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Wiener Morgenzeitung · 1925-11-15 · Heft 2418 (15.11.1925) · p. Seite 4

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Journal
Wiener Morgenzeitung
Volume
7 (1925)
Issue
Heft 2418 (15.11.1925)
Date
1925-11-15
Page
Seite 4 (sequence 4)
Language
German
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Seite 4 Wien, Sonntag Wiener Morgenzeltung Id. Novömver ivLd , sk. MW Srill Softoc MslBmhmU am Jerusalem spricht in öfferNI1ch«r Morgen Nooiag. IS. November 1828 U m */* 8 lU)i' abends Sit a (tritt 7 SalOftina? auf aekont Steigers Sätet als zeuge. Ars« Andruck im Serichtsiaal. - Ser Lmurr -er Fm« Ledl «och nicht einvemommea. Lemberg, 14. November. Die vom Vorsitzenden bereits anAkündigk Vernehtnnngdes Bruders der Frau Viktoria 2 o d l ist heute nicht erfolgt; dies wird im Gerichtssaal lebhaft kommentiert, um so mehr, als die Aussage der Frau Ledl in eirjem wichtigen Punkte, der Beschreibung der Ausfahrt des Präsidenten am Tage des Attentats, so sehr den Tatsachen widerspricht, daß die Vermutung nicht von der Hand zu weisen ist, daß Frau Ledl überhaupt nicht am Orte des Attentats anwesend war, will man nicht annehmen, daß die Zeugin ein Auto von einem Wagen nicht unterscheiden konnte; denn sie hatte angegeben, der Staatspräsident sei in einem Auto vorgefahren, während es in Wirklichkeit ein Wagen tvar, und er [ei mit mehreren Personen im Auto gesessen, wahrend dies tatsächlich n i ch t der Fall war. Uaberdies behauptete Frau Ledl, daß sie Steiger an einer Hand hielt, während ihn die P a st e r n a k an der an. deren Seit« gefaßt hatte, um ihn verhaften zu lassen. In einer Konfrontation zwischen der Pasternak und, Frau Ledl gab die Pasternak an, sie glaube sich an diese« letzteren Umstand erinnern zu können, wurde aber aus den Protokollen Ihrer früheren Aussagen libersührt, daß sie mehrmals angegeben hatte, ee sei außer ihr >bei der Verhaftung Steigers keine Frauanwesend gewesen. Da Frau Ledl ternrr angeaeben hatte, ein Beamter der Wiener Polizei sei bei ihr erschien und hätte ihr gesagt, Steiger sei während seines Auftnihaltesin Wien als Kommunist polizeibekannt gewesen, während nach dem dem Lemberger Gerichte vorliegenden Relationen der Wiener Polizei über Steigers Wiener Äichnthalt. keinerlei kommunistische Betätigung oder Verbindung Steigers in Wien festgeftellt -werden konnte, so bedürfen die Aussagen der Frau. AM einer Reihe von A uff larung e n, die gerade durch die BevuehMng ihres Bruders wenigstens zum Teile echckgen könnten. . ' / Deshalb erregte es A u f s e h e n, daß zu Beginn der yeuiigen Verhandlung nicht, wie erwartet wurde, der Bruder der Frau Ledl, sondern der Sohn des Gen e r a l st a b s o b e r st e u H a r n y s z als Zeuge aufgerusen wurde. Dieser bestätigte im wesentlichen die Angaben seiner Eltern und des Finanzrates N a w r a t i l, daß nach der Wahrnehmung sämtlicher am kritischen Tage in der Wohnung der Familie Harnhsz anwesenden Personen die Bombe vom obersten Stockwerk des HauseS,wo sich das Cafe de la Paiz befindet, geschleudert wurde. ES wurden ferner die Schneiderin Klara Kulik und deren Freundin Basch elnvernommen, die Zeuginnen der Arretierung Steigers und der ersten Mitteilungen der Pasternak waren, durch welche die Verhaftung veranlaßt wurde. Die Zeuginnen gaben mit voller Bestimmtheit an, daß die Pasternak nicht dezi° wmmmamesmmmmmmmammmmmmmtmamam und alle Fragen ausweichend beantwortete, so durste man über den Betreffenden getrost den Stab-brechen ... Der im Jahre IM verstorbene Dr. Gerson Zipper, einer der ältesten aus . unserem Kreise, hatte im Jahre 1911 durch eine energische Mion in Galizien die Mittel zur Reaktivierung des Gymnasiums in Jerusalem aufgebracht, dessen Leiter Salomo» Schiller