in seiner Krawatte eine so rissige Nadel stak, daß er sie von Zeit zü Zeit, wenn sie sich gelockert hatte, durch einen Druck des Kinns bis an den Schaft in den' meisterhaft geschlungenen Knoten zurückdrängen Konnte. Die Dämon musterten ihn pochenden Herzens, die Küllogen beneideten ihn, er aber warf nur zerstreute, herablassende Blicke um sich und plauderte gedämpft mit seiner Nachbarin. Und sann: „Warum sind nicht alle Menschen aus 'Erden gleich? Warum bin ich schön, unwiderstehlich und erobere die Herzen, und warum sind die anderen unbedeutend, langweilig und grau? Warum gibt Gott, der .Herr-, dem einen alles, während er dem anderen alles persagt..- — Die Premiere verlies geradezu 'glänzend. Die Bilder flimmerten lustig über die Leinwand/ M—lle Kibabitsch spielte den Walzer „Ein Liebestraum", und Massalakin, der den Anwesenden zeigen Wolke, daß sich zwischen ihm und ihr bereits eine gewisse Beitraulichkeit eingebürgert habe, neigte sich von Zeit zu Zeit zu ihr hinab und fragte: , „Spielen Sie vielleicht auch etwas - aus Dschatkowskhs „Eugen Onjegin"? Oder den Marsch „Zur Wachtparade"?" Während der Pause winkte die Tochter der Krankenwärterm^Aglaja Fedorowna, den strchlendetr Massalaikin zu sich heran und sagte: ' „Herrjeh nochmal, sind Sie aber sein! Hören Sie, sind Sie vielleicht mit dem Direktor bekannt\.r na,' wie heißt er ^enn da?" „Kibabitsch," warf der Geftagte hin. „Können Sie ihn mir nicht vorstelle-n?" Massalakdr: stürmte in den Operateurvevschlag, zerrte Kibabitsch hervor, nahm in fremidscharstlich unter den Arm und schleppte chn in die dritte Reche. „Komm' nur ruhig, Kostja! Ich will dich bloß einer Tarne vorstellen!" . Alle ächzten förmlich vor Staunen, als sie hörten, daß Massalakin mdt dem vornehmen, reichen Dheaterdirektor bereits aus den: Duzfuß stand. Die Schreiber hätten platzen mögen vor Neid... Mochte der Himmel wissen, wie dieser Mensch das fertig ''rächte. * : Am nächsten Morgen noch beneideten die Arbeitskollegen Massalarin, fragten chn nach dem Privatlieben des Direktors und sagten zum Schluß bewundernd: »Kolossal geflirtet, haben Sie gestern mit der Dame, die die Mandöline spielte! Passen Die nur aus, Sie verlieben sich iroch!" Massalakin lachte gegirrt, ' 1 * ' Wiener Morgenzeituria f LLOYD TRIGStlNO ' TRIEST DIREKTE LINIE TRIEST llltucll« V«rp(liflimg __ fttdNiltorUi tahrprals« IExprtsshal« nach AsftfyUn, KonttanUnop«', Indien, Postllnian n»rv> // den Schwimn»Me«r*Hlfeii, Syrien und den fernen Osten u Q«narata0«ntiiri Wim, l, Kflrntn«rrlng Nr. * . „Was heißt hier verlieben! Einfach — ich bewege mich gern in Theater- und Künstlerkroisen. Es weht da ein anderer - Wind..." „Ist sie denn wirklich seine Schwester?" „... Gewiß. Sie hat Mawdoline studiert und ist in Petersburg gttveserr, mchrere Male sogar." — Während der Mittagspause »lachte Massalakin den Kollegen einen Vorschlag. „Wollen wir nicht in den Kmematographeu gchen?" „Da ist doch jetzt nichts los." „Ganz egal. Ich weide euch die Filius zeigen." Und er führte sie, als wäre er seit jeher dort zu Hause, ins „Wartezimmer". Zn dem weiten Raum herrschte HMdunkel. Kibabitsch hockte in seinem Verschlag; die Schwester spannte eine neue Saite aus. „Gestatten Die, daß ich vorstelltsagte Massalakin. „Schr erfreut," erwiderte das Fräulein. ,/Dehr evfteilt. Sehr erfreut. Sehr ersront," stanmelten die drei verlegenen Schreiber im Chor. Kibabitsch kroch aus dem Dunkel hervor und erklärte den Bieren die Films und die Prchektionsfläche. „Fa, ist denn da hinter der Leinwand wirklich rein gar nichts?" fragte Uwashasolv zweifelnd. „Nicht das Geringste." „Kolossal. Und ich dachte-. Aber lvas ist denn das da?" „Ein Stereoskop. Warten Sie mal, ich will die Lanipe anstecken.... Wenn Sie nun in di» Oeftuung hier einen