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Wiener Morgenzeitung · 1925-11-12 · Heft 2415 (12.11.1925) · p. Seite 3

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Journal
Wiener Morgenzeitung
Volume
7 (1925)
Issue
Heft 2415 (12.11.1925)
Date
1925-11-12
Page
Seite 3 (sequence 3)
Language
German
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stlx (fett, DonnerZiag Wiener Morgenzeitung 12. November 1925 Seite $ Die lAÄscherl Achmer md die islamitischen MensKadekschasten. SSoiu türkischen General-Sanitätsinspektor g. D.! Dr. Wellisch. Mir geben den nachfolgenden interessanten Darlegungen Dr. Wellichs, eines guten Kellners der Türkei, gern Raum, ohne uns jedoch mit : ihrem Inhalt völlig identifizieren zu können. Die Redaktion. Der Werdegang des Erneuerungsprozesses, in 'tvelchem sich die Türkei seit dein Ende des Weltkrieges befindet, verdient mehr Beachtung, als die Oefsentlichkeit in den Westländern dem türkischen Reformwerk bisher entgegengebracht hat. Einer in abendländischem Sinne modernisierten Türkei dürfte besonders wegen ihrer Zugehörigkeit zur islamitischen Völkergemeinschaft im Leben der Völker eine größere Rolle zuteil werden, als jetzt gemeiniglich angenommen wird. Den Reformbcstrebungen der Sultane hatte man mit Recht nur wenig Vertrauen entgegengebracht, zumal sich das mit allen Auswüchsen politischer und religiöser Dekadenz behaftete Staatswesen mit dem ethischell Inhalt einer fortschrittlichen Erneuerung in einem unüberbrückbaren Gegensatz befand. Eine gradlinige, friedliche Evolution war in der dem Untergang geweihten alten Türkei ebenso undenkbar, wie eine von der Volksmasse altsgehende revolutionäre Erneuerung. Erst Ke mal hatte es klar erkannt, zum mindesten als erster klar ausgesprochen, daß das durch den verknöcherten traditionellen Geist gänzlich morsch gewordene t h e o k r a 1 i s ch e Staatsgebäude in (eilten Grundfesten umgewandelt, vom Sultanat und Kalifat befreit tverden müsse, um ans den Weg des Fortschritts gebracht werden zu können. Er hat in das int Gefolge des Weltkrieges entstandene Chaos mit heroischem Entschluß eingegriffen, den Feind aus dem Lande Vertrieben, das Volksgewissen aufgerüttelt, das Terrain für die Abschaffung des Sultanats und des Kalifats vorbereitet und sein Vorhaben, die Entfernung der Dynastie durchgeführt, um die Republik und ' mit dieser die T r e n n u n g von Staat und Religion zu proklamieren. Damit war aber auch die Kluft zwischen Kemal und seinen Anhängern einerseits und den Während der raschen Aufeinanderfolge der Ereignisse verblüfft bei Seite gestandenen Stützen der alten Ordnung andererseits vollständig aufgerissen. Den fortschrittlich gesinnten Politikern, Wissenschaftlern, modernistischen Theologen, mit einem Wort, allen an der religiösen und sozialen Umgestaltung interessierten Intellektuellen wurde jetzt die Aufgabe des Durchdrillgens der Masse mit dem Erneuerungsgedanken. Die Auseinandersetzung zwischen dem neuen und dem alten Geist mußte notwendigerweise auf den Boden der Religion verlegt werden, au den die Masse des Volkes gebunden, in dem alle ihre Lebensäußerungen wurzeln. Denn keine Religion bestimmt Denken und Fühlen, Tun und Lassen des Menschen, keine Religion beherrscht das soziale Leben in dem Maße wie der Islam. Kemal und seine Mitarbeiter haben sich auch hier als hervorragende, die Führung des Erneuerungswerkes beherrschende Politiker und Theoretiker des Islams erwiesen. Sie verstehen es, die öffentliche Meinung .für jede beabsichtigte Reform entsprechend vorzubereiten, die Masse des Volkes mit dem den betreffenden Verfügungen zugrunde gelegten Gedankengang 31t befremden, und dergestalt jeder Erschütterung vorzübeugen. Was sich noch während des jungtürkischeu Regimes ititr zaghaft hervorwagte, wie die Beseitigung der