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Wiener Morgenzeitung · 1925-11-08 · Heft 2411 (8.11.1925) · p. Seite 7

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Journal
Wiener Morgenzeitung
Volume
7 (1925)
Issue
Heft 2411 (8.11.1925)
Date
1925-11-08
Page
Seite 7 (sequence 7)
Language
German
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" Nr. SM Mn, Somüäg ,J Wrrvg zum Weltspartag. Von Egon Dletrlchstein. Seien wir bei dem so tugendhaften und gewiß nütz- Achen Rat, die brave Eigenschaft des Sparens zu üben, nicht unvorsichtig: Gewiß, man soll über das Glück des Heute nicht die sogenannte „Laune des Schicksals" vergessen und im Genuß der Gegenwart an die Zukunft denken. Nun aber läßt sich gegenwärtig gewiß nicht von einer Uebevfülle, von einem Schwelgen im Ueberfluß sprechen, und vielen Leuten kann man nur wohlmeinend raten, an die Zukunft überhaupt nicht zu denken, da man sie sonst dem Selbstmovd ausliesern würde. Auch wird man sich nicht darüber wundern dürfen, wenn das Sparen etwas in Mißkredit geraten ist und von denen, die einmal gespart haben, ettva so gefürchtet wird, wie das Feuer vom gebrannten Kind. Wir erinnern uns gerade zu Ehren des Spavtages wieder daran» daß ein Verein der Sparer und Kleinrentner einen verzweifelten, bis jetzt verlorenen Kampf führt, um einen winzigen Bruchteil der Ersparnisse zurückzuerhalten. Wissen, daß Ersparnisse restlos zugrunde gingen, daß die Hoffnungen aus sorgenfreies Alter sich in Verzweiflung, Enttäuschung, Verbitterung verwandelten. Daß die Kriegsanleihe, der vor allem die Sparer zum Opfer fielen, heute wirtschaftliche mit einem Fetzen Papier gleich zu bewerten ist und nur mehr als eine historische Urkunde betrachtet werden kann, die alles eher als den Wert des Sparens beweist. Greise und Greisinnen, einst wohlhabende Mittalständler, die Schränke mit ihren Rentenpaketen füllten, , betteln. Hätten sie in Leichtsinn und Verschwendungsdrang gelebt, hätten sie die Sehnsucht nach dem Genuß des Lebens hemmungslos, solange ihre Ersparnisse reichten, gestillt, sie wären weder um ihr Geld noch um ihr Leben betrogen worden und konnten aus einer armen, elenden Gegenwart wenigstens in eine reiche Vergangenheit zuvückblrcken. - Sprechen wir nicht nur von denen, die gänzlich und rettungslos zugrunde gingen. Bedauern wir nicht alle, daß wir nicht durch die Welt reisten, solange wir durch keinen VijsumKwang gehemmt waren? Kränken wir uns nicht über jeden Groschen, den wir anders als in den :uHt mehr zu valorisierenden Möglichkeiten und Chancen der Vergangenheit anlegten, kn Genußfreude, die heute nicht mehr käuflich, nicht mehr zu erwerben ist? Zu diesem Gegenteil der Sparsamkeit wäre zu raten gewesen. Aber niemand hat es getan. An' diesem Weltspartag einer entschwundenen Zeit hätte der Wohlhabende seine Bankdepots beheben und die Reise um die Welt in bestmöglichstem Luxus antreten müssen, hätte man, um ihn würdig zu feiern, die Garderobe mit den feinsten Anzügen, feinen Magen mit den besten Speisen gefüllt. Aber statt des Magens und der Kästen blieben die Safes gefüllt, die Bankdepots. Nun sind die Kästen und die Safts entleert" und die versäumten Güter sind verloren. Und der Arme hätte wieder, der Devise des Weltspartages gehorchend und seine Mahnung bej folgend, Schulden und wieder Schulden auf sich nehmen Mssen, er wäre von ihnen in der nicht valorisierenden Zukunft nicht belastet worden, hätte sich Güter, ideelle Güter und Realwerte beschafft und hätte gespart, gespart, gespart. Aber wenn wir aus dieser Phantasie zur Nüchternheit zurückkchren, müssen wir hinzufügen: Man hätte diesen Meistersparer wegen Betruges oder fahrlässiger Schulden eingeispervt. Die Zeiten haben sich — wie immer — wieder einlnal geändert. Und tatsächlich ist nach dem Wirrnis der