wuide. Ms ich ihn im Frühjahr 1913 in Wien wiedevsah, atmete sein ganzes Wesen Ruhe und innere Befriedigung. ,Letzt suhle ich, daß ich noch zu was nütze bin." Er schilderte mit Enthusiasmus das Sprossen des neuen Lebens in der alten Heimat, dir ihm, dem müden Wanderer, nun auch zur persönlichen Heimat geworden war. Cr kam damals aus Galizien, wo er die Freunde und Freundinnen wiedergefthen hatte und sprach mit Schwärmerei und Uederschwengtichkeit — schtvarmerüsch und überschwenglich konnte er nur in der Dankbarkeit fein — von all der Güte, die er dort jetzt wieder erfahren hatte. Er wiederholte mir eine Geschichte aus seinem Leben, die er meiner Schwester, seiner Schülerin und getreuen Verehrerin, erzählt hatte. Ms junger Knabe wandert« er einmal in ein Dorf, wo er die Stelle eines Hauslehrers antreten sollte. Unterwegs kehrte er bei einem jüdischen Dorfschankwirt ein, der ihn zum Abendessen lud. „Ich habe mein eigenes Essen bei mir", sagte der Knabe, und holte einen .Hering und ein Stück vertrocknetes Brot hervor. Der Wirt nahm den Hering und das Strick Brot, teilte es in kleine Teile unter die Anwesenden und sprach: „So, mein junger Freund, nun haben wir dein Brot mit dir geteilt, jetzt teile du das unjsere mit uns!" Kränen der Rührung standen ihm in den Augen bei dem Gedanken an den Zartsinn dieses einfachen jüdischen Menschen. Am 18. Februar'IM traf ich mit ihm abermals in Meran zusammen. Er kam aus Wien, wo er im .Hause meiner Mutter auf.der Reise aus Lemberg mehrere Tage Rast gehalten hatte, denn e'S warnach einer Überstandenen schweren Krankheit. Er war im Sommer IW d i e r t erklärt habe, Steiger sei der Attentäter, sondern daß sie sagte: „Es scheint mir, daß das der Mann ist, der die Bombe geworfen hat." Botant Göttinger fragte die Zeugin Kulik: Haben Sie außer der Frau Pasternak bei der Arretierung Steigers noch eine an de re Frau gesehen, die in Trauer gekleidet war und Steiger an einer Hand festhielt- Die Zeugin erklärt: Rein, ich habe niemanden gesehen. Diese Worte riefen große Bewegung hervor, da durch sie die Glaubwürdigkeit der Zeugenaussage der Frau Ledl schwer erschüttert ist. Dann wurde Steigers B a t e r, der 57jcrhrige Glasermeister LhaSkel Steiger, i als Zeuge vorgerufen. Atemlose Ätülle - im > großen Gerichtssaale. Der Vorsitzende bringt dem Zeugen vor der .Beeidigung die Helligkeit des Eides in Erinnerung. Chaskel Steiger: „Meine Herren! Ich möchte-bitten, mir den.Eid zu erlassen; heute ist Samstag und ich darf nicht schwören. Wenn es aber unbedingt sein muß, so bitte ich, mich zu beeiden!" Fragend blickt alles zum Gericht hin. Der Staatsanwalt besteht auf der Beeidigung des Zeugen. Der Vorsitzende nimmt dein Zeugen den Eid alb, dann fragt er ihn nach denr Verhältnisie des Sohnes zur übrigen Familie, nach dessen Verhalten im Elternhause, nach seinem Verkehr und seiner ' Lebensführung. > ' Charkel Steiger spricht nnit schmerzerfüllter Stimme, •in der aber gloichgeitiq der Stolz des Vaters auf einen; ivohlgeratenen Sohn mittUngt und die feste Ueberzeugung,: daß dieser Sohn nichts Böses tun könne und nichts Böses getan hat. Der ganze Saal steht unter dem unmittelbaren s Eindruck des Balerschmerzes, der sich hier enthüllt. Steiger, der Vater, spricht von seiÜM Sohne nur in Supe rla- : t i v e n;. alle Kinder in Mnem Hans»- sind wohlgeraten, j aber StaiWäw Steiger Är stets der Stolz der FaMlse. - „Er war stets ein gutes Kind, ein frommer Jüngling, mit jüdischem HerM, mit Achtung vor den Eltern, Achtung vor der Tradition. Und dann bricht es aus dem Vater ans: . ,Jch weiß es, mein Sohn ist unschuldig; ich gehe mein Leben dafür." Rührung ergreift alle. Die Geschwornen sitzen wie gebannt aus ihren Stühlen und dann sieht man manchen von ihnen sich gerührt abwenden. Das