Schrankeu im öffentlichen Verkehr der beiden Geschlechter, des Zwanges in der männlichen und weiblichen Kopfbedeckung, der Frauentracht ititb ähnlicher althergebrachter Einrichtungen, vollzieht sich in der Kemalistischen Türkei mit ungeahnter Schnelligkeit. Und all dies ohne besondere Erschütterung, ohne das gefürchtete Blutvergießen, dessen Gespenst den Glauben an die Möglichkeit einer tiefergreifenden politischen und sozialen Erneuerung der Türkei nie aufkommen lassen konnte. Dank des wohlüberlegten, planmäßigen Vorgehens der Leiter der Revolution von oben, ist es auch möglich geworden, die A u f h e b vlm g der religiösen Orden zu beschließen, zum großen Schlag gegen den Bestand dieser Gemeinschaften rückschrittlichster Elemente auszuholen. Man denke an die vielen Ordensverbände mit ihren nach Millionen zählenden Mitgliedern. In der Türkei selbst umfassen die verschiedenen Bruderschaften Hundcrttcmseude von Mitgliedern und Anhängern, mit Klöstern, Mausoleen oder primitiv überwölbten Heiligengräbern in allen Städten und Dörfern. Allüberall Heiligenverehrung, Aberglaube, Heulen und Tanzen zur höheren Ehre Gottes. Ihre Anhänger und Verehrer kommen aus allen Schichten der Bevölkerung, ihr Einfluß erstreckt sich auf alle gesellschaftlichen Kreise. Selbst Sultane zählten zu ihren Mitgliedern und Förderern. Vergebens wurde gegen sie in den Moscheen die Autorität des Propheten, der keine Heiligenverehrung duldete und jede Uebertreibnng in religiösen Dingen verurteilte, ins Feld geführt, Nmrden ihre Stifter als Ketzer und Narren verschrien. Nichts vermochte ihren, die große Masse des Volkes umfassenden Einfluß zu brechen. Der von den türkischen Reformern inaugurierte Kamps gegen diese Sammelstellen starrster Reaktion bedeutet den Anfang der Beseitigung aller die sozial-religiöse Erneuerung der mohammedanischen Gesellschaft hemmenden Faktoren. Er dürfte kaum auf die Türkei beschränkt bleiben. Die dem Entschluß der türkischen Politiker zugrunde gelegte Argumentation der türkischen Religionstheoretiker muß überall, wo es Mohammedaner gibt, ihre Wirkung üben, und die Letzte Kurse. New-ljork, 11 November. (Tel.-Komp. Berlin 23.80, London Kabel 4.84%. London Scheck 4.80%- Amsterdam 40.24, Paris 398, ihüfiei 4.53%. Rom 3.98, Dmbrtb 14.29, Zürich 19.27, Stockholm 26 74 Oslo 20.05 Kopenhagen 24.76. Wien 14%,., Budapest 14%, Prag 296%, Belgrad 177%, Athen 1.34, Buenos Aires 41%,. Rio de Janeiro 15.05 Bukarest 47% Wegen des Feieitages in New-Aork und Chikago keine Getretdekurse. '' Autorität der dem, Ordens wesen seit jeher feindlich gegenüberstehenden T h e 0 l 0 g e n stärken. Die Tatsache der Aufhebung der Derwischorden und die Beschlagnahme ihrer Klöster in dem geordnetsten, selbständigen islamitischen Staatswesen, die Umwandlung der Klöster in Schulen und Fü r s orgean ft alten bedeutet zum mindesten den ersten ausschlaggebenden Angriff gegen deren Bestand auch in den übrigen mohammedanischen Ländern. Die Tragweite der durch die Aushebung der religiösen Orden neuerdings bofunieutierten Einstellung der Kemalistischen Türkei zttnr Problein der N e u g e st a l t u n g d e r islamitischen Gesellschaft kann angesichts der bereits erreichten Erfolge keinesfalls mehr unterschätzt werden. Ebensowenig ist der ©ebanfe von der Hand zu weisen, daß die die Erneuerung ihrer Glaubenswelt und die Aneignung abendländischer Kultur erstrebenden türkischen Reformer berufen sind, auch den anderen islamitischen Völkern als Wegweiser zu dienen und in der mohammedanischen Welt zu größerem Ansehen und Einfluß zu gelangen, als dies zur Zeit des Behändes des türkischen Kalifats möglich war. Tschang-Tso-Lin vor Peking. London, 11. November. „Times" melden aus Peking: Die Schlacht zwischen den Truppen Tschang-T-so-Lins und Fenhühsiattig, die mehrere Tage angedauert