Valutenschwankungen und Geldentwertungen, nach dem Umsturz aller natioiralökononr sicher Regeln wieder eine solide, wenn auch traurige Zeit gekommen. Die Werte sind fixiert. Die Spekulanten haben ebenso unglücklich spekuliert wie damals die Sparer, nur mit dem Unterschied, daß vorläufig die Zeit und die Konjunktur für die Spekulanten endgültig zerstört sind und daher, allem Anschein nach, die Zeit der Sparer begonnen hat. Dies sollte offenbar der Weltspartag, anzeigen. Und dies hat er auch angezeigt. Aber die Erkenntnis bleibt: daß auch das Sparen, ein etwas volkstümliches Tätigkeitswort für eine wirtschaftliche Anlage, eine Spekulation, die allerdings nun wieder eine gute, gewinn-- und zinsbringende sein kann und ist, wie sie vor Jahren eine schlechte und verlustbringende war. Und daß diese Erkenntnis-vergessen, besser gesagt: nicht beachtet wurde, haß der Rentner die Rente wirklich für eine Rente, die Banknote für eine Banknote hielt, an diesem, begreiflichen Irrtum ist er verarmt und zugrunde gegangen.. Er hat erst durch maßlose Verluste erfahren, daß Hausbesitz, hypothekarische und pupillave Sicherheiten Worte sind, die gegen den Verlust des gesamten Vermögens keinen Schutz bieten. Sparen bedeutet also, wenn auch der usuelle Gebrauch dieses tugendhaften Wortes sich nicht mit dieser entfernteren Auslegung deckt, nicht die Rücklage von Geld und Vermögen, sondern doch nur dessen rationelle und gewinnbringende Anlage. Daran ändert nichts, daß heute wieder das Sparen in seiner volkstümlichen Bedeutung, das Sammeln des Bargeldes, Sicherheit und Verzinsung bietet. Und gewiß ist diese. Sparsamkeit, die anläßlich des Weltspartages so intensiv ' empfohlen wurde, volkswirtschaftlich nützlich. Aber schon melden sich Einschränkungen und Widerstände:- der Kaufmann, die großen und kleinen Industrien beschuldigen^ gerade diesen jetzt so aktuellen Wener Morgerizeitima__ Sparsinn, daß er ihre Existenz vernichte, die zu ihrem Betriebe so unentbehrlicheu Geldmittel aufsange. Auch in die Privatwirtschaft des einzelnen bringt der Rat, zu sparen, Konflikte. Auch hier zeigt sich: Es ist ein gefährlicher, leicht mißverständlicher Rat, den man sehr behutsam, mit viel Bedacht und Vorsicht aussprechen oder gar plakatieren und propagieren sollte. Ratschläge sind ebenso wie Prinzipien billig wie Brombeeren. Wozu bemerkt werden muß, daß,. Brombeeren, an denen man sich den Magen verdirbt, die den Käuferschädigen, unter allen Umständen teuer sind. Wer ist so weise oder so gewissenlos, einem kleinen Beamten zu raten, etwaige Ersparnisse zu -thcifturieren? Wer >kanu sagen, ob nicht der Rat, sich heute dafür Anzüge oder andere unentbehrliche Gebrauchsartikel zu kaufen, die in Zukunft auf das Unbeschaffbare steigen können, nicht der tugendhaftere, weisere, volkswirtschaftlich nützlichere ist? Wer kann sagen, ob es sparsam oder leicht sinnig, eine Reise heute zu unternehmen, die vielleicht morgen durch die Verhältnisse unmöglich wird? Ob es leichtsinnig oder sparsam, in seinem K-ücheNbetrieb, in seinem Bureau Apparate, Maschinen einzustellen, die heute zweckentsprechend und sparend wirken und morgen durch eine neue Erfindung völlig entwertet werden? Ob es leichtsinnig oder sparsam, Personal, Arbeitskräfte zu entlassen, die man vielleicht wird morgen gegen minderwertige, ungeschulte wird einlauscheu müssen? Ob schließlich der Angestellte leichtsinnig oder' sparsam, der feinen Posten verläßt und in sein Glück oder in sein Unglück geht? Erfahrene Praktiker wissen, daß sich Spesen rentieren und nicht rentieren, und wissen, wenn sie ehrlich sind, ebenso, daß es auch noch eine dritte Art von Spesen gibt: Von denen auch der Erfahrene nicht weiß, ob sie sich rentieren werden oder nicht. Der junge Mann, der sein väterliches Erbteil in den vornehmsten