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Wiener Morgenzeitung · 1925-11-12 · Heft 2415 (12.11.1925) · p. Seite 2

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Journal
Wiener Morgenzeitung
Volume
7 (1925)
Issue
Heft 2415 (12.11.1925)
Date
1925-11-12
Page
Seite 2 (sequence 2)
Language
German
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Sette 2 Wien. Donnerstag Wiener Morgenzeitung 12. Navenlber 1925 Nr. 2416 wisse Ellenbogenfreiheit bedeutet, und cd dangt ihnen bloß vor der Verantwortung, die sie. in der Zeit, da der Absolutismus mit einem Parlanientino kaschiert war, vor: der Obrigkeit tragen ließen, während sie jetzt selbst sür ihr Wirken einstehen sollen. Und darum ist es so bequeni für sie, für alles, was sie selbst durch Unverstand oder bösert Willen verschuldet . haben, die „Anderen" verantwortlich zu machen. Es sind ihnen die Juden beschert worden, ohne deren Intellekt, Tüchtigkeit und Unternehmungsgeist der Betrieb hier nicht möglich wäre;- sie können sie nicht missen, und wäre es auch liur, um sie als Prügelknaben 511 mißbrauchen. Die Juden haben sich vom ersten Tage freudig zu diesem Staate bekannt, weil die Demokratie für sie etwas Selbstverständliches ist. Sie sind aber llicht enttäuscht voll der Entwicklnllg, welche die Demokratie hier gegen sie nimmt. Allüberall auf sich selbst gestellt, hat sie eine zweitausendjährige Geschichte gelehrt, daß sie für Staatstreue keinen Lohn 51t fordern haben. Nur so weit als ihre Individualitäten, ihre natürliche Begabung und ihre Solidarität cs ihnen ermöglichen, der feilldlicheil Umwelt 511 begegnen, können sie sich vor der Deklassierung bewahren, mag mm das Staatsweseu, dessen Mitglieder sie sind, Republik oder Monarchie fein. Aber dieselbe zeitausendjährige Geschichte hat sie aud) zur Ueberzcugung gebracht, daß die Nation bas Primäre unb der Staat das Sekundäre ist. Sie wisfell, daß auch für sie das Wort des tschechischen Führers gilt: „Wir waren vor Oesterreich und werden nach Oesterreich sein." Sie Balsour-Fpiern m 8m 8!rael. (Bon unserem Jerusalemer Korrespondenten.) Der achte Jahrestag der Balf our-Deklararion wurde von den Inden sowohl iu Jerusalem, als auch in den Kolon ien mit besonderer Innigkeit gefeiert. Wohl wurden diesmal nicht allzu viel Aeußerlichkeiten der Feier zur. Schau getragen, aber desto enthusiastischer ging es in den verschiedenen Festversammlungen zu. Es war ein stilles Ueberemtommen, diesmal den nationalistischen Araberführern keinen Borwand zu lauten Ge'genkundgebungen und Ausschreitungen zu bieten. Eingeweihte wußten, daß die große Hetzpropaganda der arabisch-nationalistische Presse, mit „Jelestin" an der Spitze, diesmal selbst unter den Arabern keinen Widerhall finden werde. Und tatsächlich hielten sich die Christen von der Gegendemonstration völlig fern und der von den nationalistischen Hetzern propagierte Streik endete mit einem Fiasko. Nur die jüdische Stadt T e l - A w i w war in der airgenehmen Lage, auf all die Streik- und Demonstrations-. drohungen der arabischen Geschästspolitiker keine Rücksicht nehmen zu müssen, und hier wurde, wenn auch nicht allzu geräuschvoll, so doch mit Selbstbewußtst in und Stolz der zum achtenmal wiederkehrende Tag der Balfour-Deklaration gefeiert. In den Schulen von Tel-Awiw wurde an diesem Tag bloß drei Stunden Unterricht erteilt. Nach den Lehrstunden versammelten sich die Schüler in den Festsälen der Schulen, wo ihnen