und aus beibcit Seiten beträchtliche Verl u st e erfordert hat, endigte mit der Niederlage Fenyühsiangs. Ein Regiment Kavallerie der Armee Tschang-Tso-Lings sicht in einer Entfernung von 25 Meilen von Peking.. Aus Mulden treffen unkontrollierbare Gerüchte ein, daß Tschang-Tso-Ling von seiner Leibwache bei einem Attentatsversuch verwundet worden sei. Re Minoritäten in Polen. SachverstLndigenkonferenzen. «Cigendienst der „Wiener Morgenzeitmlg".) Warschau, 11. November. Gestern hat die erste Beratung in einer Reihe Volk Konferenzen über Fragen der nati 0nalen Mi nde rhe iten in den Randgebieten Polens begonnen. An der gestrigen Konferenz nahmen die vom Ministerprästdeuten zum Studium der Mindecheitsfragen eingesetzten Sachverständigen, darunter Vize minister Studzinski, Deputierter Wasil i e w s k i, der Sekretär der Minderheitssektion Z a b i e rz 0 w s k i, Advokat L ö w e n h e r z und andere teil. Beschlüsse »wurden nicht gefaßt. Die Beratungen werden in den nächsten Tagen so r t g e s e tz t. Hvkthys Morde. Die Berufung Beniczkys. Budapest, 11. Novemjber. Die königliche Kurie verhandelte heute den Prozeß, der gegen den ehemaligen Innenminister Beniczky wegen der Veröffentlichung seiner Gorthh belastenden Aussagen über die Ermordung der sozialdemokratischen Journalisten Somogyi und B a c s 0 angestrengt worden war. Bemczky wurde bekanntlich in erster und. zweiter Instanz zu d r e i I a h r e n Gefängnis verurteilt. Das Urteil der Kurie wird morgen mittags verkündet werden. Der Journalist Ladislaus F e n Y e s veröffentlichte vor einiger Zeit in den Blättern „Nepszava" und ,/Bilag" Artikel, worin er die die Untersuchung der Mordchfäre Ser Ssen. Eine Geschichte aus Chelm. Bon Ben-Zion. Im Lernhaus der schönen Stadt Chelm ist eilt großer Ofen erbaut, und aus seiner einen Wand findet sich in großen und leuchtenden Buchstaben diese seltsame Inschrift: „Dieser Ofen gehört ins Lernhaus der heiligen Gemeinde Chelm." Was bedeutet diese Inschrift? Das wird euch folgendes nette Geschichtchen erzählen: Als nämlich das Dach dieses Lernhauses alt und brüchig geworden war, versammelten sich die Ehelmer zu ernster Beratung und erwogen es tiefsinnig hin und her, bis sie zu dem wundeckäreu Entschlüsse ..kamen: „Ein treues Dach müssen wir bauen!" Und sofort zogen sie in Scharen hinaus, um Balten aus dem Walde zu holen. Doch wie brachten unsere Ehelmer solche Balken nach Hans? Sie banden ganz einfach an jeden Balken zehn ehrenwerte Leute, banden sie rückwärtig mit ihren Gürteln fest, und es trug jedes Mnjan sein Balkenstück mit großer Sorgfalt und-brachte es zum Bauplatz. Wie sie an den Hof des Lernhauses kamen, standen sie staunend und grüblerisch, ohne recht zu wissen, was zu tun. Denn im Vergleich mit der Breite des Hoseinganges waren die.Ballen viel zu . lang, und wie sollten sie sie nun hereinbringen? Da stand der Klügste auf und gab einen.wunderbaren Rat, den sie auch baldigst ausführten. Sie hoben .einfach das Tor in seinen Angeln aus und. legten 'das ganze Jitter nieder, und nachdem sie die Balten jetzt, bequem hi neingedracht hatten, bauten sie das gattze Gitter wieder ans und hoben auch Tor wieder ein, und zu ihren: glücklichen Staunen fanden sie jetzt die herbeigeschleppten Balken an ihrem richtigen Ort inmitten des umgebenden Hofes. Da freute sich die ganze Gemeinde und brach in herrliche Verzückung aus: „Wo gibt's'Klugheit wie in Chelm?" . ■ ' , , ' ' ' -r- So trugen sie also das alte Dach ad und begannen, das neue zu bauen. Da merkten sie, daß die alten Balken, die jetzt im Hof lagen, allen lästig und hinderlich lvaren. Schon warm sie im Begriff, die alten aus die gleiche. Weise zu entfernen, wie sie die neuen hereingebracht hatten, und sie hatten schon begonnen, das Gitter wieder einzureißen. Da stand der Klügste unter