Vergnügungsstätten, in den luxuriösesten Weltbadeorten verschwendete und nun verhungert, war vielleicht leichtsinnig! Spavsam jedoch, wenn ihn diese Verschwendungssucht davor bewahrte, das Geld in Kriegsanleihe anzulegen. Das Leben in Biarritz bucht er unter allen Umständen als Aktivum. Sparsam war der junge Mann, den das Verprassen seines Erbteiles zu einer reichen, soliden Heirat führte. Sparsam der Verschwender, der rechtzeitig, leichtsinnig jener, der zu spat stirbt und die letzten Tage des so tragisch langwierigen Lebens im Elend verbringt. Sparen ist also nicht die Anlage einer Geldsammlung. Sparen ist Talent, Instinkt und, man verzeihe — - ein Hasardspiel, das ebenso Glück wie Unglück bringen kann. Wer jedoch seine Sehnsucht nach Freude, nach den Lichtseiten des Lebens opfert, um zu sparen, ist ein Narr. Er wird sicher um sein Loben betrogen. Daß dies nicht hindert, auch um sein Geld betrogen zu werden, schreien erregt, entrüstet, verzweifelt die Stimmen aus den nichtvalorisierten Tiefen der Klemrentnerbewegung. Jüdische Wanderer in der -__ 8. MS vorm. MALOWAN & FRANZ Telephon 72-84 Opernring 23 Infolge äusserst günstigen Abschlusses bringen wir original englische Raglans v aus allerfeinsten engl. Double-Stoffen, auf Seide Z gearbeitet, in den neuesten Fassons zum Preise von ™ 195 Schilling und Seidenbinder in allerschwerster Reinseide und neuesten Dessins zum Preise von w 9.50 Schilling 5uo \ »•••OIO9O9««0O durch die unendliche Wüste angetreten und allen Gefahren und Hindernissen trotzend kulturelle Pionierarbeit unter den halbwilden mongolischen Stämmen geleistet. Gegenwärtig befinden sich etwa 800 jüdische Emigranten in Chardin.'Die energischeren und gesünderen unter ihnen erwarben F is che rrkouz eff tonen in Kamtschatka, Sachalin, Nikolajewsk oder traten in den Gold- und Kohlenbergwerken von Amur und der nördlichen Mandschurei in schwere Arbeit. Ein Teil der Facharbeiter unter den Emigranten versucht, in erlernten Fachgewerben fortzukommen, was jedoch angesichts der starken Konkurrenz der chinesischen Arbeiter nur wenigen gelingt. Der Weg zur und in die Wüste ist mit großen Widerwärtigkeiten verbunden. Die Emigranten, die sich Sowjet- Pässe verschaffen können, treten die Reise in die Mongolei von der Bahnshation Bailar in der Mandschurei an, von wo ein A u t o b n s d i e n st mit Urga und anderen, Orten aufrechterhalten -wird. Diejenigen, die ohne Pässe nach China gekommen sind, müssen nach Peking fahren und kommen von dort mittels Autobus bis K a lga n, von wo die Waren in großen Karawanen in die Wüstensiedlungen befördert werden. Die bedeutendste europäische Siedlung in der Mongolei — Urga — wies noch im Jahre 1921 eine jüdisch e G e m r i n de von mehr als 10 0 F a m i l i e n auf. Im April IM wurde Urga vom berüchtigten Baron Ungern-Sternberg, dem Gehilfen und Berater des Generals Semjonow, besetzt, der mit seiner wilden Division während eines zweitägigen Pogroms fast die ganze jüdische Gemeinde hrns ch l a ch t e n l i e ß. Heute ist die Mongolei eine autonome Republik, an deren Spitze ein mongolischer Fürst steht und Wer welche Rußland das Protektorat ausübt. Einem Reisebrief des M. ben Menachem aus Charbin entnehmen wir die folgenden interessanten Mitteilungen über das Leben jüdischer Wanderer in der mongolischen Wüste. Wie wiederholt berichtet wurde, lebt in Charbin eine beträchtliche Anzahl von jüdischen Emigranten aus Rußland, die, in Gharbin gestrandet, sich in großer Notlage befinden. Seit dem vorigen Jahr betreibt ein Teil dieser Emigranten einen Handel mit Gebrauchsartikeln unter der in der mongolischen W ü st e in einzelnen zerstreuten Siedlungen lebenden eingebornen Bevölkerung. Und es begann die nicht ungefährliche Wanderung durch die Wüste. Die ersten jüdischen Wüstenwanderer schlossen sich