die Lehrer begeisternde Vorträge über die große Bedeutung der Balsour-Deklaration sür die Verwirklichung des jüdischen Nationalheims im Lande der Väter hielten. Großen Eindruck machte der vom Psadfinderbütaillon „Gideon" arrangierte Fe st umzug mit Fahnen und klingendem Spiel, der sich Lurch die Straßen von Tel-Awiw bewegte. Die Festesstimmung wuchs bei Eindruck) der Dunkelheit zu allgemeiner Begeisterung. Die Straßen und Häuser waren festlich beleuchtet uud geschmückt. Herrlich illuminiert war das Amtshaus der jüdischen Gemeinde in der Allenby-Stratze. Aus dem Balkon des zweiten Stockwerkes war ein Transparent, auf welchem der Text der Balsour-Deklaration weithin sichtbar war. Auch in der großen Synagoge auf derselben Straße wurde der Tag in besonders festlicher Weise begangen. Hier sprachen die Oberrabbiner A r 0 n s 0 h n und U s i e l sowie Hersch Sufarski über die Bedeutung des Tages. In der A u s st e l l u n g des nahen Orients fand aus diesem Anlaß ein großes Fest mit Konzert, Gesangs-. Vorträgen und.Volksbelustigungen statt. Ueberall kam der Dank der Juden an Lord Balsour zum Ausdruck, dessen Name mit der Geschichte des jüdischen Volkes und dem Wiederaufbau von Erez Israel für ewige Zeiten innig verbunden ist. Bomben in Mftttts. London, 11. November. (Wolfs.) Blattermeldnngen laus Kalkutta zufolge hat die dortige Polizei bet der Durchsuchung des Hauses eine Bombe sowie Chemikalien sür die Herstellung, von Bomben, außerdem Revolver sowie Patronen entdeckt. Ter Vizekönig Lord R e a d i n g befindet sich augenblicklich in Kalkutta. Steigers Wiener Belaftungszeugiu. Sie Einvernahme der Viktoria Ledl. -Rechts oder links vom Wagen des StaatsvrWentent - Berhandlnng unter freiem Simmel. (Don unserem «.-Korrespondenten.) kehrte, habe sie die Absicht gehabt, sich gleich bei der polnischen Gesandtschaft zu moldcn, doch sei sie erkrankt Lemberg, 11. November. Die Sensation des heutigen Berhandlungstages bildete die Einvernahme der Zeugin Viktoria Ledl,, einer Ukrainerin, Gattin - eines -pensionierten Lokomotivführers, die bekanntlich über Antrag des Staatsanwaltes aus Wien, wo sie ständig wohnt, als Zeugin vorgeladeu wurde, da sie sich in der Wiener polnischen Gesandtschaft als Z c u g i n gemeldet hatte. Frau Ledl, die am Tage des Attentats iu Lemberg geweilt hatte, wo sie ihre Angehörigen besuchte (ihr Bruder lebt uoch jetzt in Lemberg), gab an, daß sie an der Ecke der Kopernikus- und Lcgionengasse stand, um der Vorbeifahrt des Staatspräsidenten zuzusehen. Sie habe, nachdem sie ungefähr eine Stunde gewartet hatte, in. ihrer Nähe einen mittelgroßen Manu bemerkt, der einen Hellen Gummimantel und eine Hornbrille trug, die rechte Hand hatte er unter seiner Mautelklappe versteckt. Im.Augenblick, als der Wagen, des Präsidenten vorbeifuhr, habe sie das R a s ch e l n v 0 n Pap i e r gehört und bemerkt, daß der Hann einen Gegenstand hervorzog und wegschleudertc; anfangs habe Zeugin der Sache keine Beachtung geschenkt, da sie meinte, es handle sich um eilt Begrüßungspaket (?); erst später sei ihr klar geworden, baß ein Anschlag vorliege. Auf die Frage, ob sie in Steiger den Attentäter erkenne, antwortete Frau Ledl: „Das \)\ der Mann." Als jedoch Steiger über Auftrag des Gerichtes den Mantel augog, den er am kritischen Tage getragen hatte, erklärte die Zeugin, daß sie nicht mit Bestimmtheit behaupten könne, daß Steiger mit dem Attentäter identisch sei. Frau Ledl schilderte