Sechser, wttffen uud di« Kurbel drehen, so sehen Sie eilte sich oute Neidende Pariserin, das Badelebem^m Biarritz und di« Moschee zu Kairo. Hochinteressant.. Den größten Beifall fand die sich entkleidende Pariserin. Pjetuchin opferte ihr drei Sechser, Uwashajew — vier, und irgeich ein Keiner, blasser, erst kürzlich eingetretener Schreiber ganze vierzig Kopriten. Inzwischen unterhielt sich Massalakin mit der Schwester in zärtlichem Flüsterton in einer haMmMen Ecke. * Und allabeMich flammten die Lampen von neuem aus, allabendlich strömte das dankbare Publikum von neuein herbei, und wiewohl das Programm schr beschränkt war und itte gewechselt wurde, genossen alle mit Behagen Dutzende von Dteklen ,Aie Töpferei in Ostindien", „Die Frau macht Krach!" (Zum Totlachen!) und „Eine Reise im Gebiet des Sambesi". Sie fänden einen prickelnden Reiz darin, Abend für Abend die alten Bekannten zu begrüßen: Die Frau, die ihrem Mann das Geschirr an den Kops wirft, die Neger» die das Uußpferd an Land ziehen und den tölpelhaften Maler, der die Straßenpassanten mit Oelsa rbe begießt. „Jetzt kommt gleich „Ein Opfer des Spiels," sagte Pjetuchin, der sich in der zweiten Reihe rekelte. „Min, das komutt nach der nächsten diummer," bchcmptete die Tochter der Krankenwärterin, Wasa. ,^Zetzt kommt „Die Frau macht Krach!" (Zum Totlachen!); das weiß ich genau. Konstantin Sergejewitsch," ries sie in den Verschlag hinein, i „jetzt kommt doch „Die Frau macht Krach!", nicht wahr?" ,-Gewiß, Waja Fedorowna. Uebrigens durchaus, wie Sie wünschen." - - - „Wie nett Sie sind!" Aglcha errötete. Alle beneidete» sie. — Irgend einer der Schreiber steckte auch während des Tages immer im Wartezimmer. »Langweilig," pflegte Pjetuchin bei diesen Gelegenheiten zu'sagen, „sollte man sich etwa die „Pariserin" anschcn?" „Bitte schr," erwiderte Kibabitsch liebenswürdig. „Die Szerre ist -in der Tat Hochinteressant." Pjetuchin warf einert Sechser t» den Schlitz, betrachtete in Muße die „Pariserin", das „Badvle'ben in Biarritz" und schließlich, um sich von dem Verdacht der Lüsternheit zu reinigen, auch noch die langweilige „Moschee zu Kairo" Um diese Zeit kam meistens auch Uwashajew. „Hast du schon die „Pariserin" gesehen?" 15. November ML Nr. Mg' .... ..- i .-in i ■■■ -■ .. ■■ t ' „Selbstverständlich. Ebenso die Moschee. Und daS Baide^ leben." „M, weilen wir noch einen Sechser hinein, ah?' Sr t egal..." „Meinetwegen..." Dir Freunde stellten sich vor die Oeffnmig, kurbelten uich botvundevten zum dreidutzendsteu Male die Pariserin, an der sie nachgerade jedes Grübchen und jede Hemdfalte kannten. „Kommen Sie heute abends?" pflegte Kibabitsch gewöhnlich beim Abschied zu sorgen. „Solbswerstänvlich! Was gibt es denn? „Die'Frau macht Krach"?" „Alles. Konunen Sie nur!"' — Kibabitsch war der Lichtstrahl tot Loben des Gruben dorfes Jssasowski, trotzdem die Schreiber sich sinanzi-Ü ruinierten... Man lnd.ihn und die Schwester zu Tisch, man lud sie zum Geburtstagsschmous, nran ftilhr sie heiuüich mit den Fabrikspferden spazieren... Aglaja nähte ihm einen blauen Kittel mit gesticktem Kragen; Massalakin aber verohrte M—lle Kibabiisch eine riesige Schachtel Bonbons, die so hart lvarcn, daß nian sie vor dem Gebrauch m lauwarmein Wasser auftveichen mußte. Und eines Tages im Herbst nahm -les altes ein Eude..L, Kibabitsch kündigte an, morgen aibeM sind« dte letzte Bor« stüllung statt, übermorgen früh aber werbe er mit der Schvcher und allen anderen Herrlich!eiten von dannen zichM. .. . . Es wurde trübe. Trübe und dunkel. ' Am verzweifeltsten gebärdeten sich Massalakin nnv Aglaja... Die stellte sich gegen Mend bei Kibabitsch ein, ließ ihn herausrufon und hatte mit ihm eine lange Auseinandersetzung. Massalakin hingegen erklärte semer Wnistlerin,' er werde diesen Schlag