ihnen auf und sprach: „Meine Ehrwürdigen! Lohnt es sich wirklich, wegen .solch verfaulter Balken das Ganze nochmals umznreißen?" Da fragten sie ihn: „Und was ist denn dein Rat?" %a gab er ihnen aus seiner wunderbaren Weisheit einen tiefgründigen Rat, und den führten sie aus. Sie ließen nächtlicherweise das Hoftor offen, damit Diebe kämen und die alten Ballett stehlen würden, tlnd so würde der Hof von selber geleert sein. Aber die Balken blieben an ihrem Orte liegen, weil keine Diebe kamen, und die ganze 'Gemeinde freute sich und brach in herrliche Verzückung aus: „Wo gibt's Klugheit wie in Chelm?" * Wie gesagt, die Diebe kamen nicht, unb als die dunklen Nächte zum Monatsende da waren, wurden im Hof die Aus- und Eingehenden durch die Dunkelheit unsicher gemacht und in den umherliegenden Balken strauchelnd versallgen. Ta sahen sich die Ehelmer vor einer Gefahr für die Gemeinde, und sie beschlossen, diese wunderbare Verbesserung anzubringeu, daß inan Laternen im Hose., des Lernhauses anbringen, unb nächtlicherweise anzünden solle. Da stand wiederum der Klügste unter ihnen auf und.sprach: .Meine Ehrwürdigen! Lohnt es sich »wirklich, wegen solch verfaulter Balken solch kostspielige Laternen anzubringen?" Da fragten sie ihn: „Und was ist denn »dein Rat?" Da antwortete er ihnen: „Laßt mich mx gewähren, und prachtvolles Licht werde ich euch.ganz kostenlos für die Nächte und die Dämmerungen liefern." Sie ließen ihm gewähren, und er gab ihnen aus seiner tiefgründigen Weisheit einen wunderbaren Rat, und den führten sie auch aus. Als bk Mondnächte wieder da waren, schleppten sie ein großes, offenes, wassergefülltes Faß herbei, stellten es sachgemäß auf, daß der Mond mit all seiner wunderbaren Leuchtkraft sich darin spiegelt: konnte, und als das genügend geschehen war, sprangen sie eilends herbei und bedeckten das Faß mit einem festen Dache und banden das Ganze mit eisernen Faßbändern zu, und hatten so den leuchtenden Mond Prächtig gefangen und «schleppten ihn ins Lernhalls, als guten Hüter für die Nächte und die Dämmerungen. 11 ub die ganze Gemeinde freute sich und brach in herrliche Verzückung alls: „Wo gibt's Klugheit wie in Chelm?" * So, nahten also die Nächte und Dämme mngen, unv die Ehelmer kamen jetzt, den Mond herauszuholen, um ihn an den Dachgielbel zu hängen, als Beleuchtung für dm Hof. Sie öffneten .das Faß, und der Mond war nicht mehr da. Sofort vermuteten sie ganz richtig, daß Diebe ihn «gestohlen hatten. Da »wurden die Ehelmer Weisen von aufrichtiger und sehr begreiflicher Sorge erfüllt. Und der Klügste unter ihnen stand wiederum auf und sprach: „Meine Ehrwürdigsten, die ihr so sehr diesem Lichte nachtrauert, Paßt auf, daß nicht auch noch die Wärme aus unserem teuren Lernhaus gestohlen wird!" Da Hieben sie wahrlich betroffen und fragten: „Wie sollte das möglich fein?" Da antwortete er ihnen nur: „Derselbe Disb, der unser liebes Licht, den Mond, gestohlen hat, wird auch unsere Wärrne stehlen können — den Prächtigen Ofen unseres Lernhauses. Was aber sollen wir dann in .den Frösten tun?" — Und sofort erhoben sie sich und «schrieben auf die Hauptwand des Ofens in großen und leuchtenden Buchstaben diese seltsame Inschrift: „Dieser Ofen gehört ins Lernhaus der heiligen Gemeinde Chelm," Wahrhaftig, wo sollte , der närrische Dieb sein, der eine Sache' stehlen »würde, auf der ihres Besitzers Name „steht? Und so steht denn jener Ofen auch bis zum heutigen -Tage an seinem richtigen Ort, Wahrzeichen und .Zeugnis allen Zeiten für die Weisheit der Ehelmer. Und'Ibis zum heutigen Tage ist die Gemeiitde darauf aufrichtig stolz, freut sich und bricht in Verzückung aus: „Wo gibt's Klugiheit wie in Chelm?" (Ans dem Hebräischen übertragen von Doktor Horm. W eyl. — Ist. Fbl., Hamburg.)

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