dann detailliert die Vorgänge foult Attentat: Ter Mann sei nach dem Bombenwurf eine Zeitlang ratlos stehen geblieben und habe dann die Flucht ergriffen; die Pasternak sei ihm nachgeeilt und habe ihn verhaften lassen; die Zeugin, die bpi der Verhaftung anwesend war, hätte gehört, wie sich der Mann als Beamter 'legitimierte. Im weiteren Verlauf der Einvernahme änderte dann die Zeugin wieder ihre Angaben bezüglich Steigers, indem sie erklärte, daß sie in Steiger den Urheber des Attentats wiedeverkenne; sie fügte hinzu, sie selbst habe ihn, als ihn die Pasternak archielt, beider rechtenSchulterge packt. Auf die Frage des Vorsitzenden, warum sie ihre Wahrnehmungen nicht gleich der Polizei mitgetM und.sich erst tso spät bei der Wiener polnischen Gesandtschaft gemeldet habe, erklärt die Ml, ihr Bruder habe ihr abgeraten, sich bei der Polizei zil melden, denn sie würde viele Unannehmlichkeiten haben und später nach Lemberg zur Gerichtsverhandlung fahren müssen. In Wien, wohin sie bald nachher zurück- und habe daher ihre Absicht erst im N 0 ve m b e r vorigen Jahres durchsiihren können. In der Gesandtschaft sei sie von einer Stelle zur anderen geschickt worden, was sie sehr iu Erregung versetzte, so daß sie weitere Schritte unterließ; aber als Polin habe sie es für ihre patriotische Pflicht gehalten, ihre Wahrnehmungen mitzutcilen, und habe sich deshalb zur Zeugenaussage gemeldet. Im Kreuzverhör der Zeugin Ledl ergaben sich zahlreiche Widersprüche, aus die die Verteidigung hinwies; insbesondere ergab sich aus der Schilderung des Attentats durch Frau Ledl ein offenbarer Widerspruch zu den Angaben einer Reihe anderer Zeugen, insbesondere der Zeugin Pasiernak; Frau Ledl gab wiederholt an, daß die Bombe rechts vom Wagen des Staatspräsidenten geworfen wurde, während die Pasternak wiederholt dezidiert erklärt hat, die Bombe sei von links geschleudert worden. Das Verhör der Frau Ledl wurde sodann abgebrochen und wird morgen fortgesetzt werden, da das gesamte Gericht sich nachmittags zu einem Lokalaugenschein auf den Platz begab, wo das Attentat stattgesundeu hat. Diese „Verhandlung unter freiem Himmel", die etwa eine halbe Stunde währte, hatte eine große Menge von N e u g i e r i g e u herbeigelockt: ein paar tausend Personen sahen den Ortserhebungen, welche das Gericht anstellte, zu. Nach Beendigung des Lokalaugenscheines begaben sich die Mitglieder des Gerichtes in das Gerichtsgebäude rmd der Platz nahm bald wieder sein werktägiges Aussehen an. UntersuchungsLichter Rudka nimmt Urlaub. Unitersnchungsrichter Rudka, dessen.Methoden in der Voruntersuchung im Steiger-Prozeß während der gegenwärtig stattgesundemn Verhandlungen dieses Prozesses viel besprochen werden, wobei von mehreren Seiten schwere Vorwürfe gegen den Richter erhoben wurden, 'hat beim Kveisgerichtspräsidium ein Gesuch um mindestens einjährigen Urlaub, zur Wiederherstellung seiner geschwächten Gesundheit eingereicht. Das Gesuch wird wohl bewilligt und Untersuchungsrichter' Rudka auf seinen Posten nicht mehr zurückkehren, zumal fein Urlaubsgesuch, wie verlautet, die Folge einer dringenden Mahnung der Obersten Justizbehörden in Warschau ist, an seinen Rücktritt zu deuten. Die Disziplinär- Untersuchung gegen Rudka wird, wie Ihr Korrespondent erfährt, erst nach Beendigung fos Steiger-Prozesses beginnen. Der neben Rudka soviel genannte Schriftführer Piotrowski fofindet sich bisher noch im Amt. Re Warbmg-Morsball'Grupve