wohl kaum übevlebeu... Sie erwiderte, es müsse halt geschieden sein; er aber behauptete, alle KünsÄrrinuen seien grausam uud herzlos!... Und vergaß nicht hinznzusügen, daß, lvenn er einst stevben werde, eine Frau, die er nicht naurhaft machen lvolle, an diesem seinem Ende die Schuld trage. , — Nach Schluß der letzten Vorstellung fand ein Wendesseu zu Ehren des Direktors sowie der Schwester statt, m dessen Verlaus Pjetuchin in abgerissenen Sätzen eine lange, ■, wirre Rede hielt, aus der man immechin zu entnchnlen vermochte, baß er der DirMon für die bereiteten ästhetischen Geniisie bankte und im MngeÜ seiner Meinung dahin Ausdruck ■ gab, alles Gold sei letzten Endes ja Dreck. Das Esten verlief wie ein Leichenschmaus. — In früher Morgenstunde aber verließ die glänzendr Truppe das Grüberckovs. Alle, alle zogen von bäumen; der Bruder, die SchwLster, die Pariserin, ,ß)k Frau tnacht Krach!", der Maller, das Fluh- Pferd, die Moschee und — Aglaja, die das oltevliche Heim gegen ein herrliche-, vogelftetes Leben Seite au Seite mit. dem. stolM Mentenrer Kibabitsch eintainschte... Und es wurde dunkek, einsam uud still. Selbst der Selbstmordversuch Mastalakins, bau er mittels, einer der Grnbenapotheite. entwendeten Tu'be Chlornatrium. unternahut» vermochte die Gemüter nicht anisWvüttvln... Im redÄtionellen Teile enthaltene entgeltliche Mitteilungen sind durch «in vorangesetztes E gekennzeichnet. Wien, 15. November. * Das Wetter. Die Soge D andamrick ungünstig. Feuchte Nebel, Rogen und Wte beherrschen Mitteleuropa. Die Vor- - auG«ge lautet: Meist trüb mit großer MedevschlagAvahrlscheinlichbeit im Osten und Süden. * Der erste falsche Schilling. In einem GaGaus in'. Pischelsdorf in Oberosterreich wurde ein falsches Schilling« * stück festgestellt. Das verwendete Material dürfte eine Zinn-' legiernng sein. Die Wschmiünze ist aber als solche leicht am Klang erkennbar. In Men wurden bisher keine fa>Vschen SchikkmgstÜcke beobachtet. * Der Streik der KunstgewerbeschÜler beendet. Anläßlich . des SchüleKMs an der KnnstMverbLschule des Oesterreichiischen Mulsenms für Kunst und Industrie hat Freitag im Mnistevinm für Handel und Verkehr eine Ansslprache mit den Vertretern der Lbunstgewerbeschule stattgeftmden. Htevei'- wurde von den Delegierten des Lehrkörpers der Ms der Streikresölntion hÄtennte StanIdpuM der Schüterscheift daMtegt, womns von den Vertvetem der Bundesverwaltung Mart wurde, daß eine Auslassunig der Kunftgewerbeschule oder deren Bereinigung mitder Akademie der bildenden Künste überhaupt niemals in Erwägung gezogen worden sei. Ml-- mehr bestehe die Wicht. d!e Kunstpswerbeischnle ihrer Bedeutung entsprechend, in weitestmöglichem Maße zu fördern und auszugestalten. UebriMns fei auch durch die vor einiger Zeit rm Dewrdnuuigswege erfolgte Regelung der Stellung der Zivilarchitekten kerne Aenderung in der Frage der Berecht'Mng anderer Personen zur Verfassung von Bauplänen eingetveten. Es sei daher auch das BttÄMNgsifeld der Absolventen der Kunschewerbeschule durch diese Verordnung keineswegs eingeschränkt worden. Auch beabsichtige die Regierung nicht die EinbvirMng einer Vorlage, ■ die etwa aus fote' Einschränkung des TätiBertsgebietes der ab- - jMierten KunstgewerbeschÜler abztelen Würde/ Das Ministerium Al' HandÄ und Vevkehr stellte überdies in Aussicht, die in Betracht kommenden Untevbchörden Mf die Bestimmungen über die Freiheit der künstlerischen Betätigung ausdrüMch aabsmerksE zu machen. Das Evgebsttts dieser Besprechung wuroe noch nachmittags vom Direktor! der Kunsdgelverbeschnte/ Hoiftat Roller, der Schülerschaft m tt—IIHIMf t«OOE»OvOO»O«OOGOG»»G»O«OOat Die neueste Errungenschaft der kosmetischen Chemie das feste Kölnisch-Wasser ln Stangenform ist überall erhältlich! »GOGG»»GO«»«W«O 909090 j