Tribunal und die Verteidiger können ihre Bewegung kaum verbergen, im Saale ertönt Schluchzen. Noch einmal wiederholt' Ehaskcl Steiger: „Nicht ' nur ich bin von der Unschuld meines Sohnes überzeugt, auch alle anderen, die ihn kennen, sind es, fremd« Menschen, Jude» und Christen, von der Verwaltung des Nationalsonds nach Mitteleuropa auf ein« Propagandareise geschickt worden, hatte in Wien, Krakau, Lemberg und Stanislau großen Erfolg; in letzterer Stadt «Miete er sich jedoch und mußte im jüdischen Krankenhaus zu Lemberg fajt vier Monate mit einer Lungenerrtzündung liegen. Abermals sprach er mit schwärmerischer Dankbarkeit von der hingebungsvolltreuen Pflege, die ihm zuteil geworden ivar, besonders seitens des Ehefarztes Dr. Pisek von >der Spitals- Verwaltung, die jede Rückerstattung der Kosten ablehnte, von den Assistenzärzten und dem Pflegepersonal, von der treuen Sorgfalt, die ihm die alten Freunde, besonders Gütmann, Malz, Hausmann und Geyer widmeten. Bis zu feinen Abreise nach Palästina, Ende Mürz, ivaren wir täglich acht bis zehn Stunden zusammen. Meine Frau, die ihn ins .Herz geschlossen hatte, sagte: ,Man möchte stets um ihn sein, mit ihn zu schützen und zu betven-en." Die ganze Zeit über war er unermüdlich im Erzählen. Er schilderte das Land, in dem er säst fünfzehn Jahre als tätiger Beobachter gelebt und das er wie feite» einer von Grund aus kannte. Er schilderte die Menschen, die dort freudvoll kämpfen und arbeiten und zuversichtlich in die Zukunft schallen. Ich lernte aus seinen Schlldcrungen mehr als aus hundert Büchern und — ich lernte vieles, vieles mit anderen Airgen sehen, als ich es bis dahin getan... *t Am letzten Abend vor seiner Abreise nach Triest — meine Frau hatte deu ganzen Tag Einkäufe für ihn gemacht — gingen wir zu ihm. Mim Frau packte seine Koffer — er selbst besaß nämlich nicht das geringste Talent -dazu und schon beim Gedanken daran perlte ihm der Angstschweiß von der Stirn. Wir zögerten sehr lange mit dem Abschied. ,-Schreiben werde ich an Sie nicht", sagte er zu meiner Frau. „doS tue ich nicht, fragen Sie nur Ihren Mann; aber denken werde ich an Sie." Wir nahmen Abschied. Es Me her letzte sein... haben mir gesägt: Herr Steiger» wir könnten mit unserem Lebell dafür bürgen, daß Ihr Sohn unschuldig ist." Ter Vorsitzende fragt Ehaskol Steiger nach der Politisch e n,- Be tat ig ung seines Sohnes: .Mein Söhn hat sich ni'ePolitisch betätigt, er hat immer nur für uns gelebt." Die Frage -des Vorsitzenden, ob Stanislaw Steiger kommunistische Ansichten geäußert habe oder mit Kommunisten verkehrt habe, verneint der Vater entschiedene „Was sollt« mein Sohn mit Kommunisten zu tun haben?" Unter -dem tie'sen Eindruck der Aussage des alten Steiger wird die Verhandlung geschlossen, der Präsident beraumt die nächste Gerichtssitzung für Montag, 10 Uhr vormittags, an. «tt Wort) an Dr. Gabriel Wals. Der.Ater Josef Huemer gestern früh gestorben. Der 25jährige Josef H u e m c r, der, wie berichtet, Freilag abends seinen eigenen Vater, den Zahnarzt Dr. Gabriel Wolf, in dessen Atelier im Hause.Neubaugasse 72 durch drei Revolverschüsse getötet mnd-sich selbst durch einen Schuß durch den Kops lebensgefährliche verletzt hat, ist gestern früh auf der Klinik AselSberg, ohne das Bewußtsein wieder erlangt zu haben, gestorben. Wenn auch, die Zusammeichänge der Tat nun schon deutlicher erkennbar sind, \i\p bic wahren Motive doch noch nicht ganz klar. Wie durch die Nachforschungen der Kriminalbeamten festgestelll wurde, hat Joses - Hnemer im Juni d. I. anläßlich bcS Alimentationsprozesses seiner Mutter gegen Doktor' Wolf erfahren, daß er dessen uneheliches Kind sei. Sein Vormund Dr. H a l w i g halte ihni bei der Beratung über seine Zukunft nach seinem erfolgten Abbau das Geheimnis seiner