muß Farbe bekennen. Eine Forderung des jüdisch-amerikanischen Kongresses. Bei der am 26. Oktober begonnenen Tagung des ameritaniisch-jüdifchen Kongresses, über die 'bereits berichtet wurde, wies Tr. Stephan Wise in seiner Rode daraus, hin, daß die bei der Jointlagung in Philadelphia unter Verantwortung der Jointpräfidenten Felix Marburg und Louis M a r s h a l l getroffene Vereinbarung, wonach bei der Propaganda sür den aufzubringettden 15-Millio neu- Dollar - Hi lfss 0 nds einerseits P a l ä st i n a b e r n ck f i ch t i g t wird, andererseits die. 'landwirtschaftlich e Ansiedlung von Juden in Rußland (Krim und Ukraine) nicht als Grundproblem des Judentums .behandelt und durch eine auf Uebertreibungen beruhende Agitation in den Mittetpunlkt der Propaganda gerückt werde, nicht e i n g e h a l t e u wurde. Demgemäß hat nun der Kongreß folgende Resolution gefaßt, deren Wortlaut nun die I. T. A. veröffentlicht: Ter Appell der Jointkonfereuz in Philadelphia. zur Ausbringung eines 1.5-Millionen-Dollar-Fonds wird begrüßt und der Wunsch ansgedrückt, daß die in Philadelphia geschaffene Einheit der amerikanischen Judenh eit in den Fragen des Aufbaues auf der Basis der dort gefaßten Beschlüsse erhalten bleibt. Es wird erinnort, daß die Jointkouferenz in Philadelphia die a nt erikartifche Judenheit verpflichtet hat, die palästinensischen Ausbauinstitute zu unterstützen. Die Stellungnahme der Repräsentanten der amerikanischen Judenheit zur Frage des Eintrittes in die Fewish Agency wird gebilligt. Das Joint Distribution Committee wird aufgefordert, sofort eine Erklärung an die anterikanisH-jüdische Oosfentlichkeit zu erlassen, des Inhaltes, daß die vereinigte jüdische Aktion entsprechend den Satzungen des Philadelphiaer Abkommens und ganz im Geiste desselben dnvchgeführt werden wird. Sollte das Joint Distribution Committee eine solche Erklärung nicht veröffentlichen, so wirb die Exekutive des amerikanisch-jüdischen Kongresses ermächtigt, dm Kongreß wieder einzubevusen, damit dieser eine den Verhältnissen entsprechende Handlung vornehmen könne. Der lettische StaatsprWent für de« PMftlnamiftmti. Wollen Sie Lösen Sie einen wertvollen Preis M gewinnen; das zweite Kreuzworträtsel welches am Sonntag den IS. Wovember d J. in der „Wiener M 0 r g e n z e i t u n g" erscheint Drei wertvolle Preise I *Wjgacier Drei wertvolle Preise! 1. Ein Paar Dam an» oder Ktarrensciusha, gewidmet vom Schuhhaus „EdiM, I., Tuchlauben 16 2. Ein Paar Galosshe» (für surnen oder Herren), gewidmet von Fa ~ Spirmatin & Horowitz, II, Taborstrasse 11b. 3. Heim ch »eine. Buch der Lieder Geschenkausgabe), gewidmet von Buchhandlung Herman Tuchner, II., Grosse Stadtgutgasse 7 (Ecke Taborstrasse> Riga, 10. November. (I. T. A.) Ter Präsident der l-ettläudischen Republik, Herr Jams Tschalste, welcher vor kurzem wiedergewühlt wurde, empfing den Legierten des Keren-Hajessod-Direktoriums, den bekannten hebräischen Dichter Leib Japse, und den Abgeordneten des lettländifchen Schn, Rabbiner Nurok, in längerer Audienz. Der Präsident bekundete lebhaftes Interesse für den W i e d e r a it s b a u Palästinas und sprach seine Sympathie und seine besten Wünsche für dieses Werk aus. Herr Jaffe besuchte auch in Begleitung des Abgeordneten Rabbiner Nurok und des Präsidenten der Zionistischen Organisation in Lettland, Gottingen, den e n g l i s ch e n Gesandt c n in Riga. /

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