dm Karawanen an, die nach Urga, K j a ch t a und Kalgan zogen und brachten nach ihrer Rückkehr gute Nachrichten über die Berdie-nstmägli-chkeiten mit. Der Handel mit den Wüstenbewohnern erstreckt sich ans verschiedene M a n u f a k t u r w a r e n und Eisenartikel, die bei dm Mongolen gegen verschiedene Futterwaren, Felle, Tierborsten usw. eingetauscht werden. Die Mongolen sind sehr ga st s re u n d l i ch und nehmen die Ankömmlinge freundschaftlich auf. In den größeren Wüstensiedlungen der Mongolei, wie Urga, Kjachta, Kalgan, Maimetschan u. a. sind Lebensmittel fast umsonst zu haben und die waghalsigeren wandernden Kleinhändler, dehnen seit kurzem ihre Gelschäftswan'demngen bis tief in die Wüste aus, wo sie ihre Waren mit nomadisierenden Mongolen lauschen. Die halbwilden Mongolen, die ausschließlich von B i e h z u ch t leben, zeigen einen hohen Grad von Anpassungsfähigkeit und nehmen gerne die ihnen von den Händlern herbeigebrachten Geibrauchsgegenstände der zivilisierten Welt in Tausch. Dieser neue Erwerbs-zweig der gestrandeten jüdischen Emigranten hat in den letzten Wochen einen ziemlichen Aufschwung genommen. Bis jetzt lag der Handel mit der Mongolei in den Händen der Juden in Ostsibirien und im Baikalgebiet. Bis zum Eintreffen der heimlosen jüdischen Emigranten aus Rußland spielte die mongolische Wüste bloß in zahlreichen Legenden eine Rolle. Heute ist sie durch die Wänderev erschlossen und letzthin haben 50 jüdische Emigranten die Wanderung Auf fremder Ade. Bon I. Tiger. Sogar die sie bewohnen, sprechen mit merklichem Unbehagen von der Kleinen und Großen Schiffgasse, von der Schiffamtsgasse und den übrigen kleinen und engen Gäßchen, die sich um die Leopoldskirche — die einst ein jüdisches Bethaus war — gruppieren. Inzwischen hat die Kleine Schiffgafse eine wohlklingende Namensänderung erfahren, an die man sich, aus begreiflichen Gründen, sehr schnell gewöhnte, viel rascher als zum Beispiel daran, daß die Kaiser-Josef- Straße jetzt Heinestraße heißt. Der große Dichter hat nun einmal kein Glück, mit seinen Denkmälern, welcher Art auch immer sie sein mögen, weder in Korfu noch in Hamburg oder Wien.. In einem der erwähnten Gäßchen befindet sich das Lokal eines jüdischen Unterstützungsvereins, welcher die Nok der Heimatlosen aus dem Osten zu lindern sucht, die hier für längere oder kürzere Zeit in Wien zu bleiben genötigt sind'/ Hier finden sie sich täglich sein, die Teilnehmer jenes traurigen Emigrantenzuges, der sich seit den Nachkriegsjahren aus Rußland,'Posen nnd Rumänien nach aller Herren Länder bewegt und dessen Teilnehmer, ohne ein bestimmtes Ziel vor Augen zu haben, ins Ungewisse wandern. Der heimatlichen Scholle entwurzelt, kommen diese Ruhelosen ohne Gepäck, ohne Dokumente an, manche setzen dann ihre Wanderung fort, manche stranden in der großen Stadt mit den vielen Häusern und Menschen... Täglich kann man sie vor der Ausspeisestelle der „Einheit" sehen oder in den billigsten rituellen Garküchen, die in jenen Gäßchen zahlreich vorhanden sind. Sie sind auf der Suche nach einem Unterstand, nach Dokumenten; alle ihre Gespräche drehen sich um Paß und Visa, um die Erwerbsmöglichkeiten in verschiedenen Ländern, wobei manche unter ihnen durch umfassende geographische Kenntnisse geradezu verblüffen. Diese Kenntnisse haben sie freilich nicht aus Büchern, sondern während ihrer Wanderungen erworben. Auf ihren Kleidern — viele tragen noch den kaftanartigen kurzen Rock — ist der Wegstaub der Wanderung deutlich zu sehen. Die Aermften unter diesen Emigranten, deren Geldmittel nicht einmal für eine bescheidene ZeHe in einem Volkskaffechaus' ausreichen, finden im erwähnten Lokal des Unterstützungs- Vereins Zuflucht. Den Unterstands- und Arbeitslosen kommt WM (UM 9

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