Abstammung enthüllt. Der junge Mann war von diesem Augenblick an sehr niedergeschlagen. Die Uoberzeugrmg, daß Doktor Wolf, also sein leiblicher Vater, so viele Jahre hindurch seinen Sohn verleugnet und die Zahlungen an seilte Mutier nur schr unregelmäßig vorgenlmmen habe, scheint sich in ihm immer mehr festgesetzt und den Plan eiiner Rache allmählich erzeugt zu haben. Daß es seine feste Absicht war, otwaS gegen Doktor Wolf zu unternehmen, geht schon aus dem Verhalten Huemcrs hervor, her sich am 22. September, am ersten Tage der/Wiederaufnahme der Praxis des'aus. Gastein zurückgekchrten Dr. Wolf unter dem falschen Namen Englinger.auS Langlebarn^ cils Patient einsand, um sich, bchaudeln' zü lassen. Offenbar, M'nicht von seinem Vater, der ihn persönlich nicht kannte; da eS auch die Mutter konsequent fo wollte, sofort erkannt zu werdm, hat. sich. Huemer den Stam'en beigeligt. : ' - Die letzte Unterredung am Abend zwischen Vater ulld .Sohn, die ein so tragisches Ende nahm, kann sich unmöglich ans eine Zahnoperation bezogen haben. Es scheint vielmehr die Annahm richtig, daß sich Huemr als Sohn zu erkennen gegeben habe, woraus sich eine Auseinandersetzung entspann. Huemer dürste dem Dr. Wolf Vorwürfe gemacht haben und die Unterredung fand ein grausiges Ellde dadurch, daß d-er Sohn den Vater und sich erschoß. Die Leiche Dr. Wch'S wurde von der Staatsanwaltschaft sreigegebeii. Sie wird nicht obduziert werden. Auch der Leichnam Huemers wurde gestern abends freigogeben. Tag und Stunde de« Leichenbegängnisses werden noch bekanntgegeben wechen. Neben der Gattin und den zwei Kindern Wolfs trauern um den auf so tragische Weise ums Loben GÄomMnen seine 73jährige Mutter, die erwerbslos und krank ist und für die der Sohn so lange Jahre in wahchaft aufopferungs. voller Weise gesorgt hot. Samarkur als KunststStte. DK Unruhen in Syrien bedrohen auch die nunmehr sehr schwach vertretene vinhemische Kirnst des vielmnstrittenerl Landes mit unersetzlichen Verlusten. Die Beschießung, von Damaskus, die sich als verhängnisvoller psychologischer Irrtum der Franzosen erweist, scheint auch den schon im vorigen Jahchundert arß zusammenigcschrnmpften DenünAerlbestand der alten islamischen Gartenstadt schilver betroffen zu halben. Nach der Darstellung englischer und amerikanischer Berichte ist es hauptsächlich die große Omaijadenmoschee, die totrd) das!Mglücksel.itze Bonckardemem gelitten hat. Ihre Beschädigung muß dem Mosleni, der in .diesem breitgolagerren Bau ein über einen autoninischen Jupitertenrpel errichtetes, aus einer frühchristlichen JohauireZ-BasMa erstandenes Gotteshaus verehrt, in seinen helligsten Gefühlen verletzen. Die Baugeschichte der Otnaijadeumoschee ist zienllich kompliziert, ihre Schicksale sehr wechselvoll. Mehrmals stürzte die große Kuppel, ihrer KonstvuktiM wegen Adler- oder Geierkuppel genannt, zusammen und wiederholte Vxältdo, vor allem der im Jahre 1400 anläßlich der Eroberung Lce Stadt durch Ta me r lan, sodann die Katastrophe vom Jahre IW, haben das Gebäude in seinen FMdamenten Mr nicht zu erschüttern vermocht, wohl aber den gesamten kostbaren Dafor aus Maijadischer und abassidischer Zeit Michte gemacht, so daß sich das Innere jetzt in durchaus modernisierter Ausstattung ’ präsentiert. Zu dem unter den: Kalifen Welid dem Ersten seit 797 erfolgten mohammedanischen Ünibau wurden, nach dem Bericht des Chronisten Mugnaddasi, Handtveriker aus Perstett, Indien und Byzanz, ja sogar von der wcstasrllauischen Küste herbeigeholt, und in der ganzen islamischen Weilt LeMMt waren die mit Mavntvrintarsien -und mit Städtermd LandschaftSbildern in Mosaik gsschmiickten Wände sotvie die vergoldeten Kapitale des auß cheodosinischer Zeit